#388 | Polo Hofer im Ändspurt | Viele Gospel-Songs beim Schweizer des Jahres

 

Die Hälfte der Songs seiner letzten

CD beinhalten überwiegend ernsthafte Gedanken oder direkte biblische Bezüge.

Obwohl Agnostiker sagt Polo Hofer, das Album entspreche dem, was ihm und seinen

Musiker gefalle. Eine Spurensuche.

 

 

 

Er gilt

als der Schweizer Mundartrocker schlechthin: Urs Hofer, 71 Jahre alt, gelernter

Handlitograph und konsequenter Aussenseiter. Oder einfach Polo, wie er seit

seinen Pfadizeiten genannt wird. Er versteht sich noch immer selber als jener

«wilde Hippie mit gflickte Hosebei» in 68er-Tradition. Der Berner Oberländer

erreichte mit seinem letzten Studioalbum «Ändspurt» nochmals Platz 1 in der

Hitparade. Und wurde bei den Swiss Awards zum Schweizer des Jahres gewählt. Der

Song «Alperose» wurde schon fast zur Schweizer Hymne. Mittlerweile rockt der

Ober-Hofer schon über 50 Jahre. Mit seinem 34. Album «Ändspurt» soll nun aber

Schluss sein.

 

Ein

Schelm, wer denkt, Hofer kündige die CD bewusst als letztes Album an. Es gehört

zu Polos Persönlichkeit, dass er nie ein Blatt vor den Mund nimmt. Viele seiner

Fans mögen ihn gerade deswegen. Polo Hofer ist nicht nur ein unvergleichlicher

Sänger und Texter, sondern auch ein begnadeter Entertainer, dessen Popularität

mit seinem trockenen Witz, seiner Widerspenstigkeit und seinem Sinn für Ironie

zusammenhängt. Das Thema der Endlichkeit zieht sich durch viele Songs von «Ändspurt»

 – ohne dass dabei je Trübsal verströmt

würde, schreibt die «Neue Zürcher Zeitung» (NZZ). «Das Album ist die

Quintessenz meiner Liedermachererfahrungen. Es pendelt zwischen Hoffnungen und

Ängsten, zwischen Spott und Spiritualität», sagte Polo Hofer dem «Tages

Anzeiger».

 

«Ich bin

Agnostiker. Ich glaube an keine religiöse Ideologie», sagte er dem «Bieler

Tagblatt». Und doch sagt er auf die Frage des «Blick»: «Beschäftigen Sie sich

mit dem Tod?: «Natürlich. Das sollte jeder tun. Der Tod ist unausweichlich.» Im

ersten Song «Bald wird alles anders» sucht der Sänger eine Entsprechung von

Jahreszeiten und Lebenszyklus. Gegen Ende des Albums überwiegt der

nachdenkliche, wenn nicht sogar besinnliche Tonfall immer mehr. Das beweisen

insbesondere die letzten zwei Stücke: In «Sing es Gebät» heisst es: «U wenn i

de einisch ggange bi, de sing, sing es Gebät für mi.» Sein Wunsch für dieses

letzte Gebet, sagte er dem «Tages Anzeiger»: «Es sollte eine gewisse

Lebensfreude haben. Ein Gebet ist ja ein Ausdruck von Hoffnung. Ich könnte mir

einen feierlichen Gospel vorstellen.»

 

Das Lied

«Risiko», berichtet von schwierigen Zeiten, den Letzten, die die Ersten sein

werden, dem Jüngsten Gericht und der Rettung der Welt. Bei «Stilli Wasser» geht

es ums Paradies, Himmel und Sinn. Beim Duett «When My Final Hour Has Come» mit

Lilly Martin handelt es sich um eine Version von «Wen mis letschte Stündli

schlat» von 1979. Polo Hofer ist ein profunder Kenner der amerikanischen Blues-

und Rockszene. Die meisten Songs auf «Ändspurt» sind in der Musiktradition der US-Südstaaten

verankert. Das amüsante «Jesus het es Handy» klingt sogar wie ein richtiger

Gospel. Polo Hofer hat stets versucht, wie ein Chronist globale Ereignisse in seiner

Musik abzubilden. Oder wie er es dem «Tages Anzeiger» sagte: «Vielleicht ist es

sogar die nobelste Aufgabe der Popmusik, ein Fiebermesser der Gesellschaft zu

sein.»

 

Herzlich,

Markus Baumgartner