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Ekkehart Vetter: "Wir wollen die Einheit der Gemeinde Jesu voranbringen"

 

Morgen wird der neue Vorsitzende der Evangelischen Allianz, Ekkehart Vetter, offiziell in sein Amt eingeführt. Im Interview mit dem Allianzmagazin "EINS" spricht er über sich als "Teamplayer", sein Bibelverständnis und die Zukunft der Allianz.

Ekkehart Vetter, welche Punkte waren Ihnen wesentlich dafür zu sagen: Ja, ich nehme diese Berufung an und ernst?

Ich vertrete im Allianz-Spektrum in Bezug auf manche inhaltliche Fragen so etwas wie eine Mittel-Position. In den Jahren als Zweiter Vorsitzender [seit 2012 - Anmerkung der Redaktion] war ich eng eingebettet in die Gesamtleitung der Arbeit. Gerade in diesem wichtigen Amt macht es ja viel Sinn, keinen "Kaltstart" hinzulegen, sondern mit Kontinuität weiterzugehen. Dazu kam ein eindeutiges Votum der Freunde, mit denen ich Jahre gemeinsam in der Allianz unterwegs bin, und die mich ab September stark ermutigt haben, diese Aufgabe wahrzunehmen. Die hohe Zustimmung bei der Wahl war dann noch ein – für mich erstaunlich hoher – Vertrauensbeweis.

Das Stichwort "Mittel-Position" ist interessant: Mit Ihnen hat die Evangelische Allianz zum ersten Mal einen pfingstlich-charismatischen Vorsitzenden. Kann man da von Mittel-Position sprechen?

Ach, ich empfinde, Leute, die das kritisch sehen, kennen uns zu wenig. Der Theologe Walter Hollenweger hat den Mülheimer Verband mal als "Versuch einer reformatorischen Pfingstbewegung" bezeichnet. In unserem Selbstverständnis sprechen wir von uns als einer "evangelikal-charismatischen Freikirche". Auf der "evangelikalen Seite" sehen wir – das ist auch eine Aussage der Glaubensbasis der Evangelischen Allianz – die Heilige Schrift als zentrale Leitschnur für Glauben und Handeln. Und auf der "charismatischen Seite" sagen wir: Die Bedeutung des Heiligen Geistes für das Leben von Glaubenden und für die Bildung von Gemeinde und Kirche ist nicht zu überschätzen. Das ist eine grundbiblische Überzeugung!

Die Deutsche Evangelische Allianz (DEA) hat in den vergangenen Jahren Christen aus der charismatischen und pfingstlichen Bewegung in ihren Reihen integriert. Es gibt seit eh und je traditionell die beiden Strömungen im evangelikalen Frömmigkeitsspektrum – pfingstlich-charismatisch und klassisch-evangelikal. Wir sind keine Exoten, sondern tatsächlich im Mainstream der Allianz.

Es gibt die Katholische Kirche, die EKD, die Vereinigung Evangelischer Freikirchen (VEF). Wozu braucht es (auch) in Zukunft die Evangelische Allianz?

Es herrscht unter uns eine große Einigkeit über den Auftrag, Einheit von Gemeinde Jesu voranzubringen, mit Christen aus unterschiedlichen Kirchen und Gemeinden. Diese geistliche Einheit muss vor Ort gelebt werden. Evangelische Allianz ist Basisbewegung. Sie hat nach wie vor den wichtigen Auftrag, Leute aus Kirchen der VEF, der evangelischen Kirche, aus freien Werken zusammenzubringen und eine Basis zu geben, auf der man gemeinsam vor Ort etwas tun kann.

Wir haben kein Monopol auf irgendetwas. Aber ich bin seit Urzeiten im Raum von Evangelischer Allianz unterwegs; und "Allianz" ist immer eine Art geistliches Gütesiegel gewesen: Da spielt es keine Rolle, aus welcher Kirche jemand kommt, sondern es geht um Gemeinsamkeit der Christen untereinander.

Kommen wir zu den Inhalten: Was ändert sich mit dem Wechsel? Oder – um einen Vergleich aus der Politik zu ziehen: Wieviel Blatt Papier passen zwischen Ekkehart Vetter und ihren Vorgänger Michael Diener?

[lacht] Wir sind ja schon einige Jahre gemeinsam unterwegs. Schon vor seiner Zeit als Vorsitzender war Michael Diener Mitglied des Hauptvorstands. Es gibt mit allen im Hauptvorstand inhaltlich hohe Schnittmengen. Wir wären nicht in dem Gremium, wenn es nicht gemeinsame Grundüberzeugungen gäbe.

Natürlich gibt es in einem großen Gremium – der Hauptvorstand hat aktuell 67 Personen – in den Verästelungen durchaus unterschiedliche Überzeugungen. Aber mein Anliegen ist, dass wir uns immer wieder auf die Grundüberzeugungen verständigen. Das sind die Themen, die wir brauchen! Einheitsbewegung; wir wollen als Allianz Bibelbewegung sein. Denn es ist auch in der evangelikalen Welt durchaus nicht mehr selbstverständlich, dass regelmäßig Bibel gelesen und aus der Bibel heraus das Christsein gestaltet wird. Wir wollen Gebetsbewegung sein; wollen gesellschaftliche Verantwortung wahrnehmen. Und wir wollen Evangelisation fördern. Auf diese Themen sollten wir uns fokussieren. Deswegen gibt’s uns, nicht weil wir in Detailfrage A, B, X, Y oder Z zu gemeinsamen Überzeugungen kommen müssten.

Und – um einen Punkt herauszugreifen – gemeinsames Gebet ist ja der vielleicht tiefste Ausdruck von Einheit der Christen untereinander. Mit einem Christen, mit dem ich gemeinsam bete, werde ich mich nicht wirklich auseinanderdividieren können, selbst wenn wir nicht in allen Punkten übereinstimmen

Gibt es so etwas wie ein "Vetter-Programm" für die nächsten Jahre?

Ich verstehe mich als ein Teamplayer: im Geschäftsführenden und im Haupt-Vorstand. Da müssen wir in einer größtmöglichen geistlichen Einheit die Weichenstellungen vornehmen. Ich bin nicht der Vorkämpfer, der mit dem Kopf durch die Wand will. Sondern wir müssen in geistlicher Einheit miteinander unterwegs sein.

Über das Bibelverständnis und die Einheit der Christen wurde 2016 viel diskutiert, ein neues Netzwerk gegründet … Hat sich da etwas grundlegend verändert?

Die "hermeneutische" Frage – wie verstehe ich die Bibel – stellt sich immer wieder. Und manche Überzeugungen von Christen laufen in verschiedene Richtungen, obwohl sie sich alle auf die Bibel berufen. Das ist ein weites Thema.

Ich bin in einer Tradition aufgewachsen, die die Bibel erbaulich liest – die vielzitierte "Bibel auf dem Nachttisch". Manche mögen sagen, dass ich eine "Steinzeithermeneutik" vertrete. Ich glaube aber, dass wir nicht etwas in die Bibel hineininterpretieren sollten, was dem offensichtlichen Wortsinn nicht entspricht, weil man meint, an dieser Stelle über eine bestimmte Entwicklung hinweg zu sein. Wir müssen sicher auch über diese Fragen im Gespräch sein und wollen nicht mit Scheuklappen durch die Gegend laufen. Es darf aber auf der anderen Seite auch nicht der offensichtliche Wortsinn der Bibel durch hermeneutische Kunstgriffe fast ins Gegenteil verkehrt werden.

Schwierig wird es, wenn unterschiedliche Standpunkte und Überzeugungen dazu führen, dass der Glaube von anderen Christen infrage gestellt wird, wenn gefragt wird: Steht er oder sie eigentlich noch "richtig"?

Ein Beispiel: Als jemand, der aus einer Tradition kommt, in der Erwachsene zum Glauben gekommene Menschen getauft werden, werde ich trotzdem zugestehen, dass es zumindest Anklänge in biblischen Texten gibt, die etwas anderes nahe zu legen scheinen, die oft zitierte Taufe "ganzer Häuser": Ich verstehe das zwar anders. Aber ich kann im Grundsatz nachvollziehen, dass nicht jeder hier auch vor dem Hintergrund seiner eigenen Tradition und Überzeugung meine Überzeugung zu 100 Prozent teilt. So könnte ich in manchen Punkten argumentieren. Es gibt eine Reihe von Fragen, wo wir mit unterschiedlichen Überzeugungen unterwegs sind, für die jeder auch seine Anklänge in der Heiligen Schrift findet. Je nachdem, was man gewichtet, kommt man zu unterschiedlichen Überzeugungen.

Es ist aber nicht unsere Kompetenz Menschen zu verurteilen. Natürlich kommen Leute und sagen: Jesus hat zu diesen oder jenen ethischen Themen nichts gesagt. Meine Antwort wäre: Dann könnten wir zu vielen ethischen Themen nichts sagen, weil Jesus sich dazu nicht geäußert hat. Viele solcher Themen stellen sich erst heute. Darf ich Leben im Reagenzglas zeugen oder nicht? Bei einer Fülle von Fragen wie diesen müssen wir unsere Antworten aus den biblischen Texten ableiten. Vielleicht kommen wir dabei nicht immer zu einer einheitlichen Überzeugung. Aber dann müssen wir auf der Grundlage biblischer Texte versuchen, das zu diskutieren, abzuwägen und zu Entscheidungen zu kommen. Für Leute, die das doch alles anders sehen, kann ich letztlich nicht die Verantwortung übernehmen. Aber ich will möglichst gut begründet, einladend und biblisch orientiert Menschen das wichtigmachen, was nach meiner Überzeugung die Heilige Schrift sagt.

Die Evangelische Allianz nimmt gesellschaftliche Verantwortung wahr – viele Christen und Gemeinden engagieren sich etwa in der Arbeit mit und für Flüchtlinge – und das in einer Öffentlichkeit, in der der Ton rauer wird. Welche wichtigen Pflöcke kann die Allianz einschlagen?

Wir leiten das, was wir sagen und wofür wir eintreten, nicht aus Parteiprogrammen oder Tageszeitungen ab, sondern aus biblischen Aussagen – wohl wissend, dass nicht jede Einzelfrage direkt aus der Bibel beantwortbar ist.

Nur ein Beispiel: Die Flüchtlingsthematik etwa ist politisch natürlich hochkomplex. Ich weiß aber, dass das Asylrecht ein hohes Gut ist – und die Einschränkungen, die in den letzten Jahren dort auch politisch gemacht wurden, sind durchaus nicht unproblematisch. Jesus hat sich jedem Menschen zugewandt, und wir wissen aus biblischen Berichten, dass er keine Berührungsängste mit Menschen kannte. Das heißt: Die Chancen, die sich aus der Begegnung mit Menschen ergeben, sollten wir wahrnehmen – und nicht darüber diskutieren, wie wir sie so schnell wie möglich wieder loswerden, sondern ihnen die Liebe Gottes vermitteln. Damit ist nicht jede politische Frage gelöst, aber wir haben hier eine Verantwortung, die keiner so wahrnehmen kann wie Jesusnachfolger.

Was ist ihre Hoffnung für die kommenden Jahre?

Es wäre mein Wunsch, dass sich im Sinne glaubwürdiger Christusnachfolge in dieser Gesellschaft etwas bewegt. Wenn wir dazu beitragen können, dass Einheit von Gemeinde Jesu auch öffentlich stärker wahrgenommen wird, damit die Welt glaubt, dann ist das ein hohes Ziel. Wenn wir dazu beitragen können, dass in gesellschaftlich relevanten Fragen Positionen stärker umgesetzt werden, die aus der Bibel abgeleitet sind, dann wär das ebenso ein hohes Ziel. Wenn wir in Bezug auf Bibel und Evangelisation Impulse setzen können, und mit und durch Gottes Hilfe in unserem Land signifikant mehr Menschen zum Glauben finden, dann ist das ebenfalls ein hohes Ziel. Dafür wollen wir beten und arbeiten.

Dafür Gottes Segen! Und vielen Dank für das Gespräch!

Die Fragen stellte "EiNS"-Redakteur Jörg Podworny.
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Ekkehart Vetter wurde 1956 in Abbehausen-Sarve geboren. Von 1977 bis 1983 studierte er Evangelische Theologie an der Universität Hamburg. Er ist leitender Pastor der Christusgemeinde Mülheim an der Ruhr (seit 1993) und seit 2003 Präses des Mülheimer Verbands Freikirchlich-Evangelischer Gemeinden.

Das vollständige Interview mit Ekkehart Vetter können Sie in Ausgabe 1/17 der Zeitschrift EiNS lesen. EiNS ist das offizielle Magazin der Deutschen Evangelischen Alianz.

(Quelle:jesus.de)