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Studie: Christliche Erziehung ist weit besser als ihr Ruf

 

Wie erziehen christliche Eltern ihre Kinder? Sind sie strenger als andere Eltern? Werteorientierter? Welches Gottesbild vermitteln sie? Antworten auf diese und andere Fragen gibt eine Studie des Forschungsinstituts "empirica" der CVJM-Hochschule Kassel.

Über zwei Jahre lang haben der Theologe Tobias Faix und der Soziologe und Erziehungswissenschaftler Tobias Künkler mit ihrem Team geforscht. Wir haben mit den beiden über ihre Erkenntnisse gesprochen.

Jesus.de: Was sind die wesentlichen Ergebnisse, was waren die größten Überraschungen?

Künkler: Wir haben in den letzten Jahrzehnten in Deutschland einen Erziehungsstilwandel erlebt. Überraschend ist für mich, wie stark auch christliche Familien diesen Wandel mitgemacht haben.

Faix: Offensichtlich ist christliche Erziehung von zwei Indikatoren abhängig: Vom Gottesbild und von gesellschaftlichen Veränderungen. Neben der Gesellschaft hat sich auch das Gottesbild gewandelt. Weg vom eher „kontrollierenden“ Gott hin zu einem liebevollen Freund und Vater.

Künkler: Es freut uns, dass christliche Erziehung offenbar in einem emotional sehr positiven Klima stattfindet. Es gibt nur eine mittelmäßig ausgeprägte Strenge und Kontrolle. Mitbestimmung und Freiheit sind deutlich stärker ausgeprägt. Den klassisch autoritären Erziehungsstil gibt es kaum noch.

Faix: Man hört und liest im Zusammenhang mit christlicher Erziehung ja immer wieder von ausgeprägter Gewalt (Studie von Pfeiffer). Ich bin froh, dass wir das so nicht festgestellt haben. Es gibt insgesamt eine eher warmherzige Erziehung. Das, was sich gesellschaftlich vor 20 Jahren gewandelt hat, ist auch bei den Christen angekommen.

Spielt Gewalt gar keine Rolle mehr?

Künkler: Leichte Formen der Gewalt sind ähnlich verbreitet wie im bundesweiten Durchschnitt. Immer noch erschreckend hoch, kann man sagen, aber kein dramatischer Befund. Wenn man allerdings nach der Einstellung zur Gewalt fragt, dann gibt es doch einen überraschend hohen Anteil derer, die zumindest sagen: "Gewalt kann man schon mit dem Glauben vereinbaren". Für einige ist sie sogar "geboten". Oder: "Ist eigentlich falsch, passiert mir aber trotzdem." Tatsächlich haben wir in diesem Punkt auch ein Gefälle zwischen Kirchen und Freikirchen in unseren Daten festgestellt. Freikirchliche Eltern neigen, auf niedrigem Niveau, anscheinend eher zur Gewalt. Da decken sich unsere Erkenntnisse mit denen einer Studie des Kriminologischen Forschungsinstituts Niedersachsen vor einigen Jahren.


Was ist christlichen Eltern in ihrer Erziehung wichtig?

Künkler: Das wichtigste Erziehungsziel der Eltern ist, dass ihr Kind zum Glauben findet. Und zwar zum selben Glauben, den die Eltern auch haben. Das spielt eine übergeordnete Rolle im Vergleich mit allen anderen Erziehungszielen. Und dies sorgt auch für einen latenten Druck. "Was ist, wenn wir in unserer Glaubenserziehung etwas falsch machen und unser Kind nicht gläubig wird?" Das ist die größte Angst der Eltern.

Dadurch ergibt sich ein Zielkonflikt. Auf der einen Seite gibt es den Wunsch nach mehr Freiheit und Eigenständigkeit – "Glauben kann man nicht machen", auf der anderen Seite diese Furcht. Und das zieht sich durch alles durch. Dieses "Grunddilemma" zwischen "Furcht und Freiheit" haben wir deshalb auch als Titel unserer Studie gewählt.

Auf Platz zwei der Erziehungsziele landete ´"glücklich sein und sein Leben genießen" vor "frei seine eigenen Interessen und Neigungen entfalten." Interessanterweise noch vor "verantwortungs- und pflichtbewusst sein".

Welche Rolle spielt Gemeinde für christliche Eltern?

Faix: Die Gemeinde spielt als Teil der Glaubenserziehung eine große Rolle. Eltern haben hohe Erwartungen. Es ist ihnen sehr wichtig, gemeinsam in den Gottesdienst zu gehen. Da gab es in unserer Umfrage hohe Werte. Auch auf eine gute Kinder- und Teeniearbeit der Gemeinde legen sie Wert. Interessant ist dabei, dass die Gemeinde bei Erziehungsratschlägen nicht weit vorne liegt. Da sind den Eltern ihre Partner, Freunde und christliche Erziehungsratgeber wichtiger.

An dieser Stelle wurde übrigens gerade in den qualitativen Interviews, die wir ergänzend zur Umfrage durchgeführt haben, die angesprochene Ambivalenz wieder deutlich. Einerseits wünschen sich Eltern, dass man als Familie gemeinsam den Gottesdienst besucht. Aber was tut man, wenn die Kinder nicht wollen? Wie geht man damit um? Ab welchem Alter gibt man den Kindern Freiheiten?

Ist die Bibel für christliche Eltern ein Erziehungsratgeber?

Faix: Sie ist nicht als Erziehungsratgeber geschrieben worden. Aber wenn ich das große Bild sehe, dann geht es darin um Liebe und Annahme. Und da kann ich ganz viel aus der Bibel lernen – die für christliche Eltern prinzipiell natürlich ohnehin sehr wichtig ist. Das spiegelt sich in den Ergebnissen unserer Umfrage wider. Manche Eltern greifen sich allerdings auch einzelne Verse heraus und wenden diese dann an. Das haben wir gerade in den Interviews durchaus gehört. Insgesamt wurde die Bedeutung der Bibel für die Erziehung da häufiger betont.

Wie sieht es mit dem gemeinsamen Gebet aus? Wie weit verbreitet ist das?


Künkler: 77 Prozent der Eltern haben angegeben, mindestens einmal am Tag mit ihren Kindern zu beten. 47 Prozent sogar mehrmals. Beim eigenen Beten der Eltern liegen die Zahlen sogar noch höher. Das Gebet spielt ohne Frage eine zentrale Rolle. Am weitesten verbreitet sind Tisch- und Abendgebete. Dagegen spielen Familienandachten keine große Rolle. 74 Prozent der befragten Eltern gaben an, dass sie das "selten" oder "nie" tun. Das deckt sich übrigens bei unseren Befragten mit den Erinnerungen an ihre eigene Kindheit. Im eigenen Elternhaus fanden Familienandachten nur unwesentlich häufiger statt.

Ihr habt auch das Verhältnis zu anderen Religionen abgefragt, ein ganz aktuelles Thema. Ist das für christliche Eltern heute ein entspanntes Thema?

Künkler: Es kam in unserer Umfrage nicht häufig vor, dass Eltern sich explizit wünschten, dass ihre Kinder andere Religionen kennenlernen. Es wird nicht mehr direkt verboten, aber auch nicht gefördert. Das passt zum bereits angesprochenen obersten Erziehungsziel. 77 Prozent aller Befragten wünschen sich, dass ihr Kind den eigenen Glaubensvorstellungen folgt. Nur 22 Prozent stimmten der Aussage zu, "Mein Kind soll selbst entscheiden, was es glauben möchte".

Über die Hälfte der Eltern haben angegeben, mit ihren Kindern "sehr oft" oder "oft" über Glaubensthemen zu sprechen. Dabei spielen Gespräche über andere Religionen und Weltanschauungen allerdings nur eine untergeordnete Rolle. Die meisten Gespräche drehen sich inhaltlich um Glaubensfragen der Kinder.

Klassische Reizthemen in christlichen Kreisen sind Homosexualität und Sex vor der Ehe. Was habt ihr darüber herausgefunden?

Faix: Bei sexualethischen Themen vertritt die Mehrheit der Befragten eine konservative Position. 63 Prozent der Eltern geben an, dass sie ein Problem damit hätten, wenn ihr Kind homosexuell wäre. In der Gemeinschaftsbewegung und in freikirchlichen Kreisen ist diese Einstellung dabei weiter verbreitet als in evangelischen Landeskirchen und der Katholischen Kirche. Ich hätte nicht gedacht, dass dieser Wert noch so hoch liegt. Positiv ist, dass in den Familien offenbar mehr über solche Themen geredet wird.

Wie repräsentativ ist Eure Studie? Wie schätzt Ihr die Aussagekraft ein?

Künkler: Sie ist nicht im klassisch statistischen Sinne repräsentativ. Da wir das Selbstverständnis der Eltern ("Wir erziehen unsere Kinder christlich") als Einstieg genommen haben, konnten wir nicht per Zufall telefonisch Leute auswählen. Wir haben aber unterschiedliche Zugangswege abgefragt: Wer ist über eine Mail-Einladung reingekommen, wer über Facebook, Twitter oder die Zeitschrift "family". Wir haben überprüft, inwieweit sich diese Gruppen in ihren Antworten unterscheiden. Das haben wir systematisch für alle Frageblöcke gemacht. Und es gab erstaunlich wenige Unterschiede. Wir haben also eine klar umrissene Gruppe, mit hoher Fallzahl und dicht in den Ergebnissen. Unser Eindruck ist, dass wir über das  klassisch etwas "frömmere" Spektrum mit unserer Studie ein gutes Bild abgeben können.

Welche Wirkung erhofft Ihr Euch von Eurer Studie?

Faix: Mich ärgert, dass das Schlagwort "christliche Erziehung" bzw. Familie gerade im evangelikalen Umfeld oft nur als Apologetik für bestimmte Meinungen oder Haltungen benutzt wird. Wenn es um zum Beispiel um die Sexualisierung in der Schule geht. Aber dabei wird fast überhaupt nicht über die inhaltliche Gestaltung von christlicher Familie gesprochen. Das kann nicht sein. Wir brauchen keine apologetischen Speerspitzen für parteipolitische Programme oder Inhalte. Da würde ich mir wünschen, dass unsere Studie ein inhaltlicher Beitrag ist. Was erwarten wir eigentlich von realer, christlicher Erziehung? Wie kann sie im Familienalltag gelebt werden?

Danke für das Gespräch!
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In die Studie des Instituts empirica flossen die Antworten von 1.752 Umfrageteilnehmern ein, die über einen Zeitraum von vier Monaten gesammelt wurden. Finanziert wurde die Studie von der Stiftung Christlicher Medien (SCM), zu der auch Jesus.de gehört. Die Ergebnisse sind als Buch im SCM R. Brockhaus-Verlag erschienen.

Eine Leseprobe des Buchers finden Sie hier.


 

 

(Quelle:jesus.de)