„Wie muss Kirche aussehen, damit ich meine Freunde dorthin einladen kann?“ Aus dieser Frage entstand vor 20 Jahren in Witten an der Ruhr die Creative Kirche. Zwei Diakone der evangelischen Kirche von Westfalen, Martin Bartelworth und Ralf Rathmann, brachten damals den Stein ins Rollen.
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Heute sind sie die beiden Diakone Geschäftsführer eines Projekts mit 25 haupt- und 100 ehrenamtlichen Mitarbeitern und veranstalten bundesweit Großprojekte wie den Gospelkirchentag. Im Gespräch mit uns erzählen Bartelworth und Rathmann von den Startschwierigkeiten, der Bedeutung von Musik und den zwei großen „B“.

Zu Beginn eurer Arbeit gab es kein Personal, keine Struktur und kein Geld – was gab es denn überhaupt?

Martin Bartelworth: Ideen. Und ein Verlangen. Ein Verlangen nach einer offenen, einladenden Kirche.

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Es begann 1993 mit einem kleinen Chor- und Kulturfestival. War denn damals im Vorfeld schon klar, dass es weitergehen würde?

M.B.: Überhaupt nicht, wir hatten nichts geplant.

Ralf Rathmann: Dieser Wunsch, kam erst von den Leuten selbst. Von den Teilnehmern und den Besuchern des Festivals. Die Nachfrage nach Tickets war damals so groß, dass wir das Festival kurzfristig am Tag darauf wiederholt haben.

Nun sind die evangelischen Landeskirchen nicht dafür bekannt, dass sie völlig neue, unorthodoxe Projekte mal eben so aus der Taufe heben….

[Lachen]

…vor allem wenn sie Geld kosten. Wie war das in Witten möglich?

„Es gab keinen Masterplan“

R.R.: An Anfang lief die Arbeit ganz kleinteilig von Projekt zu Projekt, von Jahr zu Jahr. Auch finanziell. Es gab keinen „Masterplan“ für die Creative Kirche. Wir haben ein Projekt gemacht, dann das nächste. Meistens erfolgreich – oder gesegnet. Dann haben wir weiter überlegt. Unsere Frage war dabei immer: Was brauchen die Menschen, die zu uns kommen. Und dann sind wir Schritt für Schritt gegangen.

Und das zunächst ehrenamtlich…

R.R.: Genau. Wir haben damals beide weiter in unseren Stellen als Diakone gearbeitet. Weiteres Personal gab es keins, Geld ohnehin nicht. Nach ein oder zwei Jahren wurde ich zu zehn Prozent meiner Arbeitszeit für die Creative Kirche freigestellt. Später dann eine halbe Stelle. Aber die musste ich refinanzieren!

M.B.: Wir haben damals oft gedacht, dass es nicht weitergeht.

R.R.: Dann bekam Martin auch eine halbe Stelle, später wurden daraus dann zwei volle Stellen.

Wann hattet Ihr das Gefühl, dass die Creative Kirche auf sicheren Füßen steht?

M.B.: Eigentlich erst seit ein, zwei Jahren. Inzwischen denke ich, dass hier etwas gewachsen ist, was auch über uns zwei hinaus Bestand haben wird. So soll es schließlich sein, denn es geht nicht um Ralf und mich, sondern um Kirche. Die Planungen für das Lutherjubiläum 2017, die Gospelkirchentage bis 2018… Ja, es würde weitergehen.

R.R.: Bei mir hat sich diese Gewissheit schon etwas früher eingestellt. Etwa seit 2005, als wir aufgrund unserer deutschlandweiten Tätigkeiten – zum Beispiel mit den Gospelkirchentagen – eine eigene Rechtsform als gGmbH bekamen. Aber Zweifel gab es trotzdem immer wieder. Bis heute. Falls ein Großprojekt nicht funktioniert, könnte das die Arbeit gefährden.

M.B.: Wenn im Gottesdienst nur fünf statt 50 Personen sitzen, dann hat das in der Regel keine Konsequenzen. Aber wenn zum Gospelkirchentag statt 4.000 nur 2.000 Teilnehmer kommen, dann fehlen uns, grob überschlagen, 150.000 Euro.

„Die Verantwortung macht uns schon manchmal zu schaffen“

R.R.: Und im Gegensatz zu früher geht es heute nicht mehr nur um die Jobs der Herren Bartelworth und Rathmann. Da hängen viele Mitarbeiter und ihre Familien dran. Diese Verantwortung macht uns schon manchmal zu schaffen.

M.B.: Wir blicken heute regelmäßig in die zwei großen „B’s“: die Bibel und das Bankkonto. Das war nicht immer so. Früher haben wir in die Bibel geschaut und das Geld war nicht so wichtig. [lacht] Heute müssen wir auch regelmäßig einen Blick auf unser Konto werfen. Auf der anderen Seite bringen mehr Geld und mehr Verantwortung den Vorteil mit sich, dass man mehr gestalten kann! Wir haben das Privileg, neue Projekte einfach in Angriff nehmen zu können, wenn wir uns einig sind. Wer genießt im kirchlichen Raum schon solch eine Freiheit? Verantwortung und Freiheit gehören zusammen.

R.R.: Dabei ist es schön und wichtig zu wissen, wie viele Menschen hinter unserer Arbeit stehen, dazu der Verwaltungsrat, der Kirchenkreis und auch die Landeskirche. Das hilft und „pusht“ uns, hier Verantwortung zu übernehmen.

„Willow Creek hat uns inspiriert“

Wenn man die Entwicklung Eurer Arbeit betrachtet, wie groß sie im Laufe der Jahre geworden ist, dann ist so etwas eher typisch für freikirchliche Projekte. Die Amtskirchen würden so etwas von „oben herab“ kaum initiieren.

R.R.: Absolut.

M.B.: Richtig, und das ist ja das Wunder, dass wir unsere Arbeit innerhalb der Landeskirche machen können. Die Kirche hat das zugelassen, dafür sind wir sehr dankbar. Die Frage war, ob Kirche neue „Spielräume“, neue Methoden und Strukturen, zulassen würde, oder Neues in alte Schläuche füllen würde – was unbiblisch wäre. [schmunzelt] Und da haben wir unsere Landeskirche als sehr flexibel erlebt.

R.R.: Wir sind Diakone der evangelischen Kirche von Westfalen, Kirchenleute durch und durch. Aber wir brauchten neue Strukturen, um diese Arbeit so machen zu können. Und das hat die Kirche zum Glück auch so aufgegriffen.

Diese Philosophie der „niederschwelligen“ Angebote, die Ihr macht, das erinnert an das Konzept von „Willow Creek“.

R.R.: Willow Creek hat uns inspiriert, keine Frage. Wir waren Mitte der 90er Jahre dabei, als Bill Hybels zum ersten Mal nach Deutschland kam. Wir dachten sofort: super Idee, aber wir müssen das runterbrechen auf unsere Verhältnisse, nicht 1:1 übernehmen. Wir haben andere Leute, eine andere Kultur, andere Räume, andere Strukturen.

Wie wichtig ist Euch, dass ihr als Creative Kirche nicht nur Projektkirche sondern auch Gemeinde seid?

R.R.: Das war uns von Anfang an sehr wichtig. Gemeinde ist die Grundlage. Wir haben damals oft gedacht, wenn einer von uns beiden sich um die „Schäfchen“ kümmert, das wäre optimal! Nur sind weder Martin noch ich vom Typ her Gemeindeleiter. Wir sind… „Missionare“, Projektentwickler, die rausgehen wollen. Daher haben wir die Landeskirche gebeten, uns Theologen und Pfarrer zur Verfügung zu stellen, weil wir hier Menschen haben, die uns als Heimat-Gemeinde betrachten und geistliche Begleitung brauchen. Und die Landeskirche hat das dann tatsächlich getan.

Bevor ihr selbst Gemeinde wurdet, hatte es den Versuch gegeben, mit einer Kirchengemeinde vor Ort zu fusionieren?

R.R.: Ja, zweieinhalb Jahre lang haben wir mit einer Gemeinde eng kooperiert. Das hat aber leider nicht so funktioniert, wie sich das alle Beteiligten erhofft hatten. Vermutlich waren die Vorstellungen, die „Kultur“, einfach zu unterschiedlich.

„Wir leben unseren Traum von Kirche“

Welche Projekte habt Ihr für die Zukunft?

R.R.: Am Anfang der Creativen Kirche stand für mich die Frage, wie Kirche aussehen muss, damit ich meine Freunde dorthin einladen kann. Nach 20 Jahren ist eine Frage, die wir uns immer häufiger stellen, wie wir diese Arbeit multiplizieren und nutzbar für andere machen können. Wie können Gemeinden davon profitieren? Wie können wir unser Wissen, unser „know how“, weitergeben. Wie können wir zum Beispiel erreichen, dass in der Kirchenmusik noch mehr Popularmusik möglich wird? Wie kann man das mehr in die Jugendarbeit einbringen, Jugendreferenten qualifizieren, damit das in ihren Bands und Chören zum Ausdruck kommt? Wir möchten mehr Qualität in der popularen Kirchenmusik! Die Klassik ist da weiter. Wir möchten dazu beitragen, „singende Kindergärten“ als Markenzeichen evangelischer Kindergartenarbeit zu schaffen. Singende Gemeinden! Das sind Fragen, die uns beschäftigen. Das alles geht nicht über Events, sondern über Bildung, Ausbildung und Fortbildung.

Muss sich Kirchenmusik verändern?

R.R.: Sie muss sich meiner Meinung nach weit öffnen, wenn Kirche Volkskirche sein will. Wir brauchen neben der klassischen, hochstehenden Kirchenmusik, die ja toll ist, Raum für moderne Musik, für Vielfalt. Ähnlich wie im Radio. Dort gibt es nicht nur WDR 3, es gibt auch WDR 4, WDR 2, 1live und vieles mehr. Genauso muss sich die Vielfalt der Musik auch in unseren Kirchen widerspiegeln. Es darf nicht nur die… „Bildungs-Kirchenmusik“ geben. Wenn wir da „Motor“ sein könnten, auch in der Ausbildung, das könnte noch ein Baustein unserer Arbeit werden.

Gibt es einen Traum in diese Richtung?

R.R.: Eine Pop-Akademie innerhalb der Kirche! Wenn das möglich wäre, das wäre toll. Musik ist für uns sehr wichtig, sie ist ein Schatz der Kirche, eine tolle Brücke für Menschen zum Glauben.

Lebt Ihr Euren Traum von Kirche?

M.B. + R.R.: Ja!

Vielen Dank für das Gespräch!
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Die Fragen stellte Daniel Wildraut. Wer mehr über die „Creative Kirche“ erfahren will, kann sich auf der Homepage informieren.