„Von eurer Kirche bekommt man überhaupt nichts mit.“ Diese Ansage des Ortsvorstehers hat die Kirchengemeinde Böhringen am Bodensee wachgerüttelt. Also begab sich die Gemeinde raus aus ihrer Komfortzone und rein in die Nachbarschaft.

Von Louisa Winkler

Wenn wir uns ebenso um unsere Nachbargemeinde oder die Kommune sorgen,
werden wir glaubwürdig. Wir dürfen uns nicht länger um uns selbst drehen.“

Eine Lektion, die Pfarrer Markus Weimer und seine Gemeinde verinnerlicht haben.

„Mittlerweile sind wir auch in kommunalen Prozessen integriert und haben zum Beispiel mit der Grundschule, dem Sportverein und der katholischen Kirchengemeinde ein Weihnachtsmusical in der Mehrzweckhalle organisiert. Das hat viel im Umfeld bewirkt.“

(Markus Weimer in: EKD, Kirche im Umbruch, 2019)

Vielen Gemeinden geht es ähnlich. Die Kirche gehört in Deutschland zwar zum Stadtbild – Touristen besuchen sie, Anwohner freuen oder stören sich an ihrem Glockengeläut, im Sommer verspricht sie Abkühlung, im Winter weihnachtliche Stimmung. Aber wodurch erfahren die Menschen aus der Umgebung, was sonst noch hinter Kirchenmauern steckt? Gemeinschaft, Glaube, Sinn, Frieden, Trost, Freude, kurz: Raum zum Sein. Doch wie wird dies für die Nachbarschaft erlebbar?

Bringt die Kirche zu den Nachbarn

Die Kirchen beklagen schon lange ihre sinkenden Gottesdienstbesuchszahlen. Viele Menschen können mit dem klassischen Gottesdienst nichts anfangen, würden sich aber trotzdem gerne ins Gemeinwesen einbringen oder ein Ehrenamt übernehmen. Deshalb sollten Gemeinden den Menschen aus ihrer Nachbarschaft die Möglichkeit geben, sich an diakonischen Projekten und Gemeinschaftsaktionen zu beteiligen. Kirchen können mit lebendiger Nachbarschaftsarbeit diejenigen erreichen, die nicht zum Stammpublikum gehören; auch für sie steht Kirche im öffentlichen Auftrag. Darunter sind zum Beispiel Menschen, die ihre Kirchenmitgliedschaft auf der Gehaltsabrechnung, aber nicht im Lebensalltag spüren. Auch der harte Kern profitiert von einer Öffnung der Gemeinde in die Nachbarschaft. Beim Helfen setzen Gläubige ihren Glauben in die Tat um. In Gemeinschaft Gutes tun stärkt die persönliche Glaubenserfahrung und bringt Schwung ins Gemeindeleben.

Mit Wort und Tat zeigen, dass Gott gut ist. Soziale Verantwortung im Ort übernehmen. Die Stimmung im Viertel positiv prägen. Hilfe organisieren, Streit schlichten, Einsamkeit bekämpfen. Die Liste ist lang. Alles ist nicht zu schaffen, aber etwas kann jede Gemeinde tun. Dieser Weg beginnt mit fünf Schritten.

1. Bedarf suchen

Wo liegen die Interessen und Probleme der Menschen im Viertel? Was bieten andere gesellschaftliche Akteure vor Ort an? Welcher Bedarf wurde bisher übersehen? Inspirationen, um die Nachbarschaft mit geistlicher Aufmerksamkeit wahrzunehmen, bieten die GOTT.VOLL-Fragekarten von Fresh X (Download: www.gottvoll.de). Die Impulse laden zum Rausgehen ein: „Mache heute einen Spaziergang durch deine Nachbarschaft. Wo entdeckst du Kreativität? Wo pulsiert das Leben? Wo könnt ihr als Kirche zu dieser Kreativität beitragen?“

2. Partner finden

In der Nachbarschaft gibt es noch andere Akteure, die das Gemeinwesen mitgestalten. Findet heraus, ob ihr mit der Diakonie- Station, dem Kleingartenverein oder der Gesamtschule für einen guten Zweck kooperieren könnt. In manchen Regionen gibt es sehr aktive Stadtteilnetzwerke, bei denen sich Vereine regelmäßig austauschen und gemeinsame Initiativen für die Nachbarschaft entwickeln. Betreibt die Kommune oder die örtliche Wohnungsbaugesellschaft ein Projekt, das zu euch passt? Geht aktiv auf potenzielle Partner zu und fragt, ob eure Gemeinde ihr Projekt unterstützen kann.

3. Bei gesellschaftlichen Aktionen mitwirken

Kirchengemeinden können sich auch punktuell an gesellschaftlichen Aktionen beteiligen und ihre Nachbarschaft zum Mitmachen einladen. Der „Tag der Nachbarn“ (www.tagdernachbarn.de) am 29. Mai 2020 ruft Menschen dazu auf, sich an einem Tag im Jahr in der Nachbarschaft bei einem Fest zu treffen. Der „Tag der offenen Gesellschaft“ (www.tdog19.de) lädt dazu ein, sich um lange Tafeln zu versammeln und über Themen zu sprechen, die in der Gesellschaft gerade heiß diskutiert werden. Kirchen bieten sich als Gastgeber für solche Veranstaltungen an, weil sie über Räume verfügen. Sie können als wichtige Akteure der Nachbarschaft Gesicht zeigen und eigene Impulse in die Aktion einfließen lassen. Auch in der kalten Jahreszeit gibt es Gemeinschaftsaktionen, zu denen Kirchen einladen können. Bei „Weihnachten im Schuhkarton“ werden Geschenke für bedürftige Kinder gesammelt und auf einer „Pack-Party“ in der Gemeinde in Schuhkartons verpackt (www.die-samariter.org/ projekte/weihnachten-im-schuhkarton).

4. Ein eigenes Projekt starten

Die vernachlässigte Grünfläche um die Kirche macht euch schon länger Sorgen? Daraus könnte ein Gemeinschaftsgartenprojekt für die ganze Straße werden. Mancherorts setzen sich Fördervereine für den Erhalt von Kirchengebäuden ein. Personengruppen wie diese fühlen sich von einem Gartenprojekt vielleicht eher angesprochen als vom Gottesdienst. Bindet sie ein, wer weiß, welche Gespräche beim Hacken, Jäten und Umgraben entstehen. Tipps zum Gärtnern in Gemeinschaft („Urban Gardening“) gibt es unter www.anstiftung.de/urbane-gaerten. Statt des Gemeinschaftsgartens könnt ihr auch eine Kleidertauschparty im Gemeindehaus organisieren, ein Walking Dinner veranstalten oder eine Vermittlung von Leihgroßeltern oder Bildungspaten ins Leben rufen. Vielleicht braucht es bei euch eher eine Aufräumaktion im Viertel oder Gesprächsgruppen für die Sorgen der Anwohner. Es gibt viele originelle Ideen, um Menschen in der Nachbarschaft zusammenzubringen. Anleitungen dafür gibt es unter https://magazin.nebenan.de/selber-machen/ anleitungen.

5. Menschen zum Mitmachen gewinnen

Sprecht Menschen aus Gemeinde und Umgebung persönlich an, verteilt Flyer und Aushänge an gut besuchten Orten in der Nachbarschaft. Schreibt einen Brief an alle Gemeindemitglieder. Gebt dem Quartiersbüro Bescheid, inseriert euer Projekt auf Online- Ehrenamtsplattformen (Übersicht unter www.helpteers.net/info/plattformen). Setzt eine Kleinanzeige in die Lokalzeitung. Macht in den sozialen Medien auf die Möglichkeit zum Engagement aufmerksam. Dafür eignen sich lokale Facebook-Gruppen oder die Nachbarschaftsplattform nebenan.de. Nutzt soziale Medien auch, um die Bedürfnisse der Nachbarschaft abzufragen, Anregungen und Kritik zu eurem Projekt einzuholen und für Nachbarn im Stadtteil sichtbar zu werden.

Wenn das gelingt, wird man den Satz „Von eurer Kirche bekommt man überhaupt nichts mit“ bald nirgendwo mehr hören.


Louisa Winkler ist Referentin für Kommunikation in der Evangelischen Arbeitsstelle für missionarische Kirchenentwicklung und diakonische Profilbildung midi (www.mi-di.de) und studiert evangelische Theologie in Berlin. Ihr Beitrag ist zuerst im Kirchenmagazin 3E erschienen.

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