Andreas Boppart: Weniger rechthaben, mehr lieben

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Ein Plastik-Känguru schlägt eine Muppet-Figur.
Symbolbild: Frank Busch / Unsplash

Christen sind ganz schön unterschiedlich. Wie schaffen wir es, auf das zu schauen, was uns verbindet?

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Von Andreas Boppart

Es gibt zwei große Irrtümer, denen wir als Christen zu schnell Glauben schenken:

  • Um einander zu lieben, müssen wir das Gleiche glauben.
  • Wenn wir nicht gleich glauben, müssen wir einander bekämpfen.

Punkt 2 kann so aussehen, dass wir uns online gegenseitig beleidigen oder uns auf Insta stummschalten. Das ist aber ein krasser Kontrast zu dem, was die Bibel sagt. Sie spricht so stark von Liebe, Einheit und Miteinander (z. B. Epheser 4,2-4), dass wir wohl meistens meilenweit entfernt davon sind. Oft kriegen wir es deshalb so schlecht hin, weil wir uns meistens nur da aufhalten, wo ähnlich gedacht und geglaubt wird. Anstatt die Vielfalt von andersdenkenden Christen als Bereicherung zu sehen, nehmen wir sie oft als Bedrohung wahr.

Neue Perspektiven

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Dabei kann das, was wir bei anderen schlechtreden, oft der Bereich mit unserem größten Wachstumspotenzial sein. Wenn du Menschen seltsam findest, die sich beim Lobpreis ausgefallener bewegen, kann das ein Bereich sein, in dem du wachsen und Neues an Gott entdecken könntest. Wenn du skeptisch auf Tradition und Liturgien schaust, wären da vielleicht Schätze für dich zu finden. Mein Glaube hat in den letzten Jahren die größten Sprünge gemacht, wenn ich Menschen begegnet bin, die nicht aus demselben »Stall« stammten. Anstatt gleich eine ängstliche Verteidigungshaltung einzunehmen, können wir neugierig hinschauen und zuhören. Dabei lande ich immer bei einem der folgenden Punkte:

  • Ich verstehe es immer noch nicht.
  • Ich verstehe es, aber sehe es anders.
  • Ich verstehe es und habe etwas Neues an Gott entdeckt.

Das Geheimnis dabei ist wie in jeder gesunden Beziehung, dass wir – ob wir nun bei a) oder c) gelandet sind – offen füreinander bleiben. Meine Frau Tamara und ich haben auch nach 16 Ehejahren in vielen Themen nach wie vor total unterschiedliche Meinungen bis hin zu Momenten, in denen wir uns schlicht nicht verstehen. Dennoch können wir miteinander unterwegs bleiben und uns lieben.

Leben oft zu komplex

Für uns liegt der Schlüssel darin, dass wir unser Schwarz-Weiß-Denken hinter uns lassen. Ich meine damit nicht, dass es keine absoluten Wahrheiten gibt. Aber das Leben ist oft zu komplex, um Dinge nur in die Richtig- oder Falsch-Schublade zu stecken. So schreibt der Apostel Paulus an die Korinther: »›Wir alle wissen doch in dieser Sache Bescheid‹, sagt ihr, und damit habt ihr sicher Recht. Aber bloßes Wissen macht überheblich. Was uns wirklich voranbringt, ist die Liebe.« (1. Korinther 8,1) Es geht also manchmal nicht um eine Entscheidung zwischen Richtig und Falsch, sondern zwischen Rechthaben und Lieben. Wir können erst dann entspannt miteinander unterwegs sein, wenn wir unser vermeintliches Recht auf Rechthaben aufgeben.

Was, wenn Gott anders denkt?

In Israel pilgern täglich Tausende von Christen zu einem Stein in der Grabeskirche, auf dem Jesus gesalbt worden sein soll. Auch wenn inzwischen klar ist, dass der Stein erst viele Jahrhunderte später aus der Türkei importiert wurde, wird an ihm geweint und gebetet. Menschen legen Gegenstände darauf, um irgendwie ein bisschen göttliche Kraft zu absorbieren. Als ich diesem Treiben vor Ort zusah, verurteilte ich die Menschen und ihren Aberglauben. Bis mich die sanfte innere Stimme überraschte, die ich schon so oft als Stimme Gottes wahrgenommen habe: »Meinst du, ich habe mehr Freude an deinem harten und verurteilenden Herzen als an diesen sehnsüchtigen Herzen, die möglicherweise das Falsche tun, aber sich leidenschaftlich nach einer Begegnung mit mir sehnen?«

Meine Erkenntnis

Bäääm. Schlagartig sah ich die Menschen nicht mehr aus meiner überheblichen Ecke, sondern aus Gottes Perspektive. In mir kamen Fragen auf: Ist Gott möglicherweise großzügiger als ich? Kann er auch an diesem »falschen« Stein Menschen begegnen? Das eine oder andere Wunder geschehen lassen? Hat mein Herz viel zu wenig von der gnädigen Liebe Gottes begriffen, weil ich mich ständig nur frage, was richtig und was falsch ist? Ich muss und kann zwar nicht alles gutheißen, aber Gott gab mir in diesem Moment einen liebevollen A****-Tritt, ihn wieder zu suchen und vielleicht eine neue Seite an ihm kennenzulernen. Und dabei ein sanfteres Herz zu bekommen – auch für meine Mitmenschen.

Andreas »Boppi« Boppart ist Missionsleiter von Campus für Christus in Deutschland, Österreich und der Schweiz und liebt es, neue Seiten an Gott zu entdecken – bei Begegnungen auf Grillpartys im Sommer und bei Saunagängen im Winter.


Der Artikel erschien zuerst im Teenie-Magazin Teensmag, das wie Jesus.de zum SCM Bundes-Verlag gehört.

1 DIREKT-KOMMENTAR

  1. Ja, vor allem die Leiter der Kirche, die sehr verschiedenen Charakters sind – und dennoch vom selben Geist belebt, sollen bestrebt sein, das lebendige Gesicht der Kirche zu erhalten und zu fördern, deren Aufgabe es ist, das Feuer der Liebe, dass der Herr Selbst entzündet hat, weiterzugeben und zu verbreiten…

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