Angelika Behnke ist seit gut zwei Jahren Pfarrerin an der Dresdner Frauenkirche – und damit die erste Frau in diesem Amt. Ihre Herausforderungen sieht die Pfarrerin aber bei ganz anderen Themen.

Von Priska Lachmann

Am 1. Advent 2016 fing Angelika Behnke ihren Dienst als neue Pfarrerin der Frauenkirche in Dresden an. Die Aufgabenliste der Ausschreibung ist ihr wie auf den Körper geschneidert. Jede einzelne Aufgabe, die der neue Dienst mitbringt, entfacht in ihr Freude. Sie fühlt sich mutig, manchmal vielleicht auch wagemutig, als sie nach Dresden kommt. Und doch, sieht man sie im Büro sitzen und hört man sie auf der Kanzel sprechen, so weiß man: Frau Behnke ist genau am richtigen Platz.

Als Einzige Zur Konfirmation

Dabei konnte sich Angelika Behnke früher gar nicht vorstellen, Pfarrerin zu werden. Aufgewachsen ist sie in einer kleinen Stadt in Brandenburg, mitten in der DDR. In dieser Zeit war sie, was ihren Glauben betraf, zwar zurückhaltend, aber trotzdem engagiert in ihrer Kirchengemeinde. Sie ging als einziges Kind der ganzen Klasse zur Konfirmation. Immer wieder erfuhr sie Druck von den Lehrern und wurde nicht selten auch drangsaliert seitens der SED-Bewegung. Aber ihre Eltern gaben ihr Stütze und Halt, standen für ihren Glauben ein und wichen nicht davon ab. Da es für jemanden, der aktiv seinen Glauben lebte, zu DDR-Zeiten keine wirklichen Studienchancen gab, überlegte sich Angelika, Schneiderin zu werden. Kostümbildnerin zu sein, fand sie ziemlich aufregend. Doch es sollte alles ganz anders kommen. Eine Lehrerin machte sich stark für sie und gab ihr die Möglichkeit, Abitur zu machen, und schenkte ihr damit auch die offene Tür, zu studieren. 1989 kam die Wende, die Mauer fiel und Angelika nahm, nachdem sie kurz überlegt hatte, Archäologin zu werden, ihr Studium als Dolmetscherin für Russisch und Italienisch auf. Dabei belegte sie eine Vorlesung „Altes Testament“ und stellte fest, wie spannend das Theologiestudium sein kann. Sie fragte ihren Pfarrer danach und er antwortete in einem Satz, der sich ihr bis heute tief ins Herz eingebrannt hat und ihr Leben veränderte: „Wenn du Theologie studieren willst, trau ich dir das voll zu.“

In den Talar hineinwachsen

Und so begann sie mit dem Theologiestudium, und all ihre Leidenschaften für Sprache, Kunst, Musik und Archäologie wurden vereint. Sie nahm sich Zeit dafür, denn der Talar fühlte sich lange noch zu groß an. „Ich musste erst in ihn hineinwachsen“, erinnert sie sich. Und das tat sie. Sie absolvierte ihr Vikariat in der Kaiser-Wilhelm-Gedächtniskirche in Berlin, trat danach in der Kirche Berlin-Brandenburg-schlesische Oberlausitz die Projektstelle „Erwachsen glauben“ an, und koordinierte die Glaubenskurse für Erwachsene und entwickelte sie fort.

„Erinnerungen sind liebevoll eingebettet in das Neue. Das Neue schließt das Alte liebevoll ein.“

Nun steht sie auf einer Kanzel einer geschichtsträchtigen Kirche mitten in der Dresdner Altstadt und sagt: „Ich predige nach vorn.“ Erinnerungen sind gut, aber Erinnerungskultur ist oft rückwärtsgewandt. „Erinnerungen sind liebevoll eingebettet in das Neue. Das Neue schließt das Alte liebevoll ein.“ Die Narben der Vergangenheit bleiben, gerade in Dresden ist die Erinnerungs- und Gedenkkultur sehr groß. Aber Narben der Vergangenheit sind liebevoll eingefasst und es gibt eine Verantwortung, in die Zukunft zu schauen und nicht zurückzufallen. Das ist Angelika Behnke sehr wichtig.
Die Erwartungen und die Wahrnehmungen der Frauenkirche sind immer in Verantwortung der Geschichte gegenüber zu sehen. Die Kirche empfängt Friedensnobelpreisträger und stößt gesellschaftlich politische Diskurse an. Anders als Kirchen, deren Schwerpunkt die Gemeindearbeit ist, wirkt sie als Citykirche gemeindeübergreifend in die Gesellschaft hinein. Sie ist ein Ort der Erinnerung an Krieg und Zerstörung und gleichzeitig ein Ort der Hoffnung. Wunden können heilen, Versöhnung ist möglich.

Mutig und authentisch Leben

Wenn Pfarrerin Behnke predigt, bekommt sie auch unschöne Rückmeldungen und sie spürt: Wunden sind mitunter noch nicht verheilt. Wenn sie sich stark macht für ihre Überzeugungen, wenn sie eintritt für friedenspolitische Ansätze, für friedensethische Überzeugungen, bleiben negative Reaktionen nicht aus. Solche verbalen Attacken, Briefe, Sticheleien sind bis heute nicht normal für sie. Kritik, die in einer respektvollen Weise geäußert wird, geht sie nach und beantwortet diese auch. Sie weiß die Stiftung und Partner aus Kirche, Politik und Wirtschaft hinter sich, die ihr den Rücken stärken, mit denen sie sich beraten kann, und sie fühlt: Ich bin nicht allein. Das hilft ihr, mutig zu sein und authentisch zu bleiben.
Mut braucht sie, denn es ist nicht leicht, in einer Kirche zu beten und über Versöhnung, Liebe und Frieden zu sprechen, wenn draußen 10.000 Menschen stehen und genau das Gegenteil in Sprechchören rufen wie beim letzten Jahrestag von Pegida, an dem die Beteiligung ungewöhnlich hoch war. „Wir sind das Volk“, rufen sie. Ein Teil des Volkes sitzt aber drinnen und betet und möchte aus der Vergangenheit lernen und besonnen und klug in die Zukunft blicken. Wenn montags in der Kirche das Friedensgebet stattfindet und sich draußen Sprechchöre rund um die Pegida-Demonstrationen vor der Frauenkirche versammeln und genau das Gegenteil vermitteln wollen – Unfrieden stiften und die Geschichte verdrehen – dann bleibt sie fest in ihren Überzeugungen, stark im Gebet und im Geist.

Kirche für die Menschen sein

Es ist Angelika Behnke wichtig, niederschwellige Angebote zu schaffen und als Kirche dort präsent zu sein, wo die Menschen sind. Die Kirche muss zu den Menschen kommen, denn die Menschen machen nicht den ersten Schritt in die Kirche.

Andererseits bedeutet niederschwellig zu sein auch, dort anwesend zu sein, wo die Menschen sind und ihnen somit den Kontakt zur Kirche zu erleichtern.

Niederschwellig zu sein bedeutet konkret, Worte zu finden, die Glauben und Christsein auf einer niedrigen Stufe erklären und beleuchten. Der Pfarrerin ist es wichtig, immer so zu predigen, dass für jeden etwas dabei ist, etwas Niederschwelliges und etwas Intellektuelles. Sie predigt aus ihrem Leben und spricht gleichzeitig klar an, was sie bewegt. Andererseits bedeutet niederschwellig zu sein auch, dort anwesend zu sein, wo die Menschen sind und ihnen somit den Kontakt zur Kirche zu erleichtern. Das schafft die Frauenkirche durch ihre fantastischen Chöre, die Präsenz unter anderem auf der Hochzeitsmesse oder durch das Kirchencafé, das in einem nahegelegenen Hotel einmal im Monat im Anschluss an den Gottesdienst stattfindet und wo man mit den Pfarrern und Musikern unkompliziert ins Gespräch kommen kann. Die Frauenkirche versteht sich als offene Kirche. Jeder ist willkommen, jeder darf sich in der Kirche umschauen und auch zu den Gottesdiensten kommen.
Der Wiederaufbau der Frauenkirche hatte die Intention, nicht nur ein Bauwerk wieder zu errichten, sondern auch ein lebendiges Gotteshaus zu schaffen. Das Motto der Frauenkirche „Brücken bauen – Versöhnung leben – Glauben stärken“ wird tagtäglich umgesetzt, indem zwei Millionen Besucher jährlich ein breites Angebot an Gottesdiensten, Andachten, Lesungen, Vorträgen, Führungen … unterbreitet wird.

Klar, freundlich und herzlich

Angelika Behnke ist aber nicht nur offenherzig und mutig, sondern auch authentisch. Sie lebt, was sie spricht. Sie ist klar und direkt und dabei freundlich und herzlich. Wenn sie lacht, muss man unweigerlich mitlachen, und ihre Wärme ist ansteckend. Sie ist die erste Frau, die jemals das Amt der Frauenkirchenpfarrerin bekleidet hat.

Sie steht für das, was sie ist, und ist untrennbar mit der Frauenkirche verbunden.

Das ist ihr aber gar nicht wichtig. Was für sie zählt, ist, dass es genau der richtige Platz für sie ist. Angelika Behnke ist klug, man kann ihr nichts vormachen. Sie wirft mit Jahreszahlen und Daten um sich und schaut ihr Gegenüber dabei so an, als müsste man doch genau wissen, wovon sie spricht. Sie wählt ihre Worte genau, will sich nichts in den Mund legen lassen, was sie nicht genau so meint. Die Arbeit in Dresden hat sie noch stärker gemacht. Aber auch mutiger und klarer in ihren Worten und ihrem Handeln. Sie steht für das, was sie ist, und ist untrennbar mit der Frauenkirche verbunden.


Dieser Artikel ist zuerst in der Zeitschrift JOYCE erschienen, die wie Jesus.de zum SCM Bundes-Verlag gehört.

3 DIREKT-KOMMENTARE

    • Wer ist denn das? Ich jedenfalls vermisse ihn nicht, er begleitet mich täglich durch mein Leben!
      Gruß,
      Peter

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