Anne und Nikolaus Schneider: „Vom Leben und Sterben“

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Kann und darf ich in meiner Verantwortung vor Gott und Menschen das Ende meines Lebens selbst bestimmen, wenn ich unerträgliche Schmerzen leide und es keine Hoffnung mehr für mich gibt? Wenn ich des Lebens müde geworden bin und das Leben unerträglich ist? Sollte ein Arzt, Freunde und Verwandte mir dabei helfen dürfen? Oder glaube ich an einen uneingeschränkt mächtigen Gott, der Herr über Leben und Tod ist, der mich auch im Sterben nicht verlässt und mich hindurch trägt?

Über diese Fragen und alles, was mit assistiertem Suizid zusammenhängt, diskutieren das Ehepaar Anne (Religionslehrerin) und Nikolaus (Pfarrer und ehemaliger EKD Ratsvorsitzender) manchmal durchaus kontrovers. Anne und Nikolaus Schneider haben ihre an Leukämie erkrankte Tochter sowie viele andere Menschen beim Sterben begleitet. Anne Schneider erkrankte selbst 2015 an einer aggressiven Form des Brustkrebses mit ungewissem Ausgang. Somit verfügen sie über viel Lebenserfahrung. Sie plädiert für die Möglichkeit, dem eigenen Leben unter bestimmten Voraussetzungen ein Ende setzen zu dürfen, wohingegen Nikolaus Schneider es ablehnt, das eigene Leben selbst zu beenden.

Diese Diskussion ist absolut aktuell. In den Niederlanden, Belgien und der Schweiz bestehen Möglichkeiten zur Selbsttötung, beziehungsweise Sterbehilfe, in Deutschland ist es absolut verboten. In Zeiten der Intensivmedizin, in denen Mediziner das Leben von Kranken bis ins Absurde verlängern können, finden sich keine einfachen Antworten. Darf ein Arzt eine tötende Spritze setzen? Welches Leben ist nicht mehr lebenswert? Welche Auswirkungen auf die Gesellschaft und die Menschen im Einzelnen (z.B. psychisch Kranke, Demente, Schwerbehinderte, etc.) hat eine Aufhebung des Verbots zur Selbsttötung bzw. zur Tötung durch einen Arzt? Greift die Selbsttötung nicht in das souveräne Handeln Gottes ein? Auch die Frage nach Patientenverfügungen wird gestellt.

Assistierter Suizid aus verschiedenen Perspektiven

In fünf Kapiteln werden die theologischen Grundlagen, aus denen Christen ethische Fragen entscheiden, besprochen. Wer ist Gott? Welche Gottesbilder prägen unseren Glauben? Wer ist Jesus und welche Stellung hat er? Die Antworten aus liberal-theologischer Sicht auf diese Fragen sind herausfordernd. Sie fordern den Leser zum Mitdenken und Nachdenken und zum Überprüfen der eigenen Meinung auf. Wegweisend für unsere theologisch-ethischen Entscheidungen sind auf jeden Fall die biblischen Menschenbilder, die unseren Glauben prägen. Der Mensch zwischen Gottes Ebenbild und Staub und Asche – zwischen Selbstvertrauen und Demut, zwischen Eigenverantwortung und gelebt werden. Dieses Spannungsfeld heißt es auszuhalten. Die Achtung vor dem Leben und das Verbot, das Leben vorzeitig zu beenden, führten auch zum Ausbau von Palliativ- und Schmerzmedizin, zur Finanzierung von Hospizen und zu Sterbebegleitung. Es steht uns nicht zu, aktiv Leben zu beenden, meint Nikolaus Schneider.

Somit enthält dieses Buch widersprüchliche Gedanken. Diese Gedanken sollen dem Leser zum Einordnen, Akzeptieren und Umgehen mit den Lebensfragen Sterben und Tod dienen. Nikolaus Schneider ist überzeugt, dass Gott mit uns durch das Sterben und den Tod hindurch geht. Wir können diesen letzten Weg im irdischen Leben zum Leben in Gottes Reich ganz seinem Geleit anvertrauen.

Dieses Buch beleuchtet die unterschiedlichen Seiten des assistierten Suizids aus verschiedenen Blickwinkeln. Letzten Endes bleibt die Frage: Vertraue ich Gott bis an mein Lebensende oder nehme ich das Ende meines Lebens selbst in die Hand, weil ich das Leben nicht mehr aushalte? Gibt mir Jesus so viel Kraft, auch in schweren und schwersten Zeiten durchzuhalten? Für mich, die Leid nie wirklich erlebt hat, ist die Frage einfach. Wirklich beantworten kann wahrscheinlich nur derjenige, der wirklich durch Leid hindurchgegangen ist oder mitten darin steht. Ansonsten bleibt die Antwort immer nur rein theoretisch und wir sollten uns davor hüten, Dogmen aufzustellen.

Von Brigitte Keune

Verlag: Neukirchener Aussaat
ISBN: 978-3-7615-6533-9
Seitenzahl: 160
ÜBERBLICK DER REZENSIONEN
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1 DIREKT-KOMMENTAR

  1. Ich war vor 40 Jahren der Gebrechlichkeitspfleger [so nannte man den Dienst] bei meiner Schwiegermutter. Unsere Tochter hatte mir gesagt, dass ich meine Frau in Bad Wissee besuchen solle, weil sie dort in einem Sanatorium war.
    In der Zeit hatte sich der Zustand meiner Schwiegermutter verschlechtert, so dass unsere
    Tochter sie mit Hilfe des Gemeindepfarrers in eine Kurzzeitpflege untergebracht hat.
    Alswir am Ende der Kur zurückkamen, besuchte ich und meine Frau sofort die Einrichtung,
    wo meine Schwiegermutter untergebracht hatte. Die Schwester sagte uns, ihre Mutter liegt
    in Zimmer 8. wir gingen über den langen Flur zum Zimmer 8, klopften an und öffneten die
    Zimmertür. Da lag in einem Bett eine Frau »die wir nicht kannten«. Zurück zur Stations-schwester. »In Zimmer 8 liegt nicht unsere Mutter«, doch, es ist Ihre Mutter. Wir wollten so-
    fort den verantwortlichen Arzt sprechen. Es kam ein »Herr in Weiss«, stellte sich vor und
    sagte uns, Ihre Mutter hat einen Darmverschluss, wir verlegen sie sofort in unsere OP-Klinik,
    da diese Klinik umständlich zu erreichen war, entgegnete ich, dass meine Schwiegermutter
    in eine Klinik in unserem Umfeld verlegt werden soll. Es gab keine Diskussion.
    Am gleichen Tag wurde die OP noch durchgeführt.
    In dem Gepräch mit dem Chefarzt haben wir dann erfahren, dass meine Schwiegermutter mit
    Psychopharmaka vollgestopft und total verändert aussah und der Darm die Peristaltik im Darm
    dadurch stillgelegt war. Da lag meine Schwiegermutter auf der Intensivstation an Schläuchen
    und elektronischen Überwachungsgeräten angeschlossen, hilflos, weil sich zudem eine schrei- chende Demenz mehr und mehr bemerkbar gemacht hatte. Was war und ist der Mensch, ist
    das noch leben ¿ Unsere Mutter lag länger als normal auf der Intensivstation. Ich war »ge-
    neigt«, die Stecker zu ziehen und den Sauerstoffhahn abzudrehen. Ich bin Gott dankbar, dass
    er mir die Kraft geschenkt hat, dies nicht zu machen. Wir haben noch einige Jahre, trotz
    steigender Demenz Freude miteinander gehabt, auch als sie nach dem längeren Kranken-haus-Aufenthalt in einem Pflegeheim untergebracht wurde.
    Zum Sterben haben wir dann in den letzten Jahren erfahren, wenn um dem Mann, Vater und
    den Sohn gekämpft wurde. Für mich persönlich stand immer die Bitte des Vater unsers im
    Mittelpunkt: »Dein Wille«, nicht mein Wille geschehe, so auch im Augenblick, wo Ärzte in
    vorbildlicher Weise um das Leben unseres Schwiegersohnes kämpfen.
    Mit einem evangelikalen und fundamentalistischen Ratschlag eines Vetters der an Leukämie erkrankt ist und »Pseudo-Weissheit«: Krebs ist vom Satan, mein Herr hat mich gerettet, weil
    in seinem Wort steht: ». . . sein Wille ist es das wir Heilung erfahren. Das ist uns in Seinem Wort versprochen.« Kann ich nichts anfangen, sondern für mich heisst es auch
    im neuen Kampf um einen lieben und geliebten Menschen: »Dein Wille geschehe«.
    Und ich bitte unseren Gott, seinen Sohn Christus, durch den Geist der Pfingsten, dass er uns, d.h. allen beteiligten Kraft schenken möge.

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