Foto: Anja Morzuch
Kann eine Kirchengemeinde Heimat sein? „Ja!“, meint Küster Thomas Freese und gibt Einblicke in den Gemeindealltag der Apostelkirche Oberhausen-Tackenberg.

Von Tobias Hambuch

Der Slogan an der Pforte preist etwas Unglaubliches an: Einen Ort, an den man so kommen darf, wie man ist – ungeschminkt, unrasiert, mitten aus dem Alltag! Doch wie viel von der angepriesenen Herrlichkeit ist Realität? Als Küster ist Thomas Freese mittendrin im Geschehen. In seiner Jugend erlebte er, wie diese Gemeinde attraktiver als sein Fußballklub wurde. Das sorgte auch für Spannung in der Beziehung zu seinem Vater, dem Jugendleiter des Vereins. Doch die Freude am Gemeindeleben blieb und wurde zur Faszination am praktischen Dienst – das führte ihn direkt in seinen Beruf. Er kennt die APO – Abkürzung für die Apostelkirche auf dem Oberhausener Tackenberg – seit über dreißig Jahren. Seit seinem Zivildienst, der direkt in den Küsterdienst überging, arbeitet er hier. Wie geht er wohl mit dem verheißungsvollen Slogan um?

Anpacken am Limit

Erst vor kurzem fand in der Gemeinde im Ruhrgebiet ein großes Konzert der christlichen Rap-Szene statt – ordentlich Happening also. Thomas Freese gibt zu: „Wenn solche dicken Dinger anliegen, dann schlafe ich in der Woche vorher schlecht. Klappt die Organisation? Haben wir genug Leute, die anpacken?“ Er ist der Mann, der nach dem Event in der Nacht zum Sonntag bis halb zwei auf den Beinen ist. Viel Schlaf bekommt er dann wieder nicht, denn um sechs Uhr klingelt der Wecker am Sonntagmorgen. Er hat Unterstützung an seiner Seite, aber auch jede Menge Verantwortung. „Ich kann nicht sagen: Acht Stunden Job und dann ist alles vorbei. Gerade im Vorfeld von großen Veranstaltungen denke ich permanent darüber nach, was noch getan werden muss. Diese Gedanken nehme ich auch mit nach Hause.“ Für die einen wird hier also ein Zuhause geschaffen, für die anderen bedeutet genau das aber viel Arbeit.

Charly’s Café (Foto: Tobias Hambuch)

Natürlich gibt es auch die eingespielte Routine: Heute ist Dienstag. Also räumt Thomas im Gemeindecafé um, damit Platz ist für die Tischtennisplatte und stellt Getränke kalt. Denn am Abend steht die „T-Time“ an – der wöchentliche Jugendtreff der Gemeinde. Für den Katechumenen-Unterricht zuvor hat er bereits ein Zelt aufgestellt, eine Station auf der interaktiven Reise durch die Geschichte Israels. Später wird er in alte Gewänder schlüpfen und die Rolle des Abraham übernehmen. Er ist am Einzelnen interessiert, will nicht distanziert, sondern nahbar sein.

Er fährt mit auf die Konfirmanden-Freizeiten. Dort spielt er mit den Jungs Fußball und liest mit ihnen in der Bibel. Sonntagmorgens begrüßt er die Menschen mit Handschlag und Namen. Und es sind nicht wenige, die kommen: Gerne mal 300 Menschen von nah und fern. Generationsübergreifend sind sie ihm bekannt.

Die Gemeinde wächst und bleibt Heimat

Beim Gang durch die Gemeinde zeigt Thomas Freese mir, welche Gebäudeteile erst Anfang der 90er-Jahre angebaut wurden – in einer Zeit der steigenden Mitgliederzahlen. Ein modernes Café, eine Kapelle und zusätzliche Versammlungsräume wurden errichtet. Dieses größtenteils ehrenamtliche Projekt hat die Menschen auch zusammengeschweißt. Die Installateure und Schweißer von damals findet man noch heute bei den Seniorentreffen der APO. Als Küster hat Thomas Freese Veränderung sowie Konstanz erlebt: Das Läuten der inzwischen maroden Kirchenglocken wird nun vom Band abgespielt, die modernen Lichtanlagen und Mischpulte können das Kirchenschiff heute in eine Disco verwandeln, die Kirchenbänke dagegen sind seit Jahrzehnten die gleichen. Für neue Anschaffungen muss Budget vom Förderverein vorhanden sein. Aktuelles Spendenprojekt: eine Kippbratpfanne im Wert von rund 5.000 Euro.

Und was ist nun mit der gelebten Willkommenskultur? „Das war immer so. Hier kann man sein, sich wohlfühlen, nach Hause kommen. Hier kann man seine Freunde treffen – das gilt auch für mich. Hier gibt’s auch mal Stress – aber ist eben wie zu Hause.“ Allein das breite Angebot der Gemeinde auf dem Oberhausener Tackenberg zeigt: Die APO will ganz unterschiedlichen Menschen ein Zuhause bieten. Von der Eltern-Kind-Gruppe bis zum Seniorenkreis, vom Glaubenskurs für Suchende bis zur „Apo.Uni“ mit theologischem Tiefgang, von der Kleiderkammer für Geringverdienende bis zum zeitgemäßen Jugendgottesdienst.

Thomas Freese (Foto: Tobias Hambuch)

Thomas Freese begleitet vieles. Bemerkenswert ist, wie vielfältig begabt dieser Mann sein muss – er ist Handwerker, kreativer Kopf, Hausmeister, Lehrer, Menschenfreund, Ermutiger und Koordinator in einem. Auf der großen Bühne findet man ihn dennoch kaum. Darüber ist er froh. Er darf die Strippen im Hintergrund ziehen. Beim Rap-Konzert sorgte er gemeinsam mit einem Team von ehrenamtlichen Mitarbeitern dafür, dass die Künstler den Tag über mit Essen versorgt wurden und richtete Ruheoasen zum Zurückziehen ein. Er kümmert sich darum, dass Menschen sich wohlfühlen. Seine Arbeit lädt andere zum Zurücklehnen ein, zum Nach-Hause-Kommen. Er schippt Schnee, damit die Gottesdienst-Besucher sicher ankommen und mäht den Rasen, damit sie den Frühlingsbeginn im Gemeindegarten genießen können.

„Heilige Momente“ schaffen

Ist dann die Kirche nicht zuallererst Arbeitsplatz und weniger heiliger Ort? „Menschen kommen hierher, um Jesus zu begegnen. Sie erleben hier Gott – das sind heilige Momente! Die Kirchenräume sind Funktionsräume – mit der Funktion, Menschen zu Jesus zu führen. Deshalb sollten sie aber auch sauber und warm sein, also zum Beten und Still-Werden einladen. Das ist meine Art, Gott zu dienen.“ Freese ist ein Wegbereiter. Einer, der schon lange da ist, bevor die Menschen kommen und auch länger bleibt als sie. Wann ist eigentlich Feierabend? „Die Grenzen zwischen Arbeit und Freizeit sind fließend. Ich fange um neun Uhr an und arbeite, bis alle raus sind. Manchmal steht dann zu Hause noch die Vorbereitung des Kinderprogramms an.“

Mit welchem Lob können Menschen zeigen, dass sie diese Arbeit wertschätzen? „Wenn jemand reinkommt und ein Auge für die abgewischten Tische, für die vorbereiteten Räume hat, sich darüber freut oder von der Kanzel ein Dank ausgesprochen wird – das ist eine wirkliche Wertschätzung für mein Tun. Das tut gut.“ Außerdem singt ihm einmal im Jahr die volle Kirche ein Ständchen im Anschluss an den Weihnachtsgottesdienst am späten Abend – Freese hat am 25. Dezember Geburtstag. „Da muss ich dann ganz schnell abhauen, weil mir sonst alle Leute gratulieren möchten.“

Im Gespräch mit dem Küster wird deutlich: „Komm nach Hause!“, das ist die Sehnsucht, die diese Gemeinde hat, ihr Auftrag und ihre Passion. Sie will Menschen ein echtes Ankommen bieten, ihnen nahe sein, mitfühlen, ihr Leben teilen und sie mit Gott in Berührung bringen. Dass dies für die Mitarbeiter, gerade für die Hauptamtlichen, immer auch ein Balanceakt ist zwischen Auf- und Hingabe, zwischen Pflichtbewusstsein und Herzenshaltung, ist deutlich zu erkennen. Thomas Freese meint: „Zum Beten gehe ich rüber zu mir. Da finde ich Ruhe. Hier in der Gemeinde verliere ich mich zu schnell in meinen Aufgaben.“


Tobias Hambuch ist Volontär in der Printredaktion des SCM Bundes-Verlags und hat die Apostelkirche in Oberhausen in seiner Jugendzeit oft als „Zuhause“ erfahren.

Dieser Artikel ist zuerst in Ausgabe 3 der Zeitschrift Gemeinde.Praktisch. – Technik | Service | Know-How erschienen. Das Magazin wird vom SCM Bundes-Verlag herausgegeben, zu dem auch Jesus.de gehört.

Link: Die APO in Oberhausen-Tackenberg

1 DIREKT-KOMMENTAR

  1. Sehr guter Artikel! Und ein toller Typ, dieser Thomas Freese! Solche Mitarbeiter sind die Seele vom Geschäft, aber was, wenn sie mal ausfallen? Was natürlich nicht zu hoffen ist.

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