Christian Staffa ist seit Freitag erster Antisemitismusbeauftragter der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD). Im Gespräch mit dem Evangelischen Pressedienst (epd) erläutert er, warum die Kirche dieses Amt braucht und warum Judenhass unter Christen ein Problem ist.

Der Rat der Evangelischen Kirche in Deutschland hat Sie zum ersten Antisemitismusbeauftragten der evangelischen Kirche berufen. Warum braucht die Kirche dieses Amt?

Staffa: Eigentlich sind alle Christenmenschen nach biblisch theologischer Botschaft „Antisemitismusbeauftragte“. Denn Antisemitismus ist Unglaube. Die kirchliche Tradition hat sich zu Unrecht antijüdisch positioniert, denn nicht nur war und bleibt Jesus Jude, sondern die ganzen Schriften sind nicht vom Judentum und unserer bedingungslosen Angewiesenheit auf das Judentum damals und heute zu trennen. „Antisemitismus widerspricht allem, wofür Christentum steht“, sagt der Ratsvorsitzende der EKD, Heinrich Bedford-Strohm, zu Recht und weist auf das Versagen der Kirchen hin. Statt Judenhass zu bekämpfen haben sie ihn oft genug bis hin zum Mörderischen gestärkt. Das Mörderische schien in Halle gerade wieder auf, aber nicht als kirchliches Momentum.

Was den Antisemitismus, die Judenfeindschaft für Christen so attraktiv gemacht hat, ist aber weitestgehend unverstanden. So braucht die Kirche viele Christen, die sich dessen bewusst sind, und die Gesellschaft braucht eine Kirche, die auf die christliche Grundierung auch des säkularen Antisemitismus hinweist. Insofern brauchen Kirche und die sie umgebend und in ihr wohnende Gesellschaft Aufklärung und Herzensbildung, zu der ein Beauftragter beizutragen versuchen kann und soll.

Wo sehen Sie Handlungsbedarf?

Als Evangelische Akademien in Deutschland haben wir gerade die Schrift „Antisemitismus und Protestantismus“ herausgegeben, in der wir den Spuren des christlichen Antisemitismus im Gestern und Heute nachgehen und Grundlagen für einen offensiven Umgang mit dem Thema zu schaffen versuchen. In der Berliner Landeskirche haben wir eine Broschüre produziert, in der wir anhand der gottesdienstlichen Liturgie jüdische Elemente aufzeigen und Möglichkeiten der Bewusstmachung dieser Verwobenheit mit der jüdischen Tradition und Gegenwart im gottesdienstlichen Handeln anbieten. Beides wird sehr gut aufgenommen. Das muss nun weiter betrieben und in die Ausbildung von Theologinnen, Religionspädagogen, Diakoninnen und Ehrenamtlichen integriert werden. Da ist universitäres und kirchenleitendes Handeln vonnöten, Bereitschaft in Gemeinden und auch Lust auf neue Entdeckungen, die durch diese Arbeit gemacht werden.

Gibt es auch in der Kirche einen Nährboden für Judenhass – einen spezifisch «christlichen» Antisemitismus?

Das einschlägige Zitat für mich ist von Theodor Wiesengrund Adorno aus den Antisemitismusthesen in der Dialektik der Aufklärung: „Im Bild des Juden, das die Völkischen vor der Welt aufrichten, drucken sie ihr eigenes Wesen aus. Ihr Gelüste ist ausschließlicher Besitz, Aneignung, Macht ohne Grenzen, um jeden Preis. Den Juden, mit dieser ihrer Schuld beladen, als Herrscher verhöhnt, schlagen sie ans Kreuz, endlos das Opfer wiederholend, an dessen Kraft sie nicht glauben können.“ Der Mechanismus der hier angedeutet wird, ist der: Die eigenen Glaubensdefizite einerseits und Abgründe andererseits werden auf „den Juden“ projiziert und an ihm bekämpft. Der eigene Unglaube findet so ein Ventil. Der Nährboden ist das christliche Selbstbild, das mit den eigenen Defiziten und Schuldgefühlen nicht umzugehen weiß. Darüber muss viel mehr gesprochen werden: Was macht uns Mühe im Glauben, was Lust, was projizieren wir auf „den anderen“, „den Juden“?

3 DIREKT-KOMMENTARE

  1. Der Begriff „Antisemitismus“ ausschließlich auf die Juden bezogen, ist nicht zulässig, denn es gibt weit mehr Semiten, wie nur das Volk der Juden(Nachkommen Judas des Sohnes Jakobs oder auch Israels, wie sein Gottgegebener Name war).
    Deswegen muss sehr viel mehr unterschieden werden und kann diese simple Gleichung, wie sie hier aufgestellt wurde, nicht gemacht werden. Vielleicht, wenn man das Ganze politisch sieht, aber auf christlicher Basis geht das wirklich nicht. Ansonsten gibt es neutestamentlich, nach den Worten des Paulus – kein Volk Gottes im alttestamentlichen Sinne mehr. Wir sind allzumal Einer in Jesus Christus, egal ob Jude oder Heide. Nichts und niemand Anderer hat rettende Bedeutung, denn Jesus hat ja nicht aus Jux gesagt, dass er „Weg, Wahrheit und Leben“ ist.

    • Natürlich ist es zulässig, Antisemitismus allein auf die Juden zu beziehen. Und nicht nur zulässig sondern das ist die allgemeine Praxis und Definition.

      Hier eine Aussage der Bundeszentrale für politische Bildung dazu:
      „Der Begriff Antisemitismus bezeichnet heute alle historischen Erscheinungsformen der Judenfeindschaft, obwohl er erst 1879 geprägt wurde, um eine neue Form einer sich wissenschaftlich verstehenden und rassistisch begründeten Ablehnung von Juden zu begründen. In dieser Wortneuschöpfung drückt sich eine veränderte Auffassung von den Juden aus, die nun nicht mehr primär über ihre Religion definiert werden, sondern als Volk, Nation oder Rasse. Die Wortbildung Antisemitismus basiert auf sprachwissenschaftlichen und völkerkundlichen Unterscheidungen des ausgehenden 18. Jahrhunderts, in denen mit dem Begriff des Semitismus versucht wurde, den ‚Geist‘ der semitischen Völker im Unterschied zu dem der Indogermanen zu erfassen und abzuwerten. Aus den indoeuropäischen und semitischen Sprachfamilien schloss man auf die Existenz entsprechender Rassen, also der Semiten und der Indogermanen oder Arier zurück, wobei sich dabei eine Begriffsverengung auf die Juden einerseits, auf die Germanen andererseits beobachten lässt. Insofern geht der heute oft zu hörende Einwand, es könne per definitionem keinen arabisch-islamischen Antisemitismus geben, da die Araber selber Semiten sein, an der Sache vorbei, da mit Antisemitismus ausschließlich judenfeindliche Einstellungen und Handlungen gemeint sind. “
      https://www.bpb.de/politik/extremismus/antisemitismus/37945/antisemitismus?p=all

    • nach nochmaligen Lesen:

      Versuchst Du wirklich, den Antisemitismus weg zu definieren, indem Du die Juden selbst weg definierst?

      Weist Du, wie man so etwas nennt?

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