Wenn Asylanträge von Konvertiten abgelehnt werden, sind nicht nur die Betroffenen hilf- und fassungslos. Da ist es gut, wenn Gemeinden kompetent und hilfreich die Asylsuchenden begleiten. Zum Beispiel so.

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„Was mit mir passiert, ist nicht so wichtig“, sagt Farhad.* Diesen Satz habe ich schon oft gehört von Geflüchteten, die zum christlichen Glauben konvertiert sind. Ist das Demut? Vertrauen in Christus und seine Fürsorge, auch über den Tod hinaus? Oder doch eher Fatalismus und Resignation? Vielleicht von allem ein bisschen. Meistens antworte ich: „Uns ist schon wichtig, was mit dir passiert.“

Trost bei abgewiesenen Asylanträgen

Wir sind auf der Rückfahrt vom Verwaltungsgericht. Farhad ist der Einzige, der nicht frustriert und wütend ist. Er hat im Irak gelebt, in Syrien den christlichen Glauben kennengelernt, sich in Bulgarien wohlgefühlt. Getauft wurde er bei uns. Sein innerer Weg dorthin war so lang wie der äußere. Sein Asylantrag wurde abgelehnt. Dagegen hat er Klage eingereicht. Irgendwann stellte sich heraus, dass er seine Konversion zum Christentum und seine Taufe gar nicht erwähnt hatte, weil sie ihm persönlich zu wertvoll waren. Nach dem Besuch bei einer Beratungsstelle im Asylrecht hat Farhad seine Klage zurückgezogen und einen Folgeantrag gestellt, in dem er seine Konversion beschrieben hat. Der Folgeantrag wurde erneut abgelehnt. Deshalb waren wir heute bei Gericht.
Die Verhandlung dauerte keine fünf Minuten. Klage abgewiesen. Der Richter sagte, Farhad hätte seine Konversion glaubwürdig dargestellt. Nur hätte er das im ersten Asylverfahren tun müssen und nicht im Rahmen eines Folgeantrags. Ich bin wütend und frustriert. Weil die Sache selber gar keine Rolle gespielt hat, sondern nur formale Gesichtspunkte, die nicht einmal die ausgebildete Asyl-Beraterin auf dem Schirm hatte. Farhad wird nicht sofort abgeschoben. Es ist gut möglich, dass er bleiben kann. Dafür muss er Integrationsleistungen nachweisen und seinen Lebensunterhalt selber verdienen. Aber wie erhält man sich die Motivation, wenn einem der deutsche Staat in Gestalt seiner Repräsentanten immer wieder sagt: „Für dich ist hier kein Platz“?

Fassungslos angesichts abgelehnter Asylbescheide

Wo Farhad gleichmütig klingt, ist Hossein** sauer. Er ist im Iran Christ geworden. Sein Vater hat gedroht: „Ich bringe dich um.“ Deshalb ist er geflohen. Seiner Taufe gingen einige Gespräche mit einem Pfarrer und der Taufunterricht bei uns voraus. Dann kam sein Asylbescheid: Es wäre nicht sicher, wie sehr der christliche Glaube sein Leben prägt. Außerdem hätte er sich im Iran an die Polizei wenden können. Ist klar.
Zum Glück verlaufen nicht alle Fälle so. Aber wer mit Geflüchteten arbeitet, kennt Asylbescheide, die fassungslos machen. Gerichtsurteile, die Konversionen in Zweifel ziehen, auch wenn kirchliche Vertreter gegenteilige Einschätzungen abgeben. Briefe vom Bundesamt, die nach Jahren ein Gutachten fordern, ob der Glaubenseifer noch vorhanden wäre. Leider auch Abschiebungen in Länder, in denen Konvertierte existenziell bedroht sind. Was können Gemeinden tun?

5 Tipps, wie Gemeinden Konvertiten helfen können

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1. Vernetzt arbeiten

Die Komplexität asylrechtlicher Fragen macht es unmöglich, sich als haupt- oder ehrenamtlicher Gemeindemitarbeiter mal eben schnell einzulesen. Da braucht es kompetente Leute, die man zum Glück in den örtlichen Beratungsstellen findet, oft sogar in Trägerschaft „unserer“ Diakonie. Gleichzeitig besteht oft aber auch theologischer Gesprächsbedarf, z. B. wenn nach der Konversion die persönliche Lage schwieriger wird. Umgekehrt warten die Erfahrungen und Gedanken der Konvertierten darauf, für die hier geborenen Mitchristen fruchtbar zu werden. Da wird theologische Kompetenz gebraucht. Viele haben nach der Konversion nur noch wenig oder gar keinen Kontakt zu Familie und Freunden. Da braucht es Leute, die Zeit haben für Alltagsbegegnungen und Gespräche. Für Konfliktgespräche mit der Ausländerbehörde ist es ratsam, sich Rückendeckung vom Kirchenkreis zu holen. Ein Kirchenasyl würde ich überhaupt nur in Absprache mit dem Kirchenkreis, der örtlichen Flüchtlingsberatung und der Arbeitsgemeinschaft „Asyl in der Kirche“ (www.kirchenasyl.de) ins Auge fassen. Es liegt auf der Hand, dass Menschen mit verschiedenen Kompetenzen Hand in Hand arbeiten müssen. Trotzdem begegnen mir immer wieder Haupt- und Ehrenamtliche, die Konvertierte mehr oder weniger im Alleingang begleiten. Macht euch die Mühe, sucht Mitstreiter, die euch ergänzen, und investiert die Zeit und Energie, die Vernetzung nun mal kostet! Es lohnt sich!

2. Nachgehen 

Das ist aus Sicht der Flüchtlingsberaterin Maria Shakura von der Diakonie Wuppertal ein Knackpunkt im Umgang mit Konvertierten aus dem Nahen Osten. Nicht erst, wenn es Schwierigkeiten im Asylverfahren gibt. „Die Menschen gehen nicht von sich aus davon aus, dass sie erwünscht sind“, sagt sie. „‚Kommt nicht mehr‘ heißt nicht unbedingt ‚will nicht mehr‘.“ Gemeinden sollten immer wieder einladen und ggf. Menschen abholen, natürlich ohne zu bedrängen. Bei Suchtproblemen oder Beziehungsschwierigkeiten ist oft Scham eine echte Hürde: „Wenn ich da regelmäßig hingehe, kriegen die mein Problem ja mit.“ Shakura wünscht sich Gemeinden, „die zeigen: Auch wenn’s mir richtig sch…lecht geht, bin ich da willkommen.“ Nach einem Ortswechsel oder wenn Menschen nach einer Trennung nicht mehr mit dem Ex-Partner/der Ex-Partnerin in dieselbe Gemeinde gehen wollen, wäre es gut, eine neue Gemeinde zu vermitteln und den Übergang zu begleiten.

3. Mitgehen 

Es stärkt Menschen den Rücken, wenn sie zu schwierigen Behördengängen begleitet werden. Ganz abgesehen davon, dass es manchmal den Umgangston deutlich verändert. Bei Gerichtsverhandlungen macht es einen Unterschied, wenn Gemeindeglieder anwesend sind und so die Gemeinde-Zugehörigkeit sichtbar wird. Außerdem schafft es in der Gemeinde ein Bewusstsein für eine Realität, die durchschnittliche Gemeindeglieder im Alltag nicht erleben.

4. Beten

„Bete und arbeite“ – das tut den Aktiven gut und schützt vor Ausbrennen angesichts der Tatsache, dass man auch sehr schwierige Erfahrungen machen kann. Wenn Gemeindeglieder, die nicht aktiv beteiligt sind, die Menschen und die Situation in ihre Fürbitte mit aufnehmen, wächst außerdem der Rückhalt in der Gemeinde. Beten wirkt!

5. Sich den eigenen Grenzen stellen 

Manchmal stehen wir fassungslos vor dem Handeln staatlicher Stellen. Manchmal gelingt die Kommunikation mit den neu gewonnenen Geschwistern nicht. Es gibt Missverständnisse und herbe Enttäuschungen. Wir kommen an die Grenzen unserer Kräfte. Wir ertappen uns dabei, dass auch unser eigener guter Wille begrenzt ist. Es ist gut, wenn wir diese Grenzen im Blick behalten. Es ist gut, wenn wir uns Unterstützung sichern von Menschen, die mit anpacken oder die uns tragen, indem sie sich unsere Erfolgsgeschichten und Enttäuschungen anhören. Spirituelle Formen können helfen, den Mut nicht zu verlieren.

Ja, was wir tun können, ist manchmal nicht mehr als ein Tropfen auf den heißen Stein. Aber jeder Tropfen erzählt vom unend­lichen Meer der Liebe Gottes zu jedem Menschen.

* Name geändert

** Name geändert


Matthias Stempfle schrieb diese Anregungen zuerst für das Magazin 3E (Ausgabe 03/2020). Das Ideenmagazin für die evangelische Kirche erscheint regelmäßig im SCM-Bundes-Verlag, zu dem auch Jesus.de gehört. 

1 DIREKT-KOMMENTAR

  1. Bewundernswert und toll wie die Gemeinden um Ihre neuen Geschwister kämpfen. Das ist Christ-Sein at it’s best!
    Schlimm aber was man über Urteile liest, wo Formalitäten, graue Bürokratie möglicherweise über das Schicksal eines Menschen entscheidet. Auf viele Christen wartet der Tod in der Heimat, und bei uns kann ein Formfehler darüber entscheiden. Wirklich krass.

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