„Suche Frieden und jage ihm nach!“, so lautet die Jahreslosung aus Psalm 34,15. Dahinter steckt das hebräische Wort „Shalom“. Ekkehart Vetter, Vorsitzender der Deutschen Evangelischen Allianz, erklärt seine Bedeutung und nimmt uns mit hinein in seine Interpretation des Psalmwortes.

Wie begrüßen Sie Menschen im Alltag? Schlicht mit „Hallo!” oder „Guten Tag!” oder „Grüß Dich!”? Manche Begrüßungsformeln sind regional beheimatet, so wie „Grüß Gott!” oder „Moin, moin“. In Israel grüßt und verabschiedet man sich mit „Shalom!“ – Friede. Allerdings ist Shalom viel mehr als eine Begrüßungsformel. Dieser Friedensgruß geht weitaus tiefer als ein freundliches „Hallo!“ oder „Guten Tag!“. Die Bedeutung im Hebräischen ist wesentlich breiter, als es unser deutsches Wort Frieden zum Ausdruck bringt.

Umfassender Friedenswunsch

Ursprünglich bedeutet Shalom „Vervollständigung“. Es beschreibt umfassendes Wohlergehen in allen meinen Lebensbereichen – körperlich, psychisch, sozial und auch geistlich. Es ist ein optimaler Zustand des Friedens mit mir selbst und anderen. Im Hebräischen fragt man, wenn man wissen will, wie es jemandem geht: Ma shlomcha – wie ist dein Shalom, wie ist dein Wohlbefinden? In diesem Wort schwingen Gesundheit, Sicherheit, Frieden, Unversehrtheit und Ruhe mit.

Allerdings betrifft der Shalom nicht nur den Einzelnen, sondern fragt auch nach dem kollektiven, sozialen und gesellschaftlichen Wohlergehen – wohl wissend, dass es in der Regel nicht eines ohne das andere gibt.

Im Vertrauen auf Gott

Shalom in diesem Sinne ist untrennbar mit Vertrauen auf Gott, den Schöpfer und Erhalter der Welt, verbunden, durch den man versöhnt mit sich selbst und mit anderen sein kann. Die Gottesbeziehung verhilft zu einem dankbaren Blick in die Vergangenheit, schenkt Lebenszufriedenheit in der Gegenwart und lässt den Menschen hoffnungsvoll in die Zukunft schauen.

Wenn wir aufgefordert werden, diesen Shalom zu „suchen“, ja, ihm „nachzujagen“, dann geht es hier offensichtlich um viel mehr als unser eigenes Glück. Denn wer sich für Shalom einsetzt, hat niemals nur sich selbst im Blick. Er konzentriert sich vielmehr auf das Wohlbefinden des Nächsten, erklärt dies zur Priorität und wird alles in seinen Kräften Stehende tun, damit der Shalom Gottes im kompletten Lebensumfeld gefördert wird.

Wie wir das ganz praktisch tun können, wird je nach unserem persönlichen Umfeld und Einflussbereich immer etwas anders aussehen. Doch ganz gleich, ob wir Mütter oder Väter, Reinigungskräfte, Ärzte, Lehrer, Geistliche, Handwerker, Firmeninhaber oder Politiker sind – wir alle haben einen Einflussbereich, wo wir im Vertrauen auf Gott unseren Shalom ausbreiten sollen.

Verfolgungsjagd

Die sogenannte Jahreslosung, die uns im Jahr 2019 begleitet und den Shalom in den Fokus stellt, scheint unter gefährlichen und druckvollen Lebensumständen entstanden zu sein: „Suche Frieden und jage ihm nach!“ (Psalm 34,15). Hier wird angedeutet, dass Frieden in Beziehungen erstens keine Selbstverständlichkeit und zweitens auch nicht leicht zu erreichen ist. Der Satz ist uralt, er stammt von dem bedeutendsten König Israels, von David, und steht im Gebetbuch der Bibel, den Psalmen.

Aber wie jagt man dem Shalom nach? Die Kombination von Shalom und „radaph“ („nachjagen“) eröffnet ein hochinteressantes Bedeutungsspektrum. Frieden suchen, sich um Frieden bemühen – das sind Verben, die uns im Zusammenhang mit „Frieden“ durchaus vertraut sind. Auch Friedensverhandlungen begegnen uns auf politischer Ebene immer wieder. Aber dem Frieden nachjagen?

Das hebräische Wort „radaph“ ist ein starkes Wort, das die gängigen deutschen Bibelausgaben mit „nachjagen“ übersetzen. Ein Kommentator des biblischen Textes sieht die Ursprungsbedeutung von „radaph“ in der Vorstellung einer Verfolgungsjagd, in der man jemanden oder etwas unbedingt erreichen will.

Doch die Objekte dieses Nachjagens können im Alten Testament auch etwas ganz anderes sein: Man kann der Erkenntnis des Herrn (Hosea 6,3) nachjagen. Die Sprüche Salomos kritisieren den, der nichtigen Dingen nachjagt (12,11). Und wir werden aufgefordert, der Gerechtigkeit (Sprüche 15,9) und der Güte (Sprüche 21,21) nachzujagen.

Leidenschaftlich für den Frieden

Die Bibel beschreibt mit „radaph“ also eine intensive, leidenschaftliche Bewegung mit dem klaren Ziel, etwas unbedingt erreichen zu wollen. Dieser Begriff beinhaltet, dass wir unsere Bemühungen auf ein wichtiges Ziel fokussieren. Und dieses Ziel ist hier der Shalom Gottes.

Ich empfinde die Kombination von Suchen und Nachjagen wie ein Crescendo in der Musik. Suchen ist noch etwas eher Normales, fast Alltägliches, wenn auch zielgerichtet. Aber nun setzt das Crescendo ein. Der Zuhörer spürt: Die Musik steigert sich, wird eindringlicher, lauter, steuert auf einen Höhepunkt zu.

Die Intensität, in der der Shalom Gottes angestrebt wird, steigert sich also immens: Jage Gottes Shalom nach, diesem umfassenden Wohlbefinden der Menschen deines Lebensumfeldes. Investiere in ihre Lebenszufriedenheit. Trage deinen Teil zu ihrem Wohlergehen bei, und vertraue Gott, dass er nicht nur deinen Shalom im Blick hat, sondern auch den Shalom deines Lebensumfeldes.

Wenn Shalom so viel umfasst, wenn radaph eine solche Leidenschaft und Zielgerichtetheit beschreibt, stellt sich dann nicht die Frage nach den Prioritäten unseres Lebens? Und investieren wir eigentlich in das, was bei Gott Priorität hat?

Den anderen im Blick

Dieser alte Satz aus den Psalmen lehrt mich: Frieden ist kein Zufallsprodukt. Ich will in allen meinen Lebensbezügen nach ihm streben. Ich wünsche, dass Menschen spüren, dass ich unbedingt im Frieden mit ihnen leben möchte.

Ich will mit Andersdenkenden reden und mich darum bemühen, sie zu verstehen. Ich denke über ihre Fragen nach. In inhaltlichen Kontroversen will ich respektvoll diskutieren.

Ich will in jedem Menschen ein Geschöpf nach dem Bild Gottes entdecken – egal, wie er oder sie lebt und was er oder sie glaubt.

Weil Gott alle Menschen liebt, bin ich ebenfalls dazu aufgefordert. Ich will mich um umfassendes Wohlergehen anderer bemühen. Ich will lernen zu teilen, damit es anderen besser geht.

Ich will lernen, durch mein Denken, Beten, Schreiben, Reden und Handeln eine Kultur des Friedens in meinem Umfeld zu fördern. Ich will diesbezüglich ein lebenslang Lernender bleiben.

Ich weiß, dass ich selbst viel zu schwach bin. Ich brauche von Gott den Zuspruch des Friedens, der höher als meine Vernunft ist. Ich will den Frieden suchen und ihm nachjagen!

–> Noch mehr zur Jahreslosung findet ihr auf unserer Themenseite Jahreslosung

Dieser Text stammt aus dem Themenflyer zur Jahreslosung 2019, der im SCM Bundes-Verlag erschienen ist. Er ist ab 40 Cent pro Stück (Mengenpreis) erhältlich.

2 DIREKT-KOMMENTARE

  1. Thema leider nur sehr einseitig behandelt. Schade dass der Friede mit Gott nicht angesprochen wird. Der Friedefürst ist Jesus Christus. Nur wer diesen Frieden mit Gott erfahren hat, kann wahrhaft Frieden mit sich selbst und den Mitmenschen machen.
    Paulus schreibt: Soviel an euch ist, lebt mit allen Menschen in Frieden. Es existiert also auch Unfrieden, der sich nicht einfach „erledigen“ lässt. Die Welt, in der die Sünde die Herrschaft hat, kann letztlich keinen wirklichen Frieden erreichen, da der „Durcheianderbringer“ immer wieder für das Durcheiander sorgt.
    Schade, dass von einem Evangelikalen nur Worte kommen, die Klarheit vermissen lassen. Schwaches, menschliches Nachjagen kann kelnen wirklichen Frieden bringen.

    • DEM VERTRAUEN AUF GOTT NACHJAGEN

      Im Vertrauen auf Gott läßt sich Frieden finden – mit den Menschen und genauso wie mit Gott. Natürlich nicht in einem perfektionistischen Sinn. Wir sind nun mal Wesen, die von Gott um ihrer selbst willen trotz ihrer Fehler so geliebt sind, dass Jesus für jeden einzelnen Menschen, der je über die Erde ging, geht oder gehen wird, sogar bis in die tiefsten Tiefen der Existenz hinabgestiegen ist bis ans Kreuz. Dort am Kreuz Jesu Christi wurde das Erlösungswerk nicht nur für den Menschen, sondern für das gesamte Universum begonnen – und aus der Perspektive Gottes in der Ewigkeit – bereits vollendet.

      Wir müssen nichts tun als mit Dankbarkeit glauben und vertrauen, dass man Gottes Gnade und Barmherzigkeit nicht erwerben muss, sondern dass sie geschenkt sind. Dies ist auch die Erkenntnis Martin Luthers bei seiner Suche nach einem gnädigen Gott. Wir verbreiten mehr Frieden auch in einem geistlichen Sinne, wenn wir mehr vertrauen. Die Herrschaft der Sünde ist bereits überwunden mit dem Sieg Jesu über den Tod. Wir müssen ihm nicht mehr nachjagen, er wird geschenkt..
      Was wir tun müssten, ist eher ein Nachjagen eines inneren Vertrauens, dass Gott uns das Wollen und Vollbringen schenkt.

      Die Kritik von Karl Claes an dem Vorsitzenden der Deutschen Evangelischen Allianz wegen seiner angeblich einseitigen Auslegung der Jahreslosug ist gut gemeint, aber überflüssig. Das Werk des Durcheinanderwirbelesr ist insolvent. Das Verfahren dauert noch an, wie auf Erden. In dem Film Don Camillo und Peppone lässt der Drehbruchschreiber seinem ungeduldigen Don Camillo von Jesus sagen: „Du musst Geduld haben Don Camillo, die Welt ist noch nicht fertig. Hier oben rechnen wir nach Milliarden von Jahren“!

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