Vor zehn Jahren erschoss ein 17-Jähriger an einer Realschule im schwäbischen Winnenden mehrere Menschen, darunter auch Nina, eine angehende Lehrerin. Ihre Mutter, Gisela Mayer, beschreibt rückblickend diese „Menschenkatastrophe“ und erzählt, wie aus Verstehen auch Verzeihen wurde.

Ein epd-Gespräch von Judith Kubitscheck

epd: Frau Mayer, am 11. März 2009 starb ihre 24-jährige Tochter Nina in der Albertville-Realschule. Schauen wir zurück: Wie erlebten Sie die ersten Tage und Wochen nach der Tat?

Gisela Mayer: Zuerst schien mir die Tat wie eine unvermeidbare Naturkatastrophe. Es dauerte lange, bis ich mir eingestehen konnte, dass es kein Schicksalsschlag war, dass meine Tochter nicht mehr lebt, sondern die Entscheidung eines Menschen. Die Tatsache, dass meine Tochter durch Mord ums Leben kam, ist sehr viel schwerer zu ertragen als ein Unfall- oder Krankheitstod. Ich habe den Vergleich, weil ich viele Jahre zuvor auch einen Unfalltod in meiner nächsten Familie zu verkraften hatte.

Wie ging es Ihnen, als Sie den Gedanken zuließen, dass die Tat eine «Menschenkatastrophe» war, wie Sie es nennen?

Zunächst war da die unglaubliche Wut auf diesen Menschen – und dann fing ich an, mich zu fragen, wie dieser Wahnsinn geschehen konnte, dass ein Junge zum Mörder wird und seinesgleichen erschießt. Ein ganz normaler Junge, der in einer Familie aufwuchs und in die Schule ging, wie jeder andere auch.

Ich habe die Armseligkeit und den Mangel des Täters gespürt, der die anderen wegen ihres Glückes hasste. Weil sie so leben konnten wie er selbst es nicht konnte. Er hat gar nicht erfahren, was Leben bedeutet und auch nicht erkannt, was er vernichtet. Warum war er voller Hass, was ist schiefgegangen? Als ich mich das fragte und nach seinen Beweggründen suchte, wurde für mich aus dem monströsen Täter ein im Grunde armseliger, hasserfüllter Junge.

Hatten Sie auf Ihrer Suche auch Kontakt zu den Eltern?

Nein, das ist mir leider nicht gelungen. Gerne hätte ich mir ein Bild davon gemacht, wie der spätere Mörder so vieler junger Menschen aufgewachsen ist. Da muss irgendetwas geschehen sein, dass sich dieser Junge so entwickelt hat. Der Gerichtsprozess war die einzige Gelegenheit, an der ich den Vater des Jungen gesehen habe. Er wirkte völlig emotionslos.

Sie sprechen von dem Mangel, den sie bei Tim K. gespürt haben – half dieser Blick auf den Amokläufer Ihnen auch, Mitgefühl für ihn zu entwickeln?

Es war eher ein Verstehen. Es war ein Prozess, der in mir stattgefunden hat, ich habe diese unglaubliche Leere in ihm gesehen, die so groß war, dass sie dazu geführt hat, Hass auf die Fülle des Lebens anderer zu entwickeln und ihr Leben zu zerstören. Das muss furchtbar sein, wenn man vor lauter Hass ausgeschlossen ist von jeder guten Empfindung! Dieser Prozess des Verstehens und Bedauerns hat nichts mit der Schuldfrage zu tun, auch nicht damit, ob Lehrer oder Psychiater etwas hätten merken müssen. Ich entschuldige damit auch den Täter nicht. Seine Tat und die Schuld bleibt. Aber heute kann ich sagen, dass ich vieles verstehe. Man nennt das Verzeihen. Ich selbst scheue davor zurück, einen so anspruchsvollen Begriff zu verwenden.

„Heute empfinde ich keinen Hass mehr ihm gegenüber“

Wirklich? Können Sie das tatsächlich, diesem Menschen verzeihen?

Ich habe mir zu keinem Zeitpunkt vorgenommen, ihm zu verzeihen oder zu vergeben. Doch heute empfinde ich keinen Hass mehr ihm gegenüber. Das befreit mich, dass ich nicht durch Hass an einen Menschen gebunden bin, den ich nicht einmal kenne, der mich aber fesselt und der auch mein Leben komplett verändert hat. Zuerst fühlte ich nur Entsetzen und eine große, überwältigende Wut. Dann, als ich ihn versuchte zu verstehen, habe ich andere Gefühle entwickelt: Der Täter wurde ein eigentlich bedauernswerter Junge, keineswegs der große Rächer, der er selbst gerne sein wollte.

Was sagen die Eltern, die ebenfalls ein Kind bei der Tat verloren haben, dazu, dass Sie so über Tim K. denken?

Das sorgt eher für Unverständnis. Oft höre ich: «So etwas kann man doch nicht verzeihen – das war doch deine Tochter.» Aber mein Schmerz wird dadurch, dass ich den Täter hasse oder dieser leidet nicht kleiner. Das eine ist nicht mit dem anderen verknüpft. Das ist das fatale am Gedanken der Rache. Viele Menschen denken, wenn ich mich am Täter räche ist der Verlust besser zu ertragen. Die Trauer um meine Tochter und dass sie nicht leben durfte, ist völlig unabhängig von dem Täter.

Wie sieht es bei Ihnen zu Hause aus? Kann ihre Familie nachvollziehen, dass Sie diese Haltung zum Mörder ihrer Tochter haben?

Ja meine Familie versteht das, weil sie mich kennt und weiß, wie ich das meine. Und sie gehen diesen Weg auch mit – ganz besonders mein Mann. Das Verzeihen ist mir passiert. Es war nicht meine Absicht, es war nicht mein Können, es war eigentlich (überlegt) – es war eher Gnade.

„Mein Glaube hat mir
in allem Halt gegeben“

Gnade – das klingt nach christlichem Glauben. Motivierte Sie auch ihr Glaube, über Vergebung nachzudenken?

Ja, komischerweise hatte ich in meiner Trauer nie eine Phase, in der ich an Gott gezweifelt hätte. Ich habe nie die Schuld bei ihm gesucht und gefragt: «Warum konntest Du das zulassen?» Nach dieser ersten Phase der Erstarrung sah ich es immer als meine Aufgabe, zu begreifen, was da passiert ist. Ich bin gefordert. Mein Glaube hat mir in allem Halt gegeben.

Bald naht der 11. März – und damit jährt sich der Todestag Ihrer Tochter zum zehnten Mal. Bricht da wieder alles in Ihnen auf?

Da bricht nichts auf, weil ja nie irgendetwas zu, geschlossen oder verheilt war. Zehn Jahre sind aus Trauerperspektive eine kurze Zeitspanne. Natürlich habe ich Respekt vor dem Tag. Es ist für mich eine Herausforderung, an diesem Tag in der Öffentlichkeit zu sein. Neben allem, was an Schönem getan wird, um den Opfern zu gedenken wird es auch die ganz stillen Momente geben, in denen ich mit meiner Tochter alleine bin. Das sind Augenblicke, die guttun. Ich brauche dann einfach nur Ruhe.

Gisela Mayer ist Vorsitzende der Stiftung gegen Gewalt an Schulen


Bei Berichten über Tötungsdelikte wie diesem mahnt der Pressekodex zur Zurückhaltung – auch, um keine Nachahmer zu inspirieren. In diesem Fall erschien uns jedoch die Verarbeitung der Tat durch die Mutter eines Opfers berichtenswert.
Sollte jemand von euch betroffen sein oder persönliche Probleme haben, empfehlen wir die Mitarbeiter der Telefonseelsorge. Dort gibt es rund um die Uhr Ansprechpartner, auch anonym.

  • Telefonseelsorge: 0800 – 111 0 111 oder 0800 – 111 0 222
  • Kinder und Jugendtelefon „Nummer gegen Kummer“: 116 111 (Mo. bis Sa. von 14 – 20 Uhr)

2 DIREKT-KOMMENTARE

  1. Vergebung nach Winnenden ist jesusgemäß

    Ein sehr gutes EPD-Gespräch mit der Mutter einer getöteten damals angehenden Lehrerin bei dem furchtbaren Amoklauf in Winnenden. Daß Gisela Mayer den Täter eher in seiner Armseligkeit und seiner großen Schuld sieht, mag wundern und dagegen manche in Unverständnis versetzen, wenn jemand wie Frau Mayer aber auch ihren Hass vollständig überwunden hat. Hass ist ein schlechter Ratgeber, er ändert nicht das Geschehene und er trocknet zudem den Boden aus, auf dem der Samen des Wortes Gottes nicht angehen und Frucht bringen kann.

    Wir sind heute in unserer modernen und schnelllebigen Industriegesellschaft gegen ganz zentrale Lebensaussagen Jesu zumeist regelrecht immun wie gegen ein Antibiotikum, dass man zu oft oder zu falschen Anlässen eingenommen hat. Christsein kann nicht reduziert werden auf ein Gefühl oder auch eine Lebenspraxis nach dem Motto „seid nett zu einander“. Das könnte dann (unbewusst und unbeabsichtigt) eine Art Freundlichkeitskult sein zu Leuten, die auch freundlich sind und die wie wir leben. Andererseits haben wir dann unsere orts- und personen- und kulturüblichen Vorurteile und gehen milde mit denen um, die sie ebenso praktizieren. Wir betrachten dies, wenn nicht näher darüber nachgedacht wurde, auch als christlich

    Wenn Jesus auf eine Suggestivfrage, wie intensiv denn Vergebung sein sollte, antwortet: „77 x 7 muss man vergeben“, ist guter Rat teuer. Es ist unschwer zu erkennen, daß damit ausgeschlossen sein sollte, über einem Menschen für alle Zeiten den Stab zu brechen. Bei aller berechtigten Kritik gegen die Aussage, Christentum sei vorallem als Summe abendländisch kulturelle Werte und Normen anzusehen, hat selbst der Gesetzgeber bei uns und in vielen anderen Gegenden dieser Welt die Todesstrafe oder 200 Jahre Gefängnis ausgeschlossen und nach Verbüßung der Strafe ein Zurück in die Gemeinschaft ermöglicht. Selbst ein Kain, der seinen Bruder Abel erschlug, findet Gnade vor Recht bei Gott und muss in die Verbannung; niemand darf ihn töten. Deshalb hat Strafe, ausser dass sie auch resozialisieren soll, vorallem die Funktion durch das Verbüßen dieser Strafe von der Schuld befreit zu werden.

    Daß von Tötungsdelikten oder anderen furchbaren Verbrechen betroffene Menschen oder deren Angehörige einem/einer Täter/in auch nach Jahren nicht vergeben können, könnte auch mit einer falschen oder überzogenen Vorstellung zu tun haben, was man unter Vergebung versteht. Ich glaube auch nicht, daß Gott von uns erwartet, für einen gewesenen Gewaltverbrecher liebevolle Gefühle im Herzen zu entwickeln. Dies wäre in der Tat vorallem für nahe Angehörige von Opfern eine völlige Überforderung. Den Stab nicht zu brechen heißt nichts anderes, als dem Gestrauchelten, und sei seine Tat noch so schlimm, nicht doch auf Dauer seine Menschlichkeit abzusprechen und es zu akzeptieren, dass eigentlich jeder eine zweite Chance haben darf. Wer zuerst den Hass ablegt und dann nach einiger Zeit auch in seinem Herzen einen Schlußstrich zieht, trägt zum eigenen Frieden seiner Seele bei. Wenn wir so Menschen – bildlich gesehen – von unserer inneren Liste unserer schlimmsten Feinde streichen, befreien wir uns von einer eigenen Last.

    Immerhin: Christus hat durch sein Opfer für alle Menschen deren Schuld ans Kreuz genagelt. Sie ist durchgestrichen und wir sind unverdient begnadigt. Eigentlich erwartet man in Gottes Welt, dass wir dies in kleinen Schritten in unserem Leben ebenso praktizieren. Ein Mensch, der viele Menschen erschießt, hat keinen Anspruch auf Hassverzicht und Vergebung. Dagegen ist jeder Abbau dunkler und destruktiver Gefühle einem solchen Menschen gegenüber als christliche Barmherzigkeit immer unverdient. Vergebung ist immer etwas, worauf keinerlei Anspruch besteht und die man trotzdem wie ein Geschenk ohne Gegenleistung erhält. Biblisch ist dies mit dem Begriff „Gnade“ umschrieben. Wir sollen gnädig sein.

    Vergebung ist allerdings keine schnelle spontane Umkehrung gefühlsmäßiger Verhältnisse. Das stumme oder laute Grauen in Menschen, denen Unsägliches angetan wurde, kann nicht in wenigen Wochen oder Monaten überwunden werden. Die längerfristige Überwindung des Hasses bringt aber letztlich auch die eigene Verarbeitung schlimmer Traumata auf einen guten Weg. Den Krieg im Herzen – wenn auch nach langer Zeit – zu beenden, wäre ein Weg des Evangeliums. Man muss also Menschen, denen man – wie Jesus fordert – 77 x 7 mal vergibt, nicht ins Herz schließen, liebevolle Gefühle für sie entwickeln und sie zu persönlichen Freunden machen.

    Es scheint mir eher so zu sein, wie wenn zwischen zwei Staaten ein furchtbarer Krieg stattfand. Als schließlich alles in Schutt und Asche lag, man danach auf beiden Seiten mit dem Wiederaufbau begann, fand man langsam wieder Wege und Möglichkeiten, miteinander zu leben. Es stand dabei vielmehr die Frage auf beiden Seiten im Raum, wie man das Durchlittene für die Zukunft verhindern kann. Die Waffen an den Grenzen wurden demontiert und man betrieb – wie mit allen anderen – wieder einen ganz normalen Handel. Heißt es doch im Neuen Testament: „Wer die Hand an den Pflug legt und sieht zurück, ist nicht geschickt für das Reich Gottes“! Wer zurückschaut, kann das Feld der Zukunft nicht beackern. Denn es gibt eine Zukunft. Vergangenes kann niemand rückgängig machen. Zukunft ist immer eine gestaltbare Zeit.

    Jesu Forderung, auch die Feinde zu lieben, liegt etwa auf der gleichen Linie wie die Vergebung. Aber diese Aufforderung hat eine größere Bandbreite von Möglichkeiten. So kann man – subjektiv zu recht – einen bösen Nachbarn als Feind betrachten, aber es gibt die Möglichkeit mit ihm durch langsame Annäherung zu einem normalen Umgang zu kommen und ihn langfristig zum Freund zu gewinnen. Viele Aussagen Jesu, insbesondere auch diejenigen in der Bergpredigt, könnten in jedem Lehrbuch für angewandte Psychologie als gute Lebenstipps aufgenommen werden. Nichts im Neuen Testament ist lebensfremd.

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