Den Alltag kreuzen – das tun 40 Männer auf einer Pilgerwanderung in der Passionszeit. Manche suchen die Herausforderung, andere Neuorientierung und Kraft in einer Lebenskrise. Welche Aktualität kann die Geschichte vom Kreuz für ihr Leben haben? Schritte durch die Nacht ins Licht.

Von Dr. Manfred Gerland

Es ist Nacht – die Nacht von Gründonnerstag auf Karfreitag. Über vierzig Männer haben sich auf den Weg gemacht, um in dieser besonderen Nacht auf einer Pilgerwanderung dem Leiden und Sterben Jesu nachzugehen, über sich selbst nachzudenken und eine spirituelle Erfahrung zu machen. Die Texte und Rituale erzählen von Freundschaft und Verrat, Aggression und Hingabe, Macht und Ohnmacht, Schweiß und Blut. Themen, die Männer beschäftigen, kommen zur Sprache und Darstellung. Gerade hatte einer der Leiter die Männer in ein Gespräch mit Petrus am Lagerfeuer verwickelt. Plötzlich ist die 2.000 Jahre alte Geschichte von Verrat und Verlassenheit ganz aktuell. Die meisten schauen schweigend ins Feuer und hängen ihren Gedanken nach. Andere beginnen zaghaft ein Gespräch zu zweit oder zu dritt. Wir gehen weiter.

Biblische Geschichte trifft auf reales Leben

Neben mir geht Udo Er trägt das schlichte, aus zwei Ästen zusammengefügte Holzkreuz mit einer Dornenkrone aus Stacheldraht der Gruppe voran. Als ich ihn frage, woher er komme und wie er von diesem Pilgerweg erfahren habe, erzählt er mir seine Geschichte: Er kommt aus Thüringen, hat im Internet zufällig von diesem Pilgerweg gelesen und ist für diese Nacht ca. 150 Kilometer angereist, um dabei zu sein. Seine Freundin hat ihn verlassen, so berichtet er, und er ist „völlig von der Rolle“. In erstaunlicher Offenheit erzählt er, wie er nun ohne Halt ist. Er muss aus der gemeinsamen Wohnung ausziehen und weiß nicht wohin. Auch beruflich ist es zurzeit schwierig. Er arbeitet im Marketing als Werbetexter. Sein Chef hat ihn vorübergehend freigestellt, weil er ihn so nicht gebrauchen kann. Er soll sich eine kreative Auszeit nehmen und endlich wieder in die Spur kommen.

„In dieser Nacht wird ihm klar,
wie aktuell diese
2.000 Jahre alte Geschichte ist.“

Warum er in diesem Zustand ausgerechnet an dem Männernachtpilgerweg teilnimmt, weiß er auch nicht so genau. Aber er ahnt und spürt – so sagt er –, dass er in der Geschichte dieser Nacht irgendwie vorkommt und dass er in seiner Suche nach Neuorientierung hier anknüpfen kann. Vor allem braucht er jetzt Kraft und einen neuen Halt. Die alten Strukturen seiner männlichen Identität sind ins Wanken geraten, er ist zutiefst verunsichert und „leidet wie ein Hund“. Es tut ihm gut, das alles im Dunkeln einmal auszusprechen. Die Geschichte dieser Nacht hört er in dieser Ausführlichkeit heute zum ersten Mal. In der DDR geboren und aufgewachsen, hatte er keine Verbindung zu Kirche und Christentum. Natürlich wisse er, dass Jesus gekreuzigt worden sei, aber die näheren Umstände seien ihm unbekannt. In dieser Nacht wird ihm klar, wie aktuell diese 2.000 Jahre alte Geschichte ist. In den Bibeltexten, die zur Sprache kommen, begegnet ihm eine andere Wirklichkeit, die ihn neugierig macht. In den Ritualen und Symbolen verbindet sich diese Wirklichkeit mit seiner Leidensgeschichte. Das Aussprechen seiner inneren Not hat ihm sichtlich gutgetan.

Segen empfangen inmitten der Dunkelheit

Ich spüre deutlich, dass wir zwei jetzt noch einen Schritt weitergehen können. Ich frage, ob ich ihn segnen darf. Ja, das möchte er gern. So gehen wir ein paar Schritte zur Seite. Während die anderen im Dunkeln an uns vorüberziehen, lege ich ihm die Hände auf und stelle ihn im Segen unter den Schutz und in den Machtbereich des Gekreuzigten und bitte, dass er sich seiner erbarme. Wir gehen weiter durch die Nacht. Als die Sonne aufgeht, sind wir am Ziel unserer nächtlichen Pilgerwanderung angekommen: Es ist der „Gehülfe“, ein fast tausendjähriger

„Der GEKREUZIGTE EMPFÄNGT UNS MIT OFFENEN AUGEN UND EINEM LÄCHELN AUF DEN LIPPEN.“

Kruzifixus auf dem Hülfensberg, einem alten Wallfahrtsort im thüringischen Eichsfeld. Als romanischer Kruzifixus empfängt uns der Gekreuzigte mit offenen Augen und einem Lächeln auf den Lippen. Nicht eine Dornenkrone, sondern eine richtige Krone hat er auf dem Kopf. Es ist nicht der leidende, sondern vielmehr der Christus, der bereits durch den Tod hindurch ist, der den Tod überwunden hat. Seine am Kreuz ausgebreiteten Arme scheinen zu sagen: „Kommt her, die ihr schwere Lasten tragt, ich will euch wieder aufatmen lassen.“ Jeder kann nun seinen Stein, den er unterwegs aufgenommen und in den er symbolisch die Last seines Lebens gelegt hat, zu Füßen des Gekreuzigten ablegen.

Was suchen Männer in dieser Nacht? Einige suchen eine neue körperliche und mentale Herausforderung, andere eine besondere spirituelle Erfahrung im gemeinsamen Wandern durch die Nacht. Wiederum andere suchen Halt und Orientierung in einer Lebenskrise und Kraft für den Alltag. In dieser besonderen Nacht brechen viele Fragen auf. Manchmal sind es Grundfragen der Identität in der Sehnsucht nach Leben: Wer bin ich eigentlich? Was will ich eigentlich? Kann ich mich auf mich – mein Gefühl, meinen Körper, meinen Verstand – verlassen? Wer ist der andere? Was will er? Kann ich ihm – seinem Wort, seinem Verhalten, seiner Liebe – vertrauen?

Wir alle machen die Erfahrung, dass unser Alltag in Krisen, in die wir ungewollt geraten, gekreuzt wird, dass die gerade Linie unseres Lebens von einer anderen Linie irgendwoher gebrochen und durchquert wird. Ist eine Lebenslinie gebrochen, so sprechen die Menschen von verfehltem Leben. Dabei ist die gebrochene Linie gerade die richtige. Gott sei Dank dürfen wir dann umkehren und in den Querweg einbiegen. Das Leben erhält sich nur, wenn es immer wieder im Kreuzwinkel läuft, wenn immer wieder etwas gegen das Leben da ist und den Lauf abbiegt. Ist das eine zu pessimistische Sicht? Nein! Ich bin Christ. Kreuzweg und Kreuzigung Christi haben mich von der Lüge des Lebens erlöst, dass das Leben immer gerade verläuft. Gott allein schenkt die Gnade, das Kreuz im Leben zu sehen, zu bejahen und zu lieben. Nur so können wir mit Christus immer wieder neu anfangen.


Dieser Artikel ist zuerst in der Zeitschrift MOVO erschienen, die wie Jesus.de zum SCM Bundes-Verlag gehört.

Es handelt sich um einen Auszug aus dem Buch „Männlich glauben: Eine Herausforderung für den spirituellen Weg“ von Manfred Gerland. Er ist Geistlicher Leiter der Ev. Bildungsstätte Kloster Germerode und Pfarrer für Meditation und geistliches Leben der Ev. Kirche von Kurhessen-Waldeck. Das Buch ist beim Autor erhältlich: manfred.gerland@ekkw.de

 

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