Der Bundestags-Abgeordnete Frank Heinrich (CDU) ist eine Woche durch Nigeria gereist, um sich vor Ort ein Bild von der Lage der verfolgten Christen zu machen. Im Interview erzählt er von zerstörten Schulen, Krankenhäusern und Kirchen – und der Angst der Menschen, die trotzdem für die „Boko Haram“-Terrorristen beten.
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Herr Heinrich, was war der Anlass für ihre Reise?

Frank Heinrich: Mir persönlich und auch meiner Fraktion ist die Situation der verfolgten Christen ein vordringliches Anliegen in der Menschenrechtspolitik, nicht weniger als 80 Prozent aller religiös verfolgten Menschen sind Christen. Ich selber war 2009 als Neuling im Bundestag verwundert, wie präsent dieses Thema ist. Der Stephanuskreis etwa ist sehr aktiv. Wir erhalten Berichte von verschiedenen Kirchen und Nichtregierungsorganisationen, die uns oft erschüttern. Auch in meiner Funktion als Obmann hörte ich öfter von Nigeria. Nun wollte ich die Lage selber in Augenschein nehmen, ein persönlicher Eindruck ist immer tiefer und prägender als eine indirekte Information. Ein zweiter Grund: Mit meinen Eltern war ich als Kind oft bei Christen hinter dem eisernen Vorhang, in Rumänien oder der DDR. Dort habe ich erlebt, wie ermutigend das für die Christen vor Ort war. Es gab im Vorfeld meiner Reise vehemente Warnungen des Auswärtigen Amtes wegen der Sicherheitslage und der Angst vor Entführungen, aber ich wusste, dass es kaum persönliche Besuche und Unterstützung für die Christen in Nigeria gibt. Deswegen habe ich mich im Auftrag des Bundestages auf den Weg gemacht.

Vielleicht zunächst ein Überblick. Wie ist die Situation in Nigeria?

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Je nach Region is die Lage sehr divers, allgemein ist Unsicherheit zu spüren, Nigeria ist von Gewalt geprägt. Im angehenden Präsidentschaftswahlkampf ist vieles undurchsichtig. Das ganze Land ist durchdrungen von Korruption, schwachen staatlichen Akteuren und einer Kultur in der Aggression und Terror zum Alltag gehören. Der Süden ist vor allem von Christen geprägt, dort leben viele Reiche, auch Christen sind vielfach sehr wohlhabend. Hier sind Entführungen und Alltagskriminalität aus wirtschaftlichen Gründen an der Tagesordnung. Der mittlere Gürtel wird erschüttert von Überfällen und Auseinandersetzungen verschiedener ethnischer Gruppen. Eine unrühmliche Rolle spielen die Fulani, ein Nomadenvolk, das hin und wieder ganze Dorfbevölkerungen ermordet oder vertreibt. Sie verzehren die Ernten, vernichten das Saatgut und damit die Lebensgrundlage der Menschen. Mehrheitlich Christen sind Ziel dieser Überfälle. Im muslimischen Nordosten verübt die Boko Haram ihre terroristischen Anschläge und versetzt ganze Regionen in Angst und Schrecken. Auch hier trifft es hauptsächlich Christen, allerdings sind auch gemäßigte Muslime Ziel der Angriffe.

Wie stark beeinflusst die Angst der Menschen ihren Alltag?

Die Gefahr der Verfolgung ist allgegenwärtig. Mir wurde eine drei Daumen dicke Mappe übergeben, in der die Kirchen das Ausmaß der Verfolgung dokumentiert haben: vernichtete Gotteshäuser, Listen mit den Namen von hunderten, ja tausenden von Pastoren und anderen Christen, die verschleppt oder ermordet wurden. Bei einem solchen Ausmaß der Zahl und der Breite der Angriffe – von einer Region heißt es 97 Prozent aller Kirchengebäude wurden attackiert und zerstört – ist die Angst natürlich allgegenwärtig. Und trotzdem hat mich beeindruckt, mit welcher Gefasstheit die Menschen von ihrer Not berichtet haben.

Welche Auswirkungen haben die Verfolgungen auf den Alltag der Christen? Wie leben sie persönlich und als Kirchen ihren Glauben? 

Krankenhäuser, Schulen und Kirchen von Christen im Norden sind sind fast vollständig zerstört oder von der Boko Haram enteignet und umgewidmet worden. Wir waren auf dem Campus eines ehemals blühenden Theologischen Seminars, er lag brach – viele Studenten wurden getötet, der Rest vertrieben. In manchen Regionen ist christlicher Religionsunterricht verboten, manchmal wird sogar Zwang ausgeübt, islamischen Unterricht zu besuchen. Und doch habe ich erlebt, dass die Christen ihren Glauben leben und fröhliche Gottesdienste feiern. Sehr beeindruckt hat mich auch, dass die verschiedenen Kirchen einen gemeinsamen Vertreter gewählt haben, um mit einer Stimme zu sprechen.

Wie spürbar ist die Angst vor weiteren Entführungsfällen?

Die Angst ist mit Händen zu greifen. In einer Stadt, die ich besuchte, durfte ich bestimmte Viertel nicht betreten, weil sie regelmäßig angegriffen werden. Und selbst die Militärpatrouille, die mich auf dieser Reise begleitete – alleine schon, dass es für notwendig erachtet wurde, mich zu meinem Schutz permanent mit acht bewaffneten Soldaten zu begleiten, spricht Bände – wollte bestimmte Straßen wegen kurz zuvor erfolgter Attacken nicht benutzen.

Christen und Muslime haben in Nigeria lange Zeit friedlich zusammengelebt. Ist das Misstrauen im Alltag gewachsen, oder gibt es auch Solidarität miteinander gegen Boko Haram?

Ich habe die Hauptmoschee von Nigeria in Abuja besucht und mich dem Generalsekretär und dem geistlichen Führer unterhalten. Sie distanzierten sich vehement von der terroristischen Form des Islam, wörtlich sagten sie: „Das ist nicht unser Glaube, das ist nicht der Islam.“ Von Christen hörte ich ein Beispiel für Solidarität: einige Kirchen wurden unter Mithilfe von Muslimen wieder aufgebaut, Hilfsgüter wurden unter Christen und Muslimen geteilt, und in einem Fall wurde der Pastor im Anschluss an die Einweihung eingeladen eine Rede in der Moschee zu halten. Das sind zwar Ausnahmen, aber durchaus ermutigende Beispiele. Mir kommt es so vor als wären die meisten Muslime nicht zu Gewalt bereit, schweigen aber aus Angst vor eigener Gefährdung, womit sie sich allerdings indirekt von den Extremisten instrumentalisieren lassen. In der Hauptstadt gibt es einen lebendigen interreligiösen Dialog, an dem auch Vertreter staalicher Organisationen wie Behörden, Polizei und Militär beteiligt sind.

Fühlen sich die Menschen von der Regierung und Armee ausreichend geschützt?

Das würde ich vollkommen verneinen, auch wenn ich es natürlich nicht für alle Regionen und alle Menschen behaupten kann. Folgendes Erlebnis zur Illustration: Wir fahren in ein Dorf, in dem sehr viele Flüchtlinge Unterschlupf gefunden haben. Kaum taucht das Auto mit den Soldaten auf, das uns voraus fährt, verschwinden die meisten Menschen fluchtartig von der Straße. Erst als sich herausstellt, mit welchem Auftrag die Militärs unterwegs sind, nämlich zum Schutz eines deutschen Abgeordneten und von Kirchenvertretern, kommen die Menschen langsam zurück. Viele sind von uniformierten Menschen bedroht und vertrieben worden. Die Regierung, das muss man festhalten, bemüht sich nach Kräften, die Menschen zu schützen, doch durch die Korruption versickeren die Bemühungen auf den Dienstwegen. Die ethnischen, religiösen und politischen Konflikt verhindern eine stabile Sicherheitslage.

Was können Menschen in Deutschland tun, um den Christen in Nigeria zu helfen?

Ich habe einen ganz konkreten Auftrag mitbekommen. Der mich übrigens sehr überrascht und umso mehr berührt hat. Pastoren verschiedener Kirchen baten mich, den Christen in meinem Land zu sagen, nicht zu vergessen auch für Boko Haram zu beten. „Liebet eure Feinde“, kann ich dazu nur sagen. Das „auch“ schließt natürlich ein, für die Christen zu beten, und ihre Sorgen und Not überhaupt erst einmal wahrzunehmen, und sie dann auch zu kommunizieren. Eine konstruktiv formulierte, aber deutliche Klage der Geschwister war, dass „die Christenheit“ es nicht schafft, das Leiden der verfolgten Christen in Nigeria wahrzunehmen und als eine einheitliche Stimme anzusprechen. Also: geben wir den Menschen eine Stimme und beten für sie.

Herr Heinrich, vielen Dank für das Interview

Das Gespräch führte Uwe Heimowski 
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Frank Heinrich (50) ist ehemaliger Heilsarmeeoffizier und seit 2009 Mitglied des Deutschen Bundestags. Dort arbeitet er als Obmann der CDU/CSU-Fraktion im Ausschuss für Menschenrechte und Humanitäre Hilfe mit und ist Mitglied im Ausschuss für Wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung. Er engagiert sich im Stephanuskreis seiner Fraktion für verfolgte Christen.

(Quelle: jesus.de)