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Bundeskanzlerin Angela Merkel hat am Samstag mit hochrangigen Vertretern aus Politik und Kirche den 60. Geburtstag des Evangelischen Arbeitskreises der CDU/CSU (EAK) gefeiert. "Engagierte Christen müssen für Demokratie und Menschenrechte eintreten", erklärte sie bei ihrer Festrede in Siegen.

"Das Christentum hat unser Land in einzigartiger Weise geprägt und war auch Gründungsimpuls der CDU", erklärte Merkel vor gut 1.000 Besuchern in der Siegerlandhalle. Die Union, in der traditionell viele Katholiken vertreten seien, habe sich immer auch als ökumenisches Projekt verstanden. Das Gelingen des Arbeitskreises sei "nicht selbstverständlich", sondern ein Grund zur Dankbarkeit. Der EAK sei auch in Zukunft als "Scharnier zwischen der CDU/CSU und der Evangelischen Kirche nicht wegzudenken".

"Politischer Pragmatismus und die Orientierung an festen Grundsätzen sind oft schwer in Einklang zu bringen", sagte Merkel. "Nicht umsonst sind die Abgeordneten ihrem eigenen Gewissen verpflichtet." Politik und Religion seien in Deutschland vielfältig miteinander verbunden. "Die Politik ist nicht allwissend und allmächtig, und kein Politiker kann aus eigenem Antrieb einen Sinn stiften", erklärte die Kanzlerin. "Dieser Sinn ergibt sich aus einem anderen Teil des Lebens als der Politik, und das finde ich beruhigend." Im politischen Diskurs sei es für sie immer hilfreich gewesen, wenn die Evangelische Kirche in Deutschland Grundlinien zu ethischen Fragen veröffentlich habe. "Die Kirche sollte aber nicht der Versuchung erliegen, auf jede einzelne politische Frage eine Antwort zu haben." So habe die Bibel nicht für jedes Problem auch eine einfache Lösung parat. "Sie ist uns aber ein Kompass, der Orientierung gibt", bekannte Merkel.

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Schneider: Wir beten für Merkel

Der Ratsvorsitzende der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD), Nikolaus Schneider, bedankte sich im Namen seiner Kirche für die Leistungen des EAK: "Von Beginn an ist diese Arbeit gedacht als Brücke zwischen Christen, die sich in der Kirche und der CDU engagieren." Anders als im Gründungsjahr 1952 sei es heute in den Hintergrund gerückt, ob ein Politiker nun ein "e" (für evangelisch) oder ein "k" (für katholisch) mit sich führe, so langer er sich auf christliche Werte konzentriere.

Gerade durch herausfordernde ethische Fragen wie die nach der Stammzellenforschung oder nach Patientenverfügungen sei es von Bedeutung, dass der EAK tragfähige Antworten formuliere. "Liebe Frau Merkel", sagte Schneider am Ende seiner Rede, "wir wissen, welche Lasten Sie tragen und Sie sollen wissen: Unsere Fürbitte und Dankbarkeit begleiten Sie dabei."

Rachel: Für verfolgte Christen einsetzen

Der Bundesvorsitzende des EAK, der Bundestagsabgeordnete Thomas Rachel, erklärte, der EAK wolle eine Brücke zwischen Politik und Kirche bauen. "Wir wollen in der Union zu einer differenzierten Debatte anregen", so der Politiker. Auch wenn Glaube nicht mehr als selbstverständlich vorausgesetzt werden könne, so sei er relevant. Darum sei es wichtig, dass Christen den Mut hätten, Verantwortung in Politik und Gesellschaft zu übernehmen. "Natürlich haben wir da einen Zwang zum Kompromiss und die Notwendigkeit zum Ausgleich – aber wir wissen uns getragen von unserer Hoffnung und Zuversicht auf Gott."

Rachel sprach die weltweite Christenverfolgung an und nannte als Beispiel den Fall des iranischen Pastors Youcef Nadarkhani, der wegen seines christlichen Glaubens hingerichtet werden soll: "Das ist ein himmelschreiender Skandal. Dieser und andere Verfolgte verdienen unsere Solidarität."

In einem Grußwort sprach sich Bundesumweltminister Norbert Röttgen dafür aus, Verantwortung für die Schöpfung wahrzunehmen. "Es gibt nicht den religiös geprägten Privatbereich und den entmoralisierten Bereich der Politik und Wirtschaft", erklärte er. "Nein, die menschliche Würde ist ein Leitmotiv auch in Politik und Wirtschaft." Dieses ethische Erbe gelte es hochzuhalten und zu bewahren.

Wolfgang Schäuble und Roman Herzog bei Podiumsdiskussion

In einer von Thüringens Ministerpräsidentin Christine Lieberknecht moderierten Podiumsdiskussion tauschten unter anderem Altbundespräsident Roman Herzog, der ehemalige EKD-Ratsvorsitzende Wolfgang Huber und Bundesfinanzminister Wolfgang Schäuble Erinnerungen an die Geschichte des Evangelischen Arbeitskreises aus und gingen der Frage nach, welche Rolle dieser in der Zukunft spielen kann.

"Der EAK wird als eine Institution gebraucht, in der Christen aus einer Grundsätzlichen Orientierung heraus eine Diskussion führen, die über die Probleme des Alltags hinausreicht", findet Schäuble. Der Glaube helfe ihm dabei, gerade in Zeiten der Wirtschaftskrise Verantwortung zu tragen und gelassen zu bleiben. Wolfgang Huber regte an, auch auf europäischer Ebene einen evangelischen Arbeitskreis zu bilden – "der EAK könnte hierfür ja den Anstoß geben". Er forderte außerdem, dass im Arbeitskreis "das Evangelische, das uns verbindet, stärker ist, als das Politische, das uns manchmal trennt". Auf die Frage, wo der EAK nach weiteren 60 Jahren stehe, scherzte Roman Herzog: "Wenn bis dahin alle Rätsel gelöst sind, wird er sich aufgelöst haben."

Festgottesdienst mit kirchlichen Würdenträgern

Vor dem Festakt in der Siegerlandhalle nahmen zahlreiche Besucher an einem Gottesdienst in der Pfarrkirche St. Peter und Paul teil. "In einer Welt, in der christliche Überzeugungen nicht mehr selbstverständlich sind, kostet es Kraft, Position zu beziehen", erklärte Bernhard Felmberg in seiner Predigt. Er ist Bevollmächtigter der EKD bei der Bundesrepublik Deutschland und der Europäischen Union, und somit Hauptstadt-Repräsentant seiner Kirche. "Das Christentum lässt sich nicht so glatt und einfach in die Welt integrieren", sagte er, "Christen werden auch in der Politik immer wieder anecken und auf Unverständnis stoßen." Es brauche Christen, die sich davon nicht abschrecken ließen: "Über Gegenwind muss man sich nicht wundern, sondern sich von der Hoffnung leiten lassen. Es braucht Menschen, die sich aus christlicher Motivation heraus politisch engagieren."

Weitere Gäste der Jubiläumsfeier waren CDU-Generalsekretär Hermann Gröhe, der Bundestagsabgeordnete Volkmar Klein und der parlamentarische Staatssekretär Peter Hintze. Für die katholische Kirche war Karl Jüsten, Berlin-Repräsentant seiner Kirche, gekommen. Die Deutsche Evangelische Allianz war durch ihren Generalsekretär Hartmut Steeb und ihren Beauftragten am Sitz des Deutschen Bundestages und der Bundesregierung, Wolfgang Baake, vertreten.

Der EAK wurde 1952 in Siegen mit der Absicht gegründet, ein protestantisches Gegengewicht zu den in der Union stark vertretenen Katholiken zu bilden und evangelischen Parteimitgliedern eine Plattform zu geben. Gründer war der damalige Bundestagspräsident Hermann Ehlers. Heute gehören dem Arbeitskreis gut 203.000 Mitglieder an

(Quelle: Christliches Medienmagazin Pro)