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Es gibt Menschen, die sich kaum in einen Hauskreis integrieren lassen. Darf man sich von ihnen trennen? Wenn ja, wann ist das notwendig und legitim?

Von Kimberly Penrod Pelletier

Der Hauskreis beginnt und eine Teilnehmerin erzählt, dass sie heute Abend wirklich pünktlich gehen muss. Mir ist klar, wen sie damit ansprechen will, nämlich die Person, die regelmäßig dafür sorgt, dass wir nicht zur vereinbarten Zeit enden. Man kann die Uhr danach stellen. Wenn das Ende des Abends naht, beginnt diese Teilnehmerin uns von ihrem aufwühlenden Erlebnissen zu berichten. Ihren Bericht zu unterbrechen wäre allerdings noch aufwühlender. Ihre Geschichte passt nicht in den Kontext. Die Zeit ist abgelaufen und ihre Fragen und Bedürfnisse sind vor uns aufgereiht, wie Wäsche auf der Leine an einem sonnigen Tag.

Kennen Sie das? Waren Sie schon mal Teil einer Gruppe, bei der Sie sich wünschten, eine Person wäre nicht dabei? Die Person, die zu viel redet, seltsame Sachen sagt oder den zeitlichen Rahmen des Abends regelmäßig sprengt? Die Person war Ihnen durchaus wichtig, aber ihre Präsenz brachte die gesamte Gruppe aus dem Tritt und machte es Ihnen schwer, sie und die anderen zu lieben.

Noch komplizierter wird es, wenn man eine solche Gruppe leitet. Ich habe mich dann immer gefragt: Wie viele warten jetzt wohl darauf, dass ich das Gespräch wieder in die Spur bringe? Der Bericht unserer Teilnehmerin ging oft mehr als eine Viertelstunde über das vereinbarte Ende hinaus, Tränen liefen über ihr Gesicht, während sie schwerwiegende persönliche Dinge mit uns teilte.

Insgeheim hoffen wir wohl alle, dass sich das Problem mit der schwierigen Person irgendwann von alleine lösen wird, aber das wird nicht passieren.

Die Situation bewerten

Wir alle sind auf Liebe und Gnade angewiesen. Es ist uns ein großes Bedürfnis, so angenommen zu werden, wie wir sind und das ist richtig so. Aber woher wissen wir, dass Gnade jetzt bedeutet, jemanden in unserer Gruppe sanft auf Kurs zu bringen? Wann ist der Punkt gekommen, wo Gnade bedeutet, jemanden darauf aufmerksam zu machen, dass er oder sie Hilfe braucht – außerhalb der Gruppe?

Hier sind vier Schritte, die bei diesen Fragen helfen sollen und daran anschließend eine Hilfestellung zu der Frage, wie man eine Person bittet, die Gruppe zu verlassen.

1. Raum schaffen

Wenn Teilnehmende in einer schwierigen Phase sind und merken, dass sie in Ihrer Gruppe ein unterstützendes Umfeld haben, werden sie ihre Gefühlswelt vielleicht zu einem überraschenden Zeit öffnen. Ich habe das selbst getan. Geben Sie den Bedürfnissen Raum, indem Sie den Betroffenen Unterstützung anbieten – durch eine spontane Gebetsrunde, Zeit für weiteren Austausch mit der Gruppe oder dergleichen. Wenn das erfolgt ist, können Sie praktische Hilfe anbieten, etwa das Kochen von Mahlzeiten, Einkaufen, Kinder beaufsichtigen oder jemanden zu einem Termin begleiten. Stellen Sie sicher, dass die Hilfe dann auch tatsächlich erfolgen kann.

2. Auf Vereinbarungen hinweisen

Wenn Teilnehmende immer wieder den Abend sprengen, sollten Sie mal wieder mit der Gruppe über die Zielsetzungen und Vereinbarungen des Hauskreises zu sprechen. Viele Gruppen haben bei ihrer Gründung schriftlich fixiert oder mündlich vereinbart, wie das Miteinander gestaltet werden soll. Es schadet niemandem, wenn man sich ab und zu daran erinnert wird, was in Sachen Vertraulichkeit, Anfang und Ende des Abends, Zielsetzung und Zweck der Gruppe abgesprochen wurde und darüber diskutiert.

Wenn eine Gruppendiskussion über Vereinbarungen und Erwartungen nicht weiterhilft, ist ein Vier-Augen-Gespräch dran. Vereinbaren Sie ein Treffen mit der Person. Fragen Sie sie, wie sie sich in der Gruppe sieht, welche Erwartungen und Hoffnungen sie daran knüpft, auch was das persönliche Wachstum betrifft.

Bitten Sie bei diesem Gespräch die Person darum, die Zielsetzungen der Gruppe zu berücksichtigen. Beschreiben Sie Ihrem Gesprächspartner, wo sein Verhalten problematisch für die Gruppe ist, ohne dabei Ihrem eigenen Frust freien Lauf zu lassen. Ich könnte zum Beispiel sagen: „Ich bin froh, dass du dich in der Gruppe so sicher fühlst, dass du uns an deinem Leben teilhaben lässt. Mir ist allerdings aufgefallen, dass das häufig am Ende passiert, sodass der Abend deutlich länger dauert als vereinbart.“ Das ist hilfreicher, als wenn ich sage: „Es ist wirklich ärgerlich, dass du jedes Mal eine große Geschichte erzählst, wenn eigentlich alle nach Hause wollen.“ Fragen Sie nach, ob er/sie sich vorstellen kann, sein/ihr Verhalten den Bedürfnissen der Gruppe entsprechend anzupassen. Ich frage dann auch, ob ich ihn/sie dabei unterstützen kann. Zum Beispiel habe ich einer Frau angeboten, dass ich sie einen Tag vor dem Hauskreis anrufe und nach dem Stand der Dinge frage. Sie ist durch eine schwierige Zeit gegangen und unsere kurzen Telefonate haben ihr geholfen, mit dem Gefühl in den Hauskreis zu kommen, gehört und geliebt worden zu sein. Das hat ihr Bedürfnis vermindert, das Gespräch an sich zu reißen.

3. Beten, zuhören und vertrauen

Bringen Sie Ihre Probleme mit dem Hauskreis vor Gott. Bitten Sie den Heiligen Geist darum, dass er Ihnen kreative Wege zeigt, damit umzugehen. Bitten Sie um Klarheit, denn es kann einen ganz schön überfordern, eine Gruppe durch unangenehme Situationen zu leiten. Bitten Sie Gott, Sie auf Dinge aufmerksam zu machen, die Sie vielleicht bis jetzt noch nicht gesehen haben – und hören Sie zu. Vertrauen Sie darauf, dass Gott Ihnen einen Weg zeigen wird, während Sie den nächsten kleinen Schritt machen.

4. Rat suchen

Wenn die Hauskreisabende weiterhin beeinträchtigt sind, sollten Sie mit Ihrem Coach, Mentor, Pastor oder einer anderen Leitungsperson aus Ihrer Gemeinde sprechen. Beschreiben Sie das, was Sie im Hauskreis erleben und fragen Sie um Rat. Sprechen Sie über Angebote über den Hauskreis hinaus, die der Person aus Ihrer Gruppe zur Verfügung gestellt werden könnten. Diskutieren Sie, ob es dran ist, die Person zu bitten, den Hauskreis zu verlassen. Könnte ein anderes Setting für sie im Moment besser passen?

Wie man Teilnehmer bittet, den Hauskreis zu verlassen

Es ist niemals einfach, aber es kann Situationen geben, wo es angebracht ist, Teilnehmende zu bitten, die Gruppe zu verlassen – zu ihrem eigenen Wohl und zum Wohl der anderen. Hier sind einige Tipps, die auf eigenen Erfahrungen gründen.

  • Gehen Sie es sofort an und nicht alleine. Nehmen Sie jemanden aus Ihrem Kreis mit, die Co-Leitung oder jemanden, von dem Sie wissen, dass er dieser Person zugetan ist.
  • Wählen Sie einen geeigneten Treffpunkt. Überlegen Sie, ob es besser wäre sich bei jemandem zu Hause zu treffen, an einem öffentlichen Ort (Café, Park …) oder im Gemeindehaus. Beziehen Sie das Temperament Ihres Gegenübers und seine mögliche Reaktion mit ein. Ich habe mich einmal mit einer Person in einem Park getroffen, um dieses schwierige Gespräch zu führen. Es war ein ruhiger Ort, wo die Person ihre Gefühle zum Ausdruck bringen konnte, ohne beobachtet zu werden. Sich bei ihr oder bei mir zu treffen, erschien mir zu privat und das Gemeindehaus war keine Option damals.
  • Kommen Sie zum Punkt! Starten Sie nicht mit ein bisschen Smalltalk. Erklären Sie auf möglichst sensible Weise gleich am Anfang, was der Zweck dieses Treffens ist. Es kann sich für Ihr Gegenüber entwürdigend anfühlen, wenn es erst mal um dies und das geht und er/sie dann plötzlich vor den Kopf gestoßen wird.
  • Bleiben Sie bei der Beschreibung des Verhaltens. Sprechen Sie nicht über Beobachtungen, Haltungen oder Ihre Frustration. Das sollte auf keinen Fall das erste Gespräch mit Ihrem Gegenüber über sein problematisches Verhalten sein. Es sollte also kein Schock sein.
  • Erlauben Sie Ihrem Gesprächspartner, Wut, Schmerz, Trauer und andere Gefühle zum Ausdruck zu bringen. Er/sie wird sich abgelehnt fühlen. Hören Sie zu. Verändern Sie Ihre Entscheidung nicht im Affekt. Die Versuchung, jemanden aus seinem Schmerz zu befreien, ist groß. Sie haben lange überlegt, um zu dieser Entscheidung zu kommen. Weitere Entscheidungen sollten gründlich überdacht werden.
  • Weisen Sie auf die Unterstützung hin, über die Sie mit Ihrem Coach, Pastor oder Leitenden gesprochen haben. Die Bedürfnisse Ihres Gegenübers könnten in der Seelsorge, in einer Therapie oder ganz woanders besser aufgehoben sein. Sagen Sie Ihrem Gegenüber, dass Sie auch weiterhin für ihn da sein möchten und er Ihnen wichtig ist, auch wenn sich das im Moment nicht so anfühlen mag. Wenn Sie aus Liebe diese Schritte gegangen sind, wird sich das nicht herablassend anfühlen.
  • Erzählen Sie Ihrem Hauskreis davon und erklären Sie beim nächsten Treffen, warum diese Person die Gruppe verlässt. Erzählen Sie von dem Prozess, der diesem Schritt vorangegangen ist und lassen Sie Raum für Fragen. Ich schlage vor, dass Sie für den Austausch – wenn nötig – die Hälfte des Abends verwenden und dann in der zweiten Hälfte zu Ihrem üblichen Programm übergehen. Das mag sich erst mal seltsam anfühlen, aber das ist in Ordnung. Das, was passiert ist, liegt außerhalb unserer Komfortzonen.

In der speziellen Situation, von der ich berichtet habe, kamen anschließend mehrere Teilnehmende auf mich zu und erzählten mir, dass sie darüber nachgedacht hatten, dem Kreis den Rücken zuzukehren, weil sie die Abende mit dieser Person immer wieder als sehr schwierig empfanden. Einige andere dankten mir für meinen Mut und meine Bereitschaft, meine Leitungsfunktion auszufüllen. Interessanterweise haben mir viele gesagt, dass in diesem Kreis mehr über Leiterschaft und Liebe gelernt haben, als sie jemals erwartet hätten. Für diese Teilnehmenden ging es nicht nur darum, dass ich die Person gebeten hatte, die Gruppe zu verlassen, sondern auch um die Liebe, mit der wir der Frau in all den schwierigen Situationen begegneten, die schließlich zu der Entscheidung führten.
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Kimberly Penrod Pelletier ist Autorin, Referentin und Bloggerin. Ihr Artikel ist zuerst auf smallgroup.com erschienen. Die deutsche Übersetzung stammt aus Ausgabe 42 der Zeitschrift „HauskreisMagazin – Glauben gemeinsam leben“. Das HauskreisMagazin wird vom SCM Bundes-Verlag herausgegeben zu dem auch Jesus.de gehört.

Übersetzung: Christof Klenk
Copyright: www.smallgroup.com

4 DIREKT-KOMMENTARE

  1. Menschen mit psychischen Belastungen und Problemen sollten sich grundsätzlich aus Gemeinden fernhalten und professionelle Hilfe holen, damit sich ihr Problem nicht verschlimmert.

    • Hallo Leserin, ich bin gegensetzlicher Meinung. Jesus hat gerade die aufgenommen, die Probleme hatten. Wir sind aufgefordert, diese Menschen in Liebe zu begleiten und wenn das Problem zu groß ist, professionelle Hilfe hinzuzuholen. Wie oft hat Jesus den Menschen (heute noch) die Augen geöffnet und sie total geheilt von ihren Problemen. Wenn wir die „Problemmenschen“ von der Gemeinde fernhalten sollen, dann können wir fast alle Gemeinden schießen. Bist du ohne Probleme?

  2. Liebe Leserin,
    was ist dann in Ihren Augen „professionell“? Sind Gemeinden nicht gerade für Menschen mit Problemen da? Ich meine, einen professionelleren „Therapeuten“ als Jesus gibt es auf der ganzen Welt nicht. Wenn also Seelsorger sich ganz und gar auf Gott verlassen, sich in der Bibel auskennen und bereit sind, Zeit mit ihrem Gegenüber zu verbringen, ist das die beste Hilfe, die jemand mit „psychischen Belastungen und Problemen“ haben kann. Und ich meine jetzt nicht Seelsorger mit semi-professionellem Psycho-Halbwissen, sondern welche, die sich wirklich in Gottes Wort vertieft haben. Auf diese Weise bin ich selbst Probleme losgeworden, woran weltliche „professionelle“ Therapeuten vorher ohne Erfolg lange herumgedoktort hatten.
    Lesen Sie doch mal von Jay E.Adams „Seelsorge mit der Bibel“ oder „Befreiende Seelsorge“. Daraus spricht Gottes Kompetenz und nicht die einer Wissenschaft, die in großen Teilen (ausdrücklich nicht immer) die Wahrheiten Gottes ablehnt. Warum sollten wir Christen die Weisheit Gottes eintauschen gegen die Weisheit dieser Welt?

    Herzlichst,
    Pastor Jakobus

  3. Ich habe diverses in zwei Hauskreisen erlebt in denen ich war.
    Bspw. in beiden Hauskreise war eine Person die grundsätzlich einschlief beim Hauskreis (trotz Gitarre, Cajon und Gesang von 7 Leuten). Klar kann man mal überarbeitet sein, kein Ding. Aber regelmäßig? Da frage ich mich, was will man da?
    Eine andere Person… Total abhänig von der getrennt lebenden Frau (Er Stalker) der immer und immer wieder unter Tränen nur von Ihr erzählt. Immer den selben Mist. Jeglichen Rat ablehnt, keine ärztl. Hilfe in Anspruch nimmt…
    Bei einem Hauskreis müssen die Leute schon zusammen passen. Alle Seiten müssen sich beschnuppern. Wenn man jemanden hat der als Typ, oder aufgrund anderer (psych.) Probleme nicht rein passt, sollte sich weiter umsehen oder eine christl. Selbsthilfegruppe suchen oder gründen). Es nutzt nichts jemaden aufzunehmen und dann der ganze Hauskreis darunter zerbricht weil die Leute nicht mehr kommen…

    Ich habe mir auch mal einen anderen Hauskreis angeschaut, wo man gerade das Buch die Hütte durchnahm. Wochenlang. Als ich fragte wann die Bibel mal an die Reihe käme hieß es, die lesen wir doch genug in der Gemeinde, im Hauskreis eigentlich nie. Waren alles nette Leute, aber ich war dann derjenige der diesen Hauskreis ablehnte.

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