Der Schotte John McGurk hatte selbst eine schlimme Kindheit – heute setzt der Christ sich für benachteiligte Kinder ein.
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Von Jörg Podworny

John selbst hat den Tipp gegeben: Such auf YouTube mal Auld Lang Syne, am besten von Rod Stewart – „da kriegt man Gänsehaut“. Fehlte nur noch ein guter Single Malt Scotch, man könnte sich behaglich zurücklehnen und von der weltberühmten schottischen Melodie mitreißen lassen – oder mitsingen, von den „guten alten Zeiten“, dem Song zum Jahreswechsel, der häufg mit verklärtem Blick angestimmt wird. „Nehmt Abschied, Brüder …“ Erstaunlich ist der Impuls deshalb, weil John McGurk nicht viel Grund hat, verklärt auf alte Zeiten zurückzublicken. Seine Kindheit und Jugend waren der reine Horror. Er ist mit sechs Geschwistern im Glasgow der Sechzigerjahre aufgewachsen. Häusliche Gewalt war „allgegenwärtig“, drei bis vier Geschwister mussten in einem Bett schlafen, die Kinder waren unterernährt, krank und Alltag hieß: dreckige Klamotten, Löcher in den Schuhen und hohe Arbeitslosigkeit. Es ist schwer vorstellbar, aber es wurde noch schlimmer, als die Mutter es nicht mehr aushielt und verschwand, und der Vater, Alkoholiker, keine andere Lösung wusste, als seine sieben Kinder im Heim unterzubringen – getrennt voneinander.
Im Kinderheim Lochvale House in Dumfries im Süden Schottlands wartet eine „unglaubliche Tortur“ auf den jungen John. Der Heimleiter, Mr Smith, entpuppt sich als Tyrann, der Gehorsam verlangt und „uns raufund runtergeprügelt“ hat. Ärzte, die die blauen Flecken nicht übersehen können, verschreiben ihm als 11-Jährigem eine Erwachsenen-Dosis Antidepressiva, um ihn ruhigzustellen, empört er sich. In der Schule kommt er nicht mit und wird wie die anderen Jungs aus dem Heim, die in ihren kurzen Hosen sofort erkennbar sind, gehänselt und in Schlä- gereien verwickelt. Und John schüttelt jetzt noch den Kopf darüber, dass Mr Smith – er spuckt den Namen fast aus – vier Jahrzehnte ein Kinderheim führen durfte, ohne auch nur „einen Satz oder Bericht über uns Kinder schreiben“ zu müssen.

Niemals wirklich glücklich

Vergeblich sehnt er sich nach Eltern-Liebe. „Ich habe immer darauf gehofft, dass sie mich irgendwann vielleicht wieder nach Hause holen.“ Vergeblich. Sein Vater besucht ihn einmal kurz im Heim, danach sieht John ihn nie wieder. Bei der Mutter lebt er nach 1975 einige Jahre in Glasgow, wo er eine Lehre als Maler und Lackierer absolviert.

„Bis zu meinem 28. Lebensjahr war ich niemals wirklich glücklich, ich kann mich nur an einzelne, kurze Glücksmomente erinnern.“

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Das Verhältnis zu seinen Geschwistern ist kompliziert, in Teilen sogar tragisch. Eine jüngere Schwester stirbt, eine andere nimmt sich das Leben, mit zweien seiner Brüder hat er nur wenig Berührungspunkte. Einzig zu seinen älteren Schwestern Margaret und Mary hat er nach Jahren inzwischen wieder Kontakt, beide leben heute in London.
Das Kindheitstrauma wirkt lange fort. „Bis zu meinem 28. Lebensjahr war ich niemals wirklich glücklich, ich kann mich nur an einzelne, kurze Glücksmomente erinnern“, sagt John. Mit 28 lebte er schon in Deutschland. Er hatte Anfang der 80er in Edinburgh die Militärausbildung durchlaufen und auf diesem Wege wie viele andere versucht, der Arbeitslosigkeit zu entfliehen. Als Soldat war er auf dem britischen Stützpunkt in Osnabrück stationiert, nicht sonderlich beliebt in der Bevölkerung. John begann mit dem Laufen. Bald war er in den Laufdisziplinen einer der besten, innerlich aber frustriert. Er hatte eine junge Deutsche kennengelernt, früh geheiratet, war mit 23 Vater geworden und damit „heillos überfordert“, gesteht er. Er flüchtete in Tabak- und Alkoholkonsum, seine junge Ehe ging schnell in die Brüche, und er erlebte auch in dieser Lebensphase nur einen kurzen Glücksmoment: nach der Geburt seiner ersten Tochter, Kim. Immerhin: Mit ihr versteht er sich heute blendend, erzählt er.

Der Traum

Viel hat sich in den zurückliegenden Jahrzehnten verändert im Leben des John McGurk. Ruhig sitzt er im Esszimmer seines Einfamilienhauses in Lotte, weißes T-Shirt mit James Dean-Aufdruck, ein großes Kreuz baumelt an einer Halskette. Mit der getönten Brille und dem graumelierten Haarschopf erinnert er an Bono, den Sänger der irischen Rockband U2.
Es gab eine entscheidende Wende in seinem Leben. 1984, in einem Traum. Eigentlich ist er da „am Ende“. Den Dienst in der Army hatte er quittiert, wollte aber nicht zurück nach Schottland, sondern in Deutschland Fuß fassen. In Osnabrück beginnt er eine Ausbildung zum Papiertechnologen. Er lebt zurückgezogen, fühlt sich minderwertig, leidet unter Magenschmerzen – und hätte sich in jener Nacht beinahe zu Tode gesoffen. Ihm ist speiübel, er liegt auf dem Boden, spuckt Blut. „Ich wollte am liebsten nie wieder aufstehen.“ Tatsächlich schläft er ein und träumt: „Ich hab mich da liegen sehen. Und dann ging der Himmel auf und aus einem Heer von Engeln tritt eine Frau auf mich zu und sagt: ‚Gott hat dir ein gro- ßes Herz gegeben – und er hat Großes mit dir vor.‘“ Erstaunt erzählt John: „Es war völlig ruhig, ‚himmlisch‘.“ Später in der Nacht wacht er auf und spürt eine tiefe innere Ruhe. Morgens geht er mit den Beschwerden zum Arzt. Der diagnostiziert einen gutartigen Tumor, den John mit Tabletten bekämpft – und besiegt.
Es ist der Startschuss in sein neues, sein heutiges Leben.

Er zieht um in den kleinen Nachbarort Lotte. Und lernt dort Katja kennen und lieben, die – das stellt sich schon beim ersten Date heraus – am gleichen Tag Geburtstag hat wie er. „Das ist wie ein Sechser im Lotto für jeden Schotten“, sagt er. Das Ehepaar ist auf den Tag genau zehn Jahre auseinander. „Wir können runde Geburtstage zusammen feiern“, grinst John, glücklich, dass „Gott mich mit einer wirklich tollen Frau zusammengebracht“ hat.
McGurk hat Fuß gefasst. Der Läufer ist auch Fußballfan, liebt das schottische Nationalteam, drückt Celtic Glasgow in seiner Heimatstadt die Daumen, und er sympathisiert mit dem Zweitliga-Aufsteiger VfL Osnabrück. „Der VfL ist bodenständig und ein Kämpfer-Verein.“

„Arm geboren zu sein, bedeutet nicht, dass du nichts wert bist.“

Bei solchen Sätzen blitzt seine Vergangenheit, seine eigene Kämpfer-Natur auf. Hartnäckig hat er auch nach den Briefen und Notizen gefahndet, in denen er und die anderen Jungs im Heim ihre Sehnsüchte und Leiden ungeschminkt aufgeschrieben hatten – und die über Jahrzehnte im Hohlraum eines alten Kamins versteckt waren. Das Lochvale House ist heute eine Begegnungsstätte. Als John, der regelmäßig zu Besuch in Schottland ist, vor Jahren das frühere Heim aufsucht, gestattet eine ältere Dame dem Ehemaligen – sie nennt ihn liebevoll Old Boy, wie alle, die über die Jahre hierherkommen –, auch den Kamin zu untersuchen. Tatsächlich stößt John, als er die Abdeckung entfernt, auf die kleinen Zettel. Ein wichtiger Moment, dokumentieren sie doch die Vergangenheit. Wenn möglich, will er die Briefe später an die anderen Old Boys zurückgeben.

Botschafter im Kilt

Noch wichtiger für John McGurk ist, dass er nach vielen vergeblichen Anläufen seine Aufgabe gefunden hat: Seit mehr als 20 Jahren setzt er seine Leidenschaft ein, läuft als „Botschafter für benachteiligte Kinder“, sammelt so Geld für Hilfsprojekte. 1,5 Millionen Euro bisher. Erst diesen Sommer ist er von Osnabrück nach Innsbruck gelaufen, zugunsten der SOS-Kinderdörfer. Er hat einen Benefzlauf für Aids-Waisen in Südafrika absolviert, für kriegstraumatisierte Kinder des Bosnienkrieges oder für Straßenkinder während der Fußball-WM 2014 in Brasilien. Häufg hat er seine Läufe in anderen Erdteilen mit „Friedensbotschaften“ verbunden, einen Friedenslauf für Israel etwa oder in New York zum Gedenken an den Terrorangriff im September 2001.
John ist überzeugt: Es gibt nichts Besseres, als sich einzusetzen für ein besseres Leben von vernachlässigten Kindern. Sein Leitsatz „kommt aus meinem Herzen: Ein Kind ohne Kindheit ist wie ein Regenbogen ohne Farbe.“ Er empfndet „tiefes Glück“ in dem, was er tut. Begegnet er Kindern, spricht er ihnen Mut zu und Hoffnung: „Ich bin einer von euch. Wenn ich es geschafft habe, könnt ihr es auch schaffen. Arm geboren zu sein, bedeutet nicht, dass du nichts wert bist.“

Beim Laufen trägt John ein unverkennbares Markenzeichen: einen Kilt, grün mit rot-wei- ßem Karomuster. Vier Schottenröcke besitzt er. Einen, den McGurk-Kilt, gibt es nur ein einziges Mal. Er hat ihn sich vor zehn Jahren in Inverness in Schottland schneidern lassen. Dabei wurde weltweit in Büchern geprüft, ob es dieses Karomuster nicht sonst irgendwo gibt. Der Kilt ist für John aber mehr als ein Erkennungsmerkmal. Er trägt ihn mit Respekt vor seiner Heimat und auch mit Dankbarkeit: Als Kind war es für ihn „unvorstellbar“, überhaupt einen Kilt zu besitzen, geschweige denn mit Selbstvertrauen zu tragen.

„Für die Hoffnung von Kindern will er weiterlaufen, solange seine Beine ihn tragen.“

Seine Läufe zugunsten der Kinder sind für John auch Ausdruck seines Glaubens. Er sieht sie „als Gottesdienst. Jeder hat seine Möglichkeit, seine Aufgaben – und Gott hat mir diese gegeben“, ist er überzeugt. „Gott will, dass wir nicht nur in die Kirche gehen. Er möchte, dass wir uns untereinander Liebe und Respekt zeigen.“
Um die Hilfe organisatorisch leisten zu können, hat er einen Verein gegründet: „Sportler 4 a childrens world (s4acw) .“ Sein Team ist klein, gut 20 Personen nur, auch Katja und die McGurk- Kinder sind dabei, die „mit viel Herzblut“ jedes Jahr ein großes Projekt und viele kleine Läufe organisieren. Die Unterstützung ist nötig, weil John seit 35 Jahren seinem Job im 3-Schichten-Betrieb einer Papierfabrik nachgeht und die Bene z-Arbeit niemals allein bewältigen könnte. Auch so heißt es: ständig dranbleiben, die Werbetrommel rühren, Verbündete  nden, Win-win-Situationen mit Firmen schaffen – auch wenn John spürt, dass er auf die 60 zugeht und die Beine oft „schwer wie Blei“ sind.

Das hindert ihn nicht, schon für sein nächstes Projekt zu trommeln: „Arctic Tre k“ heißt die Charity-Aktion, die ihn und 14 Mitstreiter Anfang nächsten Jahres 70 Kilometer durch die Arktis führen wird, bei -40 Grad. „Den Kilt nehme ich da 100%ig auch mit“, grinst John. Er möchte mit der Aktion auch einen Klima-Impuls setzen: „Gletscher schmelzen, Regenwälder brennen; wir zerstören unsere Welt .“ Wie vieles hat das auch eine christliche Dimension für ihn: „Für mich ist Gott allgegenwärtig.“ Am 20. Januar startet die Expedition, das Ziel soll am 25. erreicht sein – dem Tag, an dem Robbie Burns traditionell geehrt wird, der Dichter von Auld Lang Syne. „Vielleicht“, sinniert John, „singe ich mit meinen schottischen Begleitern dann das Lied“, live gefilmt und in die Welt gesendet. Eine Zeile des Liedes rührt ihn seit seiner Kindheit: die, in der vom „cup of kindness“ die Rede ist, einem Becher voller Freundlichkeit. Eine Zeile der Hoffnung. Für die Hoffnung von Kindern will er weiterlaufen, solange seine Beine ihn tragen. „Als ein stolzer und gesegneter Schotte“, lächelt er.


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