Das Corona-Virus hat (nicht nur) die Kirche im Jahr 2020 kalt erwischt. Doch was bedeuten die Pandemie und ihre Auswirkungen konkret für die kirchliche und diakonische Arbeit?

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Seit Beginn der Covid-19-Pandemie liegen bei vielen Haupt- und Ehrenamtlichen in der Kirche die Nerven blank. Wo sonst Veränderungen und Transformationen in Form von innovativen Experimenten oft argwöhnisch beäugt wurden, übt Corona nun einen massiven Veränderungsdruck aus. Durch immer neue coronabedingte Auflagen und Einschränkungen bleibt uns keine Entscheidung zur Veränderung. Der Wandel vollzieht sich an uns, ob wir wollen oder nicht. Gleichzeitig sind während der Pandemie an vielen Stellen durchaus beeindruckende Experimente entstanden, die weit über Notlösungen und Improvisationen hinausgehen. Vielmehr zeigt sich in ihnen Krise als produktiver Zustand, in dem sich Kirche nicht nur auf andere Weise zeigt, sondern Kirche auch per­spektivisch neu gedacht werden kann.

Die Angst vor Veränderung

Vielerorts sind jedoch gerade diese Experimente genau das, was Angst und Verunsicherung auslöst. Bei dem Tempo und den massiven Umbrüchen ist diese Reaktion auch verständlich. Viele Neuentwicklungen scheinen Vertrautes und Liebgewonnenes zu verdrängen. Hier hilft ein nüchterner Blick auf die Metaebene, um systemisch die zugrundeliegende Logik und die damit zusammenhängenden Dynamiken zu entschlüsseln. Denn viele Veränderungsprozesse durchlaufen klassischerweise erwartbare Phasen und haben somit einen nachvollziehbaren Verlauf.
Der Psychologe Kurt Lewin geht in seinem sogenannten Veränderungsmodell von drei Stufen aus:

In der ersten Phase einer Veränderung muss zunächst eine grundsätzliche Bereitschaft für den Wandel in einem System hergestellt werden. Prägend für dieses „Auftauen“ (unfreezing) ist die selbstkritische Einsicht, dass sich etwas ändern muss sowie die bewusste Entscheidung, die Veränderung auch zuzulassen.

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Ist eine grundsätzliche Zustimmung zum Wandel hergestellt, folgt der zweite und eigentliche Schritt der Veränderung: der Wandel selbst (change). Hier werden Transformationen sichtbar, spürbar, messbar und greifbar. Während der erste Schritt eher an inneren Haltungen und Bildern arbeitet, bringt der zweite Schritt das System durch neue Lösungsansätze und veränderte Verhaltensweisen in Bewegung.

Der abschließende dritte Schritt (refreeze) überführt den Neuzustand in eine nachhaltige und langfristig tragfähige Lösung, um erneut eine verlässliche Handlungsfähigkeit herzustellen.
Gerade der erste Schritt, das Auftauen eines Systems, bindet bei der professionellen Begleitung solcher Veränderungsprozesse die meiste Kraft und Zeit. Systeme sind eher träge und streben nach Konstanz und Beständigkeit. Traditionell geprägte Organisationen wie die Kirche zeigen oftmals besonders starke Transformationsunverträglichkeiten.

Disruption – eine Störung im Betriebsablauf

Derzeit ist Disruption zum Modewort in Diskursen zu Transformationen und Veränderungsprozessen geworden. Disruption, von disrumpere (zerschlagen, zerreißen), legt das geradezu gewaltsame Unterbrechen des Vertrauten und Gewohnten nahe.

Die Covid-19-Pandemie mit ihren Veranstaltungsverboten, Hygieneauflagen und den veränderten Bedürfnissen der Menschen nach Nähe und Distanz stellt einen ebensolchen disruptiven Impuls auf unser kirchliches System und dessen Gewohnheiten dar.

Wir werden im etablierten „Das haben wir schon immer so gemacht“ unterbrochen und gezwungen, zu improvisieren und zu experimentieren. Um im Bild von Kurt Lewins Veränderungsmodell zu sprechen: Wir springen automatisch in Stufe zwei, ins Verändern und Experimentieren, ob wir wollen oder nicht. Durch Verbote und Erlasse wurde uns die Entscheidung zum Wandel abgenommen.

Einschränkungen und Experimente

Seit Beginn der Pandemie haben sich in Deutschland vielerorts beeindruckende Innovationen gezeigt. In der Ad-hoc-Studie „Digitale Verkündigungsformate während der Corona-Krise“, die die Evangelische Arbeitsstelle für missionarische Kirchenentwicklung und diakonische Profilbildung (midi) im Auftrag der EKD durchgeführt hat, konnte man bereits für den Auswertungszeitraum März bis Mai 2020 faszinierende Ergebnisse lesen (siehe www.mi-di.de/materialien). Schon zu einem solch frühen Zeitpunkt in der Pandemie war bereits viel Experimentierfreude zu spüren, spannenderweise auch bei jenen, die vorher nicht unbedingt Vordenkerinnen und Vorreiter im Bereich der digitalen Kirche waren.

Die Phase der Veränderungen und Experimente dauert weiter an. Schon bald werden wahrscheinlich erste Entwicklungen, die durch die disruptiven Einschneidungen stimuliert wurden, so etabliert und wertgeschätzt sein, dass sie auch für die postpandemische Zeit übernommen werden. Das werden dann erste Schritte der dritten Phase, des „refreeze“ sein. Anhand dieser Veränderungen der zurückliegenden Pandemie-Monate lässt sich disruptive Kirchenentwicklung im Zeitraffer beobachten.
Vieles von dem, was für Kirche und Diakonie derzeit coronabedingt einen Stresstest darstellt und das viele ängstlich und unruhig macht, hängt somit in erster Linie mit den zugrundeliegenden Veränderungsdynamiken zusammen. Ohne, dass sie in den Wandel eingewilligt hat, findet sich Kirche in einem massiven Veränderungsprozess. Darin ist der Abschied von Gewohnheiten und Vertrautem sehr anstrengend und gleichzeitig ist die Adaption und Anpassung an die neue Situation ähnlich herausfordernd. Wir sind diese vielen, schnellen und massiven Veränderungen schlichtweg nicht gewohnt. Denn auch, wenn biblische Narrative vielfach vor Transformationsmetaphern strotzen – Siehe, ich will etwas Neues schaffen. Jetzt wächst es auf. Erkennt ihr’s denn nicht? (Jes. 43,19) –, fehlen in Gemeinden und Kirchenleitungen oftmals tragfähige Erfahrungswerte im Umgang mit Veränderungen und Disruption.

Veränderung und Innovation

Grundsätzlich sind Menschen unterschiedlich begabt und bereit, Veränderungen zu akzeptieren. Daher tragen sie auch selbst auf unterschiedliche Weise zum Wandel bei. Es gibt, vereinfacht gesagt, zwei Hauptdynamiken von Veränderungen: inkrementelle und radikale Innovationen. Während die inkrementellen Innovationen in erster Linie weiterentwickeln und ausgehend vom Bekannten im bestehenden Rahmen verbessern, hinterfragen die radikalen Innovationen den Status quo gänzlich. Hier wird grundsätzlich neu entwickelt.

Übertragen auf den kirchlichen Bereich entwickelt beispielsweise eine Gemeinde, die feststellt, dass in ihrem Umfeld die Menschen sonntags lieber ausschlafen und mit der Familie gemütlich frühstücken wollen, einen Brunchgottesdienst. Der klassische Sonntagsgottesdienst wird inkrementell weiterentwickelt. Eine Gemeinde jedoch, die aufgrund der gleichen Sozialraumanalyse kein neues Gottesdienstformat testet, sondern ein Café eröffnet, innoviert radikal. Hier steht nicht die Aktualisierung bestehender Formate im Vordergrund, sondern die grundsätzliche Neuentwicklung.
Sowohl inkrementelle als auch radikale Veränderungsprozesse finden unablässig innerhalb und außerhalb von Kirche statt. Beide Arten von Veränderung sind gleichsam unverzichtbar für die Transformationsprozesse, denen wir kirchlich unterliegen. Innerhalb des kirchlichen Systems sind wir sehr erfahren im Bereich inkrementeller Innovationen. Traditionshandeln, das Bewahren und Weiterentwickeln des uns Anvertrauten gehört zu unseren großen Stärken. Bewusst aus dem alltäglichen und gewohnten Handeln einen Schritt zurückzutreten und das Tun (und Lassen) hinsichtlich der zugrundeliegenden Mission zu hinterfragen sowie ferner daraus radikale und konkrete Handlungsänderungen abzuleiten, gehört jedoch wohl eher zu kirchlichen Lernfeldern.

Corona schenkt Mut zum Fragen

Eine disruptive Ekklesiologie, wie sie Kirche angesichts der Erfahrungen mit Covid-19 derzeit im Zeitraffer exemplarisch erlebt, erleichtert es, etablierte Formen und Formate stärker zu hinterfragen.

Da Gewohnheit und Status quo durch äußere Einflüsse so in Frage stehen, fällt eine Diskussion um den eigentlichen Kern leichter. Wie schmerzhaft, herausfordernd, aber auch produktiv dies ist, wurde beispielsweise an der Diskussion um das Feiern analoger Weihnachtsgottesdienste im letzten Jahr deutlich. Vielerorts wurde ausgehend von den veränderten Bedingungen die Rolle und Ausgestaltung der Weihnachtsgottesdienste erstmals grundsätzlich diskutiert und neu geplant.
Hier zeigt sich exemplarisch, welche Fragestellungen auch in aller Grundsätzlichkeit drängen: Was muss zwingend erhalten bleiben? Was darf sich verändern? Zugespitzt könnte man auch formulieren: Was muss sich an Formen und Formaten verändern, damit der Kern von Kirche und Diakonie überhaupt erhalten bleibt?
Disruptive Ekklesiologie erleichtert, mutige und oft kritische Fragen zu stellen, die schon lange drängten, jedoch kirchlicherseits eher vermieden oder aufgeschoben wurden. Unausweichlich sind beispielsweise Fragen geworden wie: „Wie können wir die Digitalisierung stärker für die Verkündigung des Evangeliums nutzen?“, „Wie gehen wir damit um, dass durch den Veränderungsdruck und die hohe Schlagzahl unsere bisherigen Verwaltungs- und Entscheidungsgremien an Grenzen kommen?“, „Welche Formen von Aus-, Fort- und Weiterbildung sind notwendig, um drängende Transformationsprozesse professionell begleiten zu können?“, „Wo sind Orte und Gelegenheiten, um über diese und weitere unausweichliche Fragestellungen zu diskutieren, damit ihnen kirchlicherseits strategisch, klug und vor allem geistlich begegnet werden kann?“


Dr. Sandra Bils hielt diesen Vortrag auf der Herbsttagung der Evangelischen Arbeitsstelle für missionarische Kirchenentwicklung und diakonische Profilbildung (midi) mit dem Titel: „Das gefühlte Corona – Erfahrungen mit der Pandemie und die Folgen für die kirchliche und diakonische Praxis“. Er erschien zudem in der Zeitschrift 3E (Ausgabe 01/2021), dem Ideenmagazin der evangelischen Kirche, das wie Jesus.de Teil des SCM Bundes-Verlags ist.

3 DIREKT-KOMMENTARE

  1. Ich habe aber auch das Gefühl, dass die Veränderungen jetzt als Schock wahrgenommen werden, weil jegliche ernsthafte Veränderung in den letzten Jahrzehnten ausgesessen wurde. Anstatt von echter Veränderung wurde nur diskutiert aber nichts entschieden. Und kleinste Detailanpassungen wurden als riesige Revolutionen dargestellt.

    * persönliche Meinung

    • Kirche braucht einen völligen Kulturwandel

      Ich befürchte, meine bildhafte Vorstellung von unserer (Gesellschaft und) Kirche trifft die Wirklichkeit: Wir alle sind wie ein unendlich langer Zug, der seine Schienen nicht verlassen und jenseits dieser Möglichkeiten völlig seine Richtung verändern kann. So sehr Aufregung herrscht in diesem Zug, Bedenkenträgerschaft, Faulheit, Unordnung, Protest, Depression und vor allem Gleichgültigkeit, so ist doch leider vieles determiniert. Jetzt ist dieser Zug auch noch an einem Haltesignal gestrandet, an covid 19. Es gibt allerdings einen oder viele Auswege. Vor vielen Jahrzehnten faszinierte mich in einer Ökumenischen Gemeinschaft die Einschätzung eines leitenden Jesuiten, der auf mich fast wie ein Prophet wirkte. Er sprach von der Kirche der Zukunft als eine Ökumenische, der Kirche der vielen kleinen Gruppen, die das teilen und leben was sie glauben: Die daher wie viele kleine Inseln ein Licht der Welt und Salz der Erde sind. Die jetzige Form der Kirchen, die eigentlich in einem heilsbezogenen Sinn e i n e weltweite Kirche bedeutet, ist auf dem Weg sich eher abzuschaffen: Durch ihre Bürokratie, die Sprache, einen überbordenden Dogmatismus und die fehlende Geh-Hin-Struktur.
      .
      Aber die Corona-Pandemie, die Gott aus guten Gründen nicht verhindert, zeigt wie unter einem Brennglas auch die Kräfte von uns Christ*innen:: Mit der Möglichkeit von Spontanität, Improvisation, und konkret auch von wunderschönen Online-Gottesdiensten, einer großen Hilfsbereitschaft und dem vorhandenen Willen, wieder mehr zu den Quellen zurück zu gehen. Es kommt nicht auf die Größe und die inhaltlichen Omnipräsenz der großen Institutionen der Kirche und Freikirchen an. Sondern ihre zukünftige Armut könnte auch ein Weg sein, den Traditionsabbruch zu überwinden. Manchmal sind es auch nur zu lange und langweilige Predigten, triste Gottesdienste und Leute, die schon deshalb nicht (mehr) teilnehmen möchten.
      Eugen Drewermann hat Religionsdiener als Beamte beschrieben. Es dreht sich nicht um Visionen, sondern Organisation.

      Wir brauchen neue Traditionen, so dass die Leute morgens gerne das warme Bett verlassen und in der Gemeinschaft des Gottesdiensten auftanken dürfen. Dazu muss der Gottesdienst nicht nur kommunikativer, er sollte auch mehr ein Fest sein. Es geht um ganz viele Kerzen, Musik, Gesang, Musizieren und das Ausprobieren der Frohen Botschaft hautnah. Es sollte
      eine Gemeinschaft sein, die ihre Gräben in Theologie und Lehre oder Frömmigkeitsform mit Brücken versieht, mit festen Standpunkten und Toleranz für andere Ansichten und Frömmigkeitsformen, ein echtes gelebtes Christsein, die das Leben mit anderer Menschen teilt, sich an Jesus orientiert und an seiner Bergrede. Es könnte was werden, wenn wir den alten Streit um den Bart des Propheten oder die verschiedenen Gottesbilder beilegen und vielmehr dem Gott begegnen, der Wunder tut, nicht zu erklären ist und dem es nur um das Heil und die Liebe geht. Dazu kann diese Krise dienen. Dazu muss man alte Formen, gute Regeln, die bewährte Organisation und eine (flache) kirchliche Hierarchie nicht aufgeben – aber man darf sie überschreiten. Es geht dabei auch um eine Einheit in der Vielfalt und in der Geschwisterlichkeit, in einer Haltung von Respekt und Vergebungsbereitschaft sowie einem Dienst an jedem Menschen der es wünscht. Und immer offene Türen.

      Es geht mir nicht (vor allem) um Reformen und Änderungen, sondern um einen völligen Kulturwandel. Eine solche Kirche der vielen kleinen Gruppen darf nie sektiererisch sein, aber sie ist in einer Weise politisch, die der Bergpredigt und der Absicht Jesu entspricht, der auch und vor allem ein Friedefürst ist. Statt überfüllter Gotteshäuser an Weihnachten könnten wir auch mit den Benachteiligten in einem sozialen Brennpunkt feiern, ganz fröhlich und aus Wasser Gottes Wein machen.
      Wenn wir nur an den kleinen Stellschrauben in der Kirche drehen, wird uns der Traditionsverlust überrollen. Oder wir werden die Gemeindearbeit zu einer reinen Zielgruppenmethode verändern. Oder Megagemeinden erzeugen mit einem Gefühl geistig-geistlicher Globalisierung und Entfremdung. Kirche beginnt da, wo sich Menschen wieder umarmen. Natürlich wird dies einen langen Prozess voraussetzen, die Leitung des Heiligen Geistes, den Glauben und das Vertrauen vieler Menschen und das Ertragen, dass ein Gesundschrumpfungsprozess auch ein Gesundwerden sein könnte. Dabei wird Kirche wachsen und wird auch die Kultur unserer Gesellschaft mitgestalten.

  2. “Auswirkungen für die kirchliche und diakonische Arbeit”

    Spricht vorwiegend oder ausschliesslich von den technischen Auswirkungen, was ja auch berechtigt erscheint.
    Allerdings ist das Technische Know- how nur ein untergeordneter (wenn auch wichtiger) Teil der täglichen Arbeit im `Betrieb` der Kirche und Diakonie (Armenpflege)!

    Wie sieht es denn mit den überwältigend erscheinenden Herausforderungen im geistigen Gebiet?

    Ist die Kirche überhaupt noch `essential` in der Gesellschaft?

    Was hält die Öffentlichkeit von Werten, wie Gottesliebe?
    (GOTT wird einfach ausgeblendet und bewusst (?) ignoriert),

    Oder von Nächstenliebe?
    (`social distancing` verträgt sich nicht mit menschlicher Annäherung als Ausdruck der Nächstenliebe ; Umarmung als Ausdruck des Vergebens und Friedensstiftens)

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