Jesus preist in der Bergpredigt nicht die Schönen, Gesunden und Reichen glückselig, sondern die Armen. Menschen, die sich abmühen und verspottet werden. Doch was bedeutet das für uns?

Von Harry Dörr

Die Leser der Seligpreisungen erkennen sofort: Neun Sprüche, die alle mit „(Glück-) Selig“ beginnen, und alle begründen diese Seligpreisung mit einem „Denn-Satz“. Die Seligpreisungen gelten den Menschen im „Hier und Jetzt“; die mit „denn“ eingeleiteten Begründungen weisen über das Heute hinaus. Wörtlich übersetzt – aus der griechischen Grundsprache – lautet Matthäus 5,3: „Selig die Armen im Geist, denn ihnen gehört das Königreich der Himmel“.

Danke, wir sind schon selig

Es klingelt an der Tür. Der zwölfjährige Sohn der Familie öffnet. Ein Mann steht da und fragt: „Sind deine Eltern zu Hause?“ „Was möchten Sie?“, fragt der Junge. Er verteile christliche Schriften, lautet die Antwort. „Danke, wir sind schon selig“, sagt der Zwölfjährige.

Was bedeutet das „Selig“ in Matthäus 5,3? Die verschiedenen Bibeln bieten an: Glücklich, sich freuen dürfen, göttlich glücklich. In drei Bereiche können die vielen Vorkommen von „selig“ in der Bibel eingeteilt werden:
1. Lob für gutes Verhalten, z. B. „Selig die Friedensstifter“ (Matthäus 5,9).
2. Gerettet aus der Macht der Sünde und des Todes, z. B. „Wer glaubt und getauft wird, der wird selig werden“ (Markus 16,16).
3. Bleibende Gemeinschaft mit Gott nach dem Tod, z. B. „Selig sind die Toten, die in dem Herrn sterben“ (Offenbarung 14,13).

Mit einer Seligpreisung beginnt auch das Buch der Psalmen: „Wohl dem, der nicht wandelt im Rat der Gottlosen“ (1,1). Zwei Ebenen sind im ersten Psalm angesprochen. Der Hinweis auf das gute Verhalten (Vers 1) und der Hinweis auf das Gericht Gottes (Vers 5). In Jesu Wort ist das ähnlich. Sein „selig“ steht im Zusammenhang mit dem Himmelreich. Es reicht weiter als ein Glückwunsch zum guten Verhalten, weiter als das irdische Leben. Es ist mehr als Glück. Diesseits und Jenseits sind zusammengeschlossen.

Alles von Gott erwarten

Wer wird seliggepriesen? Die Armen im Geist. Und wer sind diese Armen? In Lukas 6,20 heißt es: „Glückselig ihr Armen, denn euer ist das Reich Gottes.“ Drei Unterschiede zu Matthäus 5,3 fallen auf: Bei Lukas fehlt „im Geist“, es werden die Armen direkt angesprochen und ihnen wird das Reich Gottes direkt zugesprochen.
Der Vergleich zeigt die Weite des Begriffs „arm“. Die Bedeutung reicht von der sozialen (kein Geld, kein Besitz) bis zur geistigen (keine Bildung) und geistlichen Armut (keine Sicherheit vor Gott, wie z. B. die Pharisäer, Lukas 18,11-12). In Jesu Mund hat „Arme im Geist“ den doppelten Sinn: äußerlich und innerlich arm. Gemeint sind Menschen, die alles von Gott erwarten müssen. Ihre äußerliche Lage treibt sie dazu, und weil sie in dieser Situation Gott die Treue halten, werden sie verspottet und verlacht.

Die Spaltung von Armen und Reichen hat eine lange Geschichte. Im alten Israel kritisierten die Propheten die Unterdrückung der Armen (Amos 4,1). Zu Zeiten Jesu wenden sich große Teile der jüdischen Oberschicht der griechisch-römischen Kultur zu. Die Frommen, die am alten Gottesglauben festhalten, gehören meist zur sozialen Unterschicht. Es sind Menschen, die erkennen, dass sie Gott brauchen. Seinen Zuspruch, seinen Trost, seine Hilfe. Deshalb warten sie auf Gott, auf sein Wort, auf sein Eingreifen.

„Der Arme hat nichts, er kann nur nehmen. Von diesen Armen sagt Jesus: Ihnen gehört das Königreich der Himmel.“

Sie können aufatmen, sich freuen und sich glücklich preisen. Nicht die Reichen und die Einflussreichen werden gepriesen, nicht die Klugen und Meinungsführer, sondern die Armen. Nicht die, die alles vorweisen können, sondern die, die nichts haben.

Keine Leistung erforderlich

Das Gewicht der Seligpreisung zeigt sich auch in der Begründung. Den Armen gehört das Himmelreich. Die Blickrichtung Jesu ist das künftige Gericht und die künftige Welt Gottes. Gott wird den Seinen Anteil an seiner Herrschaft geben. Sie werden das ewige Leben erben.
Ich, als 79-jähriger, lese diesen Text und freue mich. Endlich einer, der nicht Leistungen fordert, sondern zum Vertrauen in seine Treue aufruft. Die ganze Bergpredigt spiegelt das Leben des Bergpredigers. Er hält sich zu den Armen, er ist barmherzig, er stiftet Frieden.

Auf seinem Sterbebett soll Luther gesagt haben: „Wir sind Bettler“. Mit unserer Weisheit sind wir oft am Ende und Luther erinnert uns, dass wir vor Gott mit leeren Händen stehen. Aber wir müssen nicht verzweifeln, denn den Armen ist das Himmelreich zugesagt.

Arm vor Gott

Da und dort wird den Christen die Flucht aus der aktuellen Wirklichkeit vorgeworfen. Mit Blick auf den Ausdruck „arm im Geist“ statt „arm“ wird dies dann Spiritualisierung genannt (Vergeistigung). Die Folge: Die sozial und politisch Armen werden vergessen und verraten. Zugegeben: Das stimmt leider in vielen Fällen. Umso wichtiger wird unser Hören auf Gottes Wort. Es benennt soziale (körperliche) und geistliche/geistige Mittellosigkeit.
Die Seligpreisung enthält eine Kritik an den Menschen, die an Armen vorbeigehen oder sie vergessen. Gott ist auf der Seite der Armen, der Schwachen. Wir Christen sind unglaubwürdig, wenn wir das vergessen. Der Bergprediger Jesus wird als Weltenrichter urteilen: „Geht hinweg … Ich war hungrig, und ihr habt mir nicht zu essen gegeben …“ (Matthäus 25, 41-42). Im Hungrigen, Durstigen, Fremden, Gefangenen begegnen wir Jesus Christus.

„Was kann Gott dem geben, der alles schon hat? Nichts. Was hat Gott dem gegeben, der nichts hat? Alles.“

(Zitat von Hans Weder, Die Rede der Reden, S.55)

Die Seligpreisung enthält aber auch eine Kritik an denen, die geistliche Armut übersehen oder kleinreden. Manches in der Kritik der Kirchenmitglieder aneinander und an den unkirchlichen Zeitgenossen stammt aus dieser Haltung. Wer einsieht, dass er arm vor Gott steht, kann barmherzig und geduldig mit anderen umgehen und reden. Wer arm vor Gott steht, bittet um Gottes Gaben. Nicht nur den anderen fehlt einiges – auch uns. Was sagte doch Jesus? Glücklich sind die, die erkennen, dass sie Gott brauchen, denn ihnen wird das Himmelreich geschenkt.


Dieser Artikel ist zuerst in der Zeitschrift Lebenslauf erschienen, die wie Jesus.de zum SCM Bundes-Verlag gehört.