Der Christ Dr. Denis Mukwege behandelt als Gynäkologe in der Demokratischen Republik Kongo Frauen, die im Krieg sexualisierte Gewalt erfahren haben. Dafür bekam er 2018 den Friedensnobelpreis. Im Interview spricht er über die Aufgaben der Kirche und die Kraft des Glaubens. 

Eine Pressekonferenz in der BVB-Arena in Dortmund. Dort, wo sonst Bundesligatrainer über Siege oder Niederlagen sinnieren, sitzt Friedensnobelpreisträger Dr. Denis Mukwege. Im Saal herrscht Gänsehautatmosphäre. Gestandene Journalisten wischen sich Tränen aus den Augen. Auch wir können einige Fragen stellen: Was sind die Gründe für die männliche Gewalt im Kongo? Wie kann in dem Bürgerkriegsland Versöhnung gelingen? Was heißt das für den europäischen Rohstoffhunger?

Sexualisierte Gewalt ist im Kongo ein sehr großes Problem! Was bedeutet das für die Frauen?
In Kriegs- wie Friedenszeiten ist die Erfahrung von sexualisierter Gewalt das Schlimmste, was einer Frau widerfahren kann. Vergewaltigung zerstört nicht nur das Leben der betroffenen Frau selbst, die ganze Familie ist betroffen. In meinem Heimatort sagt man: „Wer eine Frau vergewaltigt, vergewaltigt die ganze Menschheit.“ Jede einzelne Vergewaltigung stellt letztlich die Sinn- und Existenzfrage an alle Menschen. Dieses Verbrechen kann uns länderübergreifend nicht kaltlassen. Kirchen und Zivilgesellschaft müssen aufstehen und für Veränderung eintreten, damit das nicht wieder und wieder passiert.

„Seit 20 Jahren wird Vergewaltigung als Kriegswaffe benutzt!“

Welche Unterstützung von Kirchen und Gemeinden benötigen Sie?
Ich möchte die Botschaft der Frauen selbst weitergeben, die mit den Massakern, den Deportationen großer Bevölkerungsteile und der Pervertierung des weiblichen Körpers in ein Schlachtfeld konfrontiert sind. Seit 20 Jahren wird Vergewaltigung als Kriegswaffe benutzt! Fast genauso lange liegen die Berichte über die verübten Gräueltaten in den Schubladen der Behörden. Niemand interessiert sich letztlich dafür, keiner spricht darüber. Hier müssen die Kirchen und die Zivilgesellschaft auf internationaler Ebene Druck ausüben, dass endlich etwas passiert. Es geht im Kongo nicht nur einfach darum, irgendwie Frieden zu haben. Es geht um Aufarbeitung und die Wiederherstellung von Gerechtigkeit, besonders die Aufarbeitung durch eine unabhängige Justiz. Einfach nur von Vergebung zu reden, hilft nicht weiter. Es muss die Aufarbeitung geben, die zu einer tiefergehenden Versöhnung und echtem Frieden führt.

Was ist der Grund für den Krieg in Ihrem Land?
Im Osten des Landes gibt es sehr große Rohstoffvorkommen, besonders Coltan. Weltweit gesehen besitzt der Kongo die größten Vorkommen dieses Stoffes und die höchste Fördermenge. Coltan ist als Rohstoff für elektronische Geräte aller Art sehr gefragt. Daher ist das Land ein Opfer seines Rohstoffreichtums, da es wegen des Zugangs zu diesen Rohstoffen zu bewaffneten Konflikten kommt. Es gibt inzwischen einige Gesetzgebungsinitiativen zur Rückverfolgbarkeit der Förderungsbedingungen und damit verbunden eine europäische Richtlinie, die 2021 in Kraft treten könnte, um die Herkunft der Rohstoffe nachzuweisen. Dennoch: Sehr große Sorge bereitet mir der wachsende Rohstoffhunger, der zum Beispiel durch das Anwachsen der Elektromobilität verstärkt wird. Steigende Nachfrage wird die Konflikte an den Förderstätten mehr anheizen. Daher werden wir von dieser steigenden Nachfrage nach den seltenen Erden weltweit am stärksten betroffen sein. Hier ist es die Aufgabe der Kirchen, dass saubere Fahrzeuge, die diesen Namen auch verdienen, mit sauberen Rohstoffen gebaut werden müssen. Die Forderung nach sauberer Mobilität muss somit immer eine ökologische und eine menschenrechtliche Dimension haben.

„Wir wollen keine Rachejustiz, sondern Gerechtigkeit.“

Wie ist Versöhnung möglich?
Man hat in unserem Land versucht, den Frieden ohne Gerechtigkeit zu schaffen. Gerechtigkeit wurde auf dem Altar eines oberflächlichen Friedens geopfert. Wir sehen heute nach gut zwanzig Jahren, in denen die Aufarbeitung nicht stattgefunden hat, dass die gleichen Leute immer weitermachen mit Gewalt, weiter töten, vergewaltigen und plündern. Sie wurden nie zur Rechenschaft gezogen. Sie konnten nie ein Bewusstsein für das von ihnen verübte Unrecht entwickeln und dachten, dass sie mit ihrem Verhalten im Recht sind. Dass, was sie gemacht haben, hatte für sie nie irgendwelche Folgen. Darum machen sie immer weiter, und die ganze unselige Gewaltspirale dreht sich weiter.

Wie kann Veränderung geschehen?
Es muss dringend zu einer tiefgreifenderen Aufarbeitung des ganzen Unrechts kommen. Nur auf dieser Basis kann es zu einem echten Veränderungsprozess kommen, der letztlich in einen echten Versöhnungsprozess mündet. Wir wollen keine Rachejustiz, sondern Gerechtigkeit. Denn der Hass zerstört nicht nur die Opfer des Hasses, sondern auch den, der ihn selbst in sich trägt. Es geht vielmehr um ausgleichende Gerechtigkeit, die wegen des gesellschaftlichen Zusammenhalts nötig ist, denn sie hilft, unsere moralischen und ethischen Werte zu bewahren. Der Hass muss durch echte Gerechtigkeit besiegt werden.

„Zwei Dinge helfen mir, wenn ich die Hoffnung verliere und eigentlich alles hinwerfen will: Das eine ist mein Glaube. Das andere sind die Frauen selbst.“

Was hilft Ihnen bei allem Leid, das Sie erleben, weiterzumachen und nicht den Mut zu verlieren?
Zwei Dinge helfen mir, wenn ich die Hoffnung verliere und eigentlich alles hinwerfen will: Das eine ist mein Glaube. Das andere sind die Frauen selbst. Es ist diese unglaubliche Kraft, die in den Frauen ist, die ich behandle: Frauen, die alles verloren haben, ihren Partner, ihre ganze Familie, die möglicherweise sogar in einem komatösen Zustand ins Krankenhaus eingeliefert werden. Wenn sie aus der Narkose nach einer OP aufwachen, dann stellen sie zuerst Fragen nach ihren Angehörigen. Sie fragen nicht nach sich selbst, sie fragen nach den anderen. Diese Hingabe macht mir Mut für die Gesellschaft und für die Menschheit insgesamt. Diesen Frauen möchte ich gerne etwas zurückgeben und ihnen helfen. Denn sie ermutigen mich selbst immer wieder mit der Liebe und Wärme, die sie für andere haben.

Welche Botschaft haben Sie an Männer?
Im Kongo haben wir noch eine relativ patriarchale Gesellschaft und das Ungleichgewicht ist sehr stark. Hier in Deutschland ist schon vieles besser, aber auch nicht alles perfekt. Wenn ich zurückschaue, sehe ich, dass das Frauenwahlrecht in europäischen Ländern oft eine relativ junge Errungenschaft ist. Wie viel Kraft wurde da von den Frauen aufgewendet, bis sie da waren, wo sie heute sind! Ich wurde im Jahr 2018 in den UN-Sicherheitsrat eingeladen. In den dortigen Berichten hinsichtlich der Menschenrechte zeigt sich vielerorts, dass die Frauenrechte kein Selbstläufer sind, wenn man lediglich eine mehr oder weniger funktionierende Demokratie hat, sondern dass man immer wachsam bleiben und weiter auf Veränderung sowie Fortschritt bestehen muss. Sonst kommt es ganz schnell zu einem Rückschritt! Da gibt es viele solcher Tendenzen. Weltweit gesehen steht es gerade nicht so gut um die Frauenrechte. Es ist wichtig, dass Männer noch mal ganz neu Verantwortung übernehmen, ihre Männlichkeit neu verstehen und eben nicht toxisch ausleben. Auch die Kinder und Jugendlichen müssen wir zu einem anderen, besseren Miteinander von Männern und Frauen erziehen. Die Männer sind aufgerufen, aktiv dafür mit einzutreten und den Kampf nicht immer den Frauen zu überlassen, denn sie kämpfen schon seit langer Zeit!

„Ich höre in mich hinein und halte Zwiesprache mit Gott.“

Sie haben sicher mehr Termine als früher. Wo finden Sie einen Ort der Ruhe?
Es ist schon schwierig im Krankenhausalltag, Zeiten für Ruhe zu finden. Mein Leben ist sehr bewegt, und das war es auch schon vor dem Nobelpreis! Ich lebe, nachdem ich den Mordanschlag auf mich und meinen Mitarbeiter im Jahr 2012 überlebt habe, nicht mehr zu Hause, sondern bei den Patienten im Krankenhaus. Deshalb bin ich seit 2013 immer vor Ort und es ist nicht einfach, da zur Ruhe und innerem Frieden zu finden. Ich nehme mir aber immer zwischen 5 und 7 Uhr morgens, egal, wo ich gerade bin, Zeit für Besinnung und innere Einkehr. Ich höre in mich hinein und halte Zwiesprache mit Gott. Das ist sehr wichtig für mich, spirituell und physisch. Das ist auch die Zeit, wo ich neue Pläne schmiede und an Projekten arbeite. Diese Zeit möchte ich nicht missen.

Vielen herzlichen Dank und Gottes Segen für Ihren schwierigen Job!

Die Fragen stellten Ulrich Mang, Rüdiger Jope und Jörg Podworny. Übersetzt aus dem Französischen von Dagmar Hamberger.

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