Statistisch gesehen ist die Wahrscheinlichkeit zu scheitern um vieles höher als die, Erfolg zu haben. Dass man trotz allem Abenteuer mit Gott wagen sollte, davon ist Jule Pflug überzeugt. Wie wir am besten unseren inneren Schweinehund überwinden und unser Ziel vor Augen halten können, erzählt sie in ihrem Buch „Alles außer Plan“. Eine Leseprobe. 
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Ich bin von Haus aus eher der gemütliche Typ: im Frühjahr die ersten Schneeglöckchen im Sonnenschein von der Parkbank aus bewundern, mich im Sommer wohlig auf dem Badetuch am Strand räkeln und die Füße in den Sand bohren, im Herbst die Wollsocken auspacken, Tee kochen und Kerzen anzünden und im Winter maximal für Bratwurst und Glühwein das kuschelige Haus verlassen. Ich gehöre eindeutig zu Gattung der „Drinnis“, die ihr schönes Zuhause und die gewohnte Umgebung stets dem großen Unbekannten „da draußen“ vorziehen. Aber selbst wer zu den „Draußis“ gehört, Fan von großangelegten Outdooraktivitäten ist und Sprüche klopft wie „Es gibt kein falsches Wetter, nur falsche Kleidung!“, braucht eine gewisse Dosis an Überwindungskraft, um geplante Unternehmungen umzusetzen.

Der Schweinehund wohnt in uns allen – egal ob Chihuahua oder ausgewachsene Dogge. Er kläfft ziemlich ordentlich bei der Vorstellung, man könnte doch tatsächlich das aberwitzige Vorhaben umsetzen, seine Komfortzone zu verlassen und in ein Abenteuer mit dem Prädikat „Ausgang ungewiss“ starten. Diesem verschnarchten Mistköter(chen) brät man am besten kräftig eins über – und zwar mit dem persönlichen Berufungsbilderrahmen. Durch ein motivierendes Mosaikkunstwerk ordentlich vermöbelt zieht er meist schnell den Schwanz ein. Eigentlich könnte man dann ungebremst den ersten Schritt unternehmen, um das visionäre Bild Realität werden zu lassen … eigentlich schon, ja … also, theoretisch …

Schwarzer Wolf und weißer Wolf

Dass man praktisch trotzdem noch zögert, liegt oft an Fragen wie: Werde ich das überhaupt schaffen? Habe ich ausreichend Mut, Kraft, Können, Geld, Zeit, Ausdauer dafür? Was fällt dabei am Ende für mich ab? Was ist, wenn ich scheitere? Laut einer alten indianischen Legende wohnt in uns nicht nur ein harmloser handzahmer Fiffi, sondern zwei ausgewachsene Wölfe streiten sich um die Vormachtstellung in unseren Gedanken. Die fiesen lähmenden Zweifel sät dabei der schwarze Wolf, der nichts anderes beabsichtigt, als uns mit Unsicherheit, Minderwertigkeitsgefühlen, Ängsten, Lügen, aber auch Selbstmitleid, Neid oder Hochmut klein zu halten. Dagegen kämpft der weiße Wolf an, der voller Selbstvertrauen fragt: Was könnte ich Großes bewirken? Welche Begabungen befähigen mich dafür im Besonderen? Wie würde das meine Welt oder die Welt allgemein verändern? Welche positiven Effekte hätte es? Die Waffen des weißen Wolfs sind Hoffnung, Glaube, Wahrheit, Freude, Liebe und Güte. Wovon lasse ich mich leiten und welche Perspektive bestimmt mein Leben?

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Diese Frage ist nicht erst heute wichtig geworden. Wenn die Mitglieder des Indianerstammes abends am Lagerfeuer sitzen, wird der alte, faltenzerfurchte, weise Häuptling es nicht Leid, die Geschichte von den zwei kämpfenden Wölfen zu erzählen. Schweigend ihre Pfeife schmauchend starren danach alle in die Flammen und sinnieren. Nur sein Enkel rutscht unruhig hin und her, hält es schließlich nicht mehr aus und fragt in die Stille: „Welcher Wolf gewinnt denn nun?“ Gespannt blicken alle auf. Der Häuptling nickt anerkennend und erklärt: „Der, den du fütterst. Es wird immer der Wolf genährt, dem du die meisten Brocken hinwirfst. Dadurch wird er stark und kräftig und kann den anderen Wolf zurückdrängen. Bedenke allerdings: Wenn du dich entscheidest, ausschließlich den weißen Wolf zu füttern, dann wird der schwarze stets hungrig und aggressiv in der Ecke lauern. Voller Gier wird er darauf warten, dass du abgelenkt bist oder einen schwachen Moment hast. Dann wird er hervorspringen und dich umso schärfer angreifen. Also vergiss nie, ihm zumindest eine kleine Ration zukommen zu lassen.“

Wenn es darum geht, den ersten Schritt ins (nächste) göttliche Abenteuer zu tun, ist es daher ratsam, vorher mögliche Schwierigkeiten auszuloten. Die beiden Wölfe existieren nur im Doppelpack und sind voneinander abhängig – nichts Gutes ohne das Schlechte und umgekehrt. Das Negative komplett ausblenden zu wollen, ist demnach sinnlos. Aber man kann durchaus zugunsten des weißen Wolfs gewichten: Der entscheidende Schachzug ist, ihm ein extra dickes Filetstück hinzuwerfen und damit den positiven Gedanken in unserem Kopf mehr Aufmerksamkeit zu schenken. Damit können wir Fahrt aufnehmen und die Anfangshürde überwinden.

Die Strategie des Chamäleons

Visionär top ausgerüstet, gedanklich gewappnet und hochmotiviert kann’s dann endlich losgehen. Wobei – eine wichtige Sache gibt es noch zu klären: Wohin platziere ich den ersten (und jeden weiteren) Schritt genau? Nach links, rechts, vor oder gar noch mal zurück? Was bringt mich meinem Ziel am besten näher?

Einige versuchen es in Sachen Berufung mit einer etwas irrwitzigen Taktik. Sie verharren fasziniert im Anblick ihres großen glänzenden Mosaikbildes, das vielversprechend am Horizont hängt. Es steckt so voller Möglichkeiten und verspricht Glanz und Gloria, dass sie wie hypnotisiert (und leicht sabbernd) lostapsen und dabei vergessen, dass „Ziel“ und „zielstrebig“ eng miteinander verwandt sind. Manche wiederum vergessen komplett, dass zum Umsetzen großer Pläne das Gehen vieler kleiner Schritte gehört. Sie sparen sich zwar das Stolpern oder Tapsen, streichen aber fatalerweise das Laufen gleich komplett mit weg. Der Horizont wird so für sie immer unerreichbar bleiben.

Um dorthin zu gelangen, marschiert man besser aktiv los – und zwar mit System. Die Strategie dafür kann man sich vom Chamäleon abgucken. Dieses farbenfrohe Reptil hat die Fähigkeit, seine beiden Augen unabhängig voneinander zu bewegen, was ihm nahezu eine Rundumschau ermöglicht. Genau auf diese Weise müssen wir unsere Perspektive aufspalten, um alles im Blick zu behalten. Unser eines Auge fixiert den Horizont, an dem unsere große, motivierende Vision lockt. Diese dürfen wir besonders angesichts von Schwierigkeiten niemals ausblenden. Das zweite Auge richtet den Blick direkt auf den Boden vor unseren Füßen: Wohin setze ich konkret den ersten und jeden weiteren Schritt? Was bietet sich praktisch als Nächstes an?

Beide Aspekte zusammen ergeben eine schlaue Route, die die grundsätzliche Richtung beibehält, aber auch Abkürzungen, Schlenker oder Hindernisse berücksichtigt und den Weg entsprechend wählt. Wenn ich beispielsweise armen Menschen, die keine Krankenversicherung haben, helfen möchte, brauche ich dafür Spenden, Räumlichkeiten, medizinische Geräte, Medikamente und vieles mehr. Hilft aber alles nichts, wenn ich kein ausgebildeter Arzt bin. Also muss ich zuerst Medizin studieren. Oder fürs Studium sparen. Oder dafür ein Konto eröffnen. Egal, wie weit entfernt der erste Schritt vom Ziel sein mag – er ist entscheidend und die Basis für Nummer 2, 3, 4 und 2762. Vielleicht tut sich irgendwann eine unerwartete Abkürzung auf, weil plötzlich ein Stipendium winkt oder sich Fördermittel für mein Projekt auftun, mit denen ich gar nicht gerechnet hatte. Genau in dieser fokussierten Spannung kontinuierlich weiterzugehen und dabei mit allem zu rechnen – dazu fordert Gott uns heraus.

Dabei ist es allerdings nicht besonders dienlich, ganz gewissenhaft gleich zu Beginn den kompletten Weg bis ins kleinste Detail festzulegen. Bis ich die nächsten drei, fünf, zehn oder hundert Schritte gegangen bin, hat sich vermutlich viel verändert, sodass es keinen Sinn ergibt, an der ursprünglichen Route festzuhalten, und die Planung verschwendete Zeit gewesen wäre. Mir als super organisiertem, nahezu perfektionistisch veranlagtem Typ, der genau wissen möchte, was er für unterwegs einpacken muss, fällt das extrem schwer. Aber mehr als ein paar wenige Schritte – oder vielleicht sogar nur den nächsten – zu planen, ist verschwendete Liebesmüh. Deshalb steckt man diese Energie lieber in die Umsetzung des nächsten Schritts.

Der Weg in den eigenen Psychokeller

Große Berufungen und große Pläne bringen große Emotionen und große Ängste mit sich. „Von nichts kommt nichts“, wie es so schön heißt. An dieser Stelle kann man sich den schwarzen Wolf durchaus mal zunutze machen, indem man genauer hinschaut, welche Geschütze er auffährt und warum einen diese teilweise so gewaltig treffen. Vor ein paar Jahren hatte ich in einer wichtigen Umbruchsituation bei mir den Eindruck, dass mehr dahintersteckte als nur die unangenehme Unsicherheit, die mein damaliger Schwebezustand hervorrief. Daher beschloss ich, mein Gefühlschaos zu reflektieren und dabei eine Ebene tiefer zu gehen. Das ist ähnlich reizvoll, wie die morschen Stufen in einen dunklen, modrigen Keller hinabzusteigen. In diesem Keller werden akribisch sämtliche negativen Erfahrungen aus der Vergangenheit aufbewahrt, doch nicht etwa sauber alphabetisch geordnet, sondern verstaubt, zugedeckt, verschüttet, fragmentarisch.

Fündig wurde ich bei einem Erlebnis, das Jahre zurücklag und das ich eigentlich gut verarbeitet hatte. In meiner Ausbildungszeit als Referendarin hatte ich – jung, dynamisch, motiviert – einen ziemlichen Dämpfer verpasst bekommen. Meine Vorgesetzten hatten mich in so übermächtiger Weise gemobbt, dass ich keinen anderen Ausweg gesehen hatte, als zu kündigen – obwohl ich durchaus gern Lehrerin geworden wäre und bestimmt recht gut darin hätte werden können. Dass es anders gekommen ist, empfinde ich im Nachhinein als ziemlichen Segen. Tatsächlich hatte ich damals schon das Gefühl, dass die Entscheidung, zu gehen, gut war und selbst ohne Mobbing irgendwann gefallen wäre – so war ich eben nur früher an diesen Punkt gedrängt worden. Genau das aber empfand ich als große Ungerechtigkeit: dass man mir für mein erfolgreiches Weiterkommen keine Weichen stellte, sondern im Gegenteil Hürde um Hürde auftürmte und mir das Leben damit so schwermachte, dass mir alles zu viel wurde und ich nicht mehr anders konnte, als die Reißleine zu ziehen.

In meiner aktuellen Situation erkannte ich Parallelen zu damals. Zum Beispiel das Gefühl, gezwungenermaßen gehen zu müssen, obwohl ich es gar nicht will. Ich fühlte mich aus meinem Job „rausgeschmissen“, ohne dass irgendjemand das tatsächlich getan oder auch nur beabsichtigt hätte – das war alles auf meinem eigenen Mist gewachsen. Der Film spielte sich nur in meinem Kopf- beziehungsweise Herzkino ab – leider ganz ohne Popcorn, sondern eher mit Horror-Grusel-Faktor. Tief in mir hatte ich Angst, noch mal auf diese Weise zu versagen, und der schwarze Wolf lachte sich gehässig ins Fäustchen.

In diesem Moment erinnerte ich mich blitzartig an mein biblisches Jahresmotto: Sei mutig und entschlossen! Lass dich nicht einschüchtern und hab keine Angst! Denn ich, der Herr, dein Gott, bin bei dir, wohin du auch gehst. (Josua 1,9 HFA)

Amen – im wahrsten Sinne des Wortes. Diese göttliche Ermutigung brachte tatsächlich wieder mehr Leichtigkeit in die ganze Angelegenheit. Was ich kopfmäßig wusste, brachte mich nun auch emotional wieder ins Gleichgewicht. Das dunkle, vermüllte Kellerabteil war entrümpelt, Angst und negative Gefühle entsorgt – der Raum wurde wieder von Licht durchflutet und hatte seinen Schrecken verloren. Der schwarze Wolf sah ziemlich alt aus! Nun konnte ich wieder meine ganze Energie darauf verwenden, all die offenen Fragen nach der Zukunft zu bearbeiten.

Misserfolg einkalkulieren

Der Schritt raus aufs Wasser bleibt ein Wagnis. Statistisch gesehen ist die Wahrscheinlichkeit zu scheitern um vieles höher als die, Erfolg zu haben. Dass Dinge nicht so klappen, wie wir sie uns vorstellen, ist insgesamt betrachtet viel mehr Regel als Ausnahme. Das kommt uns zwar nicht so vor, ist aber eine unumstößliche Tatsache – mit der man gut leben kann, wenn man sie akzeptiert. Wir sind darauf gepolt, Erfolge als relativ normal zu verbuchen (selbst wenn sie nur wenigen vergönnt sein sollten) und Misserfolge zu verdrängen. Eine seltsame Einstellung! Warum feiern wir keine Party, wenn man ein Vorhaben so richtig in den Sand gesetzt hat – einfach, weil man es probiert hat?

Ja, es stimmt – es gibt eine ganze Menge potenzieller Unwegsamkeiten, wenn man den ersten Schritt aus dem komfortablen Boot heraus tun will. Da ist die stürmische See, die einen ins Wanken bringt. Dann das Misstrauen, ob das Wasser einen tragen wird. Die Erfahrung, dass das eigentlich gar nicht möglich ist. Die Angst, unterzugehen. Aber mal positiv betrachtet: Gott wartet mit einem Übermaß an guten Dingen auf. Er hat offene Türen, offene Fenster, unerwartete Wendungen, unmögliche Möglichkeiten, hoffnungsvolle Perspektiven und erfüllende Realitäten in petto. Könnte also durchaus lohnenswert sein, darauf mal einen ersten, zögerlichen Schritt zuzugehen. Der zweite wird vielleicht immer noch vorsichtig gesetzt. Aber mit jedem weiteren kann der göttliche Flow zunehmen und das Marschieren zum Lifestyle werden: unterwegs auf Abenteuerkurs mit Jesus.


 

Dieser Artikel ist ein gekürzter Auszug aus Jule Pflugs Buch „Alles außer Plan“, das im August 2018 bei SCM Haenssler erschienen ist.

Leseprobe (PDF)