Vor 500 Jahren, am 31. Oktober 1517, lief Martin Luther zur Wittenberger Schlosskirche und nagelte seine 95 Thesen an die Kirchentür. Das haben viele Protestanten im Religions- oder Konfirmandenunterricht gelernt. Aber stimmt das auch?
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Von Markus Geiler (epd)

Touristen aus der ganzen Welt drängten sich in diesem Reformationsjubiläumsjahr andächtig vor Wittenbergs berühmtester Tür, unzählige Fotos und Selfies entstanden mit dem weltweit bekannten Eingangsportal im Hintergrund. Dabei ist die Bronzetür an der Wittenberger Schlosskirche mit den aufgeprägten 95 Thesen Martin Luthers gar kein Original. Nach einem Brand der hölzernen Kirchentür stiftete Preußenkönig Friedrich Wilhelm IV. die neue Thesentür zum 375. Geburtstag Luthers am 10. November 1858. Und auch an ihrer legendären Rolle bestehen große Zweifel.

Ausgerechnet ein Katholik verwies den Urknall des Protestantismus ins Reich der Legenden. Der Anschlag der 95 Thesen durch den Augustinermönch Martin Luther (1483-1546) am 31. Oktober 1517 an die Tür der Schlosskirche habe so nie stattgefunden, schrieb der katholische Kirchenhistoriker und Luther-Biograf Erwin Iserloh 1961 in seiner Abhandlung „Luthers Thesenanschlag, Tatsache oder Legende?“.

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Iserloh ging davon aus, dass Luther die brisanten Thesen, mit denen er den damals üblichen päpstlichen Ablasshandel „Geld gegen Sündenvergebung“ anprangerte, lediglich als Rundschreiben an seine Vorgesetzten versandt hatte – als Aufforderung zur Disputation. Erst als auf seine Kritik die Reaktionen des Erzbischof Albrecht von Mainz und des Bischofs von Brandenburg ausblieben, habe er die 95 Thesen öffentlich gemacht. Zum Reformator sei er eher unabsichtlich geworden.

Damit hätte die Reformation, die die mittelalterliche Welt aus den Angeln hob und die Kirche spaltete, weitaus unspektakulärer begonnen als bislang angenommen. Noch Anfang des 20. Jahrhunderts gab es unter Kirchenhistorikern an den Hammerschlägen, die „bis Rom zu hören waren“, keinerlei Zweifel.

Der evangelische Kirchenhistoriker Heinrich Boehmer berichtet um 1900 sehr detailliert, aber leider ohne Nennung der Quelle, Luther sei am 31. Oktober 1517 gegen 12 Uhr vom Schwarzen Kloster den kurzen Weg zur Schlosskirche gelaufen, um dort das Plakat mit den 95 Thesen an die Kirchentür zu nageln. Boehmers Kollege Otto Schulze schwärmte 1917 zum 400. Jubiläum in seinem „Buch für das deutsche Volk zum Reformationsjubelfest“, es gebe „keinen herrlicheren Tag in der deutschen Geschichte als den 31. Oktober 1517. Licht, Sonne, ein neuer Frühling war dem deutschen Volke aufgegangen“.

Noch 80 Jahre später griff der evangelische Kirchenhistoriker Walther von Loewenich die 12-Uhr-Geschichte in seinem 1982 veröffentlichten Luther-Buch auf. Doch wuchsen nach dem Vorstoß Iserlohs auch unter den Protestanten erste Zweifel am Thesenanschlag. Seitdem gibt es praktisch zwei Schulen unter den Lutherforschern: eine große Schule der Zweifler und eine etwas kleinere der Standhaften.

Melanchton berichtet vom Thesenanschlag

Berichte von Augenzeugen sind nicht überliefert, von dem Reformator selbst ist auch kein Bericht über Hammerschläge bekannt. Bezeugt wurde der Thesenanschlag stattdessen von Luthers Freund und Mitstreiter Philipp Melanchthon (1497-1560). Die bis heute im öffentlichen Bewusstsein existierende Version der Thesenanschläge sei auf Melanchthon zurückzuführen, schreibt der Wittenberger Lutherforscher Martin Treu.

In einem Vorwort zu Luthers Werken schrieb Melanchthon 1546: „Und diese (Thesen) schlug er (Luther) öffentlich an der Kirche neben dem Schloss an am Vorabend des Festes Allerheiligen im Jahr 1517.“ Allerdings sei Melanchthon kein Augenzeuge gewesen, sagt Treu. Er kam erst im August 1518 nach Wittenberg. Und als er vom Thesenanschlag schrieb, war Luther bereits tot.

2006 entdeckte Treu in der Universitätsbibliothek von Jena Notizen aus dem Jahr 1540 von Luthers Assistenten Georg Rörer (1492-1557). Die Anmerkungen in einem von Luther benutzten Neuen Testament berichten vom Thesenanschlag. Befürwortern gelten sie als ältester Beleg für den Wahrheitsgehalt der Geschichte. Allerdings sei auch Rörer kein Augenzeuge gewesen, schreibt Lutherexperte Treu.

Der Hamburger Philosoph Joachim Köhler hält dagegen einen Thesenanschlag für plausibel. Schon immer sei damals an Kirchentüren bedeutungsvoll gehämmert worden, schreibt Köhler in „Luther! Biographie eines Befreiten“. Der einzige Grund, warum damals nicht darüber geredet wurde, habe in der Selbstverständlichkeit der Prozedur gelegen, ist Köhler überzeugt. „Der Thesenanschlag, als solcher ein banaler Vorgang, schien Luther selbst nicht der Rede wert.“



Hintergrund:
Sicher ist, dass Luther die 95 Thesen am 31. Otober 1517 an die Bischöfe Albrecht von Mainz und Hieronymus Schultz von Brandenburg schickte. Sie waren eine Aufforderung zur Diskussion unter Gelehrten – in Latein geschrieben unter der Überschrift „Disputation zur Klärung der Kraft der Ablässe“. Luther wandte sich in seinen Thesen nicht gegen den Ablass an sich, sondern gegen den Handel mit Ablassbriefen. Die Ablassprediger, die durch das Land zogen, versprachen den Menschen, sie könnten sich von allen Sünden und damit von den Strafen im Fegefeuer (der Vorhölle) freikaufen. „Unausweichlich wird deshalb das Volk betrogen durch jene großspurige Zusage erlassener Strafe“, kritisierte Luther.