Frau, sitzt, schweigt
Foto: unsplash/christianfer
Ist es nicht großartig, was für einen guten Gott wir haben, wie sehr er uns liebt, was er alles für uns tut – was für eine unfassbar gute Nachricht das Evangelium ist? Sollte ich nicht vor lauter Begeisterung diese gute Nachricht von den Dächern schreien wollen? Äh, Moment – können wir das noch mal diskutieren?
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Von Annegret Prause

Ich bewundere Menschen, die freimütig, authentisch und begeistert von ihrem Jesus erzählen. Das berührt mich und das ist mir ein Vorbild. Ich selbst komme mir in ähnlichen Situationen vor wie ein Seiltänzer, der rohe Eier unter die Schuhe geschnallt hat: Bloß vorsichtig auftreten, damit nichts zu Bruch geht und immer schön aufpassen, dass man nicht rechts oder links vom Pferd fällt bzw. Seil kippt.

Das ist ein bisschen verrückt, denn ich habe selten Schwierigkeiten damit, die richtigen Worte zu finden. Aber wenn ich Glaubensgespräche mit „Nicht-Insidern“ führen soll, ist Eloquenz etwas, das ich erst im Duden nachschlagen muss. Ich fühle mich dabei so authentisch als würde ich im Leoprint-Mantel durch unseren Kleinstadt-Edeka schlendern. Genau mein Ding. Nicht.

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Nicht, dass wir uns falsch verstehen: Ich habe aus meinem Glauben noch nie ein Geheimnis gemacht. Ich erzähle auch im nichtfrommen Bekanntenkreis, dass ich in die Kirche gehe und auch meine Arbeit für ein christliches Verlagshaus lässt wenig Fragen offen, wo ich inhaltlich stehe.

Und trotzdem ist mein evangelistisches Talent nicht sehr ausgeprägt. Natürlich habe ich es versucht – ich bin christlich sozialisiert worden. Das bringt viele Vorteile mit sich, in manchen Bereichen des Lebens auch eine kleine Meise. Evangelisation ist meine.

Pures Unverständnis geerntet

Ich habe schon früh einschlägige Erfahrungen gesammelt. Ich erinnere mich daran, dass ich es als Dreikäsehoch als meine Pflicht ansah, den Nachbarsjungen auf das Ende der Welt vorzubereiten. Gibt es ein besseres Thema als die Apokalypse für ein nettes, nachbarschaftliches Gespräch über den Zaun hinweg?

Um es kurz zu machen: Ich erntete pures Unverständnis und habe hoffentlich kein Trauma ausgelöst. Aber ich war erst fünf. Ich wusste es nicht besser. Großartig gesteigert habe ich mich trotzdem nicht. Jahre später bin ich in den einen oder anderen Evangelisationseinsatz hineingerutscht – wie man das eben so machte. Fremde Menschen in der Fußgängerzone ansprechen und Ähnliches. Dabei fühlte ich mich regelmäßig völlig fehl am Platz, aber man wächst ja angeblich mit seinen Herausforderungen. Ich mit dieser nicht. Dafür wusste ich anschließend, dass ich mich nie um einen Studentenjob im Promotion-Bereich bemühen musste … das liegt so weit außerhalb meiner Komfortzone, dass ich dafür auswandern müsste.

Natürlich (und Gott sei Dank!) sind die Beispiele nicht sehr repräsentativ für meinen heutigen Glaubensalltag. Aber auch wenn ich keine Gespräche mehr über die Apokalypse führe und auch nicht wildfremde Leute in der Fußgängerzone frage, wo sie die Ewigkeit verbringen werden, fällt es mir schwer, über meinen Glauben zu reden. Ich habe mich lange gefragt, warum das so ist und mittlerweile kenne ich meine Antwort:

Keine einfachen Lösungen

Ich habe eine tiefe Abneigung gegen vorschnelle Antworten und zu einfache Lösungen. Das Leben ist komplex und Gott so viel größer als meine kleinen Erkenntnisse. Wie soll ich ihn in drei Sätzen zusammenfassen? Wie kann ich dem gerecht werden, der die Welt geschaffen hat, ohne in Plattitüden zu verfallen? Und wie soll ich andere für meinen Glauben begeistern, wenn es doch so viel gibt, das ich selbst nicht verstehe, Glaubensfragen, auf die ich keine gute Antwort habe?

Wenn mich jemand fragt, wie Glauben geht, dann kann ich nur sagen: „Ich habe keine Ahnung. Ich stolpere einfach hinter Jesus her.“

Das klingt nicht sehr werbewirksam. Das fühlt sich auch nicht so an, als wäre es für irgendjemanden hilfreich. Ich bin nicht die, die dir gute Antworten geben kann. Ich bin die, die noch mehr Fragen für dich hat. Das füllt sicherlich keine Veranstaltungshallen. Ich bin froh, dass Gott nicht auf mein Evangelisationstalent angewiesen ist. Aber – und das ist das Verrückte an der Sache – ich darf trotzdem an seiner Geschichte mitschreiben. Und ich muss mich gar nicht dafür verbiegen. Es hat ziemlich lange gedauert, bis dieser Groschen bei mir gefallen ist.

Was zu mir passt

Heute stehen in meinem persönlichen Handbuch für Evangelisation diese Punkte:

1. Ich streiche alle Evangelisationsaktivitäten, bei denen ich unter einem Stein verschwinden möchte, von meiner imaginären „Das sollte ich als Christ aber machen“- Liste. Das fühlt sich ein bisschen gewagt an, aber schließlich sind wir zur Freiheit berufen und nicht zu Schuldgefühlen.
2. Ich spreche auch anderen diese Freiheit zu. Es gibt begnadete Evangelisten, Leute, die wirklich hervorragende Antworten geben können, ja, es gibt sogar Leute, die bei Straßenaktionen einen wirklich guten Job machen. Nicht, dass sie ihn nötig hätten, aber meinen Segen haben sie. Solange ich dabei nicht mitmachen muss.
3. Es gibt nicht nur eine genormte und offiziell genehmigte Form, um andere Menschen auf Jesus aufmerksam zu machen.
4. Ich arbeite mit dem, was ich habe, auf eine Weise, die zu mir passt. Es könnte sogar sein, dass es genauso gedacht war.
5. Ich erzähle von meinem Alltag. Ich gebe keine Antworten, die ich nicht habe. Ich höre anderen zu und möchte sie wertschätzen. Wenn ich ganz mutig bin, biete auch mal an, zu beten. Ich trage keinen Leoprint- Mantel.

Ja, so spektakulär kann das aussehen. Gott ist nicht auf mein Talent angewiesen. Aber er ist so groß, dass er alles, was ich ihm hinhalte, gebrauchen kann. Er kann sogar das, was ich als Manko betrachte in eine Gabe verwandeln. Ich meine, wer mit fünf Broten und zwei Fischen das Catering für eine Großveranstaltung bestreitet, der kann wirklich aus allem etwas machen! Und wenn mein Gebet lautet „Herr, du weißt, dass ich nicht besonders gut von dir erzählen kann. Aber ich möchte gern anderen Menschen so begegnen, wie du es tun würdest. Mach doch da etwas draus“, dann macht er das. Da bin ich mir sicher.

Annegret Prause arbeitet als Lektorin und lebt mit ihrem Mann in Heiligenhaus.


Cover Joyce 2/20Dieser stammt aus der Frauenzeitschrift JOYCE, die wie Jesus.de zum SCM Bundes-Verlag gehört.

 

 

 

13 DIREKT-KOMMENTARE

  1. Super, spricht mir sehr aus dem Herzen.
    Jesus ist mein Leben und trotzdem fällt es auch mir schwer mit „nicht Insidern “ davon zu reden.
    Die Erklärungen kann ich unterschreiben und tut gut zu lesen. Normalerweise poste ich so gut wie nichts. Aber dieser Artikel berührt mich zutiefst. Vielen Dank

  2. Danke für diesen Artikel! Er ist bestärkend und ermutigend auf der Suche nach dem eigenen Platz in Gottes Geschichte und der Nachfolge Jesu.

  3. Danke für deine ehrlichen Worte.
    Es will heute keiner hören, dass man ohne Jesus verloren ist und in die Hölle kommt.
    Es geht den Leuten gut, sie haben scheinbar alles, was sie brauchen, warum sollten sie sich dann mit einem Gott auseinander setzten, der Vorschriften macht.
    Leider haben viele ein falsches Gottesbild. Aber wenn du ihnen, wenn wir alle, ihnen vorleben, was es heißt, mit Jesus durchs Leben zu gehen, die Menschen so zu sehen, wie Jesus sie sieht, voller Potential,
    wenn wir vergeben, so wie Jesus uns vergeben hat,
    dann können die Menschen erahnen, dass bei uns etwas anders ist, dann werden sie neugierig.
    Das erlebe ich selten. Entweder reden die Leute sehr altmodisch oder wenn es „jünger“ klingt, dann fühle ich mich eher auf eine Müllkippe oder Kläranlage katapultiert vor lauter Sch.. und Ars.. Vielen Dank besonders für deine frische Sprache, die doch voller Respekt ist. Werde mir deinen Artikel speichern und wenn ich wieder eine Predigt vorbereite lesen, damit ich mit meiner Sprache nicht zu altmodisch klinge und auch Jüngere sich angesprochen fühlen.
    Gott segne dich, wenn du vorlebst, wie Er es sich gedacht hat. Das ist die einzige Bibel, die die meisten Leute heute noch lesen.

  4. Danke für diese Worte, die ich sehr gut nachvollziehen kann. Ich habe jahrelang ein schlechtes Gewissen gehabt, weil ich dachte, als Christ müsste man überzeugend von Jesus erzählen können. Inzwischen habe ich erkannt, dass ich mich nicht verstellen muss, die Schuldgefühle sind aber manchmal immer noch da – eine Dauerbaustelle. 🙂
    Insofern finde ich deinen Artikel sehr ermutigend. Vielen Dank!

  5. Die beste Nachricht ist Gottes Versöhnung mit uns

    Die beste Nachricht der Welt ist diejenige, daß Gott erstens immer größer ist als unsere Vorstellung und er zweitens jeden einzelnen Menschen so liebt, als sei dieser alleine auf der Welt. Es geht ja gerade auch im Gleichnis um den Hirten, der die 99 Schafe verlässt um das Eine zu suchen, um den Gott der alle Menschen findet (und der von und mit Jesus Christus) sie auch alle erlöst. Der einen Neuen Himmel und eine Neue Erde (ein völlig neues Universum) schafft.

    Diese Umschreibung, wenn man auch das Leben und die Worte Jesu dazunimmt, machen es so gut wie unmöglich, Gott als Schöpfer und Erlöser überhaupt zu begreifen. Seine Absichten dürfen wir auf unsere irdisch-enge Denkweise und Perspektive nicht verkürzen. Wenn Gott in der Person Jesu der Friedefürst ist, dann ist das Gericht Gottes über uns Menschen bereits auf Golgatha gehalten. Wenn überhaupt, richtet Gott mit Liebe. Ich glaube n i c h t an die Richtigkeit der billigen Gnade, aber daran, daß jeder Mensch bei Gott eine zweite Chance hat. Gott kann mit seiner Erlösung nicht scheitern, deshalb werden sich am Ende aller Tage alle Menschen auch freiwillig mit Gott versöhnen lassen. Aus der Perspektive der Jetztzeit auf Erden kann ich als Christ für die Vergebung aller meiner Schuld, auch an jedem Tag und notfalls 77 x 7 mal, nur dankbar sein für meine Freiheit als Christ. Ich bin nämlich frei, weil ich keine Vergangenheit, sondern nur eine Zukunft habe. Zur Hölle sei noch vermerkt, daß wir sie auf Erden gerne errichten und es oft gar nicht so richtig bemerken.

    Wir sind als Menschen immer Geschöpfe des einen allesumfassenden Gottes. Alttestamentarische Endzeitbilder, die man auch bildlich verstehen sollte, beschreiben ja, daß Gott in Jerusalem alle Völker versammelt und daß sie aus ihren Schwertern Pflugscharen machen. Am Ende wird alles gut sein, für mich und für alle Menschen. So würde ich mit meinen Worten und meiner Sprache die beste Botschaft beschreiben.

    Aber dieses Evangelium muss man immer gegenüber den unterschiedlichsten Menschen in eine Sprache übersetzen, die verständlich ist. Im übrigen kann jeder Mensch, der Gott noch nicht kennt, seine Existenz erfahren. Man darf ihn einfach in sein Leben einladen. Manchmal kann dies auch ein „existenzieller Akt“ sein, also etwa so wie man in einer Vertrauensübung mit verbundenen Augen springt, im großen Vertrauen aufgefangen zu werden. Derjenige, der ein fast unendliches Universum erschuf, ist wie der Schatten über unserer rechten Hand. Und wir sind Geist von Gottes Geist. So gesehen können wir nur die Eigenschaften Gottes, seine Liebe und Barmherzigkeit, sehr gut beschreiben.

    Da wo Gott aber als Erklärung für alles taugen soll, sind wir auf dem falschen Weg. Weil Gott nicht erklärbar ist, wurde er in Jesus Christus Mensch und ein Bruder, der den Jüngern die Füße gewaschen hat. Die Menschen, denen Jesus half und die er heilte, wie etwa den Samariter, hat er nie über ihre Gottesbeziehung befragt und seine Hilfe davon abhängig gemacht. Was auch sehr logisch ist: Er war ja selbst der menschgewordene Gott, der den Randsiedlern der damaligen Gesellschaft Liebe schenkte. Liebe ist immer unverdienbar. Gottes (unverdiente) Liebe sollten wir allen Mitmenschen gönnen und sie dies auch spüren lassen.

  6. „Ich stolpere einfach hinter Jesus her.“ Das ist für mich die beste und ehrlichste Evangelisation! Und spricht mir aus dem Herzen! Vielen Dank dafür!

  7. Sehr schön geschrieben! Spricht mir aus der Seele! Ich habe das ziemlich ähnlich erlebt, aber auch schon einige Gespräche gehabt, in denen ich den Eindruck hatte, dass der Geist Gottes nach meinem anfänglichen Mut, das Gespräch quasi weitergeführt hat, denn ich war erstaunt und beeindruckt, welche Sätze und Einsichten da aus meinem Mund kamen, die mir auch mit ausgiebiger Vorbereitung nicht eingefallen wären.

  8. Liebe Frau Prause, eins möchte ich noch ergänzen bzw. nochmal betonen: Die Gaben sind unterschiedlich verteilt. Kein Leib kann existieren, wenn alle „Gebärmutter“ sind, und kleine neue Christenbabys hervorbringen. Offensichtlich ist es wirklich nicht ihre Gabe zu evangelisieren. Aber sie können tolle Artikel schreiben (danke dafür!) und damit den Leib Christi stärken. Auch die, die Evangelisten sind. Und das ist wunderbar!

  9. Liebe Frau Brause,
    Sie sprechen mir aus dem Herzen und genau aus, was viele denken und fühlen – herzlichen Dank dafür!
    Beate

  10. Oh, ist das schön, dass es nicht mir nur so geht. Danke für diesen herrlich befreienden Blick. So ähnlich denke ich auch schon lange, kann auch meist sehr gut damit leben. Aber von Zeit zu Zeit überfallen mich doch Schuldgefühle, weil wir in einer Gemeinde leben, die den Punkt Evangelisation äußerst wichtig findet. Dabei möchte Jesus doch, dass wir frei sind und uns nicht verbiegen. Authentisch leben ist so ein wichtiges Thema.

  11. Super Artikel, ich habe auch lange gebraucht um das bei mir selbst auch so zu Akzeptieren vieles habe ich genau so erlebt und durchlebt wie du. Jetzt lebe ich tatsächlich Freier ohne den Druck das muss du doch als Christ so machen… toll auch zu sehen dass es anderen auch so geht und man nicht denken muss man sei ein Dinosaurier in seiner speziellen Art👍🏻😁

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