„Die besten Theologen der Gemeinde sollten in der Arbeit mit Kindern sein!“

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Wie sieht christliche Erziehung heute aus? Welche Rolle spielen Kirchen und Gemeinden dabei? Ein Gespräch mit Professor Dr. Tobias Faix, der mit seinem Team vom Forschungsinstitut empirica eine Studie zum Thema „Christliche Erziehung heute“ gemacht hat.

Welche Ergebnisse Ihrer Studie zum Thema „Christliche Erziehung“ sind Ihnen besonders aufgefallen und wichtig?

Tobias Faix: Der Erziehungsstil hat sich in den letzten Generationen sehr stark verändert. Dafür sind vor allem zwei Dinge verantwortlich: der eher demokratische Erziehungsstil, der sich schon vor über dreißig Jahren in unserer Gesellschaft durchgesetzt hat, den wir jetzt in der christlichen Familie auch haben. Außerdem hat sich das Gottesbild sehr stark verändert, von einem eher strengen und kontrollierenden Gott hin zu einem eher liebevollen und freundlichen Gott, der Vater, Freund oder Hirte ist. Das hat natürlich auch ganz konkreten Einfluss auf die Glaubenserziehung im Alltag. Das ist der erste wichtige Punkt, der auffällt.

Der zweite Punkt: Der größte Wunsch der Eltern ist, dass ihre Kinder genauso glauben wie sie selbst. Alle Eltern wollen natürlich, dass ihr Kind das, was sie machen, gut findet. Auch der Anarchist will, dass seine Kinder Anarchisten werden. Das ist ganz normal und gilt nicht nur für Christen. Trotzdem zeigte sich dieser Wunsch in der Studie sehr deutlich und war wieder mit Druck versehen. Dieser Druck wird anders ausgeübt als früher, entsteht beispielsweise durch eine überhöhte Erwartungshaltung an das Kind, ist also eher psychologisch bedingt.

Der Wunsch, das Kind zum eigenen Glauben hin zu erziehen, ist ja auch ein theologisches Problem. Wenn ich Angst habe, dass ein Kind die Ewigkeit ohne Gott verbringt, wenn es sich nicht im klassischen Sinne bekehrt, ist das natürlich ein starker Antreiber. Wie sehen Sie das?

Dieses Dilemma fand ich sehr spannend – dass Eltern sagen: „Ich will nicht, dass meine Kinder dasselbe durchmachen, was ich durchgemacht habe. Aber was bringt es, wenn sie die beste, warmherzigste Erziehung haben, aber dann verloren gehen?!“ An der Stelle finde ich es wichtig, theologisch einzuhaken. Erziehung hat eine ganz hohe Prägekraft, auch eine religiöse, aber ein Kind muss sich irgendwann im Laufe des Lebens selbst entscheiden, was und wie es glauben möchte.

Und was, wenn die Kinder irgendwann sagen, sie wollen das alles nicht?

Da beginnt dann das praktische Dilemma. Da sagen einige Eltern in etwa: „Aus Liebe zwinge ich meine Kinder“, und dann fängt es an zu knirschen. Natürlich kommt es immer auf das Alter der Kinder an, aber allein vom theologischen Standpunkt aus betrachtet, würde ich sagen, dass Eltern ihre Kinder nicht „zum Glauben bringen können“, da der Glaube nicht von Generation zu Generation „vererbt“ werden kann. Deshalb braucht es gerade in der Glaubenserziehung Freiheit und Vertrauen, und in der Pubertät gehört eine kritische Auseinandersetzung mit dem Glauben für die Teenager zur normalen Entwicklung dazu.

„Eine gute Arbeit mit Kindern erspart eine hohe Anzahl an Seelsorgern im Alter“

Von daher ist es schon wichtig, hier noch mal zu fragen: Was heißt eigentlich Bekehrung? Was heißt Prägung? Welche Verantwortung haben Eltern? Welche Verantwortung haben auch Kindergottesdienstmitarbeiterinnen und -mitarbeiter? Ich glaube, dass ein geistliches Netz, in dem die Kinder aufwachsen, sehr wichtig ist.

Für wie wichtig halten Sie ein theologisch und pädagogisch durchdachtes Konzept für die Arbeit mit Kindern in Kirche und Gemeinde?

Das ist ein wahnsinnig wichtiger Punkt. Meiner Meinung nach müssten die besten Theologen und Theologinnen der Gemeinde in der Arbeit mit Kindern sein, denn dort wird das Grundverständnis vom Bild Gottes geprägt. Das spricht überhaupt nicht gegen Ehrenamtliche, sondern es spricht dafür, dass sie gut begleitet und geschult werden. Ich habe selbst achtzehn Jahre lang Kindergottesdienst gemacht, weil ich davon überzeugt bin, dass das vielleicht die wichtigste Arbeit in der Gemeinde ist. Ich sage immer: Eine gute Arbeit mit Kindern erspart eine hohe Anzahl an Seelsorgern im Alter. Ich weiß, die Kausalität ist kompliziert, aber so ganz grob würde ich sagen, das stimmt.

Tobias Faix (Foto: CVJM Hochschule Kassel)

Wie entstehen verschobene Gottesbilder bei Kindern, und wie können Mitarbeitende dem entgegenwirken?

Zuerst einmal hat Jesus ein Kind in die Mitte seiner Nachfolger gestellt, als Vorbild im Glauben (Matthäus 18,1-6, Anm. der Red.). Und er hat nicht gesagt: „Dieses Kind ist ein geliebtes Kind Gottes – aber es ist auch Sünder.“ Zuerst geht es um die Liebe Gottes zu den Kindern, denn es ist ein Irrtum zu glauben, dass das Kind von Anfang an moralisch böse ist, da gibt es viele Stellen in der Bibel, die eindeutig etwas anderes sagen (Jesaja 7,14-16; Lukas 11,13; 1. Korinther 14,20). Theologisch gesehen würde ich sagen, alle Menschen sind getrennt von Gott. Das hat aber zunächst keine moralische Bedeutung und muss dem Kind pädagogisch nicht vermittelt werden. Das Kind ist zu hundert Prozent von Gott geliebt, es ist das Ebenbild Gottes, bei aller Entfremdung, die durch den Sündenfall geschehen ist, und das soll und darf es spüren und wissen. Das alte Bild, dass das Kind böse ist und ich es ihm auch noch sagen muss, führt zu einem schlechten Selbstbewusstsein und einem unsicheren Glauben. Ganz schwierig ist es auch, wenn dem Kind vermittelt wird: „Alles, was gut ist, kommt von Gott – und alles, was schlecht ist, kommt von dir!“. So kann kein gesundes Selbstwertgefühl aufgebaut werden. Gottes Versöhnungsbotschaft ist eine gute Nachricht, keine schlechte. Daher ist eine gute Theologie, die didaktisch und methodisch gut umgesetzt wird, enorm wichtig.

Was ist das Wichtigste, worauf Mitarbeitende achten sollten, wenn sie mit Kindern über Gott und den Glauben reden?

Ich denke, das Wichtigste ist, dass Mitarbeitende wissen dürfen: Das, was sie sagen und wie sie handeln, wird von den Kindern wahrgenommen. Kinder können sehr gut die biblischen Inhalte und den Umgang miteinander zusammenbringen. Welche Atmosphäre herrscht im Kindergottesdienst? Wie werden die Kinder wahrgenommen, wie werden sie wertgeschätzt, wie viel Anerkennung bekommen sie? Diese Fragen nach der Haltung sind genauso wichtig wie die biblische Geschichte und das Gebet selbst. Es muss im Ganzen gesehen werden und kann nicht in geistliche und nicht-geistliche Teile getrennt werden. Das kann für die Mitarbeitenden auch Entspannung bringen. Deshalb war beispielsweise für uns das gemeinsame Essen, Zeit verbringen, Zuhören wichtig. Das hat unseren ganzen Kindergottesdienst und meinen Blick auf die Kinder verändert. Früher habe ich das Programm immer sehr gut durchstrukturiert und dachte, das sei professionell. Heute würde ich sagen, mit den Kindern Zeit ohne Programm zu verbringen, ist etwas sehr Wertvolles. Beides hat seinen Wert und seine Zeit und ergänzt sich zu einem guten Ganzen.

Vielen Dank für das Gespräch!

Interview: Christiane Henrich und Natascha Ahlers


Das vollständige Interview ist zuerst in der Zeitschrift SevenEleven erschienen. SevenEleven ist eine Materialzeitschrift mit 20 Lektionen, zusätzlichem Online-Material und begleitenden Schulungen für die Arbeit mit Kindern zwischen 7 und 11 Jahren in Sonntagsschule, Schule und Kirchengemeinde. Die Lektionen laden Mitarbeiter und Kinder ein, gemeinsam Gott und den Glauben an ihn zu entdecken und zu erleben.

 

Die Ergebnisse der im Interview erwähnten Studie von Tobias Faix und seinem Kollegen Tobias Künkler können in deren Buch „Zwischen Furcht und Freiheit: Das Dilemma der christlichen Erziehung“ sowie dem Praxisbuch „Frei erziehen – Halt geben. Christliche Erziehung für unperfekte Eltern“ nachgelesen werden. Beide Bücher geben spanndende Einblicke in die Erziehungsrealitäten und wertvolle Denkanstöße für christliche Eltern und alle, die mit Kindern leben und arbeiten.