Dasha packt ihr Weihnachtspäckchen aus
Dasha packt ihr Weihnachtspäckchen aus. Foto: David Vogt/GdH
Dasha (14) aus der Ukraine und Amanda (15) aus Deutschland kennen sich nicht. Und doch sind sie eng verbunden – über einen Schuhkarton.

Von Jenifer Girke

Dasha (14) ist Halbwaise. Ihre Mutter starb, als sie gerade einmal vier Monate alt war. Nach dem schweren Verlust verlor sich ihr Vater im Alkohol und verließ seine Tochter. Das Mädchen wuchs bei den Großeltern auf, in dem kleinen Dorf Prystromy in der Westukraine, 100 Kilometer von der Hauptstadt Kiew entfernt. Ihre Großeltern, die sie liebevoll Babuschka und Deduschka nennt, kümmern sich rührend um den Teenager.

Das weiß auch Elena, eine enge Vertraute der Familie. Die Pastorenfrau veranstaltete schon viele Weihnachtsfeiern in Prystromy und engagiert sich seit zehn Jahren für Kinder und Frauen im Dorf: „Als ich Dasha das erste Mal sah, hätte ich nie gedacht, dass sie ohne Eltern aufwächst. Sie war immer ordentlich angezogen, hatte gute Manieren und war sehr freundlich.“ Ihre Großmutter Valentina ist 65 Jahre alt, hat vier eigene Kinder und 13 Enkelkinder. Um sich um Dasha kümmern zu können, gingen sie und ihr Mann Vasili (69) in Rente, als das Mädchen zu ihnen kam.

Essen in der Familie
Dasha (m.) bereitet das Essen für ihre Großmutter und die Pfarrersfrau Elena vor. Foto: David Vogt/GdH

Valentina pflanzt den ganzen Garten voller Gemüse an, damit sie keins kaufen muss. Einen Teil der Ernte verkauft sie an Nachbarn. Wenn man zu Dasha nach Hause kommt, fällt einem die Armut zunächst gar nicht auf – es ist aufgeräumt, nicht zu kalt, ein Laib Brot steht auf dem Tisch und Babuschka lächelt jeden warm an. „Die Großmutter bemüht sich sehr, dass man nicht sieht, unter welchen Umständen sie leben. Wenn man sie fragt, würden sie niemals sagen, dass sie Hilfe brauchen, aber jedes Mal, wenn ich etwas mitbringe – Kleidung oder Essen –, dann fallen sie mir voller Dankbarkeit um den Hals“, schildert die 38-jährige Pastorenfrau die Situation.

Sieht man genauer hin, erkennt man die Anzeichen der Notdürftigkeit schnell: Das Haus hat keine Heizung, das Dach ist kaputt und Elena verrät uns, dass sie sich seit Monaten keine Reparatur leisten könnten und es vor allem nachts sehr kalt im Haus wird. Fragt man nach der Toilette, spürt man, wie unangenehm es der Großmutter ist, ihre Gäste zu einem Plumpsklo im Garten hinter dem Hühnerzaun führen zu müssen. Die Familie verfügt auch nicht über fließendes Wasser, was die täglichen Hausarbeiten für die ältere Frau sehr mühsam macht: „Wir müssen immer und immer wieder zum Brunnen laufen, um das Geschirr zu spülen oder die Wäsche zu waschen“, erzählt Valentina.

Eine starke Familie

Und doch: Ihre Herzlichkeit und Gastfreundlichkeit ist überwältigend und trotzt den äußeren, wenn auch schweren Umständen. „Wissen Sie“, sagt die Großmutter, „Dasha ist ein Teenager. Sie möchte gern schöne Kleidung tragen, Schminke haben und natürlich so ein Handy, um mit ihren Freunden zu schreiben. Ich kaufe mir schon lange keine neue Kleidung mehr, warum denn auch, das brauche ich nicht. So können wir Dasha etwas Schönes kaufen, nicht oft, aber wenigstens ab und zu. Aber ein Handy oder ein Computer – das ist teuer und wir kennen uns damit ja auch gar nicht aus.“

Dasha will einmal etwas in Richtung IT und Telekommunikation studieren, doch ohne die entsprechende Technik wird es schwer, ihre Bildung an den neuesten Stand anzupassen. Die ganz gewöhnlichen Teenager-Themen kommen dazu. Umso wichtiger ist der Halt, den die 14-Jährige in der Kirche erfährt. Sie berichtet: „Dort habe ich Freunde in meinem Alter und kann mit Elena über alles reden. Ich liebe meine Großeltern und ich wohne sehr gerne hier, aber manchmal ist es schon schwierig.“ Auch Elena würde niemals auf das Mädchen verzichten wollen: „Dasha ist mir sofort ans Herz gewachsen, sie ist eine tolle Unterstützung. Sie hilft mir, leitet die Spielgruppen mit den Kindern, kümmert sich um andere und hat ein großes Herz.“

Für ihre Großmutter war sofort klar, dass das Mädchen bei ihr aufwächst, niemals hätte sie Dasha ins Kinderheim gegeben: „Ich bin Mutter, ich bin Großmutter, sie ist wie meine Tochter, einfach alles. Ich weiß, ich bin alt und verstehe nicht alles, aber ich kann sie trotzdem über alles lieben.“ Dasha und ihre Großmutter schlafen sogar in demselben Bett und lassen den Großvater im einzigen Zimmer neben der „Stube“ (Wohn-, Ess- und Schlafzimmer zugleich) schlafen, das eigentlich für Dasha hergerichtet ist. „Wir beiden Frauen haben unsere Geheimnisse, das muss der Alte nicht mitkriegen“, schmunzelt Valentina, „wir sind schon 48 Jahre lang zusammen, da kann er ruhig in einem anderen Zimmer schlafen.“ In dieser Familie merkt man schnell, dass die Großmutter ihre herzliche Art auch an die Enkeltochter weitergegeben hat.

Das tollste Geschenk

Dashas Lebensfreude wurde im vergangenen Jahr besonders belebt. Zum ersten Mal in ihrem Leben erhielt sie 2017 ein Weihnachtsgeschenk: Einen Schuhkarton, der ganz speziell für sie gepackt wurde, von einem fast gleichaltrigen Mädchen in Deutschland. Amanda ist 15 Jahre alt und lebt in der Nähe von Stuttgart. Sie packt seit ihrer Kindheit Schuhkartons zu Weihnachten, spendet ihr gesamtes Taschengeld in die Aktion und liebt es, anderen Kindern eine Freude zu machen. In dem kleinen Kirchengebäude in Prystromy veranstalteten Elena und ihr Ehemann, Pastor Victor, eine bunte, fröhliche Weihnachtsfeier mit Liedern, Puppentheater und vielen Spielen für die Kinder. Dann wurden die Geschenk-Kartons überreicht. Als Dasha ihr Geschenk sah, breitete sich ein Lächeln über ihr ganzes Gesicht aus.

Das gepackte Päckchen
Die junge Amanda zeigt ihr gepacktes Päckchen. Foto: David Vogt

In dem Schuhkarton waren nicht nur hilfreiche Utensilien wie Zahnpasta oder Zahnbürste, sondern auch moderne Kleidungsstücke, allen voran ein kuscheliger Schal, den Dasha sofort um ihre Schultern legte und nicht mehr ablegen wollte. Doch das Mädchen war noch von etwas anderem sehr gerührt: „In Amandas Schuhkarton war ein selbst gebastelter Stern und ein selbst gebasteltes Armband. So etwas Schönes habe ich noch nie bekommen.“

Auch Elena war hin und weg: „Sie hat sogar einen Brief auf Russisch geschrieben, sodass Dasha jedes Wort versteht. Dieses Mädchen hat so ein großes Herz. Ich wünschte, ich könnte sie fest in den Arm schließen und Danke sagen.“ Und Dasha sagt: „Dieser Brief erzählt davon, wie sehr Gott mich liebt. Genauso liebt er auch Amanda. Ich bin mir ganz sicher, dass wir uns einmal sehen werden. Seit heute habe ich eine neue Freundin – das ist das tollste Geschenk für mich!“

Die Geschenk-Aktion für Dasha in der Ukraine ist Teil der internationalen Initiative „Operation Christmas Child“ (im deutschsprachigen Raum „Weihnachten im Schuhkarton“). In 13 Ländern werden Päckchen für bedürftige Kinder gesammelt, die dadurch weitaus mehr als einen Glücksmoment erleben. Allein 2017 wurden im deutschsprachigen Raum 408.809 Schuhkartons gepackt. Weltweit wurden rund elf Millionen Kinder beschenkt. Der Gedanke dabei: Jedes Geschenk transportiert Hoffnung und die Weihnachtsbotschaft von der grenzenlosen Liebe für ausnahmslos alle Menschen, unabhängig von Herkunft, Religion, Hautfarbe. (Info: www.geschenke-der-hoffnung.org)

Dieser Artikel ist zuerst im Magazin lebenslust erschienen, das wie Jesus.de zum SCM Bundes-Verlag gehört.

1 DIREKT-KOMMENTAR

  1. Der Bericht ist toll aber schade, dass er erst heute gebracht wurde – gestern war der Abgabefrist für Schuhkartons in den Sammelstellen. Wenn er früher erschienen wäre hätten vielleicht mehr Menschen sich daran beteiligen können. Aber nächstes Jahr geht das Projekt ja auch weiter…. 🙂

Comments are closed.