Welche Auswirkungen hat die Corona-Pandemie auf die geistliche Situation von Kindern in Familie und Gemeinde? Dieser Frage ist Anke Kallauch nachgegangen. Sie ist Referentin für Kindergottesdienst im Bund Freier Evangelischer Gemeinden (FeG).

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Die Situation von Familien ist in diesen Monaten herausfordernd. Nach dem ersten Lockdown im Frühjahr mit plötzlichem school@home und vielen sozialen Beschränkungen folgten Sommermonate, die auch nicht normal waren. Ein Hin- und Her im Herbst mit der latenten Unsicherheit und ein erneuter Lockdown veränderten das Lebensgefühl von Kindern erheblich. Es hat etwas gedauert, bis sich Politiker auch an die Kinder wandten, Verständnis für ihre Situation zeigten und ihnen fürs Mitmachen dankten.

Familien geht es dabei unterschiedlich schlecht. Wer finanziell gut ausgestattet ist, mehrere Computer oder Tablets besitzt und zeitliche Spielräume hat, dem geht es meist besser. Viele Familien kommen mit dem Aufeinanderhocken nicht gut klar. Spannungen und Probleme, die schon vorher bestanden, spitzen sich momentan zu. Andere haben gelernt, mit der Situation umzugehen: Familien spielen viel miteinander, gehen zusammen raus, fahren Rad, laufen, entdecken die Natur und genießen die neu gewonnene Qualitätszeit. Die Mehrheit sieht sich jedoch erheblichen Schwierigkeiten gegenüber, besonders was den Verlust von Unterstützungsnetzwerken angeht. Davon sind Familien mit besonderen Bedürfnissen (Armut, Arbeitslosigkeit, Alleinerziehende, Kinder mit Behinderungen) extrem betroffen.

Doch wie ist die geistliche Situation von Kindern in diesen Monaten? Eine britische Studie (Englisch) der Liverpool Hope University hat das untersucht und Eltern, Kinderpastoren und Mitarbeiter in Gemeinden befragt. Nach meinem Eindruck sind die Ergebnisse gut auf die deutschen Verhältnisse und auf die Situation im Bund Freier evangelischer Gemeinden (FeG) zu übertragen. In unseren Zoom-Treffen Café KiGo, Café Scout und persönlichen Kontakten berichten Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter über ähnliche Nöte, Erfahrungen und Fragen.

Gemeindliche Angebote seit April 2020

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Manche Gemeinden haben im ersten Lockdown sehr schnell auf Onlineangebote umgestellt. Mehr oder weniger professionell wurden Videos produziert, die meistens einen Kindergottesdienst oder eine Kinderstunde abbildeten, wie sie vorher in Präsenz stattfanden. Was dabei meist verloren ging, war die Interaktion mit den Kindern. Das, was uns besonders wichtig ist, konnte nicht so leicht online abgebildet werden: Fragen zulassen, selber eine Geschichte explorieren und sich ausprobieren. Mit der Zeit suchten viele nach Wegen, diese Aktivitäten auf andere Weise zu fördern. Sobald es wieder möglich war, wurden Familien zu Hause aufgesucht („Kigorando“) oder man bot im Sommer Outdoor-Aktivitäten an. Manche Mitarbeiter suchten den direkten Kontakt mit Familien durch Briefe, Emails mit Materialien, Anrufe. Aufgrund der Einschränkungen ist es aber schwierig, effektiv und kontinuierlich in Kontakt zu bleiben oder gar konkrete Hilfe dauerhaft anzubieten.

Die neuen Angebote brauchen ein
hohes Engagement

Mit der Zunahme der technischen Kompetenzen von Kindermitarbeitern im Laufe der Monate schossen auch Gruppenstunden als Videokonferenzen aus dem Boden.
Viele stellen fest: diese Angebote werden nicht von allen angenommen und man muss für jede gemeindliche Situation passgenaue Ideen entwickeln. Dabei klafft die Annahme der Angebote auch von Familie zu Familie auseinander. In Familien, in denen zu Hause nur minimale Glaubensaktivitäten stattfinden, war der Besuch eines Kindergottesdienstes oder einer anderen gemeindlichen Kindergruppe der wichtigste Einfluss auf den Glauben eines Kindes. Wer füllt jetzt diese Lücke? Darüber machen sich Kindermitarbeiter Sorgen.

Engagierte Kindergottesdienst-Teams

Die neuen Angebote brauchen ein hohes Engagement von Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern. Ob die kreativen Angebote für Kinder dabei im Laufe der Monate gleich geblieben, zu- oder abgenommen haben, können wir nicht eindeutig sagen. Vorproduzierte Kindergottesdienste gibt es auf die Länge der Zeit fast nur dort, wo es auch hauptamtliche Kindermitarbeiter gibt, die ihre Zeit nun fast ausschließlich dafür einsetzen. Kindermitarbeiter verbringen momentan mehr Zeit mit dem Aufnehmen und Schneiden von Videos, Suchen und Erstellen von Materialien und der technischen Umsetzung als mit der eigentlichen geistlichen Begleitung von Kindern. Dabei sehen das viele als ihre Hauptaufgabe an.

Auch wenn Spiel und Spaß immer ein unabdingbarer Bestandteil von Kindergruppen sind, dominieren sie momentan manchmal die Vorbereitungen und Durchführungen zuungunsten von spirituellen Momenten wie Gebet oder tiefen Austausch über Bibelgeschichten. Videokonferenzen machen nur für eine gewisser Dauer (30-45 Minuten, je nach Alter) Sinn. Mitarbeiter empfinden es als eine große Herausforderung und Spannung, Beziehungsaufbau, lustige Aktivitäten und sinnvolle geistliche Begegnung in Balance zu halten.

Sehen sich Kinder als Teil der Gemeindefamilie?

Viele Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter sind erschöpft und auch mutlos von den ständigen Veränderungen und Anforderungen des vergangenen Jahres. Neben der Bewältigung des eigenen Alltags bedeutet die Begleitung der Kinder in der Gemeinde eine weit größere Anstrengung als die wöchentliche Präsenzveranstaltung. (Dort, wo es im Sommer und Herbst wieder Kindergruppen vor Ort gab, war man mit den Hygiene- und Abstandsregeln so beschäftigt, dass die gleichen Effekte, die ich eben geschildert habe, auch für diese Situationen zutrafen.)

Viele ehrenamtliche Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter sind unter diesem Druck aus ihrer Mitarbeit ausgestiegen, so dass die Arbeit nun auf weniger Schultern ruht. So wie die Corona-Krise auch für andere Lebensbereiche ein „cut“ bedeutet, der Menschen die Gelegenheit gibt, Gewohnheiten und Aktivitäten zu hinterfragen, gilt das auch für die Mitarbeit im Kinderdienst in der Gemeinde. Manche steigen vielleicht nur für diese Zeit aus, andere aber für immer. Was wird das für die Zukunft heißen? Mitarbeitermangel war immer ein Thema in der Arbeit mit Kindern. Wie können da in der Nach-Coronazeit neu Menschen motiviert werden?

Mutter legt Tochter eine Maske an Corona
Morsa Images / E+ / Getty Images

Beziehungen zu Familien, unter Familien, zur Gemeinde

Wo die Beziehungen und Freundschaften unter Familien und ihren Kindern vor Corona stark waren, sind sie es oft auch jetzt noch. Manche haben ihre Beziehungen sogar gestärkt. Aber Familien, die vorher nicht gut vernetzt waren, sind es jetzt, in den Einschränkungen der Pandemie, oft gar nicht mehr.
Das Gleiche gilt auch für Kindermitarbeiterinnen und -mitarbeiter: wer schon vorher viel Zeit und Kraft in Beziehungen zu Kindern investiert hat, kann diese jetzt viel besser halten, als wer nur sporadisch mitgearbeitet hat oder das Augenmerk stärker auf die Durchführung einer Stunde richtete.

Wie gut kannten Kinder ihre Gemeinde vor Corona? Ist es vorher gelungen, dass Kinder sich wirklich als Teil der Gemeindefamilie sahen und viele Erwachsene und Jugendliche kannten? Fühlten sie sich als Teil der Glaubensfamilie? Diese Art von Beziehung hat eine große Auswirkung auf die Glaubensentwicklung von Kindern. Wir sorgen uns um die Kinder – besonders die jüngeren – die diese sichere und geborgene Gemeinschaft in einer Schlüsselzeit ihrer emotionalen und spirituellen Entwicklung jetzt entbehren.

Viele Kindermitarbeiter haben mit dem Fortschreiten der Pandemie dem Aufbau und Erhalt von Beziehungen zu Kindern reinen Aktivitäten (Onlinespiele etc.) Vorrang gegeben. Natürlich geht aber auch oft beides Hand in Hand miteinander.
Die Begleitung von Kindern in ihrer Glaubensentwicklung wird idealerweise von Eltern und Gemeinde Hand in Hand betrieben. Davon sprechen wir schon seit Jahren. Die Realität sieht allerdings ernüchternd aus. Wir haben als Gemeinde und als Kindermitarbeiter oft keine Ahnung davon, wie aktiv die Glaubensvermittlung und -begleitung in der Familie geschieht. Die Mitarbeiter streuen oft auf Verdacht Materialien und Ideen in die Familien hinein, nicht wissend, ob sie an dem Punkt ansetzen, an dem die jeweilige Familie gerade steht. Ist es zu anspruchsvoll und zeitintensiv oder ist es zu niederschwellig? Fühlen sich Eltern durch die Anregungen aus der Gemeinde unter Druck gesetzt oder unterstützt? Manche Eltern scheinen sich schlecht gerüstet zu sehen und fühlen sich mit zu vielen Informationen und Materialien überfordert. Andere reagieren dankbar und verstehen mehr denn je, dass sie als Eltern eine unglaublich wichtige Rolle in der Glaubensentwicklung ihrer Kinder spielen. Die Pandemie hat für sie gezeigt, dass sie das nicht der Gemeinde überlassen dürfen.

Investitionen in die Zukunft

Die Aktivitäten der letzten Monate waren verstärkt zielgruppenorientiert, Livestreamgottesdienste meist noch mehr als zuvor auf Erwachsene ausgerichtet. Kinder wurden – falls vorhanden – in Zoom-Meetings mit anderen Kindern ausgelagert. Sie brauchen aber einen Platz in der ganzen Gemeinde und den Kontakt zu vielen Erwachsenen, um an ihnen Jesusnachfolge zu sehen und mit ihnen zusammen spirituelle Momente zu erleben. Daher können Gottesdienste für alle Generationen dann, wenn Präsenzgottesdienste (mit welchen Beschränkungen auch immer) wieder möglich sind, ein wichtiges Moment für Kinder sein, um ihre Zugehörigkeit zur Gemeinde neu zu spüren.

Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter, die in der jetzigen Situation durchhalten und viel Kreativität und Zeit investieren, um mit Kindern in Kontakt zu bleiben, brauchen viel Bestätigung und Ermutigung.

Für das langfristige Wohlergehen der Gemeinde muss ein Schwerpunkt auf die Arbeit mit Kindern gelegt werden.

Was kann ihnen helfen, jetzt das Richtige zu tun?

• Mit den Eltern reden und sie fragen, was sie jetzt brauchen und was ihnen helfen kann, geistliches Leben in der Familie zu unterstützen, ist ein wichtiger Weg. Dabei sollten keine unrealistischen Erwartungen und Anforderungen an Eltern gestellt werden. Sie brauchen Wertschätzung und das Gefühl, in ihrer Familiensituation von der Gemeinde umsorgt und was ihre Kinder betrifft, mit einbezogen zu sein.

• Vielleicht denkt mancher auch etwas wehmütig an besondere Aktionen für Kinder (Legowochen, Freizeiten etc.). Jetzt ist die Zeit der kleinen Gruppen und der kleinen Begegnungen. Das ist wichtig und nicht weniger wert!

• Ein Wahrnehmen der individuellen Wege, die Kinder in der Zeit fehlender Kindergruppen geistlich gegangen sind, kann helfen, wieder anzuknüpfen. Was haben die Kinder erlebt? Haben sie Gottes Nähe gespürt? Mit wem haben sie gebetet?

Für das langfristige Wohlergehen der Gemeinde muss ein Schwerpunkt auf die Arbeit mit Kindern gelegt werden. Welche Ressourcen und welche Energie sollen in diesem Bereich investiert werden? Wir sehen, dass in den letzten Monaten einige Gemeinden neu hauptamtliche Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter für den Bereich Kinder und Familien eingestellt haben. Gut so, und weiter so! Es wird große Energie brauchen, in der Zeit nach der Pandemie neue Strukturen aufzubauen, Mitarbeiter zu gewinnen und Familien zu befähigen, Kinder auf dem Glaubensweg zu begleiten.

Die Arbeit mit Kindern wurde in der Pandemie stark beeinträchtigt. Gerade jetzt ist daher der Zeitpunkt, um mit allen Playern neu zu überlegen, wie eine Strategie für die Zukunft aussehen kann, um der neuen Generation mit ihren Familien in der Gemeinde einen Platz zu geben, der langfristig Glauben und Nachfolge fördert. Dazu darf man mutig das ansehen, was vor 2020 war und was davon bleiben soll. Aber es wird auch neue Wege brauchen.

Anke Kallauch ist Referentin für Kindergottesdienst
im Bund Freier Evangelischer Gemeinden (FeG)