Worum geht es in der Nachfolge? Mut, Gehorsam und Treue – klar. Das alles macht ein Leben mit Jesus aus. Aber im Zentrum steht etwas anderes.

Von Lydia Rieß

Es ist kalt vor dem großen Gerichtsgebäude. Mit klammen Fingern zieht er seinen Mantel enger. Geduldig wartet er, dann öffnet sich endlich das Tor zum Innenhof. Er versucht, schnell hineinzuschlüpfen, doch die Wachfrau am Eingang hält ihn zurück.

„Bist du nicht auch einer von denen?“

Er zuckt zusammen und schaut in das Gesicht einer Frau, die ihn mit eindringlichem Blick ansieht. „Einer von was?“, fragt er und räuspert sich schnell, um das Zittern seiner Stimme zu überspielen. Diesmal ist es nicht die Kälte.

„Na, du bist doch einer von diesen Jesus-Anhängern, oder?“ Sie mustert ihn von oben bis unten.

Er schüttelt den Kopf, etwas heftiger als nötig. „Nein, auf keinen Fall, Sie müssen mich verwechseln.“ Eilig schiebt er sich an ihr vorbei, bevor sie eine weitere Frage stellen kann. Im Hof brennt ein Kohlenfeuer. Zielstrebig läuft er darauf zu. Die Wärme beginnt sogleich, seine Glieder zu durchdringen. Wenn sie nur auch die Angst vertreiben könnte … Sein Blick fällt auf die kleine Versammlung nicht weit von ihm. Ein paar Männer in vornehmer Kleidung und würdevollen Gesichtern. Und vor ihnen, von Wachen umringt, ein einzelner Mann in einem einfachen, staubigen Gewand. Der Angeklagte.

„Du bist doch auch einer von seinen Anhängern, oder?“, erklingt es neben ihm und er zuckt unwillkürlich zusammen. „Bist du hier, um zu sehen, wie sie deinen Rabbi verknacken?“

Er schaut nach rechts. Neben ihm steht einer der Wachleute, der gerade Pause macht. Spott tanzt in seinen Augen. „Ich kenne den Typen nicht mal“, antwortet er und senkt den Kopf. „Doch klar“, sagt ein anderer Wachmann. „Warst du nicht sogar dabei, als wir ihn festgenommen haben?“ „So ein Unsinn, ich …“ In der Ferne kräht ein Hahn. Laut und deutlich. Ein Geräusch, das ihn bis ins Mark erschüttert. Sein Kopf fährt herum und er sieht genau in das Gesicht des Mannes mit dem staubigen Gewand. Der Mann schaut ihn an. Seine Augen sind traurig.

Er dreht sich um und rennt los. Raus, nur raus hier. Tränen laufen über seine Wangen, und er versucht erst gar nicht, sie zurückzuhalten. Er war doch hier gewesen, um seinen besten Freund zu unterstützen. Stattdessen hatte er ihn verraten und allein gelassen. „Was habe ich getan?“, flüstert er. „Was habe ich getan?“

Diese eine Frage

Vermutlich kennst du diese Geschichte. Petrus und der krähende Hahn. Jesus hatte ihm vorausgesagt, dass er behaupten würde, ihn nicht zu kennen. Petrus glaubte das nicht – und war zutiefst erschüttert, als es dann doch passierte.

Nicht lange danach wurde Jesus ans Kreuz genagelt und starb. Aber das war nicht das Ende. Kurz danach überrascht der Auferstandene sie am See Genezareth. Dort lädt er sie gleich zu einer Grillparty ein. Und führt ein sehr persönliches Gespräch mit Petrus (Johannes 21). Eigentlich sagt er gar nicht viel. Er stellt Petrus bloß eine Frage: „Hast du mich lieb?“ Petrus bejaht. Natürlich, Jesus ist sein bester Freund, und er ist überglücklich, ihn wiederzuhaben. Jesus hört sich die Antwort an, nickt – und stellt die Frage dann noch zweimal.

Warum stellt er Petrus diese Fragen? Hat er Zweifel daran, dass Petrus ihn liebt? Möglich wäre es ja. Es gibt schließlich einen guten Grund, warum Jesus ihn dreimal fragt. Und es gibt auch einen Grund, warum Petrus nicht verärgert, verwirrt oder genervt auf diese Wiederholung reagiert, sondern traurig. Jesus erinnert Petrus hier an die anderen „drei Male“ seines Verrats.

Es ist eine Erfahrung, die Petrus bestürzt hat. Die Freundschaft mit Jesus ist ihm sehr wichtig, und so trifft ihn sein eigenes Versagen selbst am härtesten. Es ist das Gefühl, etwas sehr Wichtiges kaputtgemacht zu haben.

Aber diese Geschichte, diese Freundschaft, endet dort nicht. Jesus wendet sich nicht von Petrus ab, so wie dieser sich von ihm abgewandt hat. Stattdessen wendet er sich Petrus hier zu. Jesus fragt Petrus nicht, um herauszufinden, ob dieser ihn wirklich liebt. Oder ob er bereit ist, ihm auch weiterhin nachzufolgen. Er fragt es, um Petrus zum Nachdenken zu bringen. Und auch, um ihm dabei zu helfen, sich seiner Schuld und Scham zu stellen.

Fragezeichen in Sprechblase
Foto: Getty Images

Von Petrus lernen

Kennst du solche Momente in deinem Glaubensleben, in denen es nicht glatt läuft? In denen du das Gefühl hast, kein guter Nachfolger, keine gute Nachfolgerin zu sein – oder Jesus sogar zu verleugnen? Ich glaube, wir haben alle solche Phasen oder Situationen, in denen wir unser Leben von etwas anderem bestimmen lassen als von Jesus und woanders nach Führung und Sicherheit suchen. Sei es Geld, sei es die Karriere, seien es unsere eigenen Vorstellungen davon, wie unser Leben aussehen sollte und was uns zusteht.

Das Spannende ist: Jesus wendet sich uns genau dort zu. Er kommt nicht mit Vorwürfen. Sondern nur mit dieser Frage, die keine Forderung ist, sondern eine Einladung: „Liebst du mich?“

So ist auch dieses „Liebst du mich“ an Petrus zu verstehen. Es ist keine Forderung. Es ist kein Anspruch. Sondern es ist eine vorsichtige Frage danach, ob Petrus bereits dort wieder angekommen ist, wo er Jesus aus freien Stücken nachfolgen kann. Eben weil er ihn liebt. Und nicht nur, weil er seine Ideen immer noch gut findet oder weil er sich dazu verpflichtet fühlt, aus Tradition oder aus Schuldgefühlen. Hier geht es um die Beziehung, um die Freundschaft zwischen Jesus und Petrus.

Wir können Jesus nur folgen, wenn wir ihn lieben. Wenn wir überzeugt davon sind, dass es etwas Gutes ist, mit ihm zu leben. Nachfolge ist nur dann lebendig, wenn sie aus einer Beziehung zu Jesus heraus geschieht. Dort, wo wir Jesus nur nachgehen, weil wir seine Lebensphilosophie ganz nützlich finden, fehlt etwas. Es fehlt die Liebe, das Vertrauen, die Beziehung.

Diese Liebe ist nichts, was Jesus von uns fordert. Sie ist etwas, worum er wirbt. Mit seinem ganzen Leben, mit seinen Worten, und damit, was er für uns am Kreuz getan hat.

Aus dem Dunkel ins Licht

Aber warum rollt Jesus diese Sache mit dem Verrat nochmal so breit aus? Warum kann er nicht sagen „Schwamm drüber, schon vergessen, jetzt gehen wir weiter“?

Aus zwei Gründen. Einerseits soll Petrus erkennen, dass es nicht bedeutungslos für Jesus war, was da passiert ist. Auch Jesus hat ein Herz, das verletzt werden kann. Und das ist hier passiert. Jesus gibt Petrus hier noch einmal die Chance, sich mit dem auseinanderzusetzen, was schiefgelaufen ist. Und Petrus lässt sich darauf ein, weil auch ihm offensichtlich etwas daran liegt.

Zum anderen: Jesus kann die Sache nicht einfach unter den Teppich kehren. Wenn er einfach so weitermacht, als sei nichts geschehen, dann tut er Petrus damit keinen Gefallen. Diese Sache muss angesprochen und ans Licht gebracht werden, sonst wird sie ewig an Petrus nagen.

In dem, was Jesus sagt, liegt kein Vorwurf. Er hilft Petrus dabei, Frieden mit der Vergangenheit zu schließen. Erst dann kann Petrus ihm wirklich frei nachfolgen. Und was besonders auffällig ist: Die Initiative dazu, diese Beziehung zu reparieren, kommt von Jesus.

Das ist das Wesen Gottes. Er spricht unsere Schuld nicht an, um uns bloßzustellen. Er holt sie aus der dunklen Ecke in uns raus, wo sie vor sich hin schwelt und uns kaputt machen würde, und stellt sie in sein Licht, wo wir Heilung und Erneuerung erfahren dürfen. Jesus holt unsere Schuld nicht hervor, um mit dem Finger darauf zu zeigen. Sondern um sie von uns wegzunehmen, sodass wir sie nicht mehr mit uns herumtragen müssen. Damit wir weiter fähig sind, ihm nachzufolgen, ganz frei.

Licht am Ende des Tunnels
Foto: Getty Images

Vergleichen ist sinnlos

Petrus wendet sich nach dieser Unterhaltung schließlich einem der anderen Jünger zu und fragt Jesus: „Und was ist mit dem? Wie wird es für ihn weitergehen?“ Vielleicht wollte er, dass die anderen dieselben Mühen tragen müssen wie er. Vielleicht war er aber auch nur neugierig. „Wird der da ein leichteres Leben haben als ich? Immerhin hat er nicht so oft versagt wie ich.“

Jesu Antwort ist klar und unmissverständlich. „Was geht dich das an?“ So harsch diese Antwort klingt, so liebevoll ist sie auch. Petrus soll sich nicht vergleichen. Mehr noch, er muss sich nicht vergleichen. Denn der Weg dieses anderen Jüngers ist nicht sein Weg. Petrus soll nicht auf diesen anderen Jünger, sondern auf Jesus schauen.

Und genau deshalb fragt Jesus Petrus, ob er ihn liebt. Darin liegt das Zentrum der Nachfolge: In der Liebe Jesu und der Liebe zu Jesus. Nachfolge ist mehr, als sich nur ein Beispiel an Jesus zu nehmen und ihn nachzumachen. Es heißt, ihm ähnlicher zu werden. Vor allem ist es nichts, das wir für Jesus tun. Es ist etwas, das wir mit Jesus tun.

Lydia Rieß ist hin und wieder als freie Predigerin in Freien evangelischen Gemeinden (FeG) unterwegs. Außerdem schreibt sie Fantasy-Bücher und arbeitet als Volontärin im SCM Bundes-Verlag.

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