Gute Beziehungen stärken die Gesundheit (Bild: Pixabay.de / InstagramFOTOGRAFIN)

Psychologin Friederike Fritsche ist überrascht von der gesundheitsfördernden Kraft versöhnter Beziehungen.

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Kleines Gedankenspiel: Wer lebt wohl gesünder? Derjenige, der nach einer längeren Phase des Streits die Hand zur Versöhnung ausgestreckt hat und jetzt wieder in Frieden mit seinem Freund oder Nachbarn lebt – oder derjenige, der es nach jahrelanger Abhängigkeit endlich geschafft hat, mit dem Rauchen aufzuhören?

Es klingt unglaublich, ist aber wahr: Ob jemand sich darum bemüht, im Alltag in versöhnten Beziehungen zu leben oder ob jemand aufhört zu rauchen, beeinflusst beides in gleichem Maße positiv die eigene körperliche Gesundheit. Denn wie wir unsere sozialen Beziehungen gestalten, wirkt sich unmittelbar auf unseren Körper aus – und zwar in einer bisher ungeahnten Dimension. Gute und tragfähige soziale Beziehungen sind unsichtbare „Lebensmittel“ – mit Nährstoffen für Seele und Körper.

Psychoneuroimmunologie

Professor Christian Schubert aus Innsbruck ist ein sympathischer Botschafter dieser neueren Forschungsrichtung mit dem langen Namen „Psychoneuroimmunologie“. Er beschäftigt sich als Arzt und Wissenschaftler damit, wie unsere sozialen Beziehungen, unser psychisches Erleben, unser Nervensystem und das Immunsystem zusammenhängen.

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Ich habe im Rahmen meiner Therapieausbildung vor einigen Jahren in Nürnberg seinen Fachtag „Psychoneuroimmunologie“ besucht und war fasziniert. Die Kraft unseres menschlichen Miteinanders wird durch komplexe Mechanismen im Körper übersetzt in Abwehrkräfte des Körpers. Verständnisvolle Worte, Berührungen oder einfach das Lächeln des Gegenübers signalisieren auf basale Weise unseren Nerven und Organen: „Die Bedrohung ist vorbei, du kannst durchatmen, du bist in Sicherheit.“ Dann werfen die Körperzellen messbar ihre Motoren für Regenerationsvorgänge an und Entzündungen gehen zurück. Professor Schubert bezeichnet es deshalb als „Gesundheitselixier“ oder „Lebenselixier“, sozial eingebunden zu sein und Unterstützung durch andere Menschen zu erleben.

Als ich in der Schlange zum Mittagessen neben ihm stehe, nutze ich die Gelegenheit für meine Frage: Kann ich eigentlich Schweinefleisch essen oder sollte ich es lieber lassen? Ich hatte gelesen, dass der Verzehr von Schweinefleisch Entzündungen im Körper verstärken soll. Professor Schubert wirkt bei seiner Antwort tiefenentspannt. Was konkret ich esse, findet er gar nicht so relevant. Für die Gesundheit sei entscheidender, wie ich esse. Seine Sicht fordert mich einerseits heraus, entspannt mich aber auch. Und lässt mich grundsätzlich darüber nachdenken: Bin ich während meines Mittagessens mit mir selbst und anderen in Frieden oder liege ich mit mir selbst und anderen im Streit?

Nicht nur bei diesem Mittagessen stelle ich mir seitdem immer wieder die Frage: Wenn ich das wirklich an mich heranlasse, auf welche Weise will ich dann anders leben?

Schatz der Beziehungen

Den Schatz meiner vorhandenen Beziehungen empfinde ich angesichts dieses Zusammenhangs mit meiner Gesundheit als noch einmal kostbarer. Und in der Corona-Zeit mit all ihren Einschränkungen noch zusätzlich wertvoll. Deshalb frage ich mich: Was kann ich dazu beitragen, dass meine Beziehungen tragfähig bleiben? Wo will ich sie noch sorgsamer gestalten?

Dabei fällt mir direkt eine Begegnung mit meinem Sohn ein, in der ein Lächeln anstatt eines Stirnrunzelns beziehungsstiftender gewesen wäre. Mitten im trubeligen Alltagsgeschehen stand er eines Tages im Flur vor mir und zog seine Schuhe an. Ich weiß nicht mehr, was genau ich gesagt hatte. Aber es war wohl das Stirnrunzeln, das in diesem Moment in seinen Körperzellen eine heftige Reaktion auslöste: „Mama, wenn du immer so reagierst, dann erzähle ich dir einfach nie wieder etwas!“ Heute kann er sich nicht einmal mehr an diese Begegnung erinnern, ich aber sehr wohl.

Schatz des Glaubens

Ich entdecke in diesem Zusammenhang auch noch einmal bewusster den Schatz des christlichen Glaubens. Gott hat uns mit diesen seelischen Wirkmechanismen geschaffen. Und sie sind in der Bibel realistisch und heilsam beschrieben. Die Ultra-Kurzversion davon lautet: „Liebe deinen Nächsten wie dich selbst.“ Das ist hochwertige immunstärkende Nahrung, die sich nie verbraucht. Gottes Kraft der Barmherzigkeit und Vergebung – mir selbst und anderen gegenüber – ist die Grundlage dafür.

Diese Sicht fordert mich heraus, meine eigenen Bedürfnisse und „blinden Flecken“ noch besser kennenzulernen. Andere und mich selbst zu lieben, klingt so einfach und ist doch ein lebenslanger Lernprozess. Ich will deshalb in meinen Beziehungen offen bleiben für die Frage: Was ist mein Anteil an diesem Missverständnis oder Konflikt? Welches anerkennenswerte (kindliche) Bedürfnis steckt bei mir dahinter? Dabei mache ich mir bewusst: Auch das ist ein Teil von mir. Und gleichzeitig „entlasse“ ich immer wieder meine Mitmenschen aus dem („Beziehungskiller“-) Anspruch, sie müssten alle meine Bedürfnisse erkennen und erfüllen.

Blick nach vorne

Mein Blick geht dabei weg von der Vergangenheit ins Hier und Heute und ins Morgen – dahin, wo ich etwas gestalten kann. Ich frage mich: Wo will ich mich neu öffnen für diese große Lebenskraft? Ohne giftige Vorwürfe, was ich hätte anders machen sollen oder müssen. Ohne zu denken „Ich bin ja quasi schuld an meiner Misere, weil ich nicht genug …“ Diesen Ballast des rückwärtsgewandten Umkehrschlusses können und brauchen wir nicht zu tragen. Denn das Leben stellt nun mal seine Herausforderungen an uns. Manche Dinge passieren einfach, ohne dass es eine Erklärung gibt.

Auf diese Weise anders zu leben geht allerdings nur gemeinsam. Ein individuelles Selbstoptimierungsprojekt wie bei Sport und Ernährung ist hier nicht möglich. Das „Lebenselixier“ Beziehungen bekommt niemand für sich alleine ausgehändigt, wir können es nur miteinander erlebbar machen. Und wir haben so viel zu geben. In großen Projekten und im scheinbar ganz Kleinen, Alltäglichen. Selbst wenn wir nur einen Menschen am Tag freundlich anlächeln, wird sich das bei demjenigen, der es wahrnimmt, auswirken – und zwar heilsam bis in jede einzelne Körperzelle hinein.


Diesen Artikel schrieb die Diplom-Psychologin Friederike Fritsche zuerst für das Magazin andersLEBEN (Ausgabe 01/2021). andersLEBEN ist ein Produkt des SCM Bundes-Verlags, zu dem auch Jesus.de gehört. 

1 DIREKT-KOMMENTAR

  1. Hm. Wenn man nun aber in einer Dauerhaft Toxischen Beziehung Gefangen ist- aus Angst um der Kinder den Partner nicht sofort verlässt obwohl die Seele danach Schreit – dann hört sich das nicht gut an. Leider hat nicht jeder Mensch den Segen einer auch „nur durchschnittlichen“ Beziehung.

    Ich kann nur hoffen das wir meine Kinder und das Haus dazu irgendwie egal werden oder ich mehr auf Gott vertrauen kann.

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