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Was nötig ist, wenn wir wie in der Causa Bill Hybels mit Übergriffs-Vorwürfen anderer konfrontiert werden.

Von Dr. Ulrich Wendel

Die bisher abenteuerlichsten Nächte meines Lebens habe ich in einem Hotel verbracht. Im Studium jobbte ich als Nachtportier, wie andere Studierende meiner Hochschule auch. Wir wurden eingewiesen, ein klein wenig angelernt, waren aber natürlich nicht richtig qualifiziert für diese Aufgabe. Deshalb bin ich stets etwas nervös zum Hotel in der Millionenstadt gefahren – es konnte immer etwas Unvorhergesehenes passieren.

Ein Erlebnis kam mir wieder in den Sinn, als ich die Nachrichten vom Rücktritt der Führungsriege der Willow-Creek-Gemeinde in Chicago hörte. Grund dafür war ja der falsche Umgang mit Übergriffsvorwürfen in der Gemeinde. Mir sind da ein paar Parallelen aufgefallen.

„Da war ein Mann in meinem Zimmer!“

Irgendwann nach Mitternacht öffneten sich die Aufzugtüren und eine Frau, Gast unseres Hotels, kam in die Lobby. Aufgeregt steuerte sie auf den Empfang zu und sagte zu mir: „Da war ein Mann in meinem Zimmer!“

Ich schaute vermutlich sehr ungläubig und fragte: „Wie soll das denn passiert sein?“ Sie meinte, er habe den Riegel des Schlosses wohl mit einer Scheckkarte aufgedrückt und sich so Zugang verschafft. Das war der erste von vielen peinlichen Momenten für mich in dieser Nacht: Als frommer Theologiestudent hatte ich natürlich keine Ahnung, wie man unbefugt Schlösser öffnet und wie leicht das geht. Die verstörte Frau musste mich erst einmal ins Bild setzen.

Nachts im Hotel kommen immer wieder seltsame Typen vorbei, skurrile Gäste, manchmal gut angetrunken, oder auch schräge Telefonanrufe. Unwillkürlich buchte ich die Frau vor mir am Empfang in diese Kategorie: vielleicht verwirrt, vielleicht hat sie sich etwas eingebildet. Und als man mich in die Arbeit einwies, hatte mir niemand vom Hotelpersonal gesagt, man müsse damit rechnen, dass die Zimmertürschlösser nicht sicher sind. Deshalb reagierte ich auf die Frau höflich, freundlich und skeptisch. Bot ihr einen Sessel an und einen Kaffee. Ihr nächster Satz aber traf mich wie ein Blitz: „Ich bin aber erschüttert, dass Sie mir jetzt nicht glauben!“

Zum zweiten Mal ein Opfer

Plötzlich begriff ich ansatzweise, wen ich da vor mir hatte: Eine verängstigte Frau, die massiv bedroht woran war, einfach „nur“ durch die Präsenz eines Fremden nachts im Hotelzimmer – und der dann von denen, die sich um sie kümmern müssten, kein Glauben geschenkt wird. Der zweite Schlag in einer Nacht. Ein weiteres Mal zum Opfer gemacht.

Endlich begann ich angemessen zu reagieren. Stellte mich sozusagen auf ihre Seite. Sie verbrachte noch einige Zeit in der Lobby und dann bot ich ihr ein anderes Zimmer an. Seitdem habe ich versucht, meine Reflexe anders zu trainieren. Reflexartig war es gewesen, dass ich der Frau nicht geglaubt hatte. Eine unwillkürliche Reaktion. Genauso reflexartig versuche ich seitdem, vergleichbare Situationen aus der Sicht des oder der Geschädigten, des „Opfers“ zu sehen. Kann ja sein, dass sich später zeigt, dass an Vorwürfen nichts dran ist. Aber bis dahin habe ich vermieden, einen traumatisierten Menschen zu retraumatisieren.

Die Leidtragenden als Störfall

Was war der Grund für meine spontanen falschen Reflexe?

  • Inkompetenz. Man hatte mich nicht für solche Fälle ausgebildet. Es gab kein abrufbares Reaktionsmuster. Ja noch mehr, man hatte die Möglichkeit solcher Vorkommnisse gar nicht thematisiert. Als die Frau vor mir stand, musste ich improvisieren – menschlich und fachlich total überfordert.
  • Angst. Was die Frau mir da erzählte, war eine Bedrohung für mich. Ich war immer froh gewesen, wenn ich eine Nacht als Portier einigermaßen im Griff hatte. Dass bloß nichts aus dem Ruder läuft! Ruhe und Vorhersagbarkeit waren ein hohes Gut für mich. Jede Abweichung störte den erwarteten Ablauf. Deshalb war nicht nur das Vorkommnis eine Bedrohung für mich, die Frau selbst war eine Bedrohung. Am besten wäre also, es stimmte gar nicht, was sie da erzählt.
  • Der Wunsch nach glatter Berichterstattung. Wenn morgens um sechs die Frühschicht kam, wollte ich gern ein korrekt laufendes Hotel übergeben: die Kasse gezählt und stimmig, die Aschenbecher geleert, alle Gläser gespült. Das waren Dinge, nach denen ich „gefragt“ wurde. Hier vorzeigbare Ergebnisse zu haben war mein erstes Interesse. Jeder Mensch, der dieses Ergebnis beeinträchtigen könnte, war letztlich eine Störung. Und als Störfall habe ich die Frau in der Lobby auch behandelt.

Ich schätze, diese Faktoren sind es, die auch wirksam werden, wenn jemand von Übergriffen in Kirchen- und Gemeindekontext berichtet. Kirchenvorstände und Gemeindeleitungen arbeiten zumeist ehrenamtlich. Die wenigsten sind für diese Aufgabe ausgebildet oder haben sich fortgebildet. Einige haben viel Lebens- und Kirchenerfahrung, aber viele andere machen bestimmte Aufgaben während ihrer Dienstzeit irgendwann zum ersten Mal. Und improvisieren deshalb. Oder lavieren.

Inkompetenz, Angst und der Wunsch nach glatter Berichterstattung prägen die Art, wie Gemeinde oft geleitet wird. Das ist nicht verwerflich. Es ist allzu verständlich, dass Ehrenamtliche so agieren und reagieren. Es ist menschlich. Bloß – man muss sich auf die Schliche kommen, sich dieser Faktoren bewusst werden und dann eine Strategie überlegen.

Was Kirchenleitungen nötig haben

Nötig für Gemeindeleitungen ist:

  • Inkompetenz überwinden. Sich schulen lassen zum Thema Umgang mit Übergriffen und Missbrauchsfällen. Denken lernen, dass so etwas mit einer bezifferbaren Wahrscheinlichkeit in der eigenen Kirche vorkommen wird. Abrufbare Handlungsmuster parat haben.
  • Die Reflexe neu programmieren. Die Person, die von einem Übergriff berichtet, darf nie ein Störfall sein. Unwillkürlich und reflexartig muss man sich zunächst auf ihrer Seite stellen und von dort aus die Lage spüren und wahrnehmen, bevor man sich dann auf eine höhere Ebene begibt.
  • Die Rechenschaftspflichtigkeit klären. Wem gegenüber ist man wirklich verpflichtet, „Bericht zu erstatten“? Dem Kirchenvorstand oder der Gemeindeversammlung, die sich ein gut funktionierendes und vorzeigbares System wünschen? Der Öffentlichkeit, die doch bloß nicht mit Skandalnachrichten konfrontiert werden soll? Dem Verantwortungsträger, auf dessen Leistungen oder Lebenswerk kein Schatten fallen darf (weil man meint, dieser Schatten fiele dann zugleich auf Gottes Werk)? Oder nicht vielmehr Jesus Christus, dem Herrn und Hirten der Kirche, dem die zerbrochenen Herzen, geknickten Schilfrohre und glimmenden Dochte am Herzen liegen?

Die beschämende Nacht im Großstadthotel fiel mir – wie gesagt – ein, als ich vom Rücktritt der Willow-Creek-Gemeindeleitung hörte, weil man mit Übergriffsvorwürfen falsch umgegangen war. Meine Lektion aus dieser Nacht war: Egal wie eine schwierige Situation später anzugehen ist – meine unwillkürlich aufkommenden Solidaritäten muss ich sofort auf die richtige Seite lenken. Meine spontanen Reflexe muss ich neu trainieren.


Dr. Ulrich Wendel war 14 Jahre lang freikirchlicher Gemeindepastor und ist nun Chefredakteur des Magazins Faszination Bibel sowie Programmleiter für Bibel und Theologie beim Verlag SCM R.Brockhaus.

3 DIREKT-KOMMENTARE

  1. DANKE, Dr. Ulrich Wendel!
    Als Selbstbetroffene solcher „Vorgänge“ in einer Ev. Freikirche in Deutschland, hätte mir solch eine Sicht der Dinge geholfen dort zu überleben.

  2. Ich habe nicht einmal in der Ausbildung als Sozialarbeiterin vor 40 Jahren vom Umgang mit Missbrauchsfällen etwas gehört oder dazu gelernt. Da ich aus eine heilen Familie kam, war das auch eine völlig fremde Welt für mich. Daher habe ich auch die Andeutungen von betroffenen Menschen nicht verstanden.

  3. MENSCHEN ERNST NEHMEN GEHT NUR MIT EINER METHODE

    Betroffene müssen immer im Vokus unserer Wahrnehmung stehen. Dies bedeutet: Wir müssen versuchen, durch die Brille des Betroffenen zu sehen, ihre Ängste und Gefühle versuchen nachzuempfinden. Nur so und nicht anders kann man in Augenhöhe und eben in Empathie in aller Achtsamkeit mit Opfern von Missbrauch umgehen.

    Aber gerade dann, wenn es um Themen wie Mißbrauch geht, kann dies ein Wandel auf einem Drahtseil sein. Dabei fällt mir ein, dass ich vor langer Zeit in einem kollegialen Dienstbespräch damit konfrontiert wurde, ein Psychologe und Lebensberater sei gegenüber eine Klientin übergriffig geworden, diese habe sich (mindestens) privat bei einem anderen Lebensberater beschwert und man habe daher den Psychologen auf eine (geheime) schwarze Liste gesetzt. Das bedeutet: Ohne dass der vermutliche Täter angehört wird, kann er sich möglicherweise sehr wundern, dass seine Ratsuchenden wegbleiben. Meine Reflexe waren sofort vorhanden: Kann man einfach jemand auf eine schwarze Liste setzen. Oder: Hat das Opfer sich in den Berater verliebt (das gibt es häufig) und nun aus Rache gehandelt ? Was mir klar war: Hier steht eine Aussage gegen eine Nichtaussage – oder wenn es zur Anzeige kommt – möglicherweise Aussage gegen Aussage. In der derzeitigen Phase kann man nur vom Hörensagen nichts beweisen. Es ist alles möglich oder auch nicht. Warum die Klientin nicht einen offiziellen Weg gegangen ist – einmal unterstellt sie sage die Wahrheit – kann man verstehen. Aber ist das fair gegenüber einem Täter, von dem man nicht weiß, ob er einer ist. Gilt hier nicht die oft beschworene Unschuldsvermutung ?

    Was man nicht verwechseln darf sind die Ebenen.In einem Gerichtsprozess gibt eine eine Anklage, die mehr oder weniger von der Täterschaft des Betreffenden überzeugt ist und die anwaltlich den Strafanspruch des Staates vertritt. Auf der anderen Seite gibt es eine Verteidigung als Anwalt des Beschuldigten. Drittens hat ein Gericht abzuwägen zwischen den Beweisen und Gegenbeweisen und ist als unabhängige Instanz zu strenger Neutralität verpflichtet.

    Mißbrauchsvorwürfe oder ähnlich in einer christlichen Institution bzw. Kirche erzeugen das Problem, dass wir hier nicht auf der Ebene eines Gerichtes arbeiten. Ein kirchlicher Arbeitgeber kann bei weiter Auslegung der Unschuldsvermutung nicht einfach nichts tun, egal ob die möglichen TäterInnen in der Chefetage oder darunter angesiedelt sind. Vermutlich wird es fast ein Regelfall sein, dass hier Aussage gegen Aussage stehen wird. Wie sollte es auch anders sein, geht man davon aus, dass Christinnen und Christen genauso Sünderinnen bzw. TäterInnen sein können wie alle anderen Menschen. Es kann daher auch genauso gelogen werden. Besser ausgedrückt: Es wird mit Sicherheit gelogen. Leider können auch Opfer die keine sind, genauso lügen.

    Ich meine, dass man mit einem christlichen Hintergrund und Auftrag unbedingt ein Anwalt derjenigen Menschen sein muss, die Opfer von Mißbrauch sein könnten. Letztendlch kann über einen solchen Vorwurf nur die Justiz entscheiden. Ich will gerne zugestehen, dass man dabei auch unerwartet Unschuldige schweren Schaden zufügen kann, wenn ein solcher Strafantrag gestellt wird. Aber umgekehrt wird auch denjenigen großer Schaden zugefügt, die nachgewiesen Opfer waren.

    Es gibt leider keinen anderen Weg als den offiziellen.

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