Mit der VillaVie verwirklichte Tirza Schmidt ein Herzensprojekt: Einen Raum für Menschen zu schaffen, die einen Schwangerschaftsabbruch erlebt haben und still daran leiden. Ein Besuch vor Ort in Bochum. 

Von Regina Neufeld 

Endlich komme ich nach einer langen Autofahrt in der VillaVie in Bochum an. Ich werde von einer strahlenden Tirza in dem Ladenlokal begrüßt und fühle mich hier direkt Zuhause. Nachdem Tirza mir die Entstehungsgeschichte der VillaVie erzählt hat, bin ich fasziniert davon, wie Gott diese Frau zu ihrer Berufung geführt hat und wie sie dieser mit allem, was sie hat, folgt.

Mehr als ein Berufswunsch

Schon mit 14 Jahren träumte Tirza Schmidt davon, Hebamme zu werden. Doch dabei ging es nicht in erster Linie um die niedlichen Babys, sondern um die Frauen, denen sie helfen wollte, sich trotz schwieriger Umstände für ihre Kinder zu entscheiden. Ein „Haus voll Leben“ wollte sie eröffnen. Eine Villa, wie sie in der Nähe ihres Elternhauses stand, mit viel Platz für Gespräche, Lachen und Tränen. Leben in all seinen Facetten.

Während eines Praktikums im Rahmen ihrer Hebammenausbildung, begegnete sie Frauen, die sich für eine Abtreibung entschieden hatten. Egal, ob sie überzeugt von der Entscheidung waren, ob Karriere- oder Hausfrau, alleinstehend oder mit Partner – allen war ihr Schmerz anzusehen. Ihre Lippen waren aufeinandergepresst, die Augen leer. Sie wirkten, als hätten sie ein Stück von sich selbst verloren. „Die Welt ist für sie stehengeblieben für einen Moment. Und für mich auch.“ Tirza begann, sich mit dem „Post-Abortion-Syndrom“ zu beschäftigen, das die psychischen Folgen nach einem Schwangerschaftsabbruch beschreibt, in Deutschland bislang jedoch nicht anerkannt ist. Als Hebamme verpflichtet sie sich dazu, für das Wohl von Mutter und Kind zu sorgen. Aus diesem Grund war Tirza klar, dass sie nie in einem Krankenhaus würde arbeiten können, in dem Schwangerschaftsabbrüche durchgeführt werden, weil sie die Tränen der Frauen gesehen hat, die ihr Kind hergegeben haben.

„Die Welt ist für sie stehengeblieben für einen Moment. Und für mich auch.“

Als Tirza endlich an einem katholischen Krankenhaus ihren Traumberuf ausüben durfte, wurde ihr aus medizinischen Gründen bald wieder gekündigt. Sie verstand nicht, was vor sich ging. Gott hatte ihr den Weg geebnet und nun mähte sie Rasen auf Friedhöfen, statt Babys im Leben zu begrüßen! Von einer Frau, bei der man im Kreißsaal Halt gefunden hatte, wurde sie zu einer Person, die kaum einer wahrnahm.

Da ist nichts. Nichts außer Gott.

Doch Tirza spürte noch immer diesen Ruf in ihrem Herzen und wusste, dass Gott die VillaVie eines Tages wahr werden lässt. Statt untätig zu bleiben, begann sie eine Ausbildung zur Familienhebamme und arbeitete dann in einem christlichen Mutter-Kind-Haus, um sich auf ihre spätere Aufgabe vorzubereiten. Es wäre bequem gewesen, dort zu bleiben. Hier hatte sie Sicherheiten und Struktur. Doch Tirza behielt das Ziel vor Augen. Sie kündigte ihre Stelle und plante den Umzug zurück nach Bochum, um mit der Arbeit der VillaVie zu starten.
Doch dann übermannte sie die Erkenntnis: Es kann nicht funktionieren. Da war nichts. Kein Geld, kein Raum, keine Mitarbeiter, keine Erfahrung. Gott sah ihre Tränen und antwortete ihr: „Stimmt, du hast nichts. Nichts hast du, außer mich.“

Fünf Brote und zwei Fische

Unterstützt von Freunden begann Tirza im April 2014 mit einem Logo, Visitenkarten und dem Entwurf eines Konzepts. Sie begann wieder damit, sich halbtags mit dem Rasen mähen ihren Lebensunterhalt zu verdienen, was sie bis heute tut, und machte im Jahr darauf die Heilpraktiker-Prüfung in Psychotherapie.

Tirza entschied, das wichtigste sei der Glaube daran, dass Gott mit den fünf Broten und zwei Fischen, die sie zu geben hatte, die Menschen in ihrer Umgebung satt machen kann.

Es war alles vorbereitet, doch es war kein Raum da und auch nicht die 10.000 Euro, die für den Start nötig waren. Ob Gebet ausreichen würde? Kurze Zeit später war das Geld durch zwei Spender da. „Das war ein ganz intimer Moment zwischen Gott und mir“, schwärmt sie.
Auf der Suche nach einem Raum erlebte Tirza wieder Gottes Treue. Doch wer würde für die monatlichen Kosten sorgen? Und würden die Menschen überhaupt zur VillaVie finden? Tirza entschied, das wichtigste sei der Glaube daran, dass Gott mit den fünf Broten und zwei Fischen, die sie zu geben hatte, die Menschen in ihrer Umgebung satt machen kann.

Ein Zuhause für Jeden

Zusammen mit zwei Freundinnen schuf sie eine Oase, in der jeder willkommen ist. Den Mittelpunkt bildet die Sofaecke neben den großen Fenstern, durch die die Menschen Tirza von Weitem beobachten können, ohne persönlich mit ihr in Kontakt zu treten. Die Kinder kommen aber gerne rein und leihen sich Spielzeug, um auf dem offenen Platz vor der Eingangstür damit zu spielen. Wer schließlich den ersten Schritt durch diese Tür wagt, wird herzlich aufgenommen. „Liebe geht durch den Magen, auch Nächstenliebe“, sagt Tirza und deshalb ist der Kaffee ein wichtiger Teil des Konzepts. Für die Kaffeemaschine wurden viele Pfandflaschen gesammelt, um sie zu finanzieren. Dazu gibt es für jeden, der zum ersten Mal kommt, den handgemachten VillaVie-Keks, der sagt: „Den hat jemand nur für dich gemacht.“ Mit der Zeit bröckeln Mauern der Scham und Angst und Beziehungen können vertieft werden.

„Liebe geht durch den Magen, auch Nächstenliebe.“

Es kommen Nachbarn, um den Alltag miteinander zu teilen, Kinder, die Tirza von ihrem Tag erzählen, und Frauen, die endlich aussprechen, was sie lange Zeit nach ihrem Schwangerschaftsabbruch in sich vergraben haben. Väter und Geschwister, denen jemand fehlt, der nie leben durfte. Und Abtreibungsüberlebende. Aber auch schwangere Frauen, die vor der Entscheidung stehen, weil sie wissen, dass sie hier sagen können, was sie fühlen, ohne verurteilt zu werden. Viele von ihnen haben bereits einen oder mehrere Schwangerschaftsabbrüche erlebt und fühlen jetzt keine Würde, Mutter zu sein: „Warum darf dieses Kind leben und die anderen konnte ich nicht schützen?“

Annehmen und Wertschätzen

Neben den Beratungsgesprächen sind regelmäßig betroffene Frauen zu einem Brunch in der VillaVie eingeladen. Sie meinen, sie hätten kein Recht, das Leben zu genießen, doch sie genießen die Zeit unter Frauen, die Ähnliches wie sie erlebt haben. Es wird gelacht, geweint, gequatscht und am Ende gehen alle verändert nach Hause.
Die VillaVie veranstaltet außerdem Seminare, um Hebammen, Sozialarbeitern, Geistlichen und anderen zu erklären, was sie tun können, wenn jemand die Sprachlosigkeit überwindet und von einem Abbruch erzählt. Die Frauen sollen sich angenommen und wertgeschätzt fühlen, um ihre Schuld und die Scham loslassen zu können.
Das alles kann und will Tirza nicht allein bewältigen. Insgesamt arbeiten in der VillaVie, die inzwischen ein eingetragener Verein ist, vier Leute vor Ort und sechs im Hintergrund an Videos, der Homepage usw.

Wenn Gottes Ruf auf ein treues Herz trifft

Es steckt ganz viel Tirza in der VillaVie. Jede Herzfaser und jeder Euro. Und doch hat nicht sie die Richtung vorgegeben, sondern sie ist dem Ruf Gottes gefolgt. Der Weg war nicht leicht. „Hätte ich die Wahl gehabt, sähe mein Leben anders aus. Aber das ist meine Berufung!“ Das kann nur ein Mensch sagen, der gelernt hat, sich mit Gottes Augen zu sehen. Tirza Schmidt weiß sich geliebt und umsorgt. Deshalb kann sie andere Menschen lieben, wie sie sind. Und ich bin mir ganz sicher: Eines Tages werde ich sie nicht mehr in einem Ladenlokal, sondern in einer Villa besuchen. Einem Haus, in dem sowohl Beratung als auch Kochkurse angeboten werden, wo Kinder Fahrradfahren lernen und Frauen einen Ort finden, an dem sie angenommen und wertgeschätzt werden. Denn in der VillaVie wird das Leben gewürdigt und gefeiert.


Dieser Artikel ist zuerst in der Zeitschrift JOYCE erschienen, die wie Jesus.de zum SCM Bundes-Verlag gehört.

 

 

 

 

 

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