Längst ist das Internet fester Bestandteil des täglichen Lebens: nicht nur als Angebotsmedium, sondern als Mitmach-Netz. Web-Experte Rainer Gelhot zeigt am Beispiel der St. Bonifatius-Internetkirche, wie online auch Seelsorge gestaltet werden kann.

Auf den ersten Blick scheint es so zu sein, dass Kirche und Glaube im Internet keinen Platz haben, abgesehen von Webseiten, die der Öffentlichkeitsarbeit dienen o.ä. Bei genauerem Hinsehen wird aber deutlich, dass es auch Angebote gibt, die nicht nur über die Kirche informieren, sondern die Kirche auch selbst im Internet verorten. Die Grenzen zwischen Seelsorge und Information sind dabei fließend. Seit Jahren nutzen Anbieter von Internetseelsorge große Plattformen wie YouTube oder Facebook, um dort Seelsorge zu betreiben. Diese Orte sind quasi der Areopag der Moderne. Nach diesem Prinzip ist auch schon gegen Ende der 90er-Jahre die Internetkirche St. Bonifatius entstanden.
Sie bot zwischen April 1998 und Februar 2018 in der Community www.funcity.de ein breit gefächertes Seelsorge-Angebot an. Getragen und mit Leben gefüllt von echten Seelsorgern aus verschiedenen Berufsgruppen der Diözesen Osnabrück und Hildesheim sowie Ordensleuten aus etwa zehn verschiedenen Ordensgemeinschaften, lud die Kirche zum persönlichen Austausch per Chat oder E-Mail ein. Darüber hinaus rundeten verschiedene andere Aktionen das Angebot ab. Obwohl die Internetkirche in dieser Form nicht mehr besteht, sind einige Erfahrungen prägend bis heute.

Impulsaktionen als Seelsorge to go

Bewusst haben wir uns schon sehr früh entschieden, nicht nur innerhalb der Community präsent zu sein, sondern auch darüber hinaus. Da lag es nahe, die E-Mail – und seit 2017 auch WhatsApp – als Medium in den Blick zu nehmen. Mittlerweile gibt es vier verschiedene Impuls-Aktionen im Jahreslauf, die den Glauben verkünden (Sonntags-, Advents-, Fasten- und Sommerimpulse). Hinzu kommt, dass durch den persönlich beantworteten Rück-Kanal die Menschen, die die Impulse kostenlos abonnieren, im Jahreslauf spirituell und seelsorglich begleitet werden. Diese sind nach Ende der St. Bonifatius-Kirche in www. funcity.de in die Verantwortung der Internetseelsorge des Bistums Osnabrück übergegangen und werden fortgeführt. Durch die WhatsApp-Variante – die Adventsimpulse haben als WhatsApp-Variante fast ebenso viele Abonnenten wie per E-Mail – ist das Angebot noch dichter bei den Menschen. Außerdem gibt es über dieses Medium deutlich mehr Rückmeldungen als bei einem reinen E-Mail-Angebot.
Alle Impulse bestehen aus einem Wort, das neugierig machen will oder zum Nachdenken anregt, einem selbst gemachten Bild, das aufwecken soll, weil es eine merkwürdige Situation zeigt, und einem Impuls, der schnell zu lesen, aber lange zu bedenken ist. Außerdem gibt es einen Bibelvers, der immer wieder neue und andere Sichtweisen der Bibel vermitteln will, gleichzeitig aber auch Wort, Bild und Impuls zu unterstreichen versucht.

Den Nutzer mit einbeziehen

Fakt ist, dass im Internet nicht mehr Einzelne über Webinhalte entscheiden, sondern dass alle Konsumenten auch Produzenten sind, weshalb man auch von Prosumern (Producer und Konsumer) spricht, wenn man die eigentlichen Nutzer meint. Deshalb wurden alle Aktionen hin und wieder durch Crowdsourcing-Aktionen ergänzt. Das bedeutet, dass Nutzer freiwillig auch mitarbeiten konnten. Das hat den Aspekt der Gemeinde-Bildung deutlich unterstützt.
Die Vielzahl an Impuls-Aktionen und der Erfolg dieses Seelsorge-Formats zeigen, dass Menschen offen sind für Spiritualität im Netz, wenn sie gut gemacht ist und verlässlich angeboten wird. Dabei ist zu beachten, dass auch die Antworten der User ernst genommen werden müssen und persönlich beantwortet werden wollen.
Außerdem schafft die Anonymität des Netzes eine große Offenheit, die schneller als offline an den Kern der Sorgen und Nöte herankommen lässt. Eine Nähe, durch die Menschen schnell und offen Fragen stellen, aber auch Rückmeldungen geben. So schnell, wie man gefragt wird, wird der Kontakt jedoch oft auch wieder beendet. So offen wie gefragt wird, so offen sind auch die Rückmeldungen. Das muss man aushalten lernen.

Das Angebot pflegen

Der Blick in die Datenbank zeigt, dass viele Abonnenten bereits seit Jahren dabei sind und immer wieder mitmachen. Um Menschen längerfristig spirituell zu begleiten und für sie zu einer festen Größe im Leben und im Glauben zu werden, ist ein eigener Stil in Bezug auf Bildsprache und spirituelle Tiefe wichtig. Da braucht es Mut, verschiedene Dinge auszuprobieren, um diesen zu finden und auch zu behalten. Eine einfache und nicht zu theologische Sprache sowie eine bodenständige und authentische Art sind darüber hinaus unser Erfolgsrezept.
Weiterhin braucht es trotz aller Technik einen menschlichen Support. So sind beispielsweise ca. 3-5 % der E-Mail-Adressen in der Datenbank bei uns fehlerhaft durch die User eingetragen. Die Anfragen, warum dann keine E-Mail kommt, sind entsprechend hoch und wollen umgehend beantwortet werden. Das bindet Zeit und Kraft. Insgesamt ist in einer immer mobileren Gesellschaft eine Onlinekirche immer mit dabei und immer „vor Ort“. So wie ich andere Dinge „in der Cloud“ habe, habe ich die Kirche auch dabei und kann sie nutzen. Das trägt viele Menschen in ihrem Glauben, weil sie wissen, dass Kirche verlässlich da ist.

Rainer Gelhot ist Gemeindereferent, Coach und Beauftragter für Internetseelsorge im Bistum Osnabrück.

Magazin 3EDieser Artikel ist zuerst in der Zeitschrift 3E erschienen, dem Ideenmagazin für die evangelische Kirche.

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