Digitale Kirche schön und gut. Aber bei allem Fortschrittsdenken sollten wir das Zwischenmenschliche nicht aus den Augen verlieren. Ein Gastkommentar von Bernd Hehner.
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Wieviel Digitalisierung tut der Ortsgemeinde gut? Ich bin kein Fortschrittsgegner. Das gilt auch für die digitale Innovation in der Kirche. Aber ich möchte einmal ein sehr simples, schon älteres Beispiel nennen, das zeigt, vor welchen Herausforderungen wir stehen, wenn wir über Digitalisierung nachdenken.

Ich war mehrere Jahrzehnte Kirchenvorsteher in der EKHN und habe allen Ernstes gegen die Idee einer Minderheit argumentieren müssen, die Orgel doch am besten durch einen programmierbaren Orgelcomputer zu ersetzen, der viel Geld und den Kantor bzw. Organisten einspart. Mein Argument, dass auch niemand mit Verstand ein Bild von einer Maschine statt von einem Künstler malen lässt, konnten die Antragsteller nicht nachvollziehen.

Wie soll ich mir eine digitale Zukunft der Kirche vorstellen? Wer in der Gemeinde nach Angeboten sucht, könnte ja auch die geduldige künstliche Intelligenz befragen, seine Sorgen und Schuldgefühle dem Beichtomat offenbaren und den sonntäglichen Gottesdienst bei knusprigen Brötchen und heißem Kaffee per Livestream zuhause verfolgen. In der Sofakirche kann man auch dem Abendmahl zusehen; dazu muss man ja nicht hingehen.

„Ich habe ganz große Zweifel, ob kirchliche Gemeinschaft in einer digitalisierten Zukunft noch den Leib Christi abbildet, wenn wir uns als Christen nur noch virtuell begegnen.“

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Was ich hier satirisch überspitzt formuliere, hat den durchaus ernsthaften Hintergrund, dass – bei den vielen phantastischen Begegnungsmöglichkeiten in der digitalen Zukunft – die Kerngemeinden in den beiden großen Kirchen (und auch bei den Freikirchen) schrumpfen – und damit auch die Momente personaler Begegnung im Gemeindealltag. Ich habe ganz große Zweifel, ob kirchliche Gemeinschaft in einer digitalisierten Zukunft noch den Leib Christi abbildet, wenn wir uns als Christen nur noch virtuell begegnen. Selbst in einem Internetforum oder einem WhatsApp-Chat fehlt die wesentliche, nonverbale Form der Kommunikation. Man muss Menschen ab und zu freundlich in die Augen schauen können (- notfalls auch unfreundlich-), um Gemeinschaft zu erzeugen. Wenn ich die Ansprache meiner Pfarrerin nicht verstanden habe, kann ich in das Predigtnachgespräch nutzen, um meine Fragen zu klären. Gleiches gilt auch für Lob. Habe ich (fast) nur noch die Kirche aus dem Netz oder dem linearen Fernsehen, wird alles schnell sehr seelenlos.

Menschen brauchen Beziehung. Ich halte Beziehungsarbeit für einen großartigen Weg, die beste aller Nachrichten an die Frau bzw. den Mann zu bringen. Christlicher Glaube braucht beides: die vertikale Beziehung mit Gott und die horizontale zu den Menschen.

Realer Gottesdienst wird unattraktiver

Damit will ich den Gottesdiensten und digitalen Angeboten im Netz nicht ihre Daseinsberechtigung absprechen: Natürlich sind sie eine wunderbare Sache, viele Menschen zu erreichen. Gebetsforen für und mit anderen bereichern das persönliche Glaubensleben – gleiches gilt auch für den friedlich-konstruktiven Streit im Jesus.de-Forum. Nicht prickelnd ist aber die Vorstellung, immer mehr Menschen könnten einen Bogen um die Ortsgemeinden machen, weil sie deren Prediger als langweilig empfinden. Der Gottesdienst in meiner Großstadtgemeinde, der schon heute oft nur von 20 Personen besucht wird, würde zu einer noch ärmeren Veranstaltung verkommen. Ich höre in meiner Phantasie schon die Frage, ob es sich dafür lohnt, das Gotteshaus zu heizen und einen teuren Küster zu bezahlen. Im fernübertragenen und jederzeit verfügbaren Gottesdienst wird man eher die guten oder noch besseren PredigerInnen hören, oder das Singen von Top-Kantoreien vergleichen mit den geringeren Möglichkeiten durch das heimische kirchliche Bodenpersonal. Da gucke ich doch lieber die Feier im Pantoffelkino oder lieber was Erbaulicheres.

Wie der Spagat zwischen der persönlich gelebten christlichen Gemeinschaft einerseits und den technischen Möglichkeiten und deren Chancen andererseits zu bewerkstelligen ist, scheint mir eine ernsthafte Frage zu sein. In Zeiten des Traditionsabbruches und der Eventisierung von Glaubensangeboten, in denen die Kirchenbänke nur an hohen Feiertagen gut besetzt sind und sich andere Menschen von esoterischen Gruppen finanziell wie Weihnachtsgänse ausnehmen lassen (nur weil man da auch mal in den Arm genommen wird), darf der persönliche Umgang der Christen miteinander nicht ins Hintertreffen geraten.

Kirche steht in Konkurrenz

In den 1980er Jahren gab es eine größere Diskussion über die kirchliche Zukunft mit der dabei gewonnenen Erkenntnis, dass kirchlich-christliche Institutionen in einem Wettbewerb stehen mit weltanschaulichen (auch esoterischen) Konkurrenten. Ganz nüchtern sollte man diesen Umstand mit ins Feld führen. Wo es bei uns Kirchen zu wenig Gefühl, Seelenschmalz und Geborgenheit (und echte Frömmigkeit) gibt, werden sich viele sinnsuchende Zeitgenossen anderswo bedienen. Die Frage ist, zugegeben zugespitzt, ob Jesus auch da mitten unter denen ist, die als mehr als zwei oder drei im Netz zusammen sind.

Ein Übermaß an unpersönlicher geistlich-kirchlicher Kommunikation könnte schlimmstenfalls in eine fromme Innerlichkeit münden, abgewandt von der Welt. Das wäre sicherlich nicht im Sinne der Sache Jesu. Jesus Christus war eine öffentliche Person. Jesus hat seinen Jüngern die Füße gewaschen, eine sehr zeichenhafte und nahe Hinwendung. Wer sich vom einem Roboter in der ferneren Zukunft die Füße waschen lässt, könnte auch am Abend seinen Laptop küssen und sich vom Handy nach dem Befinden erkundigen lassen.

Da lobe ich mir doch meine schlecht besuchten Gottesdienste, langweilige Predigten und die nicht-innovativen Gottesdiener. Das fühlt sich wenigstens menschlich an.


Bernd Hehner war 40 Jahre Verwaltungsmitarbeiter in der Diakonie in Bad Ems und fast ebenso lange ehrenamtlich im Kirchenvorstand seiner Gemeinde tätig.

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