Doris Wagner und Christoph Schönborn: „Schuld und Verantwortung“

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Im Februar 2019 treffen sich der Wiener Kardinal Christoph Schönborn und die sexuell und spirituell missbrauchte ehemalige Nonne Doris Wagner zu einem Gespräch in einem Studio des Bayrischen Rundfunks (BR). Dieses Gespräch zwischen einem katholischen Würdenträger und einem Missbrauchsopfer erscheint anschließend als Dokumentation unter dem Titel „Missbrauch in der Kirche“ im BR. Die beiden unterschiedlichen Menschen haben sich zuvor nie kennengelernt und die bange Frage steht im Raum: Wie wird sich das Gespräch entwickeln? Konstruktiv, konfrontativ, inhaltsleer?

Doch Doris Wagner beginnt mit einem Dank, dass Kardinal Schönborn nach München gekommen ist, um mit ihr zu reden. Dann tauschen sie sich aus über ihre Biografien, ihre Erfahrungen aus dem Ordensleben sowie ihre Sicht auf die Kirche. Offen benennen sie Strukturen und Gefahren, die einen Missbrauch ermöglichen, und betrachten in diesem Zusammenhang auch das gängige Bild des Priesters und die Rolle der Frau in der Kirche. Immer wieder entstehen im Gespräch auch Gedanken zu mögliche Lösungen, die verhindern, dass weiterhin Menschen zu Opfern werden, und die der Kirche eine Zukunft geben. Dabei sind das Priestertum für Frauen, das Zölibat und starre Strukturen Schlagworte, die immer wieder genannt werden. Doris Wagner weiß heute aus eigener Erfahrung, dass alles, was das Potenzial hat, Menschen zu zerstören, nicht von Gott kommen kann.

Bewegende Frage

Mich hat bei diesem Gespräch sehr beeindruckt, dass es Doris Wagner nicht darum geht, Anklage zu erheben oder Rache zu nehmen. Nach wie vor liegt ihr die Kirche sehr am Herzen. Sie will aufklären und zum Umdenken herausfordern. Besonders berührt hat mich mitten im Gespräch ihr Nachfragen: „Könnten Sie mir sagen: ‚Wir glauben dir – und das hätte dir nicht passieren dürfen?‘ Ich habe schon so vielen meine Geschichte erzählt, aber niemand in einer Verantwortungsposition hat mir bisher vermittelt, mir zu glauben.“ Der Erzbischof von Wien bestätigt: „Ja, ich glaube Ihnen.“ Mir hat dieser Einschub deutlich gemacht, dass es auch heute noch schwer ist, als Opfer Gehör zu finden und wie mutig Doris Wagner sich dieser Aufgabe stellt, gehört zu werden.

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Dieses Buch enthält die vollständige Unterhaltung dieser beiden doch recht unterschiedlichen Gesprächspartner, die sehr offen und mit viel Respekt geführt wurde. Beide sind sich darin einig, dass neue Wege gefunden werden müssen, damit die Kirche wieder eine Heimat für Gläubige wird. Eine wichtige und zugleich kurzweilige Lektüre.

Verlag: Herder Verlag GmbH & Co. KG
ISBN: 978-3-451-39526-0
Seitenzahl: 128
ÜBERBLICK DER REZENSIONEN
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