Doro May: Das Leben ist schön – von einfach war nicht die Rede

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Tina ist anders als andere Erwachsene. Durch ihr mit Autismus verbundenem Down-Syndrom fällt sie auf. Für ihre Familie – insbesondere ihre Mutter Doro May – ist sie damit ein „besonderer Mensch“. Unbefangen erzählt ihre Mutter in ihrem Buch von ihrem Leben mit einem behinderten, erwachsenen Kind. Lustige und ernste Ereignisse wechseln sich ab. Es wird deutlich, welche schönen, rückblickend vielleicht sogar lustigen, aber auch welche traurigen Erlebnisse es gab. Doro Mays Fazit ist dabei: „Das Leben ist schön, von einfach war nicht die Rede“. Dieses Fazit macht sie auch zu ihrem Buchtitel und zum roten Faden des gesamten Buches.

Dabei handelt es sich bei dem vorliegenden Buch, aber nicht um eine Anthologie. Wer hier also eine Sammlung mit skurrilen, lustigen oder nachdenklichen Geschichten erwartet, wird enttäuscht. Insbesondere am Anfang liest es sich mehr wie ein Ratgeber für Eltern behinderter Kinder als wie eine Geschichtssammlung und teilweise wirkt es aber auch wie ein politisches Manifest zugunsten „besonderer Menschen“.

Als Leser spürt man die Leidenschaft, die die Autorin als betroffene Mutter mit dem Thema verbindet. Die Nöte und Sorgen der Eltern eines „besonderen Kindes“ werden dabei überdeutlich – sei es die Sorge wie selbst Kleinigkeiten wie Arztbesuche, die Suche nach der richtigen Kleidung, Urlaube, Schulbesuche oder Essengehen gemanagt und durchgeführt werden können oder wie für das Kind im Falle des Todes der Eltern weiter gesorgt werden wird. Gleichzeitig bekommt der Leser auch einen neuen Einblick in das Thema Inklusion und den politischen Druck, der auf Schulen und Einrichtungen dadurch lastet, sowie auch in das Thema Betreuung von Behinderten. Die gegenwärtige Situation wirkt erschreckend und ernüchternd.

Das Buch ist flüssig und gut zu lesen. Die Geschichten sind mitreißend erzählt und bis auf einen längeren „Ratgeberanteil“ am Anfang des Buches ist das Buch auch für Nichtangehörige von den „besonderen Menschen“ geeignet.

Etwas irritierend wirkt allerdings der Begriff „besondere Menschen“. Die Frage, die ich mir beim Lesen immer wieder gestellt habe, war, ob dieser Begriff tatsächlich gerechtfertigt ist. Sicherlich klingt er positiver besetzt als „behindert“, nichtsdestotrotz werden damit behinderte Menschen von anderen Menschen abgegrenzt. Es ist daher die Frage zu stellen, warum es nicht möglich ist, sie einfach nur als Menschen zu bezeichnen? Sicher, sie haben ihre Eigenheiten und verhalten sich anders als es die breite Masse der Bevölkerung tut, hinzu kommen noch die unzähligen Herausforderungen mit denen sie im Gegensatz zu anderen Menschen zu kämpfen haben, aber sind sie nicht dennoch in erster Linie Mensch und dann erst behindert? Warum also eine neue Art der Stigmatisierung, indem das „Besondere“ vorangestellt wird? Dies war aber auch der einzige größere Kritikpunkt, den ich hatte. Ansonsten hat mir das Buch sehr gut gefallen und ich konnte es nicht mehr aus der Hand legen.

Von Kirsi Müller

Verlag: Neufeld Verlag
ISBN: 978-3-86256-075-2
Seitenzahl: 144
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