Soll man das Evangelium predigen oder besser einfach vorleben? Dr. Klaus Douglass über Mission, Diakonie – und den dritten Weg.

Von Jesus lesen wir häufig, dass er predigte und heilte. Daraus leiten wir dann den doppelten Auftrag der Kirche ab: die Botschaft des Evangeliums zu verkündigen und Menschen in ihren Nöten zu helfen. »Mission und Diakonie«, sagen wir dann gern. Wobei das nicht ganz richtig ist, denn Mission ist mehr als nur die Verkündigung durch das Wort. Mission bedeutet »Sendung«. Und die Sendung der Kirche beinhaltet immer beides: das Zeugnis von Jesus Christus durch das Wort und durch die Tat. Richtiger wäre also: »Evangelisation und Diakonie«. »Mission« ist für beides der Oberbegriff. Mission bedeutet, andere Menschen sowohl durch Worte als auch durch Taten mit der Liebe Gottes in Berührung zu bringen. Dafür ist Jesus auf die Erde gekommen, und er beauftragt uns als Kirche, diese Mission weiterzuführen. Mission ist nicht eine Funktion der Kirche, sondern Kirche ist eine Funktion der Mission Jesu. Die Predigt von Jesus Christus braucht die liebende Tat, um nicht unglaubwürdig zu erscheinen. Und das diakonische Handeln braucht die Verkündigung des Evangeliums, wenn wir den Menschen nicht das Wichtigste vorenthalten wollen, was sie hier auf Erden brauchen.

In der Theorie werden dem wahrscheinlich viele zustimmen, in der Praxis klafft aber beides oft stark auseinander. Der Streit zwischen einem »Christentum des Wortes« und einem »Christentum der Tat« ist genauso sinnlos wie die Frage, was denn bei Jesus wichtiger gewesen sei: seine Predigten oder seine Heilungen. Fakt ist, dass beides ineinandergriff, das eine auf das andere hinwies und sich beides gegenseitig bekräftigte.

Jesu Predigten und Heilungen waren zweifellos spektakulärer und öffentlichkeitswirksamer, doch sie waren nur die gut sichtbare Spitze des Eisbergs.

Die dritte Komponente

Freilich begehen wir einen kapitalen Denkfehler, wenn wir Jesu Wirken derart stark auf seine Predigt- und Heilungstätigkeit beschränken, wie das heute leider gemeinhin der Fall ist. Das hat verhängnisvolle Auswirkungen auf die Art und Weise, wie wir missionarisch tätig sind. Denn sehr viel mehr Zeit als mit Predigen und Heilen verbrachte Jesus mit etwas anderem. Diese »dritte Tätigkeit« Jesu wird viel zu wenig wahrgenommen, dabei ist sie geradezu der Schlüssel für die beiden anderen. Ich stelle die These auf, dass über 90 Prozent der Zeit, die Jesus anderen Menschen widmete, nicht in seine Predigt- oder Heilungstätigkeit floss, sondern in Gespräche. Das war die Haupttätigkeit Jesu im Hinblick auf andere Menschen: Er investierte Zeit und Kraft, Wissen und Weisheit, Liebe und Vertrauen in sie. Er ließ sich fragen und stellte infrage. Er tröstete und mahnte. Er förderte und forderte heraus.

Nahezu ständig war Jesus im Gespräch mit Einzelnen oder kleinen Gruppen von Menschen, vor allem mit seinen Jüngerinnen und Jüngern, aber auch mit vielen anderen: mit dem Pharisäer Nikodemus nachts auf einem Dach, mit einer geächteten Frau in der prallen Mittagssonne am Brunnen, mit Menschen, die nach Heilung für sich oder andere suchten, mit Leuten, die seine Predigt gehört hatten und nun mit ihren Fragen zu ihm kamen, auf seinen Wanderungen, in Streitgesprächen und bei unzähligen Mahlzeiten.

Jesu Predigten und Heilungen waren zweifellos spektakulärer und öffentlichkeitswirksamer, doch sie waren nur die gut sichtbare Spitze des Eisbergs. Der weit überwiegende Teil seiner Tätigkeit bestand im Aufbau und der Pflege von Beziehungen: der Beziehung zu Gott, seinem himmlischen Vater, und der Beziehung zu einer Vielzahl von Menschen. Jesus redete mit den Menschen über Gott und er sprach mit Gott über diese Menschen (Lukas 22,32; Johannes 17,6-25).

Diese zweifache Beziehungspflege war das eigentliche Geheimnis seiner missionarischen Tätigkeit. Wir sind als Kirche schlecht beraten, wenn wir uns auf »Evangelisation und Diakonie« fixieren, dabei aber den Aspekt des Beziehungsaufbaus und der Beziehungspflege zu Gott und den Menschen außer Acht lassen.

 

Vier Aspekte

Es gibt im Hinblick auf Evangelisation und Diakonie keinen geeigneteren missionarischen Weg, als im Namen Jesu authentische, liebevolle Beziehungen zu anderen Menschen aufzubauen. Anhand von vier Stichworten möchte ich das ganz praktisch beleuchten.

 

Beispiel Predigt

Luther übersetzte Römer 10,17: »So kommt der Glaube aus der Predigt«. Doch diese Übersetzung ist falsch. Sie hat dazu geführt, dass viele Menschen in der evangelischen Kirche (einschließlich Luther selbst) der Auffassung waren, dass die Predigt Gottes bevorzugter Weg sei, um Menschen zum Glauben zu führen. Andere, viel wichtigere Faktoren hingegen wurden kaum beachtet oder fielen sogar ganz unter den Tisch. Nun war Martin Luther tatsächlich ein grandioser Prediger, ganz ohne Zweifel führte seine Predigt unzählige Menschen zum Glauben und solche Prediger hat es immer wieder gegeben. Aber aus dem Charisma einiger abzuleiten, dass die Predigt das wichtigste Medium sei, um Menschen zum Glauben zu führen, lässt sich weder biblisch noch empirisch belegen. Wörtlich heißt es in Römer 10,17: »Der Glaube (entsteht) aus dem Hören, das Hören aber (entsteht) durch das Wort Christi.« Es geht also gar nicht so sehr um die Predigt, sondern um das Hören auf das Wort Christi. Dieses aber wird uns nicht nur von der Kanzel oder auf Evangelisationsveranstaltungen gepredigt, sondern begegnet uns überall dort, wo Eltern ihren Kindern Geschichten aus der Bibel vorlesen, wo Lehrerinnen und Gruppenleiter Kinder und Jugendliche mit diesem Wort vertraut machen, wo Menschen in der Nachbarschaft, im Bekanntenkreis oder am Arbeitsplatz seelsorglich aneinander handeln, wo Menschen sich in Gruppen und Kreisen treffen, um sich untereinander über Fragen des Glaubens und des Lebens auszutauschen. Das Wort Christi verschafft sich im gemeindlichen Leben wahrhaftig nicht nur auf der Kanzel Gehör, und jenes »Hören«, das zum Glauben führt, findet viel öfter in Wohnzimmern und Gemeinderäumen statt als in Andachtsräumen und auf Kirchenbänken.

Vor Jahren führte eines der weltweit größten Evangelisationswerke eine Untersuchung durch. Man wollte wissen, wie viele der Menschen, die sich bei einer Evangelisation bekehrt hatten, nach einem Jahr immer noch an Jesus Christus glaubten. Die Antwort war mehr als ernüchternd. Selbst bei wohlwollendster Betrachtung kam man auf ein Ergebnis von gerade mal vier Prozent. Die Frage, was mit den anderen 96 Prozent geschehen sei, musste man mit dem lapidaren Satz beantworten: »Um die hat sich niemand gekümmert.« Man hatte – um auf Matthäus 28,19-20 anzuspielen – Menschen zu Jüngerinnen und Jüngern gemacht, dabei aber tunlichst unterlassen, sie zu »taufen«, das heißt, sie zu einem lebendigen Bestandteil des Leibes Christi werden zu lassen. In der Folge verloren die Leute ihren Glauben genauso schnell, wie sie ihn gefunden hatten.

Wie sehr die evangelistische Predigt in ein Beziehungsgeschehen eingebunden ist, zeigt Apostelgeschichte 16,13-15 (lut): »Am Sabbattag gingen wir hinaus vor das Stadttor an den Fluss, wo wir dachten, dass man zu beten pflegte, und wir setzten uns und redeten mit den Frauen, die dort zusammenkamen. Und eine Frau mit Namen Lydia … hörte zu; der tat der Herr das Herz auf, sodass sie darauf achthatte, was von Paulus geredet wurde. Als sie aber mit ihrem Hause getauft war, bat sie uns und sprach: Wenn ihr anerkennt, dass ich an den Herrn glaube, so kommt in mein Haus und bleibt da.« Lydia hörte auf das, was Paulus sagte. Insofern wäre diese Geschichte tatsächlich ein Beleg für die These, dass der Glaube aus der Predigt kommt. Aber sowohl vor als auch nach der Predigt erfolgten Gespräche. Lydia hörte sich die Predigt des Paulus an, weil Menschen im Vorfeld mit ihr sprachen und sich danach Zeit für sie nahmen. In einem solchen Rahmen spielt die evangelistische Predigt eine wichtige Rolle, doch ohne ihn stößt sie ins Leere.

Die mit Abstand meisten Menschen kommen weder durch Predigt noch durch christliche Literatur, sondern im Rahmen von persönlichen Beziehungen zum Glauben.

In den letzten Jahren nehmen in der praktischen Theologie die Stimmen zu, die Pfarrerinnen und Pfarrern die »öffentliche Verkündigung« als Hauptaufgabe zuweisen, wobei unter diesem Begriff meist alles Mögliche verstanden wird. Ich bezweifle die These als Ganzes. Predigen ist nicht ihre Hauptaufgabe. Diese besteht vielmehr darin, Menschen zu sammeln, sie zu einer Gemeinschaft zusammenzufügen und diese für den missionarischen Dienst in beiderlei Gestalt vorzubereiten, wie es uns Jesus vorgemacht hat. Gute Predigten können dabei zweifellos helfen. Doch wenn ein Pfarrer oder eine Pfarrerin schlecht predigen, kann eine Gemeinde das verkraften. Wenn sie hingegen nicht in der Lage sind, Beziehungen aufzubauen und Gemeinschaften zu bilden, hat die Gemeinde ein echtes Problem. Die mit Abstand meisten Menschen kommen weder durch Predigt noch durch christliche Literatur, sondern im Rahmen von persönlichen Beziehungen zum Glauben. Selbst dort, wo sich Menschen aufgrund einer Predigt zu Jesus Christus bekehrt haben, waren es in den meisten Fällen solche Beziehungen im Vorfeld und im Anschluss, die ihnen dabei halfen, sich fester im Glauben zu verwurzeln, zu wachsen und zu reifen. Auch hier stoßen wir wieder auf die Grundthese dieses Aufsatzes: Mission ist Beziehungsarbeit. Predigten können hierbei einen wichtigen unterstützenden Dienst tun, aber das Entscheidende in der Glaubensbiografie von Menschen findet in aller Regel in Gesprächen statt.

 

Beispiel Glaubenskurse

Glaubenskurse haben sich in den letzten 30 Jahren als ziemlich hilfreiches Werkzeug erwiesen, wenn es um die Frage geht, wie Erwachsene zum Glauben kommen. Das Thema steht hier aber auch Pars pro Toto für alle möglichen evangelistischen Methoden wie missionarische Gottesdienste, Besuchsaktionen von Haus zu Haus, Pro-Christ-Veranstaltungen etc. Meine These ist: Sie alle entfalten ihre Wirkung nur im Rahmen von lebendigen, authentischen Beziehungen. Ich empfehle Glaubenskurse häufig als Mittel der Wahl, wenn es darum geht, neue Menschen mit dem Evangelium zu erreichen.

Die große Frage ist dabei allerdings: Wie kommen Menschen in unsere Glaubenskurse? Die Erfahrung zeigt, dass über die üblichen Wege – Schaukasten, Gemeindebrief, Abkündigung im Gottesdienst – in der Regel kaum jemand von »außerhalb« erreicht wird. Wenn Menschen über die Kerngemeinde hinaus eingeladen werden sollen, geht das nur über »Beziehungen«. Irgendjemand muss sie dorthin einladen, und zwar persönlich. Irgendjemand, zu dem sie so viel Vertrauen haben, dass sie sich auf den Weg machen. Denn der Besuch eines Glaubenskurses erfordert eine Menge Opfer. Zunächst einmal an Zeit, aber es gibt auch Ängste zu überwinden: »Was mögen das für Menschen sein, auf die ich in diesem Kurs treffe? Was ist, wenn die anderen viel mehr wissen und ich dumm wirke? Oder wenn die Kursinhalte mir nicht gefallen (schließlich gab es Gründe, warum ich mich bislang nicht für Religion interessiert habe)? Oder wenn es übergriffig wird, wenn ich mich vor andern bekennen oder ich irgendetwas tun muss, was ich gar nicht tun will (bei einem Rollenspiel mitmachen, singen oder laut beten)?« Wir sollten nicht unterschätzen, wie hoch die inneren Hürden sind, die Menschen davon abhalten, einen Glaubenskurs zu besuchen. Wenn sie sich nicht gerade in einer Umbruchsituation befinden, die sie offen sein lässt für Neues, werden sie nach tausend Gründen suchen, dies nicht zu tun. Es sei denn, da ist jemand, dem sie so sehr vertrauen, dass sie den Schritt trotzdem wagen: »Um deines Wortes willen …« Das können Geistliche sein, zu denen man im Lauf der Zeit durch Gespräche, Besuche etc. eine Verbindung aufgebaut hat. Oder ein Freund, eine Nachbarin, eine Arbeitskollegin.

Häufig ist es auch der eigene Partner, die eigene Partnerin, die im Vorjahr den gleichen Kurs besucht haben und aus eigener Erfahrung sagen können: »Das ist gut. Da kannst du hingehen.« Für viele wird es überdies das Tüpfelchen auf dem i sein, wenn die einladende Person nicht nur freundlich für den Glaubenskurs wirbt, sondern sie auch dorthin begleitet und während des Kurses für Gespräche zur Verfügung steht.

Beziehungen sind darum auch wichtig für den Kursverlauf selbst. Das ist ein Aspekt, der leicht vernachlässigt wird. Viele konzentrieren sich, wenn sie einmal die Leute zusammenbekommen haben, primär auf die Vermittlung von Inhalten. Doch am nachhaltigsten erweisen sich jene Kurse, die neben der inhaltlichen Vermittlung den Aspekt der Gemeinschaft in besonderer Weise berücksichtigen, wo es ein starkes Element der Gastfreundschaft gibt, wo Menschen in kleinen (Unter-)Gruppen Vertrauen und Sympathie zueinander aufbauen oder wo die Kursteilnehmenden etwas miteinander unternehmen. Kurz gesagt, wo der Glaubenskurs nicht nur Inhalte vermittelt (das unbedingt auch!), sondern wo Menschen Beziehungen zu anderen aufbauen können. Der christliche Glaube ist nicht nur eine Lehre, der man anhängt, sondern wesentlich auch eine Gemeinschaft, der man angehört.

Wichtig ist die Frage der Beziehungen schließlich auch für das, was dann nach einem Glaubenskurs passiert. Wer einen solchen Kurs anbietet, wird immer wieder erleben, dass Menschen gegen Ende fragen: »Und nun? Jetzt haben wir Interesse gewonnen. Was kommt nach dem Kurs?« Viele bringen sich an diesem Punkt um die besten Früchte ihrer Arbeit, wenn sie auf diese Frage keine Antwort wissen, wenn sie keine Kleingruppe oder ein anderes ad- äquates Angebot haben. Das ist, wie wenn man ein großes Feuer entzündet, dann aber kein Holz nachlegt, um das Feuer am Brennen zu halten. Es genügt nicht, den Menschen das Evangelium nur mitzuteilen. Wir müssen sie, dem Missionsbefehl Jesu folgend, auch »taufen«, das heißt in unsere Gemeinschaft einbinden, wo sie dieses Evangelium leben und erleben können. Das aber geschieht nicht einfach dadurch, dass wir sie in bestehende Gruppen und Veranstaltungen einladen: Sie brauchen zumindest für den Anfang ein speziell auf ihre Bedürfnisse und Fragen abgestimmtes Angebot an Gemeinschaft. Ein neu entstehender Hauskreis ist hier sicher nicht die einzige Antwort, aber wüssten Sie eine bessere?

 

Beispiel Diakonie

In der Diakonie spielt der Beziehungsaspekt eine wesentlich bedeutsamere Rolle, als uns oft bewusst ist. Johann H. Wichern, Stammvater der modernen Diakonie, sammelte Waisen- und Straßenkinder in Hamburg auf. Sie wurden in kleinen Gruppen in familienähnliche Strukturen eingebunden und entwickelten sich dort durch gemeinsames Beten, Arbeiten, Spielen und Feiern zu reifen, sozialtauglichen Persönlichkeiten. Ähnliches ließe sich für andere Gründerpersonen der modernen Diakonie zeigen. Sie alle hielten nicht nur Wort- und Tatverkündigung zusammen, sondern sammelten Menschen in Gruppen, bildeten verlässliche und tragfähige Gemeinschaften.

Wenn wir Menschen nur professionell behandeln – und sei es fachlich noch so effektiv –, ihnen dabei aber keine Gemeinschaft anbieten, bleiben wir auf halbem Wege stecken. Das spricht weder gegen Evangelisations- noch gegen Diakoniewerke. Aber beide sind gleichermaßen darauf angewiesen, dass es funktionierende Beziehungsnetze vor Ort gibt: Gemeinden und Gemeinschaften, in die sie die Menschen vermitteln können. Ähnlich wie im Bereich der professionellen Evangelisation können wir beobachten, dass in der professionellen Diakonie der Aspekt der Gemeinschaft und der Inkorporation in den Leib Christi oftmals zu kurz kommt.

Es ist noch gar nicht so lange her, dass es an vielen Orten eine Gemeindeschwester gab, die die Menschen mit beidem versorgte: mit guten Taten und guten Worten. Die die Kranken pflegte und mit ihnen betete. Die einsame Menschen besuchte und ihnen etwas aus der Bibel vorlas. Und die über ein ganzes Netzwerk von Menschen vor Ort verfügte, auf die sie gegebenenfalls zurückgreifen konnte: »Du, hör mal: In deiner Nachbarschaft wohnt eine alte, kranke Frau. Könntest du da nicht ab und zu mal vorbeigehen?« Soziale Appelle oder auch Geldzuweisungen aus Steuermitteln können solche Beziehungsnetzwerke vor Ort bestenfalls ergänzen, aber niemals ersetzen.

An die Stelle der Gemeindeschwestern sind heute hoch professionelle Diakoniestationen getreten, was ich mit einem lachenden und einem weinenden Auge sehe. Zum einen arbeiten diese Diakoniezentren mit ihren vielfältigen Fachkräften viel effektiver, als einzelne Personen das könnten. Sie können sehr viel mehr Menschen in ihren Nöten begegnen. Das ist wunderbar. Aber vieles fällt dabei unter den Tisch: das Eingewobensein in das Netzwerk der Gemeinde vor Ort, die Zuwendung zu einzelnen Menschen, die deutlich über das fachlich Notwendige hinausgeht – und oftmals leider auch die Verknüpfung der eigenen diakonischen Tätigkeit mit dem Angebot eines Gebets, eines tröstenden Bibelwortes oder gar eines Segens. Was mich hoffnungsfroh stimmt, ist, dass sich die Diakonie in Deutschland derzeit verstärkt wieder auf ihre geistlichen Wurzeln besinnt.

Noch vor wenigen Jahren war die Frage nach dem Glauben in diakonischen Kreisen ziemlich tabu. Das ändert sich gerade. Bei einem Fachtag des Diakonischen Werkes geht es genau um dieses Thema: »Wie gelingt es, die Sensibilität für Religion nicht nur in Grundsatztexten zu beschreiben, sondern sie auch in Einrichtungen zu leben?« Solche Töne hört man in letzter Zeit immer öfter, und das ist überaus begrüßenswert. Freilich wird das ein langer Weg werden. Denn dass man den vielen Pflege- und Sozialfachkräften eine christliche Glaubenspraxis nicht einfach verordnen kann, liegt auf der Hand.

Spannend ist, dass der Evangelikalismus in den letzten zwanzig Jahren quasi spiegelbildlich den gleichen Weg gegangen ist beziehungsweise immer noch geht. Hier besinnt man sich zunehmend auf seine soziale und diakonische Verantwortung und lässt dem guten Wort verstärkt auch gute Taten folgen. Hier wie dort wächst – langsam, aber sicher – zusammen, was zusammengehört. Gemeinden können hier eine sehr viel schnellere Umkehrbewegung vollziehen als die großen Institutionen. Um hier kein Missverständnis aufkommen zu lassen: Es ist völlig okay, wenn Gemeindeglieder ihren Gaben und ihrer persönlichen Berufung entsprechend ihren Fokus entweder auf die Diakonie oder auf die Wortverkündigung legen. Es gibt Menschen des Wortes und Menschen der Tat. Beides ist in Ordnung, solange sie nicht der Auffassung sind, ihr persönlicher Schwerpunkt müsse auch der ihrer Gemeinde oder gar der ganzen Kirche sein. Denn dass man auf dem einen Gebiet stark ist, bedeutet immer, dass man auf dem andern entsprechend schwach ist. Darum sollte man Menschen, die ihre Schwerpunkte anders setzen, das nicht zum Vorwurf machen, sondern sich über diese Ergänzung der eigenen Arbeit und Prioritätensetzung aufrichtig freuen. Hier greift das paulinische Bild vom Leib mit den verschiedenen Organen und Gliedern. Damit diese Zusammengehörigkeit nicht nur ein Lippenbekenntnis bleibt, habe ich als Gemeindepastor Menschen gern ermutigt, ihren Schwerpunkt zwar entsprechend ihrer Gaben zu setzen, aber doch wenigstens zeichenhaft ein Gewicht auch in die andere Waagschale zu legen. Nicht im Sinne einer Ausgewogenheit, schon gar nicht im Sinne eines Feigenblatts, sondern als persönliches Zeichen für sich selbst und die anderen: Diakonie und Wortverkündigung gehören zusammen.

Diakonisch Tätige werden auf diese Weise herausgefordert, bei ihrem Dienst auch mal ein Wort des Glaubens zu äußern oder ein Gebet zu sprechen. Menschen, die predigen oder Gruppen leiten, werden ermutigt, sich wenigstens um einen Menschen auch diakonisch zu kümmern oder bei sozialen Aktionen der Gemeinde ab und zu mitzuarbeiten. Diakonie und Wortverkündigung sind die beiden »Flügel«, mittels derer die Kirche fliegen kann. Sobald sie einen dieser beiden Flügel dauerhaft vernachlässigt, nimmt sie – und was noch schlimmer ist: auch die ihr anvertrauten Menschen – nachhaltig Schaden.

 

Beispiel Frische Gemeindeformen (Fresh Expressions of Church)

Die FreshX-Bewegung kommt aus England, wo neben den klassischen Territorialgemeinden (Parochien) vielerorts kleine, christliche Gemeinschaften entstehen, die sich um ein bestimmtes Thema, eine bestimmte Not oder eine spezielle Zielgruppe gruppieren. Diese Gemeinschaften werden von der Church of England als eigenständige Gemeinden akzeptiert und gefördert. Und das, obwohl diese Gemeinden eine durchschnittliche Größe von nur 44 Personen aufweisen. Außerdem werden sie in aller Regel von Teams geleitet, in denen ordinierte Pastoren und Pastorinnen – wenn überhaupt – nur eine Person unter mehreren sind. Dieses Modell ist in England nicht unumstritten, aber offensichtlich gelingt es dort auf einer relativ breiten Basis, dass derartige Kleingemeinden nicht als Konkurrenz zu den bestehenden Ortsgemeinden verstanden werden, sondern als sinnvolle und notwendige Ergänzung (»mixed economy«). Dort, wo es solche Fresh Expressions gibt, ist das Verhältnis zu der örtlichen Gemeinde in den meisten Fällen gut. Fresh Expressions erheben nicht ansatzweise den Anspruch, die lokale Gemeinde zu ersetzen, doch diese Gruppierungen kommen an Menschen und Schichten heran, die normale Ortsgemeinden in aller Regel kaum erreichen. Rund 3500 solcher Fresh Expressions sind innerhalb von 15 Jahren entstanden.

In Deutschland tut sich die FreshX-Bewegung vergleichsweise schwer, was nicht zuletzt an vielerorts fehlenden rechtlichen Voraussetzungen und einer oft nur verhaltenen Akzeptanz seitens der beiden großen Kirchen liegt. Und vielleicht auch daran, dass es uns derzeit noch zu gut geht, um einen derart grundlegenden Wandel unserer gesamtkirchlichen Struktur einzuleiten. In England zeigte man sich für einen derartigen Paradigmenwechsel im Verständnis von Kirche und Gemeinde erst dann offen, als Gott in einer Sprache sprach, die jedermann verstand: Geld. Dennoch etablierten sich in Deutschland in den letzten zehn Jahren über hundert derartiger Fresh Expressions, ob ihrer geringen Größe meist unter dem Radar der beiden großen Kirchen, oft als unabhängige Gemeindegründung (Freikirche), teilweise aber auch als Ausgründung einer bestehenden Gemeindearbeit. Kirchlicherseits teils begrüßt, teils geduldet, oft abgelehnt und nur selten gefördert.

Sie hören in doppelter Weise hin: zunächst auf Gott und dann auf die Menschen, die ihnen Gott ans Herz legt. Und dann gehen sie hin – und tun Gutes.

So unterschiedlich diese Fresh Expressions in jedem einzelnen Fall auch aussehen mögen, lassen sich doch einige immer wiederkehrende Grundmuster ausmachen. Am Anfang steht eine Gruppe von Christinnen und Christen, die für sich eine besondere Mission ausmachen. Das bedeutet: Fresh Expressions ziehen aktiv Mitarbeitende aus bereits bestehenden Gemeinden ab. Diesbezügliche Ängste sind keineswegs unberechtigt. Was dann passiert, ist allerdings bemerkenswert: Diese Personen sammeln Menschen um sich herum. Sie lassen sich von Gott eine bestimmte Menschengruppe oder ein bestimmtes Thema aufs Herz legen. Sie hören in doppelter Weise hin: zunächst auf Gott und dann auf die Menschen, die ihnen Gott ans Herz legt. Und dann gehen sie hin – und tun Gutes. Sie »missionieren« nicht im klassischen Sinn, sondern leisten konkrete Hilfe vor Ort oder bieten den Menschen etwas an, was ihnen in einer sehr handfesten Weise Nutzen bringt. Sie verzichten auf übergriffige Bekehrungsversuche und doch entwickelt das, was in diesem lebendigen Austausch zwischen so unterschiedlichen Menschen geschieht, eine enorme missionarische Kraft.

Auf jede bereits vorher gemeindlich aktive Person kommen drei bis vier, die es vorher nicht gewesen sind: Menschen, die noch nicht glauben oder nicht mehr glauben, die nicht wissen, ob sie glauben oder die vielleicht auch niemals glauben werden. Sie alle zusammen bilden eine kleine »Gemeinde« und innerhalb dieser Gemeinde entsteht Glaube: neuer Glaube bei den einen, erneuerter Glaube bei den anderen.

»Belonging before believing« wird dieses Prinzip genannt: Vor dem Glauben kommt das Dazugehören. Als ehemaliger Pastor einer Gemeinde, die das jahrelang so praktiziert hat, kann ich sagen, dass diese Formel nicht ganz frei von Tücken ist. Sie führt nämlich Menschen in Versuchung, das eine (belonging) mit dem anderen (believing) zu verwechseln beziehungsweise sich mit Ersterem zu friedenzugeben. Manche lassen sich hineinnehmen in die christliche Gemeinschaft, weichen den Herausforderungen der Umkehr und Nachfolge aber dauerhaft aus. Doch glaube ich, dass wir das in Kauf nehmen müssen. Der mögliche Missbrauch eines Prinzips spricht nicht gegen seine allgemeine Gültigkeit. Allemal ist mir das Prinzip »belonging before believing« lieber als die heute allseits verbreitete Maxime »believing without belonging«. Kirchenferne sagen diesen Satz gern: »Glaube ja, Kirche nein«, und werden manchmal von kirchlicher Seite darin noch bestätigt: »Hauptsache ihr glaubt, die persönliche Verbindung zur Gemeinde ist nicht so wichtig.« – Ist sie aber doch. Denn wir können uns die Botschaft Jesu nicht selbst sagen. Wir brauchen dazu die christliche Gemeinde. Mit Recht sagt der frühere Ratsvorsitzende der EKD, Bischof Wolfgang Huber: »Das Evangelium wird am besten im Rahmen einer überzeugenden, plausiblen Gemeinschaft wahrgenommen.«

Die Landeskirche wird gut daran tun, diese Fresh Expressions ernst zu nehmen und ihnen eine Heimat anzubieten. In England kann man sehen, wie sich das Alte und das Neue gegenseitig bereichern und befruchten. Auch hier können Gemeinden schneller reagieren als die große Institution Kirche, indem sie derartige Aufbrüche nicht argwöhnisch beäugen oder gar bekämpfen, sondern begrüßen und unterstützen. Selbst wenn dies im einen oder anderen Fall einen Aderlass an aktiv Mitarbeitenden bedeutet, ist der mittel- und langfristige Benefit für die Kirche als Ganzes und vor allem für die Menschen vor Ort diesen Preis wert.

Wie kaum irgendwo anders kann man an der FreshX-Bewegung ablesen, dass Mission ihrem Wesen nach Beziehungsarbeit ist. Die Kraft dieser Bewegung ist die Kraft ihrer Beziehungen. Menschen lassen sich im Gebet von Gott andere Menschen aufs Herz legen. Und dann bauen sie Beziehungen zu diesen Menschen auf, innerhalb derer sich der Glaube beider positiv verändert. Dabei hilft die Durchschnittsgröße von 44 Personen. Wäre die Gemeinschaft deutlich größer, würden die Beziehungen verflachen. Die Unverbindlichkeit würde steigen, gleichzeitig würde aber auch das Gefühl sinken, in dieser Gemeinschaft wirklich wahrgenommen und getragen zu werden. Nicht ganz zufällig entspricht die Zahl 44 ziemlich genau der durchschnittlichen Größe einer normalen »Kerngemeinde«. Mag die nominelle Gemeindegröße auch bei 2000 oder gar 4000 Personen liegen: Die Bindekraft der Gemeinde geht meist nicht über diese Größe von 30 bis 60 Personen hinaus. Das spricht nicht grundsätzlich gegen große Ortsgemeinden, wohl aber dafür, dass es inner- wie außerhalb ihrer Grenzen deutlich kleinere Beziehungsnetze geben muss, wo sich ein lebendiger Glaube und ein vitales Gemeindeleben entwickeln können.

Sowohl für unseren evangelistischen als auch für unseren diakonischen Auftrag ist der Aufbau vitaler kleiner Gemeinschaften und Beziehungsnetze also von essenzieller Bedeutung. Diese Gemeinschaften sind zum einen die Frucht von und zum anderen der Nährboden für neues missionarisches Handeln. Ohne die Bildung kleiner, tragfähiger Gemeinschaften läuft ein Großteil unserer missionarischen Bemühungen ins Leere. Nicht umsonst investierte Jesus 90 Prozent seiner Kraft in den Aufbau und die Pflege solcher Beziehungen. Wir sollten es ihm gleichtun. Das verbindende Element, das die beiden »Flügel« zusammenhält, ist die vitale Gemeinschaft der Menschen, die sich von der Mission Jesu anstecken lassen. Gerade um der Diakonie und der Evangelisation willen müssen wir stärker in diese Gemeinschaften investieren. Damit die Kirche wieder fliegen kann.

 

Dr. Klaus Douglass, Pfarrer und Autor, studierte Theologie und Philosophie und war von 1989 bis 2009 Gemeindepfarrer in Niederhöchstadt bei Frankfurt. Seit 2010 ist er theologischer Referent seiner Landeskirche im Zentrum Verkündigung in Frankfurt am Main. Er ist verheiratet und lebt in Eltville.


Dieser Artikel ist ein gekürzter Auszug aus dem Buch 

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