Fasten, Palmwedel, Kreuzweg und Osterfeuer: Cornelia Mack erklärt, was die Bräuche der Passions- und Osterzeit bedeuten und gibt Tipps zur Gestaltung dieser Tage.
Werbung

Alle Jahre wieder feiern wir Passion und Ostern. Doch was steckt dahinter? Viele Bräuche und Rituale dieser Zeit haben eine tiefe Bedeutung. Sie bringen uns in Berührung mit den Themen unseres Lebens, den schönen und schweren. Und sie weisen uns einen Horizont auf, der über unsere gegenwärtige Situation hinausweist. Sie verbinden unser Hier und Jetzt mit den immer gültigen Zusagen Gottes. Der Sinn von Bräuchen besteht darin, dass Inhalte des Glaubens so gestaltet werden, dass sie begreifbar, sichtbar und erfahrbar werden. Bedeutung kehrt sich nach außen. Dies betrifft uns ganz besonders in der Passions- und Osterzeit.

Jesus ist nicht fern im Leid

Leid und Tod, Schmerz und Krankheit sind unauslöschlich mit unserem Dasein verbunden. Jeder von uns wird im Laufe seines Lebens mit Schwerem und auch mit dem Tod konfrontiert. Das kann Angst machen oder in Verzweiflung stürzen. Wir brauchen Perspektiven, die uns einen Horizont über die momentane Situation und über die Angst vor dem Kommenden eröffnen.
Genau das gestaltet sich in den Bräuchen der Passionszeit. Das Leiden Christi verbindet sich mit unseren eigenen Leiderfahrungen. Jesus ist nicht fern im Leid, sondern er hat es selbst durchlitten. Er wurde gefoltert, verachtet, verlacht, am Schluss qualvoll getötet. Aber er kennt nicht nur den Tod, sondern auch den Weg in ein neues, ewiges Leben. Weil der Tod für ihn nicht das letzte war, kann er uns in unserem Leid und in der Angst nahe sein und uns Hoffnung geben über den Tod hinaus.

In den Bräuchen und der Gestaltung dieser Zeit zeigen sich diese Botschaften: Durch Passion und Ostern bekommen wir neue Horizonte für unser Leben, können befreit werden von Fesseln der Schuld und des Versagens. Und wir bekommen Antworten auf die wichtigste Frage: Was kommt nach dem Tod? Wer hält mich im Sterben? Wer geht mit mir durch Leid und Schmerzen? Wir dürfen uns an dem festhalten, der durch seine Auferstehung eine neue Bahn ins Leben gebrochen hat. Das ist die große Verheißung von Passion und Ostern.

Die Passionszeit

Werbung

In dieser siebenwöchigen Fastenzeit nehmen sich viele Menschen „Sieben Wochen ohne“ vor: ohne Alkohol, Fernsehen, Fleisch oder Süßigkeiten. Solche Zeiten können sehr hilfreich sein. Wer verzichtet, lernt, sich wieder neu zu freuen und zu genießen. Ohne Verzicht wird alles gleichwertig und gleichgültig. Fastenzeiten sind eine Hilfe, das eigene Leben aus der Distanz zu betrachten, über Grundsätzliches nachzudenken. Aufgrund der Erfahrungen und Erkenntnisse, die sie in der Fastenzeit sammeln, fassen einige Menschen schließlich sogar folgenreiche Entschlüsse: Sie lassen einige ihrer Aufgaben oder Tätigkeiten ganz oder beginnen etwas Neues.

Das Fasten in der Passionszeit lehnt sich an biblische Berichte an: Jesus verzichtete 40 Tage in der Wüste auf Nahrung. Mose fastete 40 Tage am Berg Sinai, bevor ihm die zehn Gebote von Gott offenbart wurden. Elia ging 40 Tage in der Kraft der Speise Gottes bis zum Berg Horeb, wo er die Stimme Gottes vernahm.

„Fastenzeiten sind eine Hilfe, das eigene Leben aus der Distanz zu betrachten, über Grundsätzliches nachzudenken.“

Gestaltung: Zur Verdeutlichung von Sterben und neuem Leben kann man einige Wochen vor Ostern in eine mit Erde gefüllte Schale Weizenkörner aussäen. Jesus hat in Johannes 12 darauf hingewiesen, dass ein Weizenkorn in die Erde fallen und sterben muss, bevor es Frucht bringen kann. Er hat dabei auch von sich, von seinem Sterben und seiner Auferstehung gesprochen. Die aufgekeimten Weizenkörner – Sinnbild für neues Leben und Hoffnung – können dann auch als Grundlage für ein Osternest dienen.

Der Palmsonntag

Da Jesus bei seinem Einzug nach Jerusalem mit Palmzweigen bejubelt und begrüßt wurde, hat sich im frühen Mittelalter der Brauch entwickelt, diese Geschichte in Prozessionen und Umzügen nachzustellen. Auch der Name Palm-Sonntag kommt von dieser Geschichte. Da wir aber in unseren Breitengraden keine Palmen haben, von denen wir Zweige brechen können, wurden zur festlichen Gestaltung Weidenkätzchen genommen und in „Palm“-Kätzchen umbenannt.
Auch die „Palmbuschen“ oder „Palmbesen“ gehören zum Palmsonntag, sie sind eher im katholischen Bereich bekannt. In der Mitte dieses Straußes befindet sich ein langer Weidenstab, umbunden mit immergrünen Zweigen, behängt mit Brezeln, dem typischen Fastengebäck und mit einem Hahn verziert – zur Erinnerung an die Verleugnung des Petrus. Der Stab hat folgende Bedeutung: Im Mittelalter wurde dem Angeklagten im Gericht ein Stab überreicht. Wurde er verurteilt, wurde „der Stab über ihm gebrochen“, bei Freispruch wurde der ungebrochene Stab überreicht. So ist der Palmbuschen ein Zeichen für den Freispruch: Wir sind frei, weil an unserer statt über Jesus der Stab gebrochen wurde.

Gestaltung: In einem kleinen Ritual kann man zu Hause oder in einer Gemeindegruppe die Bedeutung dieses Freispruchs sichtbar machen, indem man einander einen Palmbuschen überreicht – zum Beispiel mit den Worten: „Du bist freigesprochen durch Jesus.“

Der Gründonnerstag

Der Gründonnerstag erinnert an den letzten Abend, den Jesus mit seinen Jüngern verbrachte. Jesus feierte mit ihnen das Passahmahl, eine Erinnerung an den Auszug des Volkes Israel aus der Gefangenschaft in Ägypten. Die Israeliten erhielten von Gott den Befehl, ein Lamm zu schlachten und das Blut des Lammes als Schutzzeichen gegen den Tod an die Türpfosten zu schmieren. In allen Häusern, die dieses Schutzzeichen nicht hatten – das waren vor allem die Häuser der Ägypter –, starben die Erstgeborenen. In den anderen ging der Todesengel vorüber, er passierte es. Passah – passieren – Pass … Alle diese Worte haben die gleiche Wurzel: vorbeigehen.

Diese von Gott geschickte Plage veranlasste den Pharao schlussendlich, das Volk Israel ziehen zu lassen. Jedes Passahfest erinnert an die Befreiung aus der Gefangenschaft und das Schutzzeichen des Blutes. Die Geschichte des Volkes Israel ist in der Passah-Liturgie fest verankert und auch in den Zutaten des Essens symbolisiert. So erinnert Charosset (ein Brei aus Äpfeln, Feigen, Nüssen und Zimt) beim Passah an den Lehm, mit dem die Israeliten Ziegel brennen mussten. Auch Bitterkräuter gehören dazu, in Erinnerung an die Bitternis der Gefangenschaft, und Salzwasser als Symbol für die Tränen, die während dieser Zeit der Unterdrückung geflossen sind.

Ein Ei erinnert an ein spezielles Zusatzopfer, das für die Wallfahrtsfeste im Tempel dargebracht wurde. Matzenbrot, das ungesäuerte Brot, ist ein Zeichen für die Eile, mit der das Volk kurz vor dem Aufbruch noch Brot gebacken hat. Der Lammbraten ist eine Erinnerung an das geschlachtete Lamm, roter Wein das Zeichen für den Schutz des Blutes. Als Jesus mit seinen Jüngern Passah feierte, fügte er in die Liturgie die Worte ein, die wir aus der Abendmahlsliturgie kennen: „Nehmt und esst …“ Zum zweiten Mal änderte er die Liturgie nach dem Mahl, indem er den Becher nahm, der erst getrunken wird, wenn der Messias gekommen ist: „Nehmt und trinkt …“ Das Blut als Schutz für unser Leben. So ist das Abendmahl eng verwoben mit dem Passahmahl und erweitert dessen Bedeutung. Der Name „Grün“-Donnerstag hat übrigens ursprünglichen nichts mit der Farbe Grün zu tun, sondern mit „greinen“ (weinen). Die „Grünen“, die Büßer, die nach der Fastenzeit in die kirchliche Gemeinschaft zurückkehrten, gaben dem Tag ihren Namen.

Gestaltung: Neben der Feier des Abendmahls kann es auch einmal ein besonderes Erlebnis sein, bei einem jüdischen Passahmahl (Sederfeier) als Gast teilzunehmen. Alternativ finden sich im Internet Beschreibungen einer Sederfeier.

Der Karfreitag

Der Todestag Jesu ist der höchste Feiertag im Jahr und war früher auch im gesellschaftlichen Leben deutlich geprägt vom Ernst des Geschehens: dunkle oder schwarze Kleidung, Fasten, Stille, kein Arbeiten, kein Tanz oder Fest. Heute sind uns viele Ausdrucksformen für den Inhalt des Festes verloren gegangen. Dennoch können wir auf vielfältige Weise den Karfreitag bewusst erleben.

Gestaltung: In jeder katholischen Kirche gibt es einen Kreuzweg, auf dem das Leiden und Sterben Jesu dargestellt wird – oft in 14 Stationen. Einen solchen Kreuzweg zu meditieren, also über die Passionsgeschichte nachzusinnen, kann sehr eindrücklich sein. Im evangelischen Bereich ist es in den letzten Jahren in manchen Gemeinden Brauch geworden, Ostergärten mit den Kreuzwegstationen zu gestalten oder miteinander einen Kreuz-Weg im Freien zu gehen mit Textlesung, Liedern und Gebeten. Man kann auch für sich selbst oder in der Familie Kreuzigungsbilder anschauen, darüber meditieren oder sich austauschen.

Ostern

Der Tag der Auferstehung Jesu, durchdrungen von dem jubelnden Sieg über den Tod, ist ein Hoffnungsstrahl in unser Leben hinein. Leiden und Tod sind nicht das Letzte. Jesus ist uns durch seine Auferstehung in die Ewigkeit vorangegangen und wird uns dort empfangen. Er ist am ersten Tag der Woche auferstanden, in Erinnerung daran feiern wir Christen an jedem Sonntag die Auferstehung Jesu.

Gestaltung: Aus dem Ostergeschehen haben sich vielerlei Bräuche entwickelt.
• Die Osternacht: Der frühe Ostersonntag wird vielerorts als Beginn des Osterfestes gefeiert. Der Gottesdienst beginnt mit Textlesungen und Gesängen in der dunklen Kirche. Mit dem ersten Licht des Tages (oder noch davor) wird eine Kerze entzündet und einander der Gruß weitergegeben: „Der Herr ist auferstanden!“ Die Antwort lautet: „Er ist wahrhaftig auferstanden!“ Schon die allerersten Christen haben so Ostern gefeiert.
• Das Osterfeuer: In der Osternacht bzw. am Abend des Karsamstags wird ein Feuer entzündet. Es zeigt: Christus ist zum Licht durchgedrungen, zum neuen Leben. Auch Osterkerzen haben ihren Ursprung darin, dass Christus in der Bibel als das „Licht der Welt“ bezeichnet wird.
• Das Osterei: Es ist mit der zerbrochene Schale ein Symbol für das aufgebrochene Grab. Ein alter Osterspruch lautet: „Wie der Vogel aus dem Ei gekrochen, hat Jesus Christus das Grab zerbrochen.“
• Das Osterlamm: In Erinnerung an Christus, „Gottes Lamm, das der Welt Sünde trägt“ (Johannes 1,29), wird zu Ostern ein Kuchen in der Form eines Lammes gebacken.
• Der Osterhase: Ja, auch er gehört zu Ostern und ist kein heidnisches Fruchtbarkeitssymbol. Hasendarstellungen waren vielmehr in römischer und frühchristlicher Zeit häufig. Im Alten Testament ist ein Satz in den Sprüchen interessant: „Die Hasen – ein schwaches Volk, dennoch bauen sie ihr Haus in den Felsen“ (Sprüche 30,26). Es ist längst erwiesen, dass es sich hier um Klippdachse, hebräisch: „Felsenkaninchen“ handelt. Die lateinischsprachigen Christen bezogen es bildhaft auf sich und ihr felsenfestes Vertrauen auf Christus.
Bräuche in der Passions- und Osterzeit sind ein Schatz, den es wieder neu zu heben gilt. Viel Freude und gute Entdeckungen dabei!

von Cornelia Mack


LebensLaufDieser Artikel ist zuerst in der Zeitschrift LebensLauf erschienen, die wie Jesus.de zum SCM Bundes-Verlag gehört.