Wie können wir das Unperfekte umarmen lernen? Schönheit entdecken in einer nicht immer schönen Welt? Und… ist Gott eigentlich „schön“? Gedanken von Pastor Christof Lenzen.

Ich gehe mit einem Bekannten durch die Straßen meiner Stadt. Und der schimpft wie ein Rohrspatz auf seine Heimat, in die ich erst vor knapp drei Jahren gezogen bin und in der ich mich so wohl fühle! Was da alles im Argen läge! Früher viel schöner gewesen sei! Und dort läge Müll (er hebt ihn aber nicht auf). Die Stadt, die nichts tue (aber er engagiert sich nicht). So geht es weiter … und ich tauche dabei langsam in meine Gedankenwelt ab und frage mich: Warum sieht er, warum sehe ich manchmal nicht das Schöne? Warum ist das Schwierige, Unschöne, Hässliche so dominant? Natürlich: Unser Gehirn ist so gestrickt, dass es Gefahren und Unliebsames dominanter wahrnimmt als Schönes und Bewundernswertes … eine uralte Schutzfunktion – aber können wir trotzdem lernen, unsere „Schönheitssensoren“ zu trainieren? Ich denke, ja.

Schönheit braucht Fehler

Cindy Crawford. Was habe ich für sie geschwärmt als Student – eines der legendären Supermodels der 90er Jahre. Was machte und macht ihre Schönheit aus? Natürlich die sehr symmetrischen Gesichtszüge. Wissenschaftlich untersucht ist, dass wir ein Gesicht umso anziehender finden, desto symmetrischer es ist. Wenn also linke und rechte Gesichtshälfte weitgehend übereinstimmen, denken wir: Schön! Aber die eigentliche Anziehungskraft von Cindy Crawford ergibt sich für viele aus einem kleinen Fehler. Einem Leberfleck links oberhalb der Oberlippe. Die Abweichung, der „Fehler“, hat bei ihr also vermutlich aus eher langweiliger Perfektion von vielen empfundene Schönheit gemacht. Doch dieses Prinzip findet sich überall wieder …

Bauhaus – die bedeutendste Schule für Architektur, Gestaltung und Kunst im 20. Jahrhundert. Nichts hat die Architektur der Moderne so sehr geprägt wie diese Bewegung, die von Deutschland ausging. Gegründet in Weimar, zur Blüte gekommen in Dessau und bekämpft von den Nazis – feiert sie dieses Jahr Jubiläum. Was ist ein wichtiges Gestaltungsprinzip vom Bauhaus? Symmetrie – plus eine kleine geplante Abweichung. So ergeben sich faszinierende Bauten, die dennoch nicht aseptisch wirken.

Doch erleben wir Schönheit auch sonst nicht erst durch den Kontrast, den Fehler, die Abweichung?

Ich liebe zum Beispiel die Altstadt von Palma auf der Ferieninsel Mallorca. Und ich weiß, um welche Ecken ich gehen muss, um direkt in einem Viertel zu landen, in dem die Bauten verfallen sind, offensichtlich arme Menschen leben, dazu Sinti und Roma, Einwanderer, kurz: all die, die nicht ins Hochglanzprospekt passen. Ich stelle fest, dass ich die Schönheit der „normalen“ Altstadt dann erst richtig wahrnehmen und genießen kann, wenn ich das Grauen dieses Viertels ebenso kenne – und dass die Perfektion der superreichen Schickimicki-Bereiche mir eher abstoßend und künstlich vorkommen.

Schönheit braucht also offensichtlich Macken und Fehler und den Bruch, das Gegenteil, sonst „spüren“ wir sie nicht. Licht wird nur durch Schatten richtig erlebbar. Jeder, der reines Licht erlebt – zum Beispiel in der gleißenden Hitze des Mittelmeers mitten auf einem Marktplatz – sucht schnell den Schatten auf, aus dem er die Sonne mit mehr Muße genießen kann. Genauso braucht Schönheit den Kontrast, die Spannung, kurz: den Fehler, das Unschöne, das die Schönheit zum Leuchten bringt. Wäre alles Licht, könnten wir es nicht erkennen. Erst Abwesenheit von Licht ermöglicht die Wahrnehmung des Lichtes. Das Dunkle, Fehlerhafte, wenig Schöne verweist also auf das Gegenteil. So können wir alles Zerbrochene sehen und auch annehmen(!) als Hinweis auf das Geheilte. Gleichzeitig empfinden wir makellose Perfektion als geradezu unheimlich und abstoßend. Wir misstrauen ihr. Zurecht.

Unsere Antennen feiner stellen

Ich bin überzeugt: Das Perfekte wird niemals schön sein – aber unser Bild wird bewusst und gewollt in diese Richtung verändert. Denn durch die empfundene Differenz zwischen Perfektion und unserer Realität entsteht Unzufriedenheit, die sich als Antrieb für Konsum nutzen lässt. Fotos werden mit Photoshop oder Instagram-Filtern bearbeitet. Faltenlose gestylte Makellosigkeit. Haut ohne Poren. Figur ohne Dellen. Es entsteht: Unzufriedenheit – wenn wir uns dem nicht innerlich bewusst entgegen setzen. Denn eigentlich ist Perfektion langweilig und steril. Wir fühlen uns in ihrer Gegenwart nicht wohl, weil wir als Unperfekte nicht „mitschwingen“ können. Ein schöner Mensch mit offensichtlichen Macken ist außen und innen schön. Anziehend. Ein makelloser Mensch erntet vielleicht distanzierte Bewunderung, aber Nähe? Wärme? Anziehung? Nein.

Damit wir nicht zunehmend durch eine Welt infiziert werden, in der so vieles durch Bearbeitung und Filter (bei Bildern), Aromastoffe (bei Nahrung) und Implantate (bei Körpern) aufgemotzt wird, brauchen wir meiner Überzeugung nach ein bewusstes Fasten davon. Ich betrachte Hochglanz-Magazine bewusst nicht mehr. Relativiere Werbeplakate. Und betrachte stattdessen einen ganz normalen, zum Beispiel alten oder behinderten Menschen und entdecke dort die Schönheit – manchmal erst nach einiger Zeit. Ich bemühe mich, meine Antennen für Schönheit wieder feiner zu stellen, die durch all das Künstliche abgestumpft sind. Und was ich da entdecken kann … Die Lachfältchen. Die Augen und ihre Schattierungen, ihr Lachen und ihr Schmerz. Die Hände, die so viel gearbeitet und hoffentlich auch gestreichelt haben. Jeder Mensch ist schön! Und gleichzeitig zerbrochen und in Heilung befindlich. Und genau das macht Schönheit aus.

Mein Appell deswegen: Fasten wir Pseudoschönheit auf allen Ebenen. Setzen wir uns bewusst dem Echten aus! Pflegen wir unseren Herzenswächter, der die Verlockungen des Makellosen innerlich relativiert. Vielleicht durch einen einfachen Gedanken: „Alles Photoshop! Echt ist hier:“ Und dann den Blick in den Spiegel gerichtet. Ja genau. Schönheit gilt es auch bei sich zu entdecken und Unzufriedenheit über die Differenz zum Makellosigkeits-Ideal zu überwinden. Psalm 139 sagt es: Du bist wunderbar gemacht, Gott gewollt, einzigartig, wunderschön! Stell dich vor den Spiegel und sag dir das ins Gesicht. Schau dir in die Augen dabei. Vielleicht stockst du. Es kommen dir die Tränen …

Und dann entdecke langsam die Dinge, die du an dir magst und nimm an, was nicht dem Ideal entspricht. Denn auch das ist wunderbar gemacht: Willkommen, Falte, willkommen Delle, willkommen Bauch! Das alles hat dich durch die Jahre getragen und drückt etwas aus. Es ist nicht dein Feind – es ist schön, weil es dein ist – deine Geschichte, dein Ausdruck. Und selbst wenn es etwas zu verändern gäbe, weil zu viel manchmal nicht gesund ist – können wir nur verändern, was wir annehmen. Was wir verstehen. Umarmen. So hat uns Gott gemacht.

Darf man so denken?

Aber, aber, mag der Einwand kommen: Wenn das Unperfekte, der Fehler, ja, ich behaupte, selbst die Sünde angenommen werden kann und erst dadurch wirklich lebendige Schönheit entsteht – relativieren wir damit nicht das Elend, das Dunkle, das Schädliche? Romantisieren wir es damit nicht?

Ein berechtigter Einwand. Wir leben in einer gefallenen Welt, die gleichzeitig Gottes wunderbare Welt ist – von ihm durchtränkt. Eine seufzende und stöhnende Kreatur, die gleichzeitig jubelt und tanzt vor ihrem Herrn. Wir leben in diesem Spannungsfeld. Wir beten mitten in diesem Erleben „Dein Reich komme, dein Wille geschehe, wie im Himmel, so auch auf Erden“. Die helle, schöne Welt des Reiches Gottes soll sichtbarer werden auf unserem seufzenden Planeten. Darum beten wir, dafür arbeiten wir, darum ringen wir. Sein Reich soll wachsen – begleitet von unserem kleinen Handeln und Beten. Christen wollen den Himmel mehr und mehr herein brechen sehen mitten in das Leben und stehen so im Riss zwischen Himmel und Erde, wie es Albert Frey formuliert.

Gott selbst hat sich in diese Welt voller Dunkelheit begeben, um dort aufzuleuchten. Wäre diese Welt rein, hell und heilig, hätte er das nicht tun müssen. Weil er es aber getan hat, brauchen wir uns nicht mehr zu fürchten vor der Dunkelheit. Wir dürfen das Dunkle auch in uns annehmen als von Jesus getragen und in Heilung befindlich. Nennen wir es beim Namen, auch das Unrecht! Wir überwinden es aber nicht mehr durch Kampf und Feindschaft – sondern durch das Gute, das Helle (Rö 12,21). Und das Gute und Helle – das ist die Liebe, Gnade und Verwandlungskraft Gottes in Jesus Christus. So fürchten wir uns nicht mehr, sondern können erleben, wie gerade mitten im Spannungsfeld zwischen Schönem und Unschönen, das Schöne umso mehr strahlt und beides zusammen auf Gott verweist, der die Schönheit in Person ist.

Ein letztes: Gott ist heilig. Er ist schön. Gerecht. Erhaben und mächtig. Aber perfekt, geradezu klinisch rein und makellos? Natürlich hat Gott in sich keinen Makel – er ist tatsächlich vollkommen. Aber kann es sein, dass wir da ästhetische Begriffe vom Menschen auf Gott übertragen? Gottes Schönheit offenbart sich nach meinem Verständnis nicht in Perfektion und Makellosigkeit, sondern vielmehr in Gnade, Wärme, Kraft und vielem mehr. Erkennen werden wir sie erst, wenn wir sie sehen. Und dann wird uns bewusst werden, wie begrenzt unsere Kategorien waren. Bis dahin aber nehmen wir das Schöne im manchmal Unschönen wahr und an. Weil auch er es tut. Und das Dunkel seinen Schrecken verloren hat, wo Gottes Licht aufstrahlt. Wer das weiß, kann das Dunkle benennen, aber vielmehr noch das Wunderschöne, Helle, Strahlende – es ist überall – es verweist auf Gott – siehst du es?


Christof Lenzen ist Pastor der Freien evangelischen Gemeinde Gera und Autor mehrerer Bücher.

 

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