Wie lässt sich die Coronakrise geistlich einordnen? Wie kann es gelingen, sich nicht von den eigenen Sorgen mitreißen zu lassen? Gedanken dazu von Ulrich Wendel, Chefredakteur des Magazins „Faszination Bibel“.
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Violinklänge, mitten am Vormittag in der Schule: Das kann nur Matthias sein. Einer meiner Mitschüler, ein hochbegabter Geiger. Aber woher kommt jetzt die Musik? Ich entdecke ihn im Vorraum der Schultoilette. Er spielt die berühmte Chaconne von Johann Sebastian Bach. Ringsum kalte Kacheln, fleckige Spiegel, gesprungene Waschbecken, zweifelhafter Geruch. Der Klang hallt wunderbar, die Töne werden von den Kachelwänden zurückgeworfen und schweben im Raum. Matthias hat sich hierhin zurückgezogen, um sein Stück anzuspielen. Was für eine absurde Szene: Eines der wunderbarsten Violinstücke überhaupt, akustisch verstärkt – auf dem Schulklo!

Mir fiel diese jahrzehntealte Szene neulich wieder ein, als ich darüber nachdachte, was in diesen Wochen der Virus-Krise eigentlich los ist – in unserem Land, in meinem Leben, mit meinem Glauben. Diese Zeit kommt mir vor wie eine Echokammer. Alles, was sonst auch da ist, verstärkt sich. Das Gute und das Schlechte: Selbstlosigkeit, Kreativität, Suche nach klugen Lösungen – und auch Egoismen, Ängste, Kleinglaube. Und gelegentlich auch seltsame fromme Deutungsmuster. Normalerweise hört man im Waschraum des Schulklos, hall-verstärkt, eher Streit, Macker-Sprüche und Witze (jedenfalls in der Jungs-Abteilung). Aber es kann eben auch die Chaconne von Bach sein.

Was Krisen mit mir machen

Ich persönlich habe Krisen in meinem Leben immer wieder als so eine Echokammer erlebt. Sie zeigten mir, wie schnell Beklommenheit und Furcht das bestimmende Gefühl werden. Wie schwer genießbar ich für meine Frau sein kann. Aber auch, welche Kraft vom Beten ausgeht – und seien es nur Stoßgebete. Wie gut ein Wort von jemandem tut, der die Not aus eigener Erfahrung nachfühlen kann. Ich habe das in verschiedenen Krisensituationen erlebt.

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Da waren die Monate, als eine berufliche Phase zu Ende ging, eine neue Möglichkeit noch nicht aufkam und zwischendurch ein verlockendes Angebot platzte. Da waren die dramatischen Wochen, als in dem Kindergarten, den unsere Kirchengemeinde betrieb, ein kleiner Junge zu Tode kam. Mein Besuch als Pastor bei den Eltern und die Begegnung mit ihnen auf dem Friedhof. Vorher die Belagerung des Kindergartens durch blitzlichtbewaffnete BILD-Reporter. Und Monate später die juristische Aufarbeitung im Gerichtssaal. Selten habe ich so viel Druck erlebt. Dann wieder ganz andere Zeiten: Die sich jährlich einschleichende depressive Herbstverstimmung, die mich aussaugt. Und, ganz aktuell, die regelmäßig wiederkehrenden Tage mit körperlichen Schmerzen, an denen ich mich von einer Schmerztablette zur nächsten hangle, in der Hoffnung, dass eine davon endlich wirkt.

Das ist mein vorrangiges Thema auch in den „Corona-Wochen“ im Frühjahr 2020. Die Virus-Krise ist gar nicht mein Hauptproblem, mein bestimmendes Lebensgefühl ist meine Schmerzproblematik. Und sie testet – unter anderem – meinen Glauben: Wie bete ich weiter, wenn Beten oft keinen guten Umschwung bringt? Wie gelingt es mir, über den Tellerrand meiner Probleme hinaus zu sehen und zu erfassen, was meine Familie braucht, meine Kollegen, Menschen in meiner Gemeinde – anstatt mich von meinen eigenen Sorgen absorbieren zu lassen?

Welche Prioritäten setze ich?

Das, was mir passiert, testet mich, es stellt mich in die Echokammer: So ordne ich momentan die Geschehnisse ein, sei es chronifizierter Schmerz, sei es die Virus-Pandemie. Ich finde die Frage, die viele dann stellen, nämlich ob Gott davon etwas geschickt hat oder ob er seine (Welt-)Regierung dadurch ausübt, nicht zielführend. Hilfreicher finde ich den Vergleich mit dem biblischen König Hiskia, in dessen Situation ich mich schon eher wiederfinde. Hiskia bekam einmal Besuch von einer ausländischen Delegation und ließ sich dazu verführen, seine ökonomische Stärke vorzuführen – wohl in der Absicht, sich als fähigen Bündnispartner zu präsentieren (vgl. 2. Könige 20,12-19). Gott erkannte darin Misstrauen gegen ihn, ihm gefiel das nicht. Und der biblische Berichterstatter deutet dieses Vorkommnis so: „Da überließ ihn Gott sich selbst, um zu erproben und zu erkennen, was alles in seinem Herzen war“ (2. Chronik 32,31; EÜ). Ein Realitätstest, der zeigt, was ist. So erlebe ich auch chronischen Schmerz und Pandemie. Nein, ich komme mir nicht von Gott verlassen vor – aber ich glaube, Gott lässt manche Dinge einfach mal laufen, sodass sich herausstellt, wie es in meinem Herzen aussieht.

Dabei kommt zum Beispiel zum Vorschein, welche Prioritäten ich im Gebet setze. Bete ich national oder global? Mir stehen Menschen aus meiner Gemeinde vor Augen, die zur Risikogruppe zählen. Ich denke an meinen Friseur, meine Buchhandlung, die befreundete Zahnärztin – Menschen, denen Umsatz und Einkünfte in dieser Zeit wegbrechen. Aber dann kommen mir die griechischen Flüchtlingslager in den Sinn. Afrikanische Länder mit ihrem fragilen Gesundheitssystem. Und ich mag nicht mehr nur vorrangig für Menschen beten, die zwar Einbußen erleiden müssen, aber andererseits doch auch einigermaßen sozial abgesichert sind in unserem Land, sondern mit gleichem Engagement auch für die weiter entfernte Not. Zugegeben: Was für ein Unsinn, das gegeneinander auszuspielen. Und klar: Wer als Alleinerziehende(r) in die Schuldenfalle rutscht oder wer mit seinem Betrieb Konkurs geht, ist extrem hart getroffen. Und häusliche Gewalt, die sich in diesen Wochen verstärkt, verdient jede Fürbitte. Dennoch möchte ich als Beter nicht beim Nächstliegenden hängen blieben. Was macht mich wirklich (oder auch noch) betroffen? Auch diese Frage stellt sich in der „Echokammer“ lauter.

Krisen kommen nun einmal und zeigen umso klarer, was da ist und was nicht: Wenn ich die COVID-19-Krise so auffasse, dann ist damit zugleich gesagt, zu welchen Deutungen ich eher nicht greifen möchte.

Deutungen, die nicht weiterhelfen

Ich glaube nicht, dass Gott die Pandemie als Prüfung für die Menschen aktiv geschickt hat. Auch nicht als Strafe. (Wofür genau? Und haben die Länder mit höherer Sterblichkeitsrate als andere dann folgerichtig eine größere Strafe verdient?) Auch dass Gott das Virus absichtsvoll erschaffen hat, um die Menschen zur Buße zu rufen, überzeugt mich nicht. Ja, wir werden großen Nutzen daraus ziehen, wenn wir in Krisen innehalten. Uns näher zu Gott rufen lassen. Es ist absolut sinnvoll, wenn jeder ihre oder seine persönliche Sinndeutung einer Krise findet. Aber das kann nur selten eine allgemeine, auf alle übertragbare Deutung sein. Und nicht jedes Unglück, von dem wir uns zur Umkehr rufen lassen können, ist von Gott herbeigeführt.
Es befremdet mich auch, wenn ich mithilfe des Bibelwortes aus 2. Chronik 7,14 zum Beten eingeladen werde: „[Wenn] mein Volk, das meinen Namen trägt, dann Reue zeigt, wenn die Menschen zu mir beten und meine Nähe suchen und zu mir zurückkehren, will ich sie im Himmel erhören und ihnen die Sünden vergeben und ihr Land heilen“ (NLB). Ja, wie schön wäre es, wenn Gott „unser Land heilen“ würde. Aber wie vermessen ist es, diese an Gottes Volk Israel gesagte Verheißung unbedacht auf die Bundesrepublik Deutschland im Frühjahr 2020 zu beziehen, als wenn Gott Interesse daran hätte, innerhalb moderner Staatsgrenzen zu handeln!

Was aber wäre stattdessen eine geistliche Perspektive auf die momentane Virus-Krise? Und auf die plötzlichen oder chronischen Krisen in meinem Leben? Von allen Bibelabschnitten hat die zweite Hälfte des achten Kapitels des Römerbriefes für mich hierfür die stärkste Aussagekraft.

Eine nüchterne Zeitanalyse

Dort ist ganz schlicht die Rede davon, wie hinfällig unsere gegenwärtige Welt, Gottes Schöpfung, nun einmal ist. Seufzen, die Leiden dieser Zeit, Vergänglichkeit, Angst und sehnsüchtiges Warten, Stöhnen wie eine Frau in den Geburtswehen – das sind die Leitworte des Abschnittes ab Vers 18. Damit charakterisiert Paulus die Zeit, in der wir leben. Diese Worte tauchen alles in einen tiefen Schatten. Dieser Schatten fällt nicht nur über besondere Krisen, nicht nur über ausgewählte extreme Schicksalsschläge. Sondern die ganze Schöpfung ist in diesen Schatten getaucht.#

Damit ist schon gesagt, welche Rolle wir Christen in dem Ganzen spielen: nämlich zunächst gar keine besondere Rolle. Wir sind Teil der Schöpfung wie alle anderen Lebewesen auch. Wir sind von der Hinfälligkeit getroffen. Die Welt, in der wir leben, ist nun einmal – trotz aller Schönheit – kaputt.

Der Bibelausleger Adolf Pohl (1927–2018) hat schon vor 22 Jahren, als sein Römer-Kommentar erschien, darüber nachgedacht, wie die hier beschriebenen Leiden in unserer vorfindlichen Welt zu deuten sind. Er sagt:

„Unser Abschnitt [Römer 8,18-25] vergegenwärtigt uns also die natürlichen Leiden. Wir sind nämlich als Mit-Mensch nicht nur gefallene Welt, sondern als Mit-Kreatur auch unterworfene Welt [Römer 8,20]. Darum leiden wir nicht nur schuldhaft, sondern auch schicksalhaft. Dass sich die natürlichen Leiden im Leben nie in Reinkultur nachweisen lassen, sondern sich Schuld und Schicksal mischen, ist selbstverständlich. Der Versuch, die einzelnen Anteile an der Leiderfahrung säuberlich zu isolieren und zu sortieren, gelingt kaum. Trotzdem kann es schon viele Wogen glätten, diesen Gesichtspunkt überhaupt zu erwägen.
Ich vergegenwärtige mir also, dass vieles für mich und für meinen Nächsten einfach Geschick ist. Wir konnten uns nicht aussuchen, in welcher Zeit wir leben, welche Eltern wir haben, welcher Nationalität wir angehören, wie wir aussehen, welche Schule wir besuchen, welche Lehrer uns bilden usw. Zudem sind wir zwischen Wiege und Bahre den natürlichen Prozessen des Werdens und Vergehens unterworfen, des Lebensdrangs und des Lebenszerfalls. […]. Wenn das alles genügend vor Augen steht, wird einem aber auch klar, dass Erlittenes nicht kurzschlüssig als Schuldfrage behandelt werden darf. Sofort Böses suchen und ‚Sünde!‘ schreien, könnte tief falsch sein, sofort das eigene oder die anderen Gewissen zu belasten, gar schädlich. So stumpfen die Gewissen nur ab und verlieren ihre Fähigkeit zum berechtigten Gebrauch. Statt am laufenden Band zu beschuldigen und zu strafen, werden geistliche Menschen gründlich nachdenken und sich ihren Horizont durch Abschnitte wie diesen erweitern lassen.“

(Adolf Pohl: „Der Brief des Paulus an die Römer, erklärt von Adolf Pohl“, Wuppertaler Studienbibel, Ergänzungsband, R.Brockhaus, Wuppertal 1998, Seite 172.)

So sieht biblischer Realismus aus. Vieles passiert einfach – ohne eine eingebaute Absicht. Das Wort „Geschick“ scheint dabei nicht besonders glaubensvoll oder tiefsinnig zu sein – denn es geht ja gerade darum, dass nicht Gott jedes Geschick „geschickt“ hat. Doch Römer 8 ist eine nüchterne, geistlich reflektierte Zeitansage für uns alle.

Gegenkräfte inmitten der Hinfälligkeit

Dasselbe Kapitel enthält aber auch eine Fülle von Kraftquellen, die uns helfen, mit der Vorläufigkeit des Lebens zurechtzukommen. Paulus spricht von Gegenkräften, die schwerer wiegen als die Verfallenheit der Schöpfung: „Denn ich denke, dass die Leiden der jetzigen Zeit nicht ins Gewicht fallen gegenüber der zukünftigen Herrlichkeit, die an uns offenbart werden soll“ (Römer 8,18). Die Waagschale neigt sich zugunsten einer Realität, die von Gott kommt und die jeden Schatten ausleuchten wird. Einiges davon ist erst Zukunftsmusik, zum Beispiel die körperliche Erlösung (Vers 23). Anderes aber entfaltet jetzt schon seine Kraft. Es lohnt sich, seine Bibel aufzuschlagen, die Gegenkräfte zu entdecken und ihre Reichweite zu ermessen:

• Wir bleiben Beter! Und zwar durch die Gebetshilfe des Heiligen Geistes (Vers 26).
• Alles steuert unweigerlich auf ein gutes Ziel zu (Vers 28).
• Gottes Liebe ist ungefiltert da (Vers 31-39).

Für mich persönlich hat eine weitere Gegenkraft die größte Bedeutung, wenn es mir schlecht geht: Ich bin berufen, dem Bild seines Sohnes gleichförmig zu werden (Vers 29). In allen Engpässen ist es meine Aufgabe und meine Möglichkeit, jesusähnlich und christusförmig zu werden. Das hat – so sagt es Paulus an anderer Stelle – eine doppelte Dimension: Ich werde fähig zu leiden und kann Auferstehungskraft erfahren. „Christus will ich erkennen und die Macht seiner Auferstehung und die Gemeinschaft mit seinen Leiden, indem ich seinem Tod gleich gestaltet werde. So hoffe ich, auch zur Auferstehung von den Toten zu gelangen“ (Philipper 3,10-11; EÜ).

In Krisenzeiten versuche ich einzuüben, diese Frage zu stellen: Wie kann Christus jetzt besonders in den Vordergrund treten? Wie kann er Konturen in meinem Leben gewinnen? Das kann geschehen, indem ich auch am neunten Schmerztag noch bete, dass er heilend eingreift. Das kann geschehen, indem ich Grenzen und Krankheit akzeptiere, für diesen Tag oder für diese Woche, und dennoch mein volles Vertrauen auf ihn setze. Das kann geschehen, indem ich versuche, auch in seelisch gedämpften Herbstdunkelzeiten ein Nachfolger von Jesus zu bleiben und darum ringe, mir jeden Tag so viel Liebe und Selbstbeherrschung schenken zu lassen, dass ich meiner Frau nicht auch noch die Lebensfreude nehme.

Wenn sich die Konturen Christi abzeichnen

Jesusähnlich und christusförmig zu werden, gerade wenn es eng wird: Darauf liegt eine große Verheißung. Eine, die über mein persönliches Leben hinaus geht. Wieder lesen wir das in Römer 8: „Die gesamte Schöpfung wartet sehnsüchtig darauf, dass die Kinder Gottes in ihrer ganzen Herrlichkeit sichtbar werden“ (Vers 19; NGÜ). Es hat eine geheimnisvolle Bedeutung für diese ganze hinfällige Schöpfung, dass es in ihr Menschen gibt, die mit Gott versöhnt sind, die Christus nachfolgen, die ihn in ihrem Leben abbilden. Nicht dass wir Christen die Schöpfung erlösen könnten! Aber die Welt scheint darauf zu warten, dass wir einen Segen in sie tragen – indem an uns sichtbar wird, was Gott an uns tut.

Das ist theologisch jetzt groß abgebissen. Für mein Leben heißt das vielleicht: Ich strebe danach, dass Jesus an mir handeln kann. Und das ist ein kleines Zeichen dafür, was Christus auch an anderen tun kann – an einzelnen und an der Welt.

Und in jedem Moment, wo Christus zum Zuge kommt, ist es, als ob im unansehnlichen Toiletten-Vorraum mit seinen Gerüchen, den blinden Spiegeln, den gesprungenen Waschbecken, den gekritzelten Edding-Sprüchen eine Melodie erklingt. Ein Lied Gottes. Und die fleckigen Kacheln verstärken den Klang.

Von Ulrich Wendel


Faszination Bibel CoverUlrich Wendel ist Pastor im Bund Evangelisch-Freikirchlicher Gemeinden und arbeitet als Chefredakteur des Magazins Faszination Bibel, das wie Jesus.de zum SCM Bundes-Verlag gehört. Außerdem ist er Programmleiter für Bibel und Theologie beim Buchverlag SCM R.Brockhaus.

 

Gott suchen in der KriseDieser Artikel ist zuerst in dem Buch Gott suchen in der Krise – Glaube und Corona vom Verlag SCM R.Brockhaus erschienen. Es wurde von Ulrich Eggers herausgegeben. Eine weitere Leseprobe finden Sie hier.

4 DIREKT-KOMMENTARE

  1. Hallo-Wach-Ereignisse und Lernmöglichkeiten,

    Ulrich Wendels Blick auf die Coronakrise ist eine gute Reflektion vorallem auch der Chancen, die persönliche und/oder globale Krisen schaffen. Das gilt für die ganze Menschheit, unser Gemeinwesen als auch für mich ganz persönlich.

    Meine feste Überzeugung, die aber leider weder bewiesen noch widerlegt werden kann, ist folgende: Gott schickt keine Katastrophen, aber er lässt sie zu. Auch die Krise als ihre mildere Schwester ist immer eine Möglichkeit inne zu halten und hieraus etwas zu lernen. Es ist ja nicht nur der Griff auf die heiße Herdplatte für das Kind eine Erfahrung, daß man sich durch Unvorsichtigkeit verletzen kann. Corona lehrt uns, daß wir nicht über oder ausserhalb der Schöpfung stehen, sondern jeder ein winziges Rädchen in einem fast unendlichen Netzwerk ist – genannt Natur – genauer und größer auch als das Universum bezeichnet. Leider betrachten wir die kleine Erde eher als endloses Vorratslager von zu verspeisenden Mitgeschöpfen, als ein Verbrauchsprodukt und wir haben sie als das Eigentum des Schöpfers verwüstet wie Kinder, die beim Spielen das schöne Wohnzimmer anzündeten. Wenn wir als Menschheit unseren Freien Willen sowie schöpferische Fähigkeiten in die medizinische Forschung statt in die Technik von Waffen gesteckt hätten, wäre die Pandemie vielleicht besser zu bewältigen gewesen. Seit mehr als hundert Jahren wissen wir von den vielen Millionen Toten, die es seit dem Römischen Reich immer wieder durch Seuchen und Pandemien gab. Seit 2011 war bekannt, daß die Wahrscheinlichkeit einer weltweite Pandemie vorlag. Bleibt nur die Hoffnung, wir nehmen solche Ereignisse und die anbrechene Klimakatastrophe zukünftig bitterernster. Beides ist bereits das Winken mit großen Garagentoren. Es heißt doch so schön biblich: „Wer Augen hat, der sehe“!

    Allerdings kann jede und jeder einen persönlichen Gewinn aus der Krise ziehen. Etwa Gott näher zu kommen, wieder mehr eine persönliche Gebetspraxis einzuführen und erneut zu erleben, daß man wie bei einer solchen Vertrauensübung
    des Gebetes von Gott aufgefangen wird. Das Leben ist immer schön gefährlich gewesen und so wird es auf Erden auch bleiben. Es sei noch angefügt, daß alle negativen Großereignisse ganz viele Menschen solidarisch machen. Ich bin dann schnell dabei, mich von der Hoffnung leiten zu lassen, man würde die materiellen und verbalen Schwerter dann auch zu Pflugscharen machen, wenigstens an einigen Stellen. Ein Neuanfang in Krisenzeiten für unsere Gesellschaft wäre ja was schönes. Allerdings, je länger die Pandemie dauert, um so unerquicklicher werden die Verwerfungen durch jede Menge Verschwörungstheorien, Hass im Netz, Antisemitismus oder Rassismus sowie die unsäglichen Proteste gegen vernünftige Einschränkungen , auf der Populisten ihr politisches Süppchen kochen. Für uns Christinnen und Christen ist diese Welt ein Übungsfeld, die Liebe (Gottes), zu der auch Toleranz gehört, wieder mehr in den Blick zu bekommen.

    Noch keine richtigen Gottesdienste feiern zu können mit vielen Menschen und mit Pauken, Trompeten und Chören, könnte doch daran erinnern, daß der Alltag ein Gottesdienst sein sollte, schon am Montagmorgen. Ein Lichtblick sind die besonders liebevollen Fernsehgottesdienste oder jene im Netz. Leben ist immer Lernen und sollte (auch) geistlicher Fortschritt sein. Der gute Kampf des Glaubens ist oft auch ein Hindernislauf. Zum Glück verleiht der Himmel keine Sportabzeichen und lässt es über Gute und Böse, und alle dazwischen, unparteiisch regnen.

    • Ihr Kommentar spricht mir aus tiefstem Herzen! Die Klimakatastrophe (die viel mit Biodiversitätsverlust und Pandemien zu tun hat), ernst nehmen, wieder vermehrt ins vertrauensvolle Zwiegespräch mit Gott gehen, „Noch keine richtigen Gottesdienste feiern zu können…. könnte daran erinnern, dass der Alltag ein Gottesdienst sein sollte,…“ danke, es tut gut, solche ehrlichen Sätze zu lesen.

  2. Ein wertvoller, wunderbarer Artikel. Hoffentlich lesen dáš viele Menschen. Es ist so wohltuend realitätsnah und zugleich doch hoffnungsprühend. Danke.

  3. In seiner sorgfältigen Ausgewogenheit und Bibeltreue ist dieser Artikel von U. W. das beste evangelikale statement zum Thema Coronakrise, das ich bisher gefunden habe – meinen Respekt!

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