Miriam war acht Jahre alt, als ihr Vater Tilmann Geske im April 2007 in der Türkei brutal ermordet wurde, weil er an Jesus glaubte und anderen davon erzählte. Heute sagt sie: Ich habe den Tätern vergeben.

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Miriam, Welche Erinnerungen hast du an den Tag damals?

Meine Mutter hat uns Kinder aus der Schule abgeholt und nach Hause gebracht. Zu dem Zeitpunkt war noch nicht klar, was eigentlich los ist. Wir wussten nur, dass irgendetwas passiert sein musste, da mein Vater nicht an sein Handy gegangen war. Wir sind dann zum Krankenhaus gefahren. Der Offizier dort wollte uns aber nichts sagen. Als wir in einem Zimmer gewartet haben, wurde meine Mutter herausgerufen. Daraufhin hat mein Bruder gesagt: „Jetzt ist klar, dass er gestorben ist, denn wenn es eine gute Nachricht gewesen wäre, hätte er sie uns direkt gesagt.“ Danach kam meine Mutter zu uns zurück und sagte uns, dass mein Vater gestorben ist. Sie musste dann noch zur Polizei mitkommen, sodass eine andere Familie mit uns Kindern nach Hause gegangen ist. Dort war es schon sehr voll, weil viele Nachbarn uns besuchen kamen.

Wie haben eure muslimischen Nachbarn auf diese Tat reagiert?

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Die waren alle sehr schockiert und haben gesagt, dass das nicht richtig ist, was passiert ist. Sie waren auch unglaublich hilfsbereit in der Zeit danach.

Hattest du damals Angst, dass dir, deiner Mutter und deinen Geschwistern auch etwas angetan werden könnte?

Eine Zeitlang schon. Manchmal habe ich mich schon gefragt, ob das noch mal passieren könnte. Aber ich bin dann zu dem Entschluss gekommen, dass die Wahrscheinlichkeit sehr gering ist. Außerdem fühlte ich mich von Gott beschützt.

Wie seid ihr als Familie mit dieser schrecklichen Tat umgegangen?

In den ersten drei Monaten danach war unser Haus die ganze Zeit voll mit Besuchern. Das waren christliche Geschwister aus der ganzen Welt, die uns unterstützen wollten. In dieser Phase hatten wir nicht so viel Privatsphäre für uns als Familie. Aber ich erinnere mich noch daran, wie meine Mutter mich und meine Geschwister am ersten Tag in ein extra Zimmer geführt hat, damit wir da als Familie zusammen trauern konnten. Als wir nach diesen ersten drei Monaten wieder allein waren, kam dann die Zeit, in der wir als Familie trauern und uns an ihn erinnern konnten. Wie er war und was wir an ihm vermissen.

Was vermisst du am meisten?

Seine ruhige Art und sein Wissen. Ich hätte mich gerne noch mit ihm ausgetauscht. Ich vermisse aber genauso kleine Sachen, wie zum Beispiel, dass er samstags immer Brötchen gebacken hat, die wir dann als Familie zusammen gegessen haben. Oder dass er nicht mehr dabei ist, wenn wir Weihnachten feiern.

Der Mord an deinem Vater hat damals weltweites Interesse und Anteilnahme ausgelöst, so dass ihr im Fokus der Öffentlichkeit standet. Wie ging es dir damit?

Meine Mutter hat das damals so angenommen, wie es war, aber ich mochte es gar nicht. Für mich war es schwierig, dass eine Zeit lang die Reporter und Kameraleute direkt vor unserer Haustüre standen. Ich habe immer versucht, sie zu ignorieren und einfach weiterzuleben. Nach einiger Zeit wurde mir aber bewusst, welche Chance darin liegt: Dass man dadurch die Botschaft Christi weitergeben kann. Deshalb habe ich auch die Haltung meiner Mutter sehr respektiert, die auf die Medienanfragen eingegangen ist und dadurch Sachen öffentlich sagen konnte.

Deine Mutter hat einen Tag nach dem Tod deines Vaters in einem Interview mit einem Fernsehsender gesagt, dass sie den Tätern vergibt. Hat dich das überrascht?

Nein, mich hat es nicht überrascht. Es hat zwar noch einige Zeit gedauert, bis ich selbst auch vergeben konnte, aber ich dachte schon kurz danach: Doch, ich stimme meiner Mutter zu. Ich möchte den Tätern auch vergeben, denn wer sind wir, dass wir anderen nicht vergeben sollten?

Ich kann mich nicht daran erinnern, dass ich sie jemals gehasst habe.

Du warst damals ein achtjähriges Kind. Hattest du keinen Hass auf die Täter, die dir den Vater genommen haben? 

Ich kann mich nicht daran erinnern, dass ich sie jemals gehasst habe. Ich war nur sehr traurig, dass mein Vater nicht mehr da war. Eine lange Zeit habe ich mich allerdings schon gefragt, nicht, wieso er gestorben ist, sondern: wieso jetzt? Warum es nicht ein paar Jahre später sein konnte, weil ich sehr gerne mehr Zeit mit ihm verbracht hätte, um ihn noch besser kennenzulernen. Mit dieser Frage habe ich am stärksten gerungen.

Hast du Gott in dieser Zeit besonders intensiv erlebt?

In den Anfangsjahren habe ich nichts Besonderes erlebt, aber ich durfte einfach immer wieder zu ihm kommen und diese Ruhe in ihm finden. Das fand ich sehr schön. Ich habe Gott auch lange Zeit darum gebeten, dass ich noch ein letztes Mal meinen Vater sehen dürfte, aber über lange Zeit ist da nichts geschehen. Als ich dann sechzehn Jahre alt war, hatte ich einen Traum, in dem ich tatsächlich meinen Vater noch einmal sehen und Zeit mit ihm verbringen durfte. Es fühlte sich auch nicht wie ein Traum an, sondern eher wie eine echte Begegnung, weil ich ihn sehen, riechen und spüren konnte. An dem Tag ging es mir auch nicht so gut, von daher war es noch einmal ein besonderes Geschenk und ich wusste: Gottes Timing ist besser als mein Timing. So hat Gott für mich seine Treue erneut bewiesen.

Was hat deinen Glauben rückblickend am meisten geprägt?

Ich glaube schon der Tod meines Vaters, weil er und seine beiden Freunde ja auch für ihren Glauben gestorben sind. Er hatte in der Zeit davor ein Lied geschrieben, in dem die Zeile stand: „Du bist es würdig, mein Leben zu nehmen.“ So hatten meine Mutter und wir den Eindruck, dass Gott ihn und die anderen auf diesen Tod schon vorbereitet hat. Durch dieses Lied, in dem steht: „Du bist es würdig, mein Leben zu nehmen“ (der Titel des Liedes heißt „Sevgisin“, übersetzt: „Du bist Liebe“) habe ich mich selbst auch oft gefragt, ob ich auch bereit dafür wäre. Ob ich bereit wäre, mein Leben wortwörtlich aber auch geistlich Gott zu geben? Das hat mich sehr umgetrieben und ich habe immer wieder gesagt: Ja, Herr, ich will, dass du mein Leben prägst und nicht ich. Egal, was kommt, egal, wohin – Gott, du sollst es führen und leiten.

Du studierst inzwischen Theologie. Fühlst du dich berufen, die Arbeit deines Vaters fortzusetzen?

Nein, seine Arbeit haben damals andere Leute gut weitergeführt. Ich kann mir aber schon vorstellen, auch in die Mission zu gehen, bin mir aber noch nicht im Klaren darüber, wie das konkret aussehen wird. Ob es Gemeindegründung ist, Mitarbeit in einer Gemeinde oder etwas ganz anderes. Das möchte ich Gott überlassen.

Der Prozess, bis die Täter schließlich verurteilt wurden, zog sich sehr lange hin. Die Täter wurden erst 2016 – neun Jahre nach der Tat – verurteilt. Wie ging es euch damit?

Unser Wunsch war einfach, dass Gerechtigkeit wiederhergestellt wird. Die Anwälte wollten gerne noch tiefer graben, um auch die Anstifter hinter den Tätern zu verurteilen. Aber der Hauptrichter wurde ständig ausgetauscht, so dass sich der Prozess lange hinzog und die Arbeit sehr schwierig für die Anwälte war.

Aber es ist okay so, wie es jetzt ist, auch wenn nicht alle türkischen Christen mit dem Ausgang des Prozesses zufrieden sind. Am Ende wurden doch nur die fünf konkreten Täter verurteilt. Aber egal, wie viel Gerechtigkeit man hier auf Erden schaffen will, letztendlich wird erst Gott die Gerechtigkeit vollbringen.

Vielen Dank für das Gespräch! 


Das Interview führte Melanie Carstens, Redakteurin von Joyce, für ebendieses Frauenmagazin. Joyce erscheint regelmäßig im SCM Bundes-Verlag, zu dem auch Jesus.de gehört.

 

 

2 DIREKT-KOMMENTARE

  1. Eine junge Frau vergibt

    Eine junge Frau vergibt den Mördern ihres Vaters. Alles was sie sagte, ist ein wunderbares Zeugnis. Das Schwerste am christlichen Glauben ist die (wirkliche !) Vergebung. Mördern und Tätern von Gewalt zu vergeben ist vor allem deswegen schwierig, weil da jede und jeder Betroffene (extrem!) über seinen Schatten springen muss. Die Vergebung und anderem Grundverhalten auch in der Bergpredigt ist zu eigen, dass es sich bisweilen um Zumutungen handelt und diese ein Stück des (anbrechenden) Reiches Gottes in unserem Herzen sind. Zudem sind nicht nur Apelle zu Vergebung, Barmherzigkeit, Sanftmut und erst den Balken aus dem eigenen Auge zu ziehen, wirklich ausreichend: Vielmehr müsste da wirklich der Mut eingebracht werden, auch wirklich zu vergeben. Wirklich heißt dann: Was immer ein Mensch getan hat, ich habe es durchgestrichen und es ist so, als sei es nie geschehen. Das Prinzip dieser Welt ist, bezieht man alle Kreaturen ein (die Tiere führen aber keine Kriege und morden nicht) ein Fressen und Gefressen werden. Die Botschaft Jesu stellt dieses Prinzip in dieser Welt (in diesem Universum) auf den Kopf. Der Erlöser kommt als Friedefürst und unter seiner Herrschaft kann es nur Liebe und Frieden geben. Römische Soldaten warfen ihre Waffen weg, weil das Töten Gottes Willen absolut entgegen steht.
    Ich beantworte also nicht eine Aktion mit einer Reaktion, sondern ich durchbreche das gegenseitige Hauen und Stechen als Kausalitätskette. Jesus hat sich am Kreuz nicht gewehrt, sondern er ist – in frommer Sprache ausgedrückt – wie ein Schaf zur Schlachtbank gegangen. Nun bedeutet dies aber keinesfalls, Christ*innen seien ich-schwache Persönlichkeiten. Das Christentum, als Reform des jüdischen Glaubens begriffen, lebt auch aus der Erfahrung, vom Himmel aus der Unterdrückung durch die Ägypter befreit zu sein. Jenes 77×7 vergeben den Nächsten gegenüber bedeutet aber auch bei vielen kleineren Angelegenheiten, dass es bei der Vergebung von Schuld bei Mitmenschen – oder unserer Schuld vor Gott – keine Sollbruchstelle gibt. Gott vergibt auch uns jeden Tag und er ist daher kein Buchhalter mit dem Ehrgeiz, unsere negativen Ereignisse statistisch zu erfassen und sie im Gericht gegen uns zu verwenden. Denn das Gericht fand bereits am Kreuz von Golgatha statt, als Gott allen Menschen vergeben hat und zu einer Versöhnung mit ihm einlud. Ich denke, dass die Mörder oder Täter anderer Untaten sich mit ihren irdischen Opfern später in Gottes neuer Welt versöhnen. Im übrigen: Was wir einem Menschen vergeben, wird Gott ihm nicht mehr als Schuld zurechnen. Den Todfeinden zu vergeben, so sagt mir mein Verstand, sei widersinnig. Dies widerstrebt fast allen Menschen. Aber es ist die Torheit des Kreuzes, die vor den Augen vieler Menschen auch die Vergebung fast schon zur Geisteskrankheit werden lässt. In meinem Alltag darf ich, Gott sei es gedankt, nur kleine Brötchen backen. Ich habe mir geschworen, über keinem Menschen den Stab zu brechen. Das tut auch Gott nicht

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