Raus aus der Stadt und rein ins Abenteuer – Mit dem Handy im Flugmodus hat Tabea im Kloster nach Ruhe und Einkehr gesucht. Ein Erfahrungsbericht.
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„Frau Gutmann? Wo bleiben Sie denn? Um zwölf Uhr gibt es Mittagessen!“ Ups. Ich bin mal wieder viel zu spät dran. Mit vollgepackter Tasche, das Handy am Ohr, sitze ich im Bus. Seit Tagen freue ich mich darauf, die hektische Stadt zu verlassen, um am Bochumer Stadtrand etwas Ruhe und Stille zu suchen. Zumindest dachte ich das. Wie mir die zunehmend frustrierte Stimme am Telefon jetzt erklärt, liegt das Kloster, in das ich mich eingebucht habe, nicht in Bochum sondern mitten im Westerwald. „Kacke!“ rutscht es mir heraus. „Ich melde mich gleich noch mal“. Schnell steige ich an der nächsten Haltestelle aus. Kurz meine E-Mails gecheckt, Google befragt und tatsächlich: Ich habe mich im Kloster geirrt. Schlappe 100 Kilometer liegen jetzt zwischen mir und der ersehnten Stille. Mit Bus, Bahn und Taxi könnte ich es noch bis 18 Uhr schaffen. Ich buche kurzerhand das Bahnticket und beschließe, das Ganze jetzt als großes Abenteuer zu sehen.

„Schon verrückt so ein Klosterleben“

Mehr als ein spirituelles Konzept

Als ich kurz vor sechs ankomme, ist es stockdunkel. Trotz der langen Anreise bin ich guter Dinge und aktiviere feierlich den Flugmodus meines Handys. Bin dann mal Offline. Fühlt sich ganz gut an. Die Welt dreht sich auch ohne mich weiter.

Imposant heben sich die Mauern des Klosters von der Dunkelheit ab. Ich trete durch einen großen Torbogen und folge der Beschilderung Richtung Haupthaus. In diesem Moment läuten die Glocken der angrenzenden Kirche und ich fühle mich dadurch willkommen geheißen. An der Pforte lerne ich die Stimme vom Telefon kennen, die mich nun freudig aufnimmt und mir mein Zimmer zeigt.

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Der abendliche Gottesdienst ist ein Singsang von lateinischen Psalmengebeten. Ich verstehe kein Wort. Sitze einfach da und höre zu. Meine Gedanken wandern. Schon verrückt so ein Klosterleben. Ob die Mönche wohl ein besonderes Berufungserlebnis hatten, oder eines Tages einfach mit dem Lebenstraum: „Ora et labora – Bete und arbeite“ aufwachten? Ihr gleichmäßiger Sprechgesang hallt von der kunstvoll bemalten Decke wider. Mich überkommt ein Gefühl der Ehrfurcht. Es ist kein beängstigendes Gefühl, eher eine Mischung aus Faszination und Neugierde. Die Männerstimmen sind wunderschön. Sanfte Klänge, die perfekt aufeinander abgestimmt sind. Es erinnert mich an Filmmusik aus einer besonders emotionalen Szene. Tränen rollen mir über die Wangen. Ich weiß nicht warum, aber ich muss plötzlich an die Gebrochenheit dieser Welt denken und an all die verzweifelten Menschen, die in ihrer Not zu Gott rufen. Für sie ist Gott kein spirituelles Konzept, kein Angebot, um wieder zu sich selbst zu finden. Sondern ihre einzige Hoffnung.

Als ich aus der Kirche trete, herrscht sternenklare Nacht. Zuhause in der Stadt sehe ich kaum Sterne. Ich bleibe einen Moment in der Kälte stehen und atme kleine Wölkchen in die Stille. Dann wird es mir zu unheimlich und ich laufe Richtung Haupthaus. „Ach, wie cool“, sage ich laut, als ich den kleinen leeren Raum mit selbstgebrautem Bier entdecke. Hat ja niemand was von Fasten gesagt! – Moment mal, seit wann rede ich laut mit mir selbst? Sind das die ersten Auswirkungen des Klosterlebens? Belustigt entscheide ich mich dann doch für eine Tasse Tee, mit der ich mich in mein Bett kuschele. Es ist 20.30 Uhr und nachdem ich noch zwei Seiten in mein Tagebuch geschrieben habe, fallen mir auch schon die Augen zu.

Foto: Tabea Gutmann

Mich selbst aushalten

Die Mahlzeiten werden in einem kleinen Gästeraum serviert. Meistens steckt einer der Mönche den Kopf herein und plaudert kurz mit uns. Außer mir sind noch drei andere Gäste da. Ich merke, wie schwer es mir als extrovertiertem Mensch fällt, so wenig zu sprechen. Sobald ich mich an den Essenstisch setze, baue ich Verbindung zu den Menschen um mich herum auf. Ehe ich mich versehe, verstreue ich mich wie Konfetti auf meine Mitmenschen. Dabei ist das so ziemlich das Gegenteil von dem, was ich hier tun möchte. Komm doch zur Ruhe meine Seele. Halte dich mal selbst aus und gönne dir diese ungeteilte Zeit.

Einer der Gäste fragt mich irgendwann, wie es denn dazu gekommen sei, dass ich als junge Protestantin in einem katholischen Kloster gelandet bin. Ehrlich gesagt irritiert mich diese Frage kurz. Ich habe gar nicht auf die Denomination geachtet, erkläre ich ihm, sondern einfach einen Ort der Ruhe gesucht. Die äußerliche Form sei mir dabei nicht so wichtig. Ich sei offen für weniger vertraute Farben, Töne und Formen des christlichen Glaubens. Natürlich ist manches trotzdem befremdlich für mich. Kommen wirklich Leute in dieses Kämmerchen und beichten ihre Missetaten? Das stell ich mir komisch vor. Aber ist Beichte nicht auch aus psychologischer Sicht eine gesunde Seelenentlastung? Wo gibt es das bei „uns“? Oder auch das mit dem Weihrauch zum Beispiel. Hat für mich irgendwie etwas Esoterisches. Aber ich stehe auch auf Symbolik. Was symbolisiert Weihrauch noch mal? Mir wird klar, wie wenig ich über die katholische Liturgie weiß und was für eine spannende Welt sich hier auftut. Sie wartet nur darauf von mir entdeckt zu werden. Später will ich bei einem der Mönche mal genauer nachfragen.

„Je weiter ich gehe, umso bewusster werde ich meiner selbst und Gott“

In der Stille geborgen

Einsam fühle ich mich nicht. Ab und zu würde ich gerne ein Foto verschicken oder mir Musik anmachen. Aber dann lass ich es. Das Alleinsein tut mir gut und in der Stille fühle ich mich geborgen. Ich bin mal wieder bei mir selbst zu Hause. Und Gott ist auch da … glaube ich zumindest.

An diesem ersten Vormittag muss ich raus aus dem Denken und rein in die Bewegung. Also ziehe ich Richtung Wald los. Es ist nasskalt. Der dichte Nebel im Wald wirkt mystisch. Ziemlich unheimlich, – aber so ein bisschen Schiss in der Buchse gehört dazu, beschließe ich. Ich laufe tiefer und tiefer hinein und rede laut mit Gott. Komisch ist das. Aber auch super. Irgendwann gehen mir die Worte aus und da fällt es mir zum ersten Mal so richtig auf: Diese Ruhe! Alles, was ich höre, ist das Knirschen meiner Schritte, das Plätschern des Bachlaufs und vereinzeltes Vogelgezwitscher. Je weiter ich gehe, umso bewusster werde ich meiner selbst und Gott. Ich bin allein. Und auch nicht.

Eine Brille liegt auf einer Bibel
Foto: Tabea Gutmann

Stück für Stück

Ab dem zweiten Tag bemerke ich, wie sich etwas zu verändern beginnt in der Interaktion mit den anderen. Schwer zu beschreiben, aber ich nehme mich nicht mehr so stark von außen mit den Augen der Anderen wahr, sondern „schaue“ mehr von innen in die Welt hinaus. Bin präsenter. Voll bei den anderen, aber auch ganz bei mir. Ob das wohl ein Teil des Geheimnisses ist, warum Stille und Ruhe seit Jahrhunderten als geistliche Disziplin gelten? Ziemlich unspektakulär komme ich, Stück für Stück, wieder bei mir selbst an.

Am Nachmittag entdecke ich den kleinen Klosterladen. Eine wahre Schatztruhe für Literaturfans. Hier könnte ich mich verlieren. Es gibt ein ganzes Regal für Themen der Weltpolitik, Gesellschaft und Schöpfungsbewahrung. Ich mag das. Diese wunderbare Weltzugewandtheit an diesem so zurückgezogenen Ort. Wieder begegnet mir in diesem Gedanken ein Stück „heilige Irritation“. Ein scheinbarer Gegensatz, ein Paradoxon, das mich tiefer führt. Das erlebe ich hier auffällig oft: In der Ausrichtung auf Gott kommen mir plötzlich die Nöte der Menschen ins Bewusstsein. Allein im Wald, spüre ich, dass ich nicht allein bin. Im Ankommen bei mir selbst, komme ich irgendwie auch bei Gott an.

„So eine Form der Spiritualität würde ich gerne in meinen Alltag integrieren“

Mein Leben ist kein Kloster

Jeden Tag schlafe ich etwa zehn Stunden und nach dem Mittagessen lege ich mich einfach noch mal hin. Herrlich ist das. Ab und zu frage ich mich: Sollte ich nicht ein besonders spirituelles Erlebnis haben? Irgendeine Erleuchtung oder eine langersehnte Antwort auf meine drängenden Lebensfragen? Ist ja nicht so, als ob es diese Fragen nicht gäbe. Es steht eine Veränderung im Job an und ich frage mich eigentlich ununterbrochen, ob meine Stadt noch die richtige ist und wo um Himmels Willen ich wohl Ende 2020 stehen werde. Aber nein, in mir ist es ruhig. Ich atme ein und aus und bin für diese wenigen Tage im Kloster einfach mal im Frieden mit mir, Gott und der Welt.

Meine Reise endet wie sie begonnen hat: Mit Chaos. Auf dem Heimweg fallen mehrere Züge aus. Ich muss für zwei Stunden in der Kälte warten. Außerplanmäßige Stopps einlegen. Einmal verpass ich einen Umstieg. Einmal steige ich falsch um. Aber zu meiner eigenen Überraschung bleibe ich tiefenentspannt. Wie lange das wohl anhalten wird?

Die bisher eher negativ behaftete „Stille Zeit“ hat mir in diesen Tagen in Form von Rückzug, Ruhe, Meditation und Spazierengehen einen attraktiven Zugang zu Gott und mir selbst gezeigt. So eine Form der Spiritualität würde ich gerne in meinen Alltag integrieren. Eines ist mir nach diesen Tagen auf jeden Fall klar: Mein Leben ist kein Kloster. Der Stille muss bewusst Platz eingeräumt werden. Wie wohl mein Jahr verlaufen würde, wenn ich mir vierteljährlich so ein Wochenende gönnen würde? Eigentlich ein guter Jahresvorsatz für 2020: Stille. Auf der Fahrt zurück in den Alltag bin ich wieder die meiste Zeit am Handy. Aber: Ich lade mir eine Meditations-App runter. Irgendwo muss man ja anfangen.

Tabea Gutmann verteilt sich gerne wie Konfetti auf ihre Mitmenschen und muss sich deshalb Auszeiten gönnen, um sich wieder zu sammeln.


Dieser Artikel ist zuerst in der Zeitschrift DRAN erschienen, die wie Jesus.de zum SCM Bundes-Verlag gehört.

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