Bild: photocase by REHvolution
„Ermahnt einander“ – diesen Ratschlag finden wir in der Bibel häufiger. Aber darf man das wirklich – dem anderen einfach so ins Leben reinquatschen? Und wie stellt man das möglichst behutsam an? teensmag-Autorin Verena Flaig ist der Sache auf den Grund gegangen.

Kennst du das? Du machst dir große Sorgen um einen Freund, eine Freundin oder ein Familienmitglied. Weil er/sie dir etwas erzählt hat oder du Dinge beobachtest, die du schwierig oder bedenklich findest. Keine leichte Situation. Gerade, wenn ein Mensch dir sehr am Herzen liegt, ist es ganz verständlich, dass du dir solche Gedanken machst. Das macht ja eine gute Freundschaft aus. Doch was tut man, wenn man das Gefühl hat, dass beim anderen etwas gewaltig schiefäuft? Die Antwort liegt nahe: Mit der Person reden. Auch in der Bibel steht ganz oft geschrieben, dass wir uns gegenseitig ermahnen sollen. Zwar klingt das alte Wort „ermahnen“ nicht sehr liebevoll, aber der Grundgedanke stimmt: Manchmal ist man wirklich blind für die Probleme im eigenen Leben und kann die Perspektive von außen gut gebrauchen – wenn sie sorgsam kommuniziert wird. Mir sind schon viele Christen begegnet, die die Worte „Ermahnt einander“ als einen Freibrief verstehen, anderen Menschen jederzeit ungefragt die eigene Meinung um die Ohren zu hauen und sie für ihr Handeln zu rügen. Da passiert es leicht, dass man sich wie ein Elefant im Porzellanladen bewegt, Grenzen überschreitet und am Ende mehr kaputt macht als heile. Also doch besser gar nichts sagen?

Weise, kluge Fragen

Beim Nachdenken über diesen Artikel habe ich gemerkt: Es gibt ein paar Leute in meinem Leben, die mir kritische Nachfragen zu einzelnen Lebensbereichen stellen dürfen – bei denen bin ich darüber sogar sehr froh und lege viel Wert auf ihre Meinung. Andere dürfen das aber überhaupt nicht! Und das liegt nicht etwa daran, dass die einen mir nur bequeme Dinge sagen und die anderen nur Dinge, die ich nicht hören will. Nein – es liegt an der Art und Weise, wie man mit mir spricht. Die Frage ist also: Was machen meine „Lieblings-Ermahner“ richtig? Erstens: Sie sagen kluge, gut überlegte Dinge. Wenn ich den Eindruck habe, dass es berechtigt ist, was jemand mir sagt, dann höre ich auch zu. Ganz nach dem Motto: Interessante Perspektive – darauf bin ich selbst gar nicht gekommen.

Das Zweite ist aber fast noch wichtiger: Dass man behutsam und respektvoll mit mir umgeht. Denn niemand lässt sich gerne etwas sagen, wenn er das Gefühl hat, die andere Person tritt überlegen, besserwisserisch oder dominant auf und lässt einem keinen Ausweg, die Dinge anders zu sehen oder anders zu entscheiden. Und eigentlich gehört beides zusammen – klug sein und behutsam sein. Wirkliche Weisheit ist letztlich eine Frage der inneren Haltung: Sie braucht Demut (also das Wissen, dass die eigene Perspektive Grenzen hat) und den Respekt, dass der andere seine eigenen Entscheidungen treffen darf und sich erst mal dafür auch vor niemandem als sich selbst und Gott rechtfertigen muss. Das heißt nicht, dass man keine kritischen Fragen stellen darf. Aber es heißt, dass man im selben Atemzug auch immer sagt: Letztlich bist du derjenige, der die Entscheidung treffen muss.

Der dritte Punkt: Stelle Fragen statt Antworten zu geben! Um Probleme im eigenen Leben innerlich und äußerlich in Angriff zu nehmen, braucht man keine Antworten, die von außen auf einen einprasseln, sondern man braucht Fragen, die man mit sich herum tragen kann und von denen man sich auch bewegen lassen kann, etwas im eigenen Leben zu verändern. Dann, wenn man bereit dazu ist. Mit den eigenen Antworten, die man auf diese Fragen gefunden hat.

Zeit geben

Wenn man einen Menschen auf blinde Flecken im Leben hinweist, passiert es oft, dass er dann verletzt und gekränkt reagiert – egal, wie liebevoll man vorgegangen ist. Ist ja auch klar, würde dir vermutlich auch so gehen, oder? Deswegen ist es gut, dem Herzensmenschen noch mal ganz deutlich zu sagen, dass er dir keine Rechenschaft schuldig ist, dass du von ihm keine (schnelle) Antwort erwartest und dass er letztlich selbst entscheiden muss, wie er mit dieser Sache umgeht. Kritik zu hören und zu verdauen braucht immer Zeit. Es dauert, bis man dem anderen wieder auf Augenhöhe begegnen kann. Sei also nicht verletzt, wenn der andere sich zunächst von dir zurückzieht. Frag dich lieber vorher: Ist mein Anliegen so wichtig, dass ich es riskiere, den anderen vor den Kopf zu stoßen? Dann hau raus. Aber liebevoll, weise und klug.


Der Artikel ist zuerst in der Zeitschrift teensmag erschienen, die wie jesus.de zum SCM Bundes-Verlag gehört.

1 DIREKT-KOMMENTAR

  1. Ein schöner Beitrag. Ich kann vielen Gedanken zustimmen.

    >>Das Zweite ist aber fast noch wichtiger: Dass man behutsam und respektvoll<< mit einander umgeht.

    In der Regel pflege ich zu fragen: Möchtest du darüber sprechen? Und: Möchtest du meine Meinung hören?
    Und dann behutsam mich in die Lage des anderen zu versetzen und zwischendurch nachzufragen, wie sich dabei der andere fühlt und dann auch dem anderen Zeit lassen, sich eigene Gedanken zu machen mit den Impulsen, die man mitgeteilt hat. Schließlich möchte man, daß der andere Situationen die ihn betreffen überdenkt. Der andere ist ein anderer als man selbst. Man kann durch Anwesenheit und vertrauensvolle Anteilnahme Kraft geben und eine Hilfe sein.

Comments are closed.