„Eine Kirche, die solcher Gewalt nicht wehrt, ist keine Kirche mehr“, sagt Bischöfin Fehrs und ruft die Protestanten dazu auf, bei Missbrauchsfällen genau hinzuschauen. Zwei Studien und eine zentrale Anlaufstelle für Betroffene sind geplant.

Die Evangelische Kirche in Deutschland (EKD) zieht Konsequenzen aus Fällen sexueller Gewalt in den eigenen Reihen. Mit einem Elf-Punkte-Plan will sie unter anderem sicherstellen, dass die Betroffenen gehört und Strukturen verändert werden, die Machtmissbrauch begünstigen. Die dafür nötige Aufarbeitung werde einige Zeit in Anspruch nehmen, sagte die Hamburger Bischöfin Kirsten Fehrs am Dienstag am Rande der Beratungen der EKD-Synodentagung in Würzburg. Bislang sind der Kirche 479 Missbrauchsfälle bekannt. Viele ereigneten sich laut einer Umfrage in den Landeskirchen bereits zwischen den Jahren 1950 und 1970.

Zunächst sollen die Landeskirchen in mehreren regionalen Studien die Missbrauchsfälle aufarbeiten. Im zweiten Schritt will die EKD zwei unabhängige wissenschaftliche Studien anstoßen. Eine soll aufdecken, wie groß die Dunkelziffer der nicht bekannten Missbrauchsfälle in der Kirche ist. Eine weitere soll in einer Art Meta-Studie die Ergebnisse der regionalen Studien auswerten und spezielle Risikofaktoren in der evangelischen Kirche aufzeigen. Im Januar 2019 will sich der „Beauftragtenrat zum Schutz vor sexualisierter Gewalt“ der EKD mit unabhängigen Wissenschaftlern treffen und die Studienvorhaben besprechen. Betroffenen-Vertreter würdigten die Vorhaben als „klares Bekenntnis zur eigenen Verantwortung“, wie es in einer Mitteilung des Betroffenenrates in Berlin hieß.

Betroffene können sich melden

Fehrs legte als Sprecherin des EKD-Beauftragtenrates der Synode den Elf-Punkte-Plan vor. An erster Stelle in dem Plan kommt die Beteiligung der Betroffenen. Fehrs rief sie am Dienstag dazu auf, sich zu melden und ihre Geschichten zu Gehör zu bringen. Auch der Ratsvorsitzende der EKD, Heinrich Bedford-Strohm, hatte Missbrauchsopfer aufgefordert, sich zu melden, „so dass wir handeln können“. Die evangelische Kirche will zudem eine zentrale Anlaufstelle für Betroffene einrichten.

In einer eindringlichen Rede forderte Fehrs Kirchenleitende dazu auf, sich auch emotional der Schuld der ganzen Institution Kirche beim Missbrauch zu stellen. „Eine Kirche, die solcher Gewalt nicht wehrt, ist keine Kirche mehr“, sagte sie. Bei sexualisierter Gewalt in der evangelischen Kirche werde trotz der Einzigartigkeit jedes Falles ein „evangelisches Muster“ erkennbar. Sie verwies auf Machtstrukturen, eine falsch verstandene Reformpädagogik ab den 70er Jahren und eine unscharfe Trennung von dienstlichen und privaten Verhältnissen.

2 DIREKT-KOMMENTARE

  1. Es wird auch Zeit! Warum musste erst so Druck aufgebaut werden damit dieser Schritt getan wird?
    Und warum kommen diese Studien nicht früher? Warum musste die Katholische Kirche vormachen wie so etwas geht? Wollte man Abwarten das noch mehr Opfer tot sind bevor sie gehört werden?

    Denn besonders wichtig kann das Thema für die evangelische Kirche nicht sein, denn sonst hätte sie nicht so lange gewartet.

  2. SEXUELLER MISSBRAUCH – UNSERE KIRCHEN SIND EIN SPIEGELBILD DER GESELLSCHAFT

    Es ist gut, dass der sexuelle Missbrauch von beiden Kirchen jetzt aufgearbeitet wird. Die Frage nach den Ursachen und Mißbrauch verursachenden Strukturen ist sehr sinnvoll. Was nottut ist neben der Wiedergutmachung – soweit dies überhaupt wiedergutmachbar ist – eine tiefe Scham sowie eine Rückbesinnung auf ein jesusgemäßes Evangelium. Leider sind die Kirchen und Gemeinschaften von uns Christen ein Spiegelbild der Gesellschaft. Grenzüberschreitungen, Mißbrauch und Gewalt sind leider gerade in den sozial nahen Beziehungen wie beispielsweise in Familien und unter Menschen, die sich gut kennen, am ehesten gegeben. Der allgemein in der Gesellschaft verbreitete Sexismus macht den sexuellen Mißbrauch nicht weniger schlimm, er trägt aber bei bestimmten Menschen nicht zu einer positiven Integration ihrer Sexualität in die eigene Persönlichkeit bei und er dürfte auch eine Mitursache sein. Desillusionierend ist – aber leider auch eine (biblische) Wahrheit – dass auch in uns bewussten Christen der gleiche Abgrund lauert. So wie man an jeder Treppe mit mehr als drei Stufen ein Geländer braucht, so sind auch im sozialen Umgang mit allen und vorallem jungen Menschen Regeln als solche Geländer nötig, die man mit der Überschrift „ACHTSAMKEIT“ zusammenfassen könnte. Ein richtiges Maß von Nähe und Distanz insbesondere gegenüber Schutzbefohlenden ist genauso wichtig wie privates und dienstliches nicht miteinander zu vermischen – etwa eine Liebesbeziehung eines Lehrers mit einer Schülerin. Bei all dem muss aber unbedingt bedacht werden, dass sexueller Mißbrauch sehr wenig mit Sexualität und fast nur mit Gewalt zu tun hat – am ehesten noch eine totale Pervertiertheit von Sexualität darstellt. Jesus sagt: „Alles was ihr einem meiner geringsten Schwestern und Brüder getan habt, das habt ihr auch mir getan“!

    Für sehr notwendig halte ich es, dass die betroffenen Kirchen und Gemeinschaften nicht nur Wiedergutmachung leisten, vorher sehr um Vergebung bitten, sondern auch gute therapeutische Hilfe vermitteln. Achtsamkeit ist eine spezielle Unterart tätiger Nächstenliebe und das Einfühlungsvermögen in das große Trauma von Menschen, die oft an ihrer Seele sehr geschädigt wurden. Ich kann gut nachvollziehen, dass wir Menschen für immer in unserer Kirche verloren haben, weil ihnen zum Beispiel in einem Ev. Kinderheim vor längerer Zeit großes Unrecht angetan wurde. Niemand kann aber tiefer fallen als in die geöffnete Hand Gottes.

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