Die Geschichten von Menschen, deren Glaube trotz christlicher Kindheit keinen Bestand hatte, sind sehr lehrreich. Sie zeigen uns, wie wichtig es ist, auf welche Weise wir mit Kindern über Gott reden. Doch wie kann sich aus dem Glauben im Kindergartenalter ein tragfähiger, starker und reifer Glaube entwickeln?

Von Melanie Schüer

Im Buch „Warum ich nicht mehr glaube“ wird dargestellt, aus welchen Motiven junge Menschen heutzutage ihren Glauben aufgeben: Da wird berichtet von Claudia, die sich durch die Regeln ihrer Gemeinde zunehmend eingeengt fühlte. Nicolo war ein leidenschaftlicher Christ, bis er in Kontakt mit Thesen von Richard Dawkins kam und zunehmend den Eindruck erhielt, dass diese ihn mehr überzeugten als die Argumente seines christlichen Glaubens. Ein weiteres Motiv, warum junge Menschen ihren Glauben verlieren, ist die Enttäuschung von Gott durch Erfahrungen, in denen Gott als abwesend erlebt wurde, und die dazu führten, dass das als Kind gehegte Bild eines schützenden, fürsorglichen Gottes nicht zu den realen Erlebnissen passte.
Wie also können wir mit Kindern ehrlich über Gott reden, um eine starke, belastungsfähige Basis zu legen?

Vorsicht vor leeren Versprechungen!

„Wir müssen uns nicht fürchten, denn Gott passt auf uns auf“ oder „Gott beschützt uns“ – wie schnell gehen uns Erwachsenen Sätze wie diese über die Lippen. Doch früher oder später erfahren Kinder, dass auch Christen Unfälle haben oder an schweren Krankheiten sterben.
Heißt das, dass wir Gott nicht um Schutz bitten dürfen? Doch, natürlich. Aber auch kleine Kinder können schon verstehen, dass Gott kein Wunschautomat ist. Auch jüngeren Kindern kann man vermitteln, dass Gott immer bei uns ist, aber trotzdem manchmal Schlimmes geschieht. Und dass nicht jedes Gebet so erhört wird, wie wir es uns wünschen.
Eine alternative, kindgerechte Formulierung könnte sein: „Manchmal ist das Leben schwierig, zum Beispiel, wenn man krank ist oder etwas anderes Schlimmes geschehen ist. So etwas erleben alle Menschen, auch Christen. Doch mit Gott an unserer Seite sind wir nie allein. Er gibt uns Kraft und hilft uns, schwere Zeiten zu überstehen.“

Wir sind alle verschieden

Warum fahren wir eigentlich zehn Kilometer zur nächsten Freikirche und gehen nicht in die Kirche im Ort? Wieso kommt Laras Familie nicht mehr zum Gottesdienst? Auch schon die Kleinen werden damit konfrontiert, dass es eine große Vielfalt an Gemeindeformen, Ansichten, Meinungen und Glaubensrichtungen gibt. Neben ganz praktischen Fragen, gibt es unzählige theologische Themen, zu denen es unterschiedliche Ansichten gibt. Die einen sind konservativ, die anderen liberal, manche irgendwo mittendrin.
Diese Unterschiedlichkeiten hängen eng mit unserer Prägung und unserem Bibelverständnis zusammen. Und damit, dass wir Menschen nun mal mit ganz unterschiedlichen Charakteren von Gott geschaffen sind: Die einen lieben das Gewohnte, mögen es ruhig und gehen lieber auf Nummer Sicher, andere brauchen ständig Veränderung, sie sind kritisch und möchten am liebsten jedes Thema zunächst selbst erlebt und „fassbar“ durchdacht haben, bevor sie glauben können.

Kinderglaube

Viele Meinungsverschiedenheiten können jüngere Kinder noch nicht verstehen, da sie noch nicht so differenziert denken können – ihr Denken ist noch sehr Schwarz-Weiß; die allermeisten Unterschiedlichkeiten können wir (noch) nicht mit ihnen durchdenken. Auch müssen wir kein Problem schaffen, das es für Kinder gar nicht gibt: Sprich, wir müssen nicht von uns aus beispielsweise auf Unterschiede in den Gemeindeformen hinweisen. Aber auch schon die Kleinen entwickeln durchaus ein Gefühl dafür, wie man fair mit anders denkenden Menschen umgeht. Denn auch die Glaubenspraxis will ehrlich gelebt und glaubwürdig vermittelt werden: „Wir Menschen sind eine ganz schön bunte Truppe. Wir alle sind ganz unterschiedlich von Gott geschaffen: es gibt Mädchen und Jungen – Frauen und Männer, jeder sieht anders aus, wir fnden unterschiedliche Dinge schön oder mögen etwas gar nicht, und manchmal sind wir auch nicht derselben Meinung. Dann streiten wir uns auch schon mal. Oder wir fnden, dass jemand komisch ist. Aber Gott liebt uns alle und hat uns eben ganz besonders gemacht. Er weiß, dass jeder anders ist. Darüber dürfen wir uns freuen. Gott weiß auch, dass es manchmal gar nicht so einfach ist, gut miteinander umzugehen. Aber wir können üben, uns gegenseitig zuzuhören, freundlich miteinander zu reden und uns wieder zu vertragen, nachdem wir uns gestritten haben.“

Ich weiß, dass ich nichts weiß

Als Erwachsene meinen wir oft, Kindern auf alle Fragen eine Antwort geben zu müssen. Dabei ist es viel authentischer, auch mal zu sagen „Das weiß ich nicht“ oder „Das habe ich selbst noch nicht so ganz verstanden“.
Viele junge Menschen, die ihren Glauben aufgeben, begründen dies mit der Frage nach dem Leid in der Welt. Die Antworten, die Christen ihnen darauf gegeben haben, erscheinen ihnen billig und decken sich nicht mit ihren eigenen Erfahrungen: Leid als natürliche Folge von Sünde? Leid als notwendiger Teil von Gottes gutem Plan, weil aus allem Schlechten immer etwas Gutes entsteht? Leid als Chance, etwas Wichtiges zu lernen?
Das können Antworten sein, die Menschen selbst – oft im Rückblick – auf persönliche Leiderfahrungen fnden. Doch es gibt viel Leid auf der Welt, das sich mit diesen Antworten nicht befriedigend erklären lässt. Es gibt Leid, das wir nicht erklären können. Leid, auf das wir nur mit Klagen antworten können. Und das dürfen wir auch Kindern vermitteln: „Ich weiß nicht, warum so etwas passiert. Manchmal entsteht aus Schlechtem später etwas sehr Gutes. Doch manchmal verstehen wir auch einfach nicht, warum etwas geschieht. Dann sind wir wütend und traurig und verstehen Gott nicht mehr. Und weißt du was? Das können wir Gott genau so sagen! Wir müssen beim Beten nicht immer fröhlich und dankbar sein. Wenn es uns schlecht geht, dann dürfen wir auf den Boden stampfen oder in ein Kissen schlagen und all unsere Fragen und Wut zu Gott schreien. Das ist okay für ihn.“

Fokus auf das Wesentliche

Bei all dem gilt es natürlich, die Erklärungen dem Entwicklungsstand der Kinder anzupassen. Für Kinder zwischen drei und sechs Jahren bedeutet das: kurze, einfache Sätze. Keine unnötigen Details. Nicht zu viele Fremdwörter oder exotische Namen.
Und: Es gilt, abzuwägen, welche Glaubensinhalte und Bibelgeschichten Kinder dieser Altersgruppe weiterbringen. Zum Beispiel die Geschichten des Alten Testamentes, in denen Gott ganze Völker vernichtet, sind (noch) nicht hilfreich. Oder an Abraham, der beinahe seinen eigenen Sohn geopfert hätte. Ältere Kinder können sich mit diesen Inhalten vor dem Hintergrund auseinandersetzen: „Nicht immer erleben wir Menschen Gott als liebevoll und barmherzig. Oft verstehen wir Gott auch nicht.“

Wir sollten Kindern Vertrauen vermitteln – Vertrauen in einen Gott, der nicht immer zu verstehen und doch stets liebevoll aun unserer Seite ist.

Doch ein solch differenziertes Gottesbild stellt für Vorschul- und meist auch noch für Grundschulkinder eine Überforderung dar. Ihr Denken ist noch schwarz-weiß: Ist Gott nun liebevoll oder zornig und brutal? Wenn ich also eine Bibelgeschichte auswähle, sollte es mir nicht um Bibelkenntnis gehen – sondern um die Frage, welche Geschichte die Kinder in ihrem Gottvertrauen unterstützt, sie ermutigt und stärkt. Die biblischen Geschichten sind Teil eines großen „Geschichten-Schatzes“ oder Teile eines Puzzles, in denen sich Gott für die Drei- bis Sechsjährigen vor allem als liebender Vater und treuer Freund vorstellt.
Folgendes Zitat eignet sich gut, um die genannten Überlegungen abzuschließen: „Es geht also beim Glauben nicht im Kern um das Für-wahr-Halten bestimmter Aussagen oder um den Besitz des richtigen Bildes von der Welt, sondern um das Vertrauen zu einem Jemand, zu einer Person“ (aus: „Warum ich nicht mehr glaube“).
Wenn wir mit Kindern über Gott reden, sollten wir nicht in erster Linie unser eigenes Gottesbild weitergeben. Sondern wir sollten Kindern Vertrauen vermitteln – Vertrauen in einen Gott, der nicht immer zu verstehen und doch stets liebevoll an unserer Seite ist.

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