Faszination Mega-Gemeinde: Willow-Creek-Kongress soll für kirchliche Leitungsaufgaben fitmachen

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Michael Herbst (Foto: Institut zur Erforschung von Evangelisation und Gemeindeentwicklung, Greifswald)
Eine Kirchengemeinde, die jede Woche 23.000 Besucher zählt, ist selbst in den USA eine Ausnahmeerscheinung. Die Willow-Creek-Gemeinde in der Nähe von Chicago gehört zur Gruppe dieser sogenannten Mega-Churches. Von Donnerstag (28. Januar) an werden ihre Vertreter in Karlsruhe mit Unterstützung des badischen evangelischen Landesbischofs Ulrich Fischer und einem internationalen Expertenteam einen dreitägigen Kongress zu Leitungsfragen abhalten – über 8.300 Menschen aus dem deutschsprachigen Europa haben sich dazu angemeldet.
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Zu den Referenten gehört etwa Management-Guru Fredmund Malik aus Sankt Gallen, dessen Botschaften eine ganze Generation von Führungskräften der Wirtschaft geprägt haben. Malik ist zwar kein ausgewiesener Kirchenmann, vertritt aber die These, dass sich Führung lernen lässt. Seine Expertise solle für die Weiterbildung kirchlicher Leiter genutzt werden, sagte der Journalist und freikirchliche Pastor Ulrich Eggers (Cuxhaven), Vorsitzender des deutschen Willow-Creek-Vereins, dem epd.

Die frühere Vorstandsvorsitzende von Hewlett-Packard, Carly Fiorina, stand ebenfalls auf dem Programm. Sie musste allerdings wegen ihrer Krebserkrankung absagen. Fiorina hatte vor drei Jahren ein persönliches Erweckungserlebnis in der Begegnung mit Pastor Bill Hybels, dem Gründer der Willow-Creek-Gemeinde. Sie ist nicht die einzige, aber eine der bekanntesten.

Hybels startete seine Gemeinde hemdsärmelig und ohne abgeschlossene theologische Ausbildung in einem Kino. Daraus wuchs in dreißig Jahren eine der größten Kirchengemeinden der Welt. Zu den Kennzeichen der Gemeinde gehören mitreißende Predigten und ein professionelles Begleitprogramm mit moderner Musik, aufwühlenden Theaterszenen und prominenten Interviewgästen.

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Hybels, der ebenfalls in Karlsruhe sprechen wird, gewann national wie international an Einfluss. Die demokratischen Ex-Präsidenten Jimmy Carter und Bill Clinton sprachen bei Willow-Creek-Leiterkongressen. Ziel von Willow Creek ist es nach eigenen Worten, «unreligiöse Menschen in völlig hingegebene Nachfolger von Jesus Christus zu verwandeln».

Das spreche auch in Deutschland viele Christen an, denen das kirchliche Leben zu müde, zu unverbindlich, zu kraftlos erscheint, sagt der deutsche Vereinsvorsitzende Eggers. Bei den Kongressen hielten sich Teilnehmer aus Landeskirchen und aus Freikirchen die Waage.

„Kapieren, nicht kopieren“

Seit 1996 hat es in Deutschland 23 Willow-Creek-Kongresse gegeben, an denen insgesamt fast 100.000 Menschen teilgenommen haben. Der badische Landesbischof Fischer ist ein Fan der innovativen Gemeindearbeit in den USA, er hat die Mega-Church bei Chicago schon selbst besucht. Seine Landeskirche habe mit den Impulsen aus Willow Creek gute Erfahrungen gemacht, sagt er.

Fischer ist jedoch kein unkritischer Anhänger amerikanischer Methoden. «Kapieren, nicht kopieren!» lautet seine Devise – eine Devise, die er freilich von den Amerikanern übernommen hat. Denn die geben auf ihren Kongressen trotz eines unverkennbaren Sendungsbewusstseins eher demütige Parolen aus.

Wichtiger als die perfekte Kirchenmusik oder eine die Menschen aufrüttelnde Theatergruppe sei die Leidenschaft von Mitgliedern und Leitenden einer Kirchengemeinde. Leidenschaftliche Liebe für «entkirchlichte» Menschen sei der Schlüssel für eine gelingende Gemeindearbeit.

Der Kongress in Karlsruhe soll nicht der Selbstbeweihräucherung dienen. Der evangelische Theologieprofessor und Gemeindewachstumsexperte Michael Herbst von der Universität Greifswald will beispielsweise auch über Fehler sprechen, die bei der Anwendung von Willow-Prinzipien in deutschen Landeskirchen gemacht wurden. Für die Freikirchen greift dieses Thema Peter Strauch, ehemaliger Präses des Bundes freier evangelischer Gemeinden, auf.

Auch die soziale Verantwortung von Christen stellt der Kongress heraus. Den haben die Willow-Creek-Leute zwar erst nach und nach entdeckt, dafür legen sie sich heute umso stärker für Alleinerziehende, Obdachlose und Prostituierte in Chicago sowie für internationale Entwicklungsprojekte ins Zeug. Die Gründerin der ersten Internetseite für Kleinstkredite (kiva.org), Jessica Jackley, soll per Videobotschaft in Karlsruhe gerade junge Teilnehmer ermutigen, dass sie mit ihren Ideen diese Welt besser machen können.