Kirchensteuer / epd-bild / Christian Ohde
Der Gedanke, für den Menschen da zu sein, ist verloren gegangen. Das empfindet ein Pfarrer in einem Artikel der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung, der untersucht, warum so wenig Kirchensteuer in den Gemeinden ankommt.

Die Evangelische und Katholische Kirche in Deutschland können sich über Einnahmen durch die Kirchensteuer nicht beklagen. Die Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung (FAS) rechnet das in ihrer aktuellen Ausgabe vor: Zuletzt haben die beiden Kirchen zusammen 11,5 Milliarden Euro eingenommen, die gute Konjunkturlage gleiche sinkende Mitgliederzahlen aus. Davon komme aber wenig in den Gemeinden an. Bei den Katholiken haben demnach zum Beispiel immer weniger Gemeinden einen eigenen Priester. Auch bei den Protestanten blieben Pfarrstellen jahrelang unbesetzt und Gemeinden schlössen sich in Verbünden zusammen.

Ein weiteres Indiz dafür, dass die Kirchensteuer nicht in den Gemeinden ankommt, sieht der Artikel in den zurückgefahrenen Service-Leistungen der Kirchen. Es sei etwa nur noch selten Zeit, Neuzugezogene in der Gemeinde zur Begrüßung zu besuchen. Telefonisch seien Pfarrämter teils schwierig zu erreichen, für die Beisetzung einen Pfarrer zu finden, könne mancherorts ein Problem darstellen. Auch Sammeltaufen aus Gründen der Effizienz seien ein klares Indiz für das Versickern der Kirchensteuer jenseits der Gemeinden.

„Eine fatale Entwicklung“

„Wir müssen ein Stück weit Dienstleister sein“, sagt Pfarrer Karl-Friedrich Wackerbarth von der Kirchengemeinde in Prien am Chiemsee im FAS-Artikel. „Wo bleibt die Kirchensteuer?“. Der Gedanke, für die Menschen da zu sein, sei völlig verloren gegangen. Die Kirchengemeinden seien aus dem Blickfeld der Kirchenoberen geraten. Der Artikel sieht ein Problem in den vielen unterschiedlichen Arbeitsbereichen und Doppelstrukturen der Landeskirchen und bei der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD), die den Gemeinden ihren Anteil von der Kirchensteuer streitig machen. Es sei eine fatale Entwicklung. Zumal die Belange der Kirchengemeinden in den Kirchenparlamenten personell nur wenig repräsentiert seien.

Der Artikel zitiert eine soziologische Studie, wonach die Wahrscheinlichkeit eines Kirchenaustritts gegen Null tendiert, wenn ein Kirchenmitglied den Pfarrer auch nur namentlich kennt oder ihn einmal bereits in der Ferne gesehen hat. Demnach solle es im Interesse der Kirche liegen, die Präsenz in den Gemeinden zu stärken. Zumal die kirchlich noch stark gebundene Generation der Baby-Boomer nun das Ruhestandsalter erreiche und so den Kirchen ein weiterer Mitgliederschwund in der kommenden Generation drohe.