Frauke und Tobias Teichen haben zusammen das ICF München gegründet, sind seit zwanzig Jahren verheiratet und kennen sich somit aus mit Beziehungsstress und Streit in der Ehe. In ihrem gemeinsamen Buch „BÄM“ ermutigen sie dazu, Gott in die Konflikte des Alltags zu zweit einzuladen.

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Ein Interview von Debora Kuder

Wie seid Ihr darauf gekommen, ein Buch über Konflikte zu schreiben?
Tobias: Am Anfang unserer Beziehung sind wir Konflikte einfach so angegangen, wie wir es konnten. Unterwegs haben wir gemerkt, dass es das zentralste Thema überhaupt in einer Beziehung ist: Entweder kann ich Konflikte konstruktiv lösen oder es wird ein Dauerfrust, bei dem sich Dinge anstauen und es langfristig immer schlimmer wird, bis man sich irgendwann trennt. Gleichzeitig ist die Konfliktfähigkeit in unserem Land allgemein gesprochen nicht die Ausgeprägteste, und das merken wir auch bei uns in der Kirche. Deswegen machen wir einmal im Jahr eine Serie zum Thema Beziehungen, Beziehungsfähigkeit, Konflikt. Aus dieser Mischung ist die Idee zum Buch entstanden.
Frauke: Ich war schon immer eine sehr konfliktfreudige Person und habe mich gern auseinandergesetzt – mit meinen Eltern, mit Freundinnen oder auch mit mir selbst. Irgendwann habe ich gemerkt, dass das nicht allen so geht und dass die meisten eher Angst davor haben. Für mich ist ein Konflikt aber wie ein Gewitter, das die Luft reinigt: Wenn man den Konflikt gut geklärt hat, ist man hinterher in der Regel enger zusammen als vorher.

Über welchen Konflikt könnt ihr inzwischen lachen?
Frauke: Ich hatte früher sehr genaue Vorstellungen darüber, wie es zu Hause zu laufen hat: Wie die Spülmaschine eingeräumt wird, welches Geschirr man zum Frühstücken und welches man fürs Kaffeetrinken benutzt. Manche Verhaltensweisen von Tobi dagegen haben mich früher zur Weißglut gebracht. Darüber kann ich mittlerweile schmunzeln.
Tobias: Ich würde auch sagen, die Unterschiedlichkeit. Am Anfang der Beziehung dachte man: So, wie ich die Beziehung sehe, ist sie auch. Da hat man den anderen aufgrund des eigenen Geschlechts, der eigenen Perspektive oder der eigenen Persönlichkeit interpretiert und es kam zu vielen Streits und Missverständnissen. Das sehen wir inzwischen schon mit Humor.

„Uns ist es wichtig, nicht bei einem Konflikttyp stehenzubleiben, weil wir glauben, dass man sich durch Jesus in allen Bereichen verändern kann.“

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Eure Unterschiede kommen im Buch immer wieder vor, genauso wie eure unterschiedlichen Konflikttypen. Habt ihr euch über die Jahre aneinander angeglichen, oder euch besser mit der Andersartigkeit des anderen arrangiert?
Tobias: Es ist ein Reifungsprozess, sich aneinander weiterzuentwickeln. Wir haben uns verschiedene Verhaltensweisen antrainiert und viel voneinander gelernt. Deswegen kann man jetzt auch nicht mehr so klar sagen: Du bist so und ich bin so. Aber uns ist es wichtig, nicht bei einem Konflikttyp stehenzubleiben, weil wir glauben, dass man sich durch Jesus in allen Bereichen verändern kann. Man kann auch in Bezug auf Konfliktverhalten seine Technik weiterentwickeln – ähnlich wie beim Lernen einer Sportart.

In eurem Buch schreibt ihr davon, Gott in den Konflikt einzuladen. Erzählt mal ein bisschen was dazu.
Tobias: Wir haben die besten Erfahrungen damit gemacht, im Konflikt aktiv innerlich ins Gebet einzusteigen und die eigenen Emotionen im Gespräch mit Jesus herauszulassen. Manchmal hilft es auch, eine Pause zu machen, wenn man merkt, dass jeder gerade in seinem komischen Muster drin ist und man sich gerade festfräst. In einer längeren Beziehung kennt man ja seine Baustellen und merkt: Wenn wir jetzt weitermachen, ist es gar nicht konstruktiv, sondern wird nur noch schlimmer.
Frauke: Zerstörerisch.
Tobias: Unterbewusst schreien wir ja beide nach Liebe und wollen miteinander, sonst müssten wir uns ja nicht streiten. Da hilft es, mal auf die Pausetaste zu drücken und eine halbe Stunde zu machen, was für jeden gut ist, dabei aber in diesen inneren Dialog mit Jesus einzutreten und zu fragen: Jesus, was ist dir jetzt wichtig? Da kommt oft eine leise Stimme – ein Impuls, der oft ganz anders ist als das, was ich selbst denken würde.
Frauke: Für mich ist das beim Trauversprechen lebendig geworden: „Ja, mit Gottes Hilfe.“ Nimmt man Gott mit hinein, ist es viel leichter, schneller den ersten Schritt zu machen. Am Anfang habe ich oft gedacht: „Warum muss ich jetzt wieder die erste sein, die angekrochen kommt und sich entschuldigt?“ Aber letztendlich ist es ein Geschenk, aufeinander zuzugehen und sich wieder zu versöhnen.
Tobias: Wichtig ist, sich dann auch wirklich zu vergeben und es nicht mehr mit sich mitzuschleppen. Sonst diskutiert man nämlich beim nächsten Konflikt über die letzten zehn und dann wird es echt schwierig.

„Es bleibt, dass der Partner dich nie ganz erfüllen wird.“

Schafft ihr es denn wirklich, die Konflikte immer gleich auszuräumen, wenn sie entstehen? Es gibt ja Konflikte, die über die Jahre immer wieder hochkommen …
Tobias: Das haben wir schon auch. Da hilft es aber, diese Konflikte nicht nur als Paar mit sich und Gott auszumachen, sondern auch andere mit einzubeziehen. Wie bei einem Auto, das man einmal im Jahr in den Service bringt: Dir ist bewusst, dass sich da ein Fachmann kümmert und es dich etwas kosten wird. Du machst das aber, weil du keinen Motorschaden haben willst und das Auto langfristig funktionieren soll. Wir suchen uns daher bewusst einmal im Jahr Orte, wo es um Ehe- und Beziehungsthemen geht. Zum Beispiel treffen wir uns einmal im Jahr zwei Tage lang mit einem sehr fitten Ehe-Coach-Paar. Und da besprechen wir dann auch Themen, die wir im Alltag so nicht wegbekommen. Auch als Kirche bieten wir einmal im Jahr Ehe-Tage an, wo solche Themen mit Tränen, Freude und Humor angesprochen werden.
Frauke: In manchen Themen ist meine Not vom Ergebnis her fast immer noch die gleiche wie vor zwanzig Jahren – auch wenn Tobi sich noch so bemüht. Aber mittlerweile kenne ich sein Herz und weiß, er hat sich für mich entschieden und meint es gut mit mir. Es ist Vertrauen gewachsen und deswegen nehme ich das nicht mehr so persönlich wie früher.
Tobias: Es bleibt, dass der Partner dich nie ganz erfüllen wird. Man wird in der Beziehung immer einen Mangel haben. 

In eurem Buch geht es auch darum, Wahrheit in Liebe auszusprechen. Was tun, wenn das – zum Beispiel beim Ansprechen eines solchen Mangels – aber trotzdem schmerzt?
Tobias: Ich glaube ein Problem ist, dass man den Partner oft so behandelt, wie man niemand anderen behandeln würde. Bei Freunden würde man es hoffentlich nicht einfach so rausknallen, sondern erst mal beten, dass die Person vorbereitet ist und es in Liebe sagen. Habe ich die Haltung: „Du musst dich ändern!“ oder kann ich es als Chance nehmen, diesen Mangel in mir nicht nur von meinem Partner zu erwarten? Frust und der Umgang mit Frust sind Lebensthemen. Im Ehedreieck aus unserem Buch geht es um die Freiheit des anderen und die Chance, die Dinge auch mit Gott zu besprechen. Andererseits gibt es auch den Spruch: „Was Hänschen über Hans sagt, sagt mehr über Hänschen aus als über Hans.“ Wenn zum Beispiel der Mann zur Frau sagt, er findet ihre Hüfte zu breit, und das ist ihre Veranlagung und nichts, was man mit zwei Stunden Sport wegbekommen könnte, sagt das mehr über ihn aus als über sie. Wenn es um solche Äußerlichkeiten geht, sagt das eher aus, dass ich offenbar nicht liebesfähig bin dem anderen gegenüber.

Ihr habt es gerade angesprochen: In der Ehe oder der Beziehung zeigt man sich oft, wie man sich anderen gegenüber nie zeigen würde. Viele Paare, gerade mit kleinen Kindern oder jetzt mit Corona, sind aber ziemlich am Limit. Wie schafft man es dann, Konfliktthemen schön in Ich-Botschaften zu verpacken?
Tobias: Das schafft man nicht immer, im Gegenteil. Die Frage ist aber, ob wir uns als Paar die Zeit nehmen, um zu reflektieren und auszuwerten, was gut läuft und was geändert werden muss. Und ob wir dann kleine Schritte gehen. Je nachdem, in welcher Phase die Kinder sind, muss man auch sehr barmherzig mit sich und anderen sein. Die ersten drei Jahre sind einfach eine Extremsituation, da kommen zum Teil Dinge aus einem heraus, von denen man selbst schockiert ist. Ich finde es aber wichtig zu versuchen, sich dem zu stellen. Und durch Reflektion kreativ zu werden.
Frauke: Manchmal hören wir Kommentare wie: „Ihr habt es gut.“ Oder: „Eure Ehe hätten wir auch gern.“ Wir sind jetzt zwanzig Jahre verheiratet und haben einen langen Weg hinter uns, bei dem auch nicht alles toll war. Aber wir arbeiten immer daran und versuchen herauszufinden, wie unsere Beziehung noch besser werden kann. Unter Corona ist manches natürlich deutlich schwieriger. Trotzdem glaube ich, die Beziehung ist das Fundament einer Familie mit Kindern. Und dann sieht das Haus eben mal aus wie nach einer Bombe, aber wir können uns trotzdem auf die Couch setzen und zusammen einen Wein trinken. Für die Zeiten zu zweit muss man sich als Paar bewusst entscheiden, damit das Fundament hält.

„Mir hilft der Vergleich der Beziehung mit einem Lebenshaus, das man gemeinsam baut.“

In Zeiten von Corona ist die Herausforderung ja auch, dass man nie allein ist und auch die Kinder immer um einen herum sind. Oft kann man den Konflikten auch nicht mehr so aus dem Weg gehen wie früher. Wie streitet man sich denn am besten mit Kindern vor Ort?
Tobias: Wir haben grundsätzlich die Philosophie, dass unser Sohn mitbekommen soll: Streiten ist nichts Schlimmes, es gehört dazu. Gleichzeitig soll er aber auch mitbekommen, wie man sich wieder versöhnt. Als er klein war, haben wir ausgemacht, dass der erste von uns, der merkt, dass er verunsichert ist, eine Pause macht und ihm erklärt: Mama und Papa streiten sich jetzt. Aber unter dem Strich lieben wir uns, du brauchst keine Angst zu haben. Und dann hat er auch mitbekommen, wie man sich am Ende versöhnt und miteinander betet. Frauke: Es gibt natürlich auch Konflikte, die man nicht vor dem Kind austragen sollte, das ist ja klar.
Tobias: Und natürlich ist Corona eine Ausnahmesituation und in Ausnahmesituationen kommen auch mehr Themen hoch als sonst. Das ist auch für uns anstrengender als sonst.

Was war denn der beste Tipp, den ihr selbst zum Thema Konflikte bekommen habt?
Frauke: Für mich war es zu wissen, dass manches von dem, was Tobi zu mir sagt, noch lange nicht so gemeint ist, wie ich es höre. Also der Unterschied zwischen Sender und Empfänger. Ich frage daher oft nach, ob ich ihn richtig verstanden habe und wiederhole mit meinen Worten. Dann hat er die Möglichkeit zu sagen: Nein, so habe ich das gar nicht gemeint. Oder: Ja, genau.
Tobias: Mir hilft der Vergleich der Beziehung mit einem Lebenshaus, das man gemeinsam baut. Darin kann man entweder nichts investieren, nur das Minimum oder richtig. Macht man nichts, verfällt es irgendwann. Investiert man ein Minimum, fühlt man sich gerade noch wohl, und richtig investieren heißt, es wird immer schöner. Bei Beziehungen machen wir oft das Gegenteil: Wir investieren in der Datingphase alles, dann machen wir nur noch das Minimum und irgendwann machen wir gar nichts mehr und wundern uns, dass es nicht aufblüht. Und es ist uns wichtig, authentische Freundschaften zu haben: Freunde, mit denen man sich ehrlich austauschen kann. Dann merkt man: Jeder hat Themen, Baustellen, Macken und Herausforderungen.

Vielen Dank für das Gespräch!

 


Der Beitrag ist zuerst in der christlichen Frauenzeitschrift JOYCE erschienen, das wie Jesus.de zum SCM Bundes-Verlag gehört.

 

 

 

2 DIREKT-KOMMENTARE

  1. Es gefällt mit gut. wie die beiden ihre „Ehearbeit“ beschreiben. Ja mit Gottes Hilfe oder so wahr mir Gott helfe ist für meine Frau und mich auch ein gutes Konzept für unsere Konflikte in der Ehe. Ich sage auch gern: „Wir leben die Ehe zu Dritt, also mit Jesus in der Mitte.

  2. Nachdem ich einiges mitbekommen habe, welch abenteuerliche Vorstellungen Teichen zu Ehe und anderem hat, wäre die Beiden die wirklich letzten, die ich zu solch einem Thema befragen würde!
    Besonders öffentlich wurde das im Zuge des Gemeindeausschluss von zwei Mitarbeitern, die die Ehe gebrochen haben.

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