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In Anlehnung an die Bewegung "Fresh expressions" in der "Church of England" entstehen unter diesem Begriff auch in Deutschland neue "Ausdrucksformen" von Kirche. Als Fortsetzung ihres ökumenischen Kongresses Kirche² im Februar starteten das Bistum Hildesheim und die Landeskirche Hannover nun ihr erstes "Fresh X"-Kurswochenende. Hanna Jacobs war dabei.

 Die ältere Dame aus Duisburg zögert, stutzt: "Ach, ich weiß gar nicht genau, was ich da sagen soll …", entgegnet sie, als sie zum kurzen Video-Interview gebeten wird. "Können Sie nicht lieber die anderen fragen?" Doch als sie dann auf dem Sofa des improvisierten Studios Platz genommen hat und die Kamera zu laufen beginnt, fängt sie an zu erzählen. Davon, dass sie sich Veränderung wünscht für ihre Kirche, dass sie mitgestalten und miterneuern will. Sie lächelt verschmitzt. Aus ihren Worten klingt eine tiefe Sehnsucht, die sie mit den übrigen Kursteilnehmern verbindet. Sehnsucht nach einer Kirche, die Dom und Gemeindehaus verlässt, um denen Gott nahe zu bringen, die ihre Sonntage lieber anderswo verbringen. Im Kino oder Fußballstadion zum Beispiel, oder an der Frittenbude.

 Darin, dass es an diesen und anderen nicht-kirchlichen Orten mehr Kirche braucht, sind sich die 24 Teilnehmenden einig, die sich im Stephansstift in Hannover zum ersten von insgesamt sechs ökumenischen "Fresh-X"-Kurswochenenden des Bistums Hildesheim und der Landeskirche Hannover zusammengefunden haben. Dabei haben die einen gleich ein paar Ideen für eine "fresh expression" im Einkaufszentrum, während andere darum einen großen Bogen machen und sich stattdessen fürs heimische Sofa entscheiden. Schnell ist klar, die "Kurs-Pioniere" unterscheiden sich nicht nur in ihrer Konfession. Doch genau darum geht es. Wenn Gott beim Betrachten der Extrovertierten und der Golf-Fahrer, der Traditionsverbundenen und der Grünhaarigen, der Apple-User und der Häkel-Oma, findet, dass die bunte Mischung "sehr gut" ist, dann ist es höchste Zeit, dass neue Ausdrucksformen von Kirche geschaffen werden, damit das Evangelium nicht nur die erreicht, die sonntagmorgens vereinzelt in den Kirchenbänken sitzen.

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 Wenn es nach einer Teilnehmerin aus Norddeutschland ginge, wären die – die Bänke – eh überflüssig. Denn warum sitzen, wenn man auch tanzen kann?! Sie träumt von einer Tanz-"fresh expression“"für Menschen, die Spiritualität körperlich erleben wollen, die ihrem Glauben lieber mit Bewegung als mit Worten Ausdruck verleihen möchten. Für den einen oder die andere mag das ungewohnt klingen, doch wenn man sich die Mittvierzigerin mit den langen Locken und der auffälligen Kette so ansieht, wie sie mit einer unglaublichen Präsenz von ihrem Traum erzählt, kann man nicht anders, als sich von ihr für ihre Idee begeistern zu lassen.

 Zwei Altenpflegerinnen sehnen sich nach Ruhe in ihrem anstrengenden Alltag zwischen Schichtdienst und dementen Bewohnern. Sie sind auf der Suche nach einem Ort, einer Zeit der Stille. Eine Stille, von der sie denken, dass sie auch ihren Kollegen und Kolleginnen gut tun würde. Auch hier wird deutlich, wie wichtig bei einer "fresh expression" neben der persönlichen Motivation auch der eigene Kontext ist. Diesen zunächst einmal bewusst wahrzunehmen und nicht einfach über die Herzen und Köpfe der Menschen hinweg irgendetwas aus dem Boden zu stampfen, darauf wird beim "Fresh X"-Kurs Wert gelegt. Immer wieder geht es darum, eine wahrnehmende Haltung einzunehmen, beim Hören auf Gott, das eigene Umfeld im Blick zu haben, den Nachbarn und die Gesellschaft. Der Kurs bietet keine Patentrezepte, keine "Fertigbackmischung", aus der unter Zugabe von ein bisschen Kreativität hier und ein bisschen Familienfreundlichkeit da ein neues kirchliches Massenprodukt entsteht.

 Es ist das gemeinsame Sehen, Hören und (neu) Wahrnehmen lernen, was den Kurs für alle Teilnehmer so interessant macht. An den Gruppentischen wird lebhaft diskutiert. Sollte man, wie Alt-Bundeskanzler Helmut Schmidt einst sagte, wirklich zum Arzt gehen , wenn man Visionen hat, oder vielleicht doch lieber eine "fresh expression" gründen? ("Klar!") Fragen und Ideen wird Raum gegeben. Miteinander lernen, voneinander lernen, dazu ermutigen die beiden Referentinnen Maria Herrmann und Sandra Bils immer wieder.

 Auch in der Kaffeepause wird weiter erzählt, gefragt und besprochen – gemeinde- und kirchenübergreifend. Da steht die katholische Pastoralreferentin neben dem Prediger der Landeskirchlichen Gemeinschaft und die Ehrenamtliche einer evangelisch-lutherischen Kirchengemeinde trinkt Kaffee mit einem methodistischen Pastor und dem Leiter einer katholischen Hochschulgemeinde. Ökumenische Vielfalt, hier wird sie als Gewinn empfunden.

 "Ach, das war’s schon?", fragt die Dame aus Duisburg, nachdem sie in wenigen aber bewegenden Worten ihre Vision von Kirche geschildert hat. Ja, fürs erste Wochenende war’s das. Aber der Kurs geht weiter. Und die Teilnehmer wollen sich nun auf die Reise machen, Wege finden, wie sie das Evangelium ins Neubaugebiet, in die Mietskasernen, in die Dörfer und Stadtteile tragen können. Oder an die nächste Frittenbude.

(Quelle: jesus.de)