Friedbert Gay unterstützt Menschen dabei, sich selbst und andere besser zu verstehen. Die Entwicklung des Christen vom Elektroinstallateur zum Pädagogen und Geschäftsführer eines Beratungsunternehmens zeichnet Catharina Conrad nach.

Wer von Stuttgart nach Remchingen bei Karlsruhe kommen will, fährt zunächst ein Stück über die A8, verlässt die Autobahn bei Pforzheim und folgt dann einer beschaulichen Bundesstraße, die sich durch Feld und Wald schlängelt. Sie endet in Wilferdingen, dem größten Ortsteil von Remchingen. Ein beschauliches Städtchen, ein paar Läden in der Ortsmitte, Einfamilienhäuser links und rechts der Straße.

Ganz anders wirkt das Ziel der Fahrt: Das Auto rollt auf einen großzügigen Parkplatz vor einem Bürogebäude, in dessen Fenstern der Schriftzug „persolog“ prangt. Beim Eintreten wird man von einer Empfangsdame begrüßt, eine große Theke lädt zum Verweilen ein, an der Wand entlang reihen sich die Büros und Besprechungszimmer, alles ist in einem eleganten Grau gehalten, versetzt mit orangen Farbtupfern. Es ist der Arbeitsplatz von Friedbert Gay, dem Geschäftsführer von „persolog“, zudem Redner, Seminarleiter und Autor.

Er ist in Remchingen aufgewachsen – und denkt mit nicht nur positiven Erinnerungen daran zurück, wie der Ort zur Zeit seiner Kindheit aussah: „In dieser Straße stand in meinen frühen Kindertagen in fast jedem Haus eine Kuh! Auch meine Eltern waren Landwirte im Nebenerwerb. Wir hatten zwei Kühe, ein Schwein, Hühner und Stallhasen, um die ich mich kümmern musste, und ein wenig Ackerland.“ Es konnte passieren, dass der kleine Friedbert von der Schule nach Hause kam und einen Zettel auf dem Küchentisch vorfand: „Sind bei den Dinkeläckern.“ Dann wurde von ihm erwartet, dass er ebenfalls dorthin käme, um mit anzupacken. Friedbert wuchs mit zwei älteren Brüdern auf, die ihrer Mutter – so empfindet er es heute – regelrecht die Haare vom Kopf fraßen. Sie hatte es nicht leicht mit ihrem Vier-Männer-Haushalt!

Ehrenamt als Grundstein

Die Gegend um Remchingen ist schon während Friedbert Gays Kindheit geistlich sehr rege. Neben mehreren aktiven Kirchengemeinden und einem CVJM gibt es dort einen Ableger der Liebenzeller Gemeinschaft und den EC (Entschieden für Christus). Friedbert Gay wird christlich erzogen, spielt Trompete im Posaunenchor, ist evangelisch getauft und wird 1970 mit 14 Jahren konfirmiert. Er hat nie gezweifelt, dass es Gott gibt und dass Jesus ihn liebt, doch eine persönliche Beziehung zu ihm entwickelt er erst, als er Anfang 20 ist. „Mit 15 oder 16 waren Mopeds, später dann Motorräder und schnelle Autos wichtiger für mich als alles andere“, berichtet er lachend. „Da sind bestimmt einige Schutzengel mitgeflogen!“

Friedbert engagiert sich jahrelang in der EC-Jugendarbeit. Als Leiter von Freizeiten der Liebenzeller Mission im In- und Ausland sammelt er viel Erfahrung. Dieses ehrenamtliche Engagement öffnet ihm später viele Türen. Denn sowohl in der Jugendarbeit als auch bei Freizeiten ist es ganz normal, vor Leuten zu stehen, eine Andacht zu halten, ein Spiel zu erklären. Diese Fähigkeit wird Friedbert noch oft im Leben brauchen.

Davon ahnt er jedoch noch nichts, als er mit 15 seinen Hauptschulabschluss absolviert und eine Ausbildung zum Elektroinstallateur macht. Wenige Jahre später folgt die Meisterschule in Karlsruhe. Nach und nach rutscht Friedbert Gay in die Selbstständigkeit. „Zunächst hier und da mal ein paar neue Steckdosen zu installieren, dann hat man auf einmal einen Mitarbeiter, dann fünf“, so beschreibt er die Entwicklung seines Elektro-Unternehmens. Doch mit den Jahren stellen sich zunehmend Probleme ein. Gleich mehrmals wird der junge Unternehmer böse über den Tisch gezogen, der finanzielle Verlust ist hoch.

Auf ungerader Bahn

Heute ist Friedbert Gay erstaunt, mit wie wenig Geld man dennoch über die Runden kommen kann. Er und seine Frau freuen sich damals, wenn die Mutter Gemüse aus dem eigenen Garten, oder gar Dampfnudeln oder selbstgemachte Maultaschen zur Verfügung stellt, derart knapp bei Kasse sind sie. Es ist klar: So kann es nicht weitergehen. Nichts ist Friedbert wichtiger, als Gott auch mit seiner Arbeit die Ehre zu geben – doch wenn man sich dabei belügen und betrügen lässt, ist es vielleicht doch nicht die richtige Arbeit? Die Selbstzweifel sind hoch, der übergroße Druck, möglicherweise sein Erbe zu „verspielen“ und drei Kinder zu ernähren, lastet auf Friedberts Schultern. Ein wichtiges Gebet in dieser Zeit ist für ihn sein Konfirmationsspruch aus Psalm 143,10: „Lehre mich tun nach deinem Wohlgefallen, denn du bist mein Gott! Dein guter Geist leite mich in ebenes Land.“

Friedbert Gay erklärt, welche Bedeutung die Eigenschaften dominant, initiativ, stetig und gewissenhaft besitzen. Foto: persolog GmbH; Doreen Kühr Fotografie

Er beschließt, sein Unternehmen in andere Hände weiterzugeben und stattdessen als Energieberater zu arbeiten. Nach gutem Beginn bringt ihn ein Strategiewechsel seines neuen Arbeitgebers in Gewissenskonflikte. Die moralischen Bedenken sind groß; genau einen Tag vor Ablauf der Probezeit kündigt Friedbert Gay, weil er seine Aufgabe nicht mit seinem Gewissen und seinem Glauben vereinbaren kann.

Wieder steht er mit leeren Händen da. In seiner Not fragt er den Unternehmer Jörg Knoblauch um Rat, den er vom Verband „Christen in der Wirtschaft“ kennt. Knoblauch ist gerade dabei, mit dem Organisationssystem „tempus“ weiter zu expandieren. Zeitmanagement ist das Thema, das die Firma anpacken will. Jörg Knoblauch bietet Friedbert Gay an, freiberuflich für „tempus“ zu arbeiten, und diesmal kann dieser voll und ganz hinter dem Gedanken stehen.

Unterwegs mit dem Persönlichkeitsprofil

Mit Jörg Knoblauch diskutiert er intensiv über die unterschiedlichen Bedürfnisse der Kunden: Es gibt tempus-Nutzer, die sich lediglich drei Stichworte pro Woche notieren und hierfür nur einen kleinen Schmierzettel benötigen, andere dagegen erstellen lieber auf einem DIN A 4-Blatt einen detaillierten Plan für jeden einzelnen Tag. Wie kommt es, dass der eine das große Bedürfnis hat, jeden Termin haarklein festzuhalten, während der andere lediglich den groben Überblick behalten will? Solchen und ähnlichen Fragen geht Friedbert Gay auf den Grund.

Dabei stößt Jörg Knoblauch auf das DISG-Modell, das in den 70er Jahren des vergangenen Jahrhunderts in den USA entwickelt wurde. DISG steht für die Eigenschaften: dominant, initiativ, stetig und gewissenhaft, die jeder Mensch in sich trägt, jedoch in völlig unterschiedlicher Ausprägung. Über einen Fragebogen lässt sich ermitteln, welche Verteilung dieser vier Eigenschaften in einem Menschen vorliegt. Dies ermöglicht es dann, individuell auf die Bedürfnisse des Einzelnen einzugehen und jedem Menschen mit mehr Verständnis entgegenzutreten. Friedbert Gay ist fasziniert von dem Gedanken, anderen dabei zu helfen, besser miteinander und mit sich selbst umzugehen. Er möchte Menschen unterstützen, ihre Stärken zu erkennen und sich sowohl im Job als auch im Ehrenamt Aufgaben zu suchen, die zu diesen Stärken passen. Außerdem ist es ihm ein Anliegen, die Kommunikation der Menschen untereinander zu verbessern und Teams so zusammenzustellen, dass alle vier Eigenschaften ausgewogen vertreten sind.

Friedbert Gay
Als Referent ist Friedbert Gay in verschiedenen Ländern unterwegs. Foto: persolog GmbH; Doreen Kühr Fotografie

Ende 1990 übernimmt Friedbert Gay die Aufgabe, das DISG-Modell (heute „persolog® PersönlichkeitsModell“) in Deutschland einzuführen. Damals gibt es wenig deutschsprachige Unterlagen, das meiste ist nur auf Englisch vorhanden. Freidbert Gay schreibt zu diesem Thema mehrere Bücher; das bekannteste davon ist wohl „Das 1×1 der Persönlichkeit“. Das Modell ist inzwischen in 34 Sprachen erhältlich und sowohl in der Unternehmensberatung und Persönlichkeitsentwicklung als auch in der Gemeindearbeit sehr bekannt geworden.

100 Tage im Hotel

Im „hohen“ Alter von 45 Jahren beginnt Friedbert Gay ein Studium der Erziehungswissenschaften in Landau in der Pfalz – zunächst nur aus Wissensdurst. Nun sind seine Tage noch ausgefüllter als zuvor. Er ist gleichzeitig Student und Geschäftsführer des inzwischen selbst gegründeten Beratungsunternehmens persolog GmbH (seit 2013 ist der Berater und Coach Dettmar Leu Mit-Eigentümer). Doch dank der Unterstützung eines seiner Professoren schafft er es, das Studium zu beenden und nach jahrelanger Arbeit sein Diplom in den Händen zu halten.

Gay und seine fast vierzig Mitarbeiter schulen nun seit bald dreißig Jahren Menschen in ganz unterschiedlichen Bereichen der Persönlichkeitsentwicklung, sei es Kommunikation, Führungs- bzw. Verkaufsentwicklung, Zeitmanagement, Umgang mit Stress, Gesprächsdynamik oder Selbstführung. Friedbert Gay hält außerdem Vorträge und Seminare in Deutschland, in Europa, den USA und weiteren Ländern. Es kann gut vorkommen, dass er bis zu drei Wochen am Stück kaum zu Hause ist – etwa 100 Nächte im Jahr verbringt Friedbert Gay im Hotel. Doch die Warnungen von Freunden, er sei überlastet und müsse kürzertreten, winkt er ab. Für ihn ist sein umtriebiger und abwechslungsreicher Alltag kein Stress, für ihn wäre es viel anstrengender, am Samstag den Rasen zu mähen oder im Haus Bilder aufzuhängen. An Ruhestand denkt der 62-Jährige auf jeden Fall noch lange nicht! Gleichzeitig weiß er: Seine vielen Aktivitäten wären nicht möglich ohne die großartige Unterstützung seiner Familie und ganz besonders seiner Frau Birgit.

Die Frau an seiner Seite

Friedbert Gay ist Anfang 20, als sein Interesse für Autos langsam nachlässt, das für Frauen jedoch immer mehr zunimmt. Kühn schließt er einen Deal mit Gott: Er verspricht, sich voll und ganz auf die Meisterprüfung zu konzentrieren und bittet Gott darum, keine Gedanken an Frauen „verschwenden zu müssen“ – das soll Gott für ihn übernehmen.

Natürlich hat Friedbert gewisse Vorstellungen: Seine zukünftige Gattin soll eine gestandene Frau sein, Erfahrung besitzen, wissen, was sie will. Umso irritierter ist er, als er beginnt, sich für eine gerade Sechzehnjährige zu interessieren. Kann das Gottes Wille sein? Sein damaliger Jugendleiter ist der Meinung, es könne passen mit den beiden. Er ermutigt Friedbert, sich auf eine Beziehung mit dieser Frau einzulassen – jedoch erst nach ihrem 18. Geburtstag!

Friedbert ist entsetzt. So lange soll er noch warten? Als die beiden immer mehr Zeit miteinander verbringen, beginnen Menschen aus ihrem Umfeld darüber zu reden. Deshalb bittet Friedbert Birgit um ein Gespräch. Direkt bei diesem allerersten ernsthaften Treffen sprechen die beiden von Heirat – doch gemeinsam beschließen sie zu warten, bis Birgit volljährig ist. Gleich nach ihrem 18. Geburtstag werden die beiden ein Paar. „Ich hätte sie direkt nach drei Wochen heiraten können!“, sagt Friedbert Gay heute. Tatsächlich dauert es dann noch anderthalb Jahre, bis die Hochzeitsglocken läuten. Nur wenig später wird die erste Tochter geboren: Debora. Es folgen zwei weitere Töchter, Katrin und Daniela.

Auch die drei Töchter arbeiten in seinem Unternehmen mit: Birgit und Friedbert Gay (Mitte) mit ihren Töchtern Daniela, Katrin, Debora und deren Mann Andreas. Foto: Doreen Kühr Fotografie

Sie sind heute alle über dreißig – und sie arbeiten alle in Papas Firma mit. „Das war so überhaupt nicht geplant oder abgesprochen!“, betont Friedbert Gay. Doch er freut sich über diese Entwicklung und genießt es, mit jeder Tochter eine gute Beziehung haben zu können – die sich natürlich jeweils ein wenig anders gestaltet.

Herausforderungen eines Jesus-Nachfolgers

Ein Leben nach Gottes Plan zu führen, heißt manchmal auch Dinge zu tun, auf die man selbst nie gekommen wäre, bzw. die nicht in der eigenen Lebensplanung enthalten waren. Dies hat Friedbert Gay im Verband „Christen in der Wirtschaft“ (CiW) erlebt, für den er sich seit vielen Jahren ehrenamtlich engagiert. Der Verein wurde 1902 von einigen Kaufleuten mit dem Ziel gegründet, ein Netzwerk von Christen, die in der Wirtschaft tätig sind, zu knüpfen und, wie es zu der Zeit hieß, „den drei Feinden im Erwerbsleben entgegen zu treten“: dem Mammon, der Sorge und der Raffgier.

Im Jahr 2013 findet eine schwierige Mitgliederversammlung statt. Es hat Streit gegeben und einige Ungereimtheiten. Der damalige Erste Vorsitzende von CiW nimmt dies zum Anlass, zurückzutreten, und auch der gesamte Vorstand ist kurz davor, sich aufzulösen. In seiner Rolle als stellvertretender Vorsitzender überzeugt Friedbert Gay den Vorstand, den Verband nicht dem Chaos zu überlassen, da er sonst eine dauerhafte Schädigung des CiW befürchtet. Er selbst wird damit von einer Sekunde auf die andere geschäftsführender Vorsitzender. Für ihn steht fest: Das will und kann er nicht bleiben! Er kommuniziert von Anfang an: Bei der nächsten Mitgliederversammlung soll ein neuer Erster Vorsitzender gewählt werden.

Harte Tage kommen auf Friedbert Gay zu. Von morgens fünf bis um neun Uhr arbeitet er fortan für CiW, dann folgt sein Tagwerk für „persolog“, und nach Feierabend muss er erneut Aufgaben für CiW erledigen. Umso verwunderlicher ist es für ihn, als er merkt, dass sich seine Einstellung ändert. Aus dem knallharten Nein zu der Frage, ob er den CiW-Vorsitz dauerhaft übernimmt, wird zunächst ein zögerliches, dann ein immer stärkeres Ja. Und als schließlich die Mitgliederversammlung ansteht, lässt sich Friedbert Gay zum Ersten Vorsitzenden wählen. Inzwischen ist er in seiner zweiten Amtsperiode und gespannt, wie es weitergeht.

Verletzlicher werden

Die vergangenen Jahre sind für Friedbert Gay ein beeindruckendes Beispiel für Gottes Führung, auch in schweren Zeiten. Wohin ihn die Zukunft führt, das weiß er noch nicht so genau. Eines ist ihm jedoch klar: Gesellschaftlich kommen mit der Digitalisierung große Veränderungen auf Deutschland und die ganze Welt zu, es wird fragiler. Und ihm ist klar: Längst nicht jeder ist für diese Veränderungen bereit. Sich dennoch so gut als möglich auf die ungewisse Zukunft vorzubereiten, dabei möchte Friedbert Gay andere unterstützen.

Persönlich will er lernen, häufiger den Mund aufzumachen. Er will mehr für die Dinge einstehen, an die er glaubt und die er für wichtig erachtet, dabei seine Scheu ablegen, Tacheles zu reden – auch auf die Gefahr hin, dass der Widerstand, den er damit auslöst, ihn selbst verletzt. Dabei ist er keineswegs ein Mensch, der mit einer dicken Haut gesegnet ist! Leicht kann man ihn verletzen. Doch er weiß: Nur wenn wir unbequeme Wahrheiten aussprechen, kommen wir weiter.


Cover

Dieser Artikel ist zuerst in der Zeitschrift LebensLauf erschienen, die wie Jesus.de zum SCM Bundes-Verlag gehört.

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