Werbung wirkt – selbst, wenn wir sie durchschauen. Das müssen wir nicht akzeptieren, findet Stefanie Linner und plädiert dafür, jesus-gemäße Gewohnheiten und Routinen zu entwickeln.

Text: Stefanie Linner, Micha Deutschland

Manche Werbeslogans sind wie Schlagerhits (ich entschuldige mich an dieser Stelle schon mal bei allen Schlagerfans): Irgendwie total schräg und nervig, aber manchmal einfach nicht aus dem Kopf zu kriegen. Warum nur brennen sich manchmal ausgerechnet die seichtesten Songs so tief ins Gedächtnis ein, dass man selbst nach jahrelanger auditiver Abstinenz sofort wieder mit einstimmen kann – oder fast schon muss –, wenn sie auf Hochzeiten gespielt werden? Wo es mir doch wirklich vollkommen egal ist, ob der alte Holzmichl noch lebt oder es Wahnsinn ist, wie sie mit seinen Gefühlen (‚fühle, fühle, fühle, fühle!“) spielt und seinen Stolz auf den Müll („Müll, Müll, Sondermüll!““) verfrachtet.

Genauso im Supermarkt: Kaum gelangt eine Müller-Milch auf mein Radar, poppt auch schon der dazugehörige 90er Jahre Slogan „Wenn’s schee macht“ von der Lindenstraßen-Hausmeisterin in mir auf. Selbst wenn ich das Produkt nicht kaufe: Da ist diese „Connection“ zwischen uns.

Eigentlich ein perfides Spiel: Da ist es einem Werbefuzzi gelungen, in mein vegetatives Nervensystem einzudringen, um mir zwanzig Jahre später einen übersüßten Milchdrink zu verkaufen. Da muss ich mich schon mal ganz selbstkritisch fragen: Bin ich eigentlich Herrin meiner eigenen Emotionen? Wie unreflektiert will ich den Konsumartikeln auf den Marktplätzen dieser Welt begegnen?

Schritt eins lautet daher: Das Spiel verstehen. Unsere emotionalen Bedürfnisse treffen auf eine durchinszenierte Konsumwelt, in der Marketingverantwortliche Produkte mit Konsumenten zusammenbringen. Die Präsentation und Architektur von Läden ist bis ins kleinste Detail geplant. Die Hintergrundmusik ist auf den menschlichen Ruhepuls abgestimmt, das Markenprodukt im Regal auf Augenhöhe platziert. Selbst beim Geruchssinn geht es nicht mehr ohne „Airdesign“. Das alles, damit wir doch bitte noch mehr kaufen.

Für jedes Problem gibt es scheinbar genau das richtige Produkt.

Je mehr wir über den Menschen in Erfahrung gebracht haben, über seine Psyche und sein Sozialverhalten, umso präziser wurden die Marketingstrategien. Sie tragen so schnittige Namen wie Rockefeller-Prinzip: Niedriger Einstiegspreis, hohe Folgekosten, bestes Beispiel: Kaffeekapseln. Oder die Goldbären-Strategie: Ein Produkt wird in vielen Farben angeboten und die Sammelwut der Kunden geweckt: Kaum gibt es etwas in verschiedenen Farben, entsteht der Eindruck von Individualität, auch wenn es ein Mainstream-Produkt ist. Marken werden aufgeladen mit einer Story, einer Geschichte des Glücklichseins: Kaufe dir unser Produkt und dein Leben wird gut; besorg dir unser neuestes Smartphone und du gehörst zu den Hipster-Pionieren der Startup-Szene; iss’ unseren Käse und du fühlst dich wie im Allgäu-Urlaub. Allerdings endet der Urlaub auf der Zunge mit dem letzten Happen Käse – wir brauchen Nachschub.

Konsumentscheidungen sind ein wichtiger Teil unseres Selbstbildes. Denn sie bieten uns Orientierung, Halt und Bestätigung in einer Welt, die uns oft überfordert. Wir sind im Durchschnitt heute so vielen Reizen ausgesetzt wie noch nie zuvor. Egal, ob wir uns gestresst, einsam oder gelangweilt fühlen: Für jedes Problem gibt es scheinbar genau das richtige Produkt. Die sorgfältig entwickelten Maßnahmen des Marketings machen es uns so einfach, Entscheidungen zu treffen, uns abzulenken vom Unwohlsein oder von drängenden Fragen. Beim Einkaufen können wir uns an simplen Regeln und Formeln orientieren: Das rote Preisschild markiert ein Sonderangebot – was es oft nicht ist – und die Produkte mit dem Halo-Effekt (halo, englisch für Heiligenschein) können nie falsch sein, denn die Marke hat ein gutes Image.

Als Kinder Gottes und Nachfolger Jesu sind wir diesen Strategien nicht machtlos ausgeliefert. Wir können „aufmerksam mitgehen mit Gott“ (Micha 6,8) und lernen, informierte und wache Entscheidungen zu treffen. Wir können Gewohnheiten und Routinen entwickeln, die davon zeugen, dass Jesus unser Vorbild ist – und nicht irgendwelche retuschierten Models auf Plakaten.

Tipps des Tages:

Fragen: Wie kannst du für dich die Kraft der Besonnenheit (2 Tim 1,7) beim Konsum und inmitten der Marketing-Strategien nutzen? Was brauchst du wirklich und was wird dir nur als Bedürfnis vermarktet?

Beten: Gott, danke, dass ich der Dynamik von Konsum und Werbung nicht hilflos ausgeliefert bin. Danke, dass ich in Ruhe herausfinden kann, was ich wirklich brauche und kaufen will. Danke, dass du mir dabei hilfst, informiert und mündig in meinen Konsumentscheidungen zu sein. Mit dir finde ich die Befriedigung meiner innersten Bedürfnisse und kann aus einer gesunden Haltung heraus mit meinen äußeren Bedürfnissen umgehen.

Handeln:

  • Sammle alleine oder mit deiner Familie oder deinem Hauskreis alle Werbebotschaften, die euch an einem Tag begegnen! Schreibt die blödesten oder besten auf und achtet darauf, wie das Produkt dargestellt und angepriesen wird: Mit welchen Gefühlen wir „gespielt“?
  • Klebe einen KEINE WERBUNG-Aufkleber auf deinen Briefkasten.
  • Nie, nie, nie mit Hunger einkaufen gehen!
  • Geh‘ am besten in Läden oder Umgebungen einkaufen, die reizärmer oder weniger aggressive Werbung betreiben und benutze eine Einkaufsliste, die deine Entscheidungen leitet.

Einfach leben Micha

2 DIREKT-KOMMENTARE

  1. Guter Beitrag. Finde ich ein wichtiges Thema, mit dem nach meinem Empfinden viele Christen zu unreflektiert umgehen. Wie ernst ist unser „Führe uns nicht in Versuchung“ gemeint, wenn wir uns jede Menge Zeug kaufen, das wir nicht brauchen, weil es hipp ist, wenn wir die Manipulation und Konditionierung gar nicht mehr als solche wahrnehmen?

  2. Jaaa, ich bin vollkommen eins mit diesem Artikel! Die Werbefachleute konsultieren Psychologen um genau die schwachen Punkte in unserer Psyche zu treffen. Ich lasse mich schon lange nicht mehr von Werbung beeinflussen und lebe sehr glücklich damit. Denn ich kaufe nur das was ich für meine Ernährung (und zum Anziehen) brauche. Werbung schalte ich sofort ab im Fernsehen und in den Zeitschriften lese ich sie nicht. Genauso wenn ich im Internet unterwegs bin.
    Unsere junge Generation tut mir leid, denn sie werden regelrecht bombardiert von allen Seiten. Möge sich da etwas ändern.

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